Kategorie: Reisereportagen

20 Feb

Irland – The Wild Atlantic Way

IMGL9135

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Irand, die Grüne Insel mit ihren zerklüfteten Küsten, den saftigen Wiesen und den urgemütlichen Pubs, in denen dunkles Bier zu Livemusik getrunken wird, gehört ganz sicher zu den reizvollsten Regionen Europas. Es ist noch kein Jahr her, da wurde die mit Spannung erwartete Küstenstraße „Wild Atlantic Way“ eröffnet, die sich auf 2.500 Kilometern entlang der Irischen Atlantikküste schlängelt. Knapp zwei Wochen war der Motorradreisende Erik Peters in Irland unterwegs und begab sich von Dublin aus auf kulturelle Entdeckungstour.

Es dämmert bereits, als meine Fähre an diesem kühlen Spätsommertag im Hafen von Dublin anlegt. Rasch ist das Schiff an der Kaimauer vertäut und die Klappen öffnen sich, um die ungeduldig wartenden Passagiere auf die Grüne Insel zu entlassen. Vorbei an unzähligen Pubs, aus denen gute Laune und fröhliche Lieder hinaus auf die Straße getragen werden, bahne ich mir den Weg in den Bezirk Temple Bar. In dem angesagtem Ausgehviertel mitten im Zentrum von Dublin habe ich eine strategisch günstig gelegene Unterkunft gebucht, von der aus ich in den nächsten zwei Tagen die Sehenswürdigkeiten, allen voran die legendären Pubs der Stadt erkunden möchte.

Nachdem ich mein Motorrad untergestellt und meine Ausrüstung aufs Zimmer geschleppt habe, mache ich mich mit zwei, drei Handgriffen ausgehfertig. Kurz darauf sitze ich bereits in der kultigen „Temple Bar“ und genieße den ersten Schluck Guinness dieser Reise. Was wäre Irland ohne seine legendären Kneipen. Public Houses, kurz Pubs, sind das verlängerte Wohnzimmer der trinkfreudigen Iren und hier ist es völlig normal, nach der Arbeit erst einmal gemütlich ein Pint zu trinken, bevor man nach Hause geht. Drei Pints am Tag, so sagt man, sollen körperliches Wohlbefinden erst möglich machen. Dass die unzähligen Pubs stets so gut besucht sind, scheint folglich nicht nur an der guten Live Musik zu liegen, die in beinahe jedem Pub dargeboten wird, sondern auch am Gesundheitsbewusstsein der Iren.

Mit der Unterzeichnung eines 9000! Jahre gültigen Pachtvertrags für eine heruntergekommene Brauerei in Dublins Stadtteil St. James’s Gate, läutete Arthur Guinness im Jahr 1759 eine der größten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten Irlands ein. Das dunkle Stout ist heute über Irlands Grenzen hinweg so beliebt, dass Tag für Tag mehr als zehn Millionen Pints (1 Pint =0,5683 Liter) in 150 Ländern geleert werden. Allein in der Stammbrauerei in Dublin werden täglich vier Millionen Pints in Fässer und Flaschen abgefüllt. Guinness ist mittlerweile viel mehr als nur ein Getränk: es ist eine irische Ikone und mit mehr als einer Million Besuchern im Jahr hat sich die Brauerei mit angeschlossenem Museum zur größten Touristenattraktion Irlands entwickelt.

Der Song „Whisky In The Jar“ klingt noch in meinen Ohren als ich nach zwei Tagen in Dublin wieder im Sattel meiner Super Ténéré sitze und über die kleine Regionalstraße R115 gen Süden fahre. In sanften Kehren geht es hinauf in die Berge der Grafschaft Wicklow. Auf einer Anhöhe halte ich kurz an und lasse meinen Blick noch einmal über die unscheinbar daliegende Hauptstadt schweifen. Dann gebe ich Gas und sehe wie Dublin im Rückspiegel hinter dichten Bäumen verschwindet.

IMG_8779 IMGL9003

IMGL8639

 

 

 

 

 

 

 

Der Motor hat kaum seine Betriebstemperatur erreicht, da breiten sich die Wicklow Mountains, Irlands größte zusammenhängende Berglandschaft vor mir aus. Die Hauptstädter können sich wirklich glücklich schätzen, solch ein erstklassiges Stück Natur direkt vor ihrer Haustüre zu haben. In dieser Gegend findet man alles, was einen den Alltagsstress vergessen lässt: raue Berge, kristallklare Seen und weite Moorlandschaften, durch die sich viele kleine Wege schlängeln. Den ganzen Tag lasse ich mich ohne Eile treiben. Dabei wähle ich immer wieder neue Abzweigungen und lasse mich überraschen, wo die Wege hinführen mögen. Ich komme an verlassenen Dörfern vorbei, folge kaum befahrenen Sträßchen und biege auch immer wieder mal auf unbefestigte Wege ab. Nach rund 250 Tageskilometern erreiche ich am späten Nachmittag die Stadt Kilkenny.

In Kilkenny mache ich die Erfahrung, dass es in den Sommerferien nahezu ausgeschlossen ist, ohne Reservierung eine freie Unterkunft zu finden. Selbst der Campingplatz ist an diesem Wochenende, an dem auch noch ein renommiertes Kunstfestival stattfindet, restlos ausgebucht. Als ich später auf der Schwelle der sechsten Unterkunft stehe und auf die Frage nach einem freien Zimmer erneut nur fassungslose Blicke ernte, bin ich soweit, dass ich selbst für eine Übernachtung in irgendeiner Besenkammer tief ins Portemonnaie greifen würde. Vier Kilometer außerhalb der Stadt werde ich dann endlich fündig. Ich kann ich nicht mehr an den Namen der heruntergekommenen Pension erinnern, sehr wohl aber an den Gesichtsausdruck des Besitzers, als ich ihm völlig verdrossen einen Zimmerpreis zahlte, der im krassen Gegensatz zu der gebotenen Leistung steht. Für 100 Euro pro Nacht beziehe ich ein winziges Kabuff mit niedriger Decke und einem zerschlissenen Teppich, der einen sonderbaren Geruch verströmt und heftige Niesanfälle zur Folge hat. Ich schlucke meinen Frust mit einer Dose Guinness aus dem Automaten hinunter und hetze zu Fuß in die Stadt, ehe die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Killkenny ist ein lebendiges kleines Städtchen mit einem mittelalterlichen Stadtkern durch den sich viele kleine Gassen schlängeln. Ein Ort, an dem ich mich auf Anhieb wohlfühle. Die Hauptattraktion – wie sollte es auch anders sein – ist neben einem schönen Schloss mit weitläufigem Rosengarten vor allem die Brauerei Smithwick’s, in der das berühmte Kilkenny Ale gebraut wird. In diesem Fall verzichte ich darauf, mich über die einzelnen Produktionsschritte zu informieren und konzentriere mich stattdessen lieber auf die Verkostung. In dem bereits im Jahr 1324 eröffneten „Kytelers Inn“ verbringe ich bei erstklassiger Musik und leckerem Bier einen weiteren typisch irischen Abend. Ab jetzt kann ich völlig entspannt weiterreisen, denn wegen des alten Sprichwortes, man könne erst dann behaupten in Irland gewesen zu sein, wenn man mindestens drei Abende in einem Pub verbracht hätte, muss ich mir nun keine Gedanken mehr machen.

Nach einem „Full Irish Breakfast“, das dem englischen Kult-Frühstück in Sachen Fett- und Cholesteringehalt in nichts nachsteht, mache ich mich am nächsten Morgen auf den Weg ans Meer. Mein Ziel für heute ist das kleine Dorf Kinsale, wo am 1. April 2014 Irlands neue große Touristenattraktion eröffnet wurde, die zusätzliches Geld in die klamme Staatskasse spülen soll. Die Rede ist von der 2.500 Kilometer langen Küstenstraße mit dem klangvollen Namen „Wild Atlantic Way“. Eine bessere Bezeichnung hätte das Irische Ministerium für Verkehr, Tourismus und Sport wahrlich nicht treffen können, als es den Entschluss fasste, bereits bestehende Straßen und Wege, die entlang der Irischen Westküste verlaufen, unter einem Namen zusammenzufassen und entsprechend zu vermarkten. Zwölf Millionen Euro wurden in die Infrastruktur des Wild Atlantic Way investiert. Unzählige Wegweiser und Hinweistafeln wurden aufgestellt, und eine Werbekampagne lanciert, die Irlands neue Küstenstraße in die gleiche Liga befördern soll, wie etwa den „Pacific Coast Highway“ in Kalifornien oder die „Great Ocean Road“ in Australien. In den nächsten Tagen möchte ich dieser neuen Traumstraße folgen, die sich entlang der irischen Westküste bis hinauf auf die Halbinsel Inishowen im Norden des County Donegals schlängelt. Zwar werde ich mich nicht strikt an die Streckenführung halten, doch zumindest möchte ich dem Wild Atlantic Way auf den wichtigsten Abschnitten folgen.

IMGL8624

 

 

 

 

 

 

 

Begleitet vom Geschrei der Möwen nehme ich die ersten Kilometer der Küstenstraße in Angriff. Ab jetzt soll ein grandioser Ausblick auf das windgepeitschte Meer dem nächsten folgen. Auch wenn der Himmel immer wieder mal seine Schleusen öffnet, schmälert dies nicht den Fahrspaß, den ich habe.

Womit wir beim irischen Wetter wären. Das entspricht übrigens tatsächlich den hartnäckigsten Klischeevorstellungen. Schließlich ist die „Grüne Insel“ nicht rein zufällig so grün. Ja, es ist in der Tat so, dass ich auf dieser Reise mindestens einmal pro Tag einen kräftigen Schauer abbekomme. Gleichzeitig muss ich jedoch betonen, dass aber auch jeden Tag die Sonne scheint. In Irland erlebe ich nicht ein einziges Mal dieses lang andauernde düstere Einheitsgrau, dass einem in Deutschland so oft die Laune verdirbt. Durch den raschen Wechsel von Sonnenschein und Regen bekommt man obendrein noch ganz besondere Lichtspiele geboten. Wenn die Sonne nach einem kräftigen Schauer durch die Wolken blitzt, das Gras smaragdgrün funkeln lässt und kräftige Regenbögen über der Küste strahlen, dann versteht man, warum die Wechselhaftigkeit des Wetters Irland gerade erst ausmachen soll.

IMGL9229-4

 

Der Wild Atlantic Way ist keine Straße, auf der man mit dem Motorrad über weite Strecken im fünften Gang entlang der Küste cruisen kann. Größten Teils geht es eher gemächlich voran und man folgt kleinen Sträßchen, auf denen es schon mal eng werden kann, wenn einem ein anderes Fahrzeug begegnet. Wenn man also beabsichtigt, den Wild Atlantic Way wirklich komplett abzufahren und zwischendurch auch noch die ein oder andere Sehenswürdigkeit besuchen möchte, so empfiehlt es sich Zeit mitzubringen. Wenigstens zwei Wochen sollte man einplanen.

Am späten Nachmittag des nächsten Tages erreiche ich die kleine Ortschaft Kenmare im Süden der Grafschaft Kerry. Nicht nur für Ihre Molkereiprodukte der Marke „Kerrygold“ ist die Gegend im Südwesten Irlands bekannt, sondern vor allem auch für die wohl bekannteste Straße des Landes: der „Ring of Kerry“, der auf 179 Kilometern deckungsgleich mit dem Wild Atlantic Way verläuft. Eigentlich hatte ich geplant die Straße zum Sonnenuntergang zu fahren. Da sich am Himmel jedoch bedrohlich schwarze Wolken formieren, gebe ich Gas, um meine Unterkunft in der nächsten Stadt Killarney möglichst trockenen Fußes zu erreichen. Leider geht der Plan nicht auf.

„Regnet es draußen etwa schon wieder?“, fragt der Spaßvogel hinter dem Tresen, als ich triefend nass einchecken möchte. Kleine Rinnsale laufen an meiner Kleidung herab und bilden auf dem gefliesten Boden schnell eine große Pfütze. „Nein, mein Schiff ist gesunken und ich musste die letzten Kilometer schwimmen“, gebe ich zurück und bekomme mit einem lauten Lachen den Zimmerschlüssel in die Hand gedrückt.

Killarney selbst ist der bislang touristischste Ort, den ich in Irland besuche, was allerdings nicht heißt, dass es mir dort nicht gefallen würde. Trotz der vielen Hotels und Souvenirläden ist der Charme des Ortes noch nicht gänzlich dem Tourismus zum Opfer gefallen. Man findet überall auch noch gemütliche Pubs und kleine Restaurants, in denen vornehmlich Einheimische zu Gast sind und wo man nicht ständig das Gefühl hat, übers Ohr gehauen zu werden. Für die meisten Touristen, die nach Killarney kommen, dient die Stadt als Ausgangspunkt für ausgedehnte Wanderungen im nahegelegenen Killarney National Park oder aber für Bustouren auf dem „Ring of Kerry“.

Glaubt man den Reiseführern, so ist der 179 Kilometer lange Rundkurs Irlands schönste Straße. Allerdings, so heißt es auch, kann der Spaß entlang der malerischen Küste durch die schier endlosen Touristenkarawanen, die sich in den Sommermonaten über die irischen Nationalstraße N70 schieben, getrübt werden. Um den Ring of Kerry dennoch genießen zu können, so sagte mir der Betreiber meiner Unterkunft, führe kein Weg daran vorbei, sehr früh aufzubrechen und – anders als die vielen Reisebusse – gegen den Uhrzeigersinn zu fahren. Ich bin froh für diesen Tipp und lege mich an diesem Abend noch früher aufs Ohr, als ich es auf Reisen ohnehin oft zu tun pflege.

IMGL0795-2

 

 

Die Sonne geht gerade auf, als ich durch die uralten Eichenwälder des Nationalparks fahre. Der Regen, der gestern über der Grafschaft Kerry niedergegangen ist, wird nun von der Natur wieder ausgeatmet. Dunst steht schwer über der Straße und wabert langsam durch Wälder und über Wiesen. Doch Irland wäre nicht Irland, wenn die Sonne nicht schnell zur Stelle wäre. Die nassen Straßen sind rasch getrocknet und mit jedem Meter, den ich über die N71 hinauf in die Berge um Molls Gap fahre wird der Blick wieder frei. Bei guter Sicht passiere ich die kargen Felszacken des Carrauntoohill (mit 1.041 Metern der höchste Berg Irlands) und erreiche bei strahlendem Sonnenschein wieder die Küste.

Den ganzen Tag bin ich auf dem Ring of Kerry unterwegs. Bedauerlicherweise muss ich berichten, dass mich der legendäre Rundkurs nicht sonderlich begeistern kann. Gerade weil einem die Werbung unberührte Natur und Einsamkeit suggeriert, ist man schnell enttäuscht, wenn einem die Reisebusse sämtlichen Fahrspaß rauben. Entlang der Irischen Westküste findet man unzählige Abschnitte, die mit dem Motorrad sowohl schöner als auch entspannter zu befahren sind. Was mir entlang des Ring of Kerry viel besser gefallt, als die Küstenabschnitte, ist die kurvenreiche Passstraße, die Irlands höchsten Berg im Westen von den Purple Mountains im Osten trennt und durch das „Gap of Dunloe“ führt. Nachdem man Irlands höchsten Pass überquert hat, fährt man entlang eines Baches, der links und rechts von steil aufragenden Felsen flankiert wird. Die Fahrt durch diese urwüchsige und auf wilde Art romantische Schlucht zählt sicherlich zu den landschaftlichen Highlights des Landes. Auch hier gilt, dass man diesen Abschnitt früh morgens oder am späten Nachmittag fahren sollte, denn auch die Schönheit des Gap of Dunloe ist unter den vielen Touristen leider kein Geheimnis mehr.

 

IMGL9641

 

Nach einer weiteren Nacht in Killarney fahre ich am nächsten Tag weiter nach Dingle. Die schmale Halbinsel, die wie ein Finger in den Atlantik ragt, wurde einst von der Zeitschrift National Geographic als „der schönste Ort der Welt“ bezeichnet. Tatsächlich kommt es auch mir so vor, als würde ich durch ein blau-grünes Gemälde fahren. Auf der einen Seite funkeln die Wellen des Atlantiks im Sonnenlicht und auf der anderen grüne Wiesen, auf denen Schafe oder Kühe grasen. Mühsam von Hand aufgeschichtete Trockensteinmauern unterteilen die Landschaft in unzählige Parzellen, die sich wie ein Flickenteppich entlang der Küste erstrecken. Ein gewaltiger Aufwand wird seit jeher betrieben, um zu verhindern, dass der fruchtbare Boden vor den windigen Launen des Atlantiks davongetragen wird. Ohne diese Mischung aus Erde, Sand und Seetang könnte hier nicht das saftige Gras gedeihen, das Irlands Kühe zu den besten Milchproduzenten Europas macht.

Um ein Foto von den Wiederkäuern zu machen, halte ich an einer Weide an, klettre über den Zaun und bringe meine Kamera nur wenige Meter von einer Kuhherde entfernt in Stellung. Was dann passiert wollte ich eigentlich keinem erzählen. Ich fuchtle in der Luft herum, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und bin überrascht, als das größte Tier (zwischen dessen Beinen ich bei genauem Hinschauen keinen Euter erkennen kann) plötzlich mit den Hufen stampft. Ich weiß nicht, wie mir geschieht, als der Bulle gefolgt von den anderen Viechern auf mich zugestürmt kommt. Da ich mich an Zeitungsartikel erinnere, in denen davon berichtet wurde, dass Wanderer in Österreich von Kühen getötet wurden, suche ich geistesgegenwärtig mein Heil in der Flucht. Es muss ein zu verstörend komisches Bild sein, als ich von mehreren Tonnen Lebendfleisch verfolgt über eine Weide spurte und mich schließlich durch einen beherzten Hechtsprung über einen Stacheldrahtzaun in Sicherheit bringen kann. „Fuck, das war knapp“, fluche ich und breche sogleich in schallendes Gelächter aus.

Auf kleinen Straßen geht es weiter. Kurz hinter der Ortschaft Ardfert biege ich links ab und folge den Hinweisschildern zum Banna Beach – einem endlosen Sandstrand, der mir beim letzten Tankstopp von einem Einheimischen als schönster Strand der Gegend empfohlen wurde. Dort möchte ich eine Pause machen und bei einem kleinen Mittags-Picknick den Blick aufs Meer genießen. Auch wenn es das Thermometer an diesem Tag nur mit Mühe und Not auf zweistellige Werte schafft, gibt es doch ein paar Unerschütterliche, die dem kalten Wind trotzen und am Strand liegen, als garten sie am Mittelmeer. Iren scheinen wahrlich wetterfest zu sein, denn einigen von ihnen scheint es überhaupt nichts auszumachen, bester Laune im eiskalten Atlantik zu plantschen.

IMGL0386Zwischen den Städten Limerick und Galway erreicht der Wild Atlantic Way die Cliffs of Moher – eine der spektakulärsten Steilküsten des europäischen Kontinents. Die 214 Meter hoch ragenden Felsklippen zählen zu den beliebtesten Postkartenmotiven Irlands. Entsprechend groß ist leider auch hier der Besucherandrang. Als ich in der Schlange der wartenden Fahrzeuge stehe, die sich vor dem kostenpflichtigen Parkplatz gebildet hat, kommt es mir so vor, als hätte ich mich dazu überreden lassen, an einem Samstagmorgen zu Ikea zu fahren. Mit einem solchen Andrang habe ich beim besten Willen nicht gerechnet und ich bin kurz davor, einfach weiter zu fahren. Auch wenn die Klippen – wie an diesem Tag – oftmals im Nebel verborgen sind, kommen pro Jahr über 700.000 Besucher, um das wildromantische Fels- und Seepanorama an den sieben Kilometer langen Steilküste zu bewundern. Bedingt durch die schlechte Sicht kann ich mir allerdings kein eigenes Urteil erlauben. So mache ich ein paar Alibi-Bilder und ziehe wieder von dannen. Hätte ich gewusst, dass man nur wenige Kilometer weiter nördlich ein ähnliches Erlebnis zum Nulltarif geboten bekommt, dann hätte ich mir die nerv tötende Wartezeit sicherlich erspart. Denn wenn man sich nicht scheut, eine Mauer und zwei Zäune zu überwinden, dann gelangt man schon nach kurzer Zeit an eine ebenfalls schwindelerregende Steilwand, von der aus man tief hinunter auf die gefährlich schäumende See blicken kann.

Nur etwa 30 Kilometer östlich der Cliffs of Moher breitet sich eine als „Burren“ bekannte Steinwüste aus, die vor 15.000 Jahren durch eiszeitliche Gletscher in das Kalksteinplateau gepflügt wurde. Hier trägt die ansonsten so grüne Insel ein steinig graues Einheitskleid. Nur spärliche Vegetation kann sich im pfeifenden Wind auf den Höhen des Burren an Irlands Westküste behaupten. Es heißt, dass sich der Fantasy – Autor Tolkien von der einzigartigen Landschaft zu seinem Klassiker „Der Herr der Ringe“ inspirieren ließ. Es ist auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung, einer Weile lang nicht der Küste zu folgen.

Die nächste Stadt, in der ich übernachte, heißt Galway. Ein weiterer sympathischer Ort, mit einem malerischen Hafen, dessen bunte Häuserzeile im Licht der untergehenden Sonne in den verschiedensten Farben erstrahlt. Wie an fast jedem Abend dieser Reise, zieht es mich auch hier in den Pub, wo ich bei dunklem Gerstensaft und deftigem Stew die Landkarte studiere.

Nördlich der Stadt Galway breitet sich die Halbinsel Connemara aus. Wegen seiner wilden Landschaft mit einsamen Dörfern, grauen Bergen, schwarzen Seen und weitläufigen Moorlandschaften zählt Connemara sicherlich zu den ursprünglichsten Landschaften Irlands. Immer wieder findet man dort viele kleine Sträßchen, die zu versteckten Buchten und Stränden führen, an denen sich gute Gelegenheiten böten, das Zelt wild aufzuschlagen.

IMGL0718-2

Die letzten zwei Tage lasse ich mich einfach treiben. Ohne den Reiseführer in die Hand zu nehmen fahre ich durch Irlands Nordwesten. Das ursprüngliche Irland, dort wo es mir am besten gefallen hat, habe in den letzten Tagen an den Orten gefunden, die nicht mit Großbuchstaben beworben werden. So gerne ich auf Reisen auch plane, es gehört für mich ebenso dazu, vieles dem Zufall zu überlassen, der einen ja bekanntlich an die schönsten Orte führt.

Auch auf den letzten Lagerplatz im Norden der Halbinsel Inishowen, wo auch der Wild Atlantic Way endet, werde ich durch Zufall aufmerksam. Ein kleiner Pfad neben der Straße führt mich auf ein grasbewachsenes Plateau, wo ich mein Zelt aufschlage. Mit einem Sixpack Guinness sitze ich lange da und beobachte wie sich die Sonne dem Horizont nähert. Als sich das Rosa des Himmels dann in ein tiefes Schwarz verwandelt hat, mache ich es mir in meinem Schlafsack gemütlich. Während draußen der Wind an meiner Behausung zerrt und starker Regen einsetzt, falle ich in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Das Bellen eines Hundes reißt mich anderntags aus meinen Träumen. Ein älterer Herr, der seinen Vierbeiner ausführt begrüßt mich freundlich, als ich den Reisverschluss öffne, um nach dem Rechten zu sehen. Mein prüfender Blick gen Himmel lässt ihn mitleidig auf mein durchnässtes Nachtlager blicken. Dann lächelt er wieder und mit den Worten „Es klart definitiv auf“, schleift er seinen Hund mit sich fort.

Als ich gegen Mittag schließlich an der Grenze zu Nordirland ankomme, stehen gut 2.600 Kilometer auf dem Tacho. Ich blicke zurück auf ein Land, das meine Erwartungen tatsächlich übertreffen konnte. Was noch lange nachhallen wird, ist die Irische Lebensfreude und Gastfreundschaft. Alleine für einen einzigen Abend in einem Pub in Dublin oder Galway würde es sich lohnen zurück zu kehren. Mit dem guten Gefühl, in dieser kurzen Zeit doch einen tiefen Einblick in dieses wundervolle Land gewonnen zu haben gebe ich Gas und rolle über die Grenze. Goodbye Ireland!

 

Infos Irland:

 

Unterkunft:

Ähnlich wie in Großbritannien sind auch in Irland Bed & Breakfast Unterkünfte – kurz B&Bs – am weitesten verbreitet. Die Übernachtungspreise hängen stark von der jeweiligen Reisezeit ab. Generell kann man aber sagen, das Irland im Vergleich zu anderen Euroländern ein doch eher teures Pflaster ist. In der Hauptsaison können die Preise für ein schlichtes Einzelzimmer schnell die 100-Euro-Marke knacken. Da Campingplätze in Irland weit verbreitet sind, können diejenigen, die die Nächte lieber im Zelt verbringen eine Menge Geld sparen.

 

Anreise:

Wer mit dem Motorrad nach Irland reisen möchte, der muss entweder die Fähre von Großbritannien oder von Frankreich aus nehmen. Die Preise für ein Fährticket sind abhängig von der jeweiligen Reisezeit. Die Fähren legen meist abends in Frankreich ab und fahren dann über Nacht nach Irland. Wer genug Zeit hat und auch noch Geld sparen möchte, der kann die Fähre von Calais nach Dover nehmen, durch den schönen Süden Englands fahren, um dann von Wales aus nach Dublin überzusetzen.

 

Wetter:

Das Wetter in Irland ist so durchwachsen, dass der Umschwung von strahlend blauem Himmel zu Nieselregen oder windgepeitschten Schauern binnen weniger Minuten keine Seltenheit sind. Das milde ozeanische Klima – kein Ort liegt weiter als 80 Kilometer von der Küste entfernt – sorgt in Irland für relativ geringe Temperaturschwankungen. Infolgedessen sind die Winter meist frei von Eis und Schnee – die Sommer aber auch oft recht kühl. Gerade an der Westküste, wo keine größeren Gebirge die atlantischen Tiefdruckgebiete bremsen, regnet es zudem sehr häufig. In den knapp zwei Wochen, in denen ich in Irland unterwegs war, regnete es jeden Tag. Doch Regen folgt auch sehr schnell wieder die Sonne.

 

Essen:

Die irische Küche galt lange Zeit als Arme-Leute-Essen. Da das Essen in Irland über viele Jahre vorrangig den Zweck zu erfüllen hatte, die Menschen vor dem Verhungern zu retten, kann man die irische Küche nicht mit der italienischen oder französischen vergleichen. In den Restaurants stehen überwiegend Fleischgerichte mit Pommes frites und Gemüse auf der Speisekarte. Das Nationalgericht Irish Stew, ein Kartoffel-Lamm-Eintopf, wird leider nicht so häufig angeboten, wie etwa Fish & Chips.

 

Bier:

Irland ist für sein legendäres Bier weltbekannt. Die Nummer Eins ist sicherlich Guinness – ein dunkles Starkbier, das in Irland Stout genannt wird. Darüber hinaus trinken die Iren gerne Red Ale, das sich mit einem stark malzigen Geschmack und wenig Kohlensäure deutlich von deutschem Pils unterscheidet. Wer nicht besonders experimentierfreudig ist, der sollte im Pub am besten ein Lager bestellen, das dem deutschen Bier geschmacklich und vom Kohlensäuregehalt am ähnlichsten ist.

 

Verkehr:

In Irland herrscht Linksverkehr. Das Straßennetz ist gut ausgebaut und das Fahren auf weniger frequentierten Straßen in ländlichen Gebieten ist stressfrei. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen betragen 50 km/h in geschlossenen Ortschaften, auf Landstraßen (Regional Roads oder Local Roads) 80 km/h, auf ausgebauten Landstraßen (National Roads) 100km/h und auf Autobahnen 120km/h.

 

Reisezeit:

Irland ist immer eine Reise wert. Wenn man die Grüne Insel jedoch entspannt mit dem Motorrad bereisen möchte, so sind der Mai und der Juni statistisch gesehen die trockensten und sonnigsten Monate. Der Juli und August hingegen sind die wärmsten Monate. Zu dieser Zeit sind auch die meisten Touristen auf der Insel.

 

19 Feb

Schottland – Highlands & Islands

Wo Schottlands Herz am lautesten schlägt

IMG_6127-5

 

Neblige Moore, wilde Küstenlandschaften und die sagenumwobenen Highlands. Kaum ein anderer Ort Europas schart eine derart große Fangemeinde um sich, wie der hohe Norden Großbritanniens. Sechs Wochen lang war der Motorradreisende Erik Peters in den schottischen Highlands und auf den Inseln der Hebriden unterwegs. Auf seiner Reise stellte er schnell fest, dass Schottland weit mehr zu bieten hat, als Dudelsäcke, ein Seeungeheuer und das Klischee vom schlechten Wetter.

 

Gut 20 Minuten, nachdem die Schiffschrauben zur Ruhe gekommen sind, rolle ich von Bord der Fähre, die mich über Nacht von Rotterdam in die Nordenglische Hafenstadt Hull gebracht hat. Wie befürchtet lässt die Sonne sich an diesem Morgen nicht blicken. Stattdessen werde ich standesgemäß mit feinem Nieselregen begrüßt. Auch als ich ein paar Stunden später die schottische Grenze an der A68 erreiche, hält sich die Landschaft noch immer in einer dichtem Nebelsuppe verborgen. Ich parke mein Motorrad neben dem markanten Grenzstein, vor dem sich laut meinem Reiseführer seit vielen Jahren der schottische „Borderpiper“ Allan Smith positioniert und tagein tagaus die Neuankömmlinge mit seinen dröhnenden Dudelsackklängen begrüßt. Doch ein einzelner Motorradfahrer scheint für den alten Schotten nicht Grund genug zu sein, um aus seinem warmen Auto zu steigen. Erst als ein Reisebus voller Touristen vorgefahren kommt, springt der Musikant aus seinem alten Renault und klemmt sich den Dudelsack unter den Arm. Kameras klicken, Geld wandert in seinen Hut und ein ganzer Stapel CDs seiner Highland-Melodien wechselt den Besitzer. Dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Die Touristen sind wieder im Bus verschwunden und der geldgierige Schotte hat es sich wieder in seinem Auto gemütlich gemacht, um auf die nächste Fuhre zu warten, die hier zwischen Mai und September nie lange auf sich warten lässt.

IMG_7529

 

IMG_2954

 

 

 

 

 

 

Der Himmel reißt auf und die Sonne blitzt durch die Wolken, als ich am späten Nachmittag das mittelalterliche Edinburgh erreiche. The „Auld Reeke“, die alte Verräucherte, wie die Schotten ihre Hauptstadt auch nennen und damit auf die Vergangenheit als Industriestadt anspielen, ist keine besonders bunte Stadt. Eine gräuliche Patina überzieht die alten Gemäuer, die den Charme in meinen Auge sogar zusätzlich verstärkt. Genau dieses Flair war schon Inspiration für die Autorin J.K. Rowling , die hier im Café „The Elephant House“ ihren ersten Harry Potter Roman schrieb. Sicherlich ist dieses altehrwürdige Erscheinungsbild auch einer der Hauptgründe dafür, dass sich Edinburgh in den letzten Jahren zu einer der touristisch attraktivsten Städte ganz Europas gemausert hat.

Die Stadt, von der ich bislang nie so recht wusste, wie man ihren Namen richtig ausspricht, ist der ideale Start- oder Endpunkt einer Schottlandreise. Wenn einem nur wenig Zeit zur Verfügung steht, dann sollte man Prioritäten setzen. Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken, dass man gut und gerne eine Woche bleiben könnte, ohne dass einem langweilig würde. Zum Glück liegen alle Sehenswürdigkeiten nah beieinander. So kann man etwa das Edinburgh Castle, die Einkaufsmeile Royal Mile, oder der Stadtpark „Princess Street Garden“ bequem zu Fuß erreichen. Mir gefällt die Gegend um den Grassmarket am besten, wo man neben vielen kleinen Geschäften auch die urigsten Pubs der Stadt findet. Im „White Hart Inn“ beispielsweise wird nun schon seit 500 Jahren Bier und Whisky ausgeschenkt.

IMGL0051IMG_7638

 

 

 

 

 

Nach drei Tagen ist es aber an der Zeit, wieder aufs Motorrad zu steigen. Mein erstes Ziel ist der nur rund zwei Fahrstunden nördlich gelegene Cairngorms Nationalpark. Fünf der zehn höchsten Berge Schottlands bilden mit etlichen weiteren über 1000 Meter hohen Gipfeln die größte Berggruppe der gesamten Britischen Inseln. Hier bekommt man einen ersten eindrucksvollen Vorgeschmack auf das, was einen später in den Nordwestlichen Highlands erwartet. Da ich es vorziehe die Nächte auf Reisen im Zelt zu verbringen, entscheide ich mich gegen ein weiches Bett und schlage mein Nachtlager auf einer einsamen Hochebene auf. Ein eisiger Wind pfeift über die vereinzelt noch mit Schnee bedeckten Kuppen, als ich es mir in meinem Zelt gemütlich mache und irgendwann in einen tiefen und erholsamen Schlaf falle.

IMG_3993

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein klarer Morgen weckt mich zeitig. Da die Nacht doch kälter als erwartet war, kostet es einiges an Überwindung, aus dem molligen Daunen-Schlafsack zu kriechen. Erst mit einem halben Liter starkem Kaffee im Bauch kommt mein Körper wieder auf Betriebstemperatur. An diesem Tag lasse ich mich treiben – biege mal links, dann wieder rechts ab und komme immer wieder an Orten vorbei, an die man sich eigentlich nur verirren kann. Nach rund zwei Stunden über schmale Single-Track-Roads überquere ich den River Spey. In vielen Windungen schlängelt sich der kleine Fluss durch das weite Tal der Speyside – eine der idyllischsten Regionen Schottlands und gleichzeitig die bedeutendste, wenn es um Whisky geht. An keinem anderen Ort auf der Welt gibt es eine höhere Dichte an Brennereien und nirgendwo sonst sichert der Schnaps mehr Arbeitsplätze.

Folgt man dem Malt Whisky Trail, einer bekannten Themenstraße, die sich dem schottischen Nationalgetränk widmet, dann kommt man automatisch an vielen namenhaften Brennereien vorbei. Mein Ziel für heute ist das 1.500-Seelendorf Dufftown, das sich gerne als die Welthauptstadt des Single Malt Whiskys bezeichnet. Gleich sieben Brennereien sind in dem kleinen Ort ansässig. Der mit Abstand größte und sicherlich auch bekannteste Hersteller ist Glenfiddich. Ein Geruch von gemälzter Gerste und alten Eichenfässern liegt über dem Besucherzentrum, als ich die sogenannte „Pioneers Tour“ buche. In drei Stunden lerne ich auf dieser exklusiven Besichtigungstour eine Menge über die Herstellung und Lagerung und darf darüber hinaus noch fünf erlesene Brände verkosten. Ja, Whisky, und das merkt man in der Speyside sehr schnell, ist eine Wissenschaft für sich. Wie sagte Winston Churchill einst so schön: Whisky ist ein Rätsel, verpackt in ein Mysterium und umhüllt von Geheimnissen.

IMG_7160 IMG_0049

 

 

 

 

 

 

Mit einer guten Flasche Single Malt im Gepäck, mache ich mich anderntags von Dufftown aus wieder auf den Weg. Die zweifelsohne schönste Straße, die ich an diesem Tag fahre, ist der Coastal Trail entlang der Küste der Grafschaft Aberdeenshire. Auf dem kaum befahrenen Streckenabschnitt zwischen den Städten Fraserburgh und Elgin, gelangt man immer wieder in kleine, nach Salzluft und Seetang duftende Fischernester, die so idyllisch sind, dass sie fast schon künstlich wirken. Crovie und Pennan etwa, zwei Orte, die genau genommen nur aus einer schmalen Häuserzeile bestehen, die sich zwischen das Meer und die dahinter ansteigenden Felsen zwängt. Mich wundert, dass die beiden Orte nicht schon längst dem Massentourismus zum Opfer gefallen sind. Vermutlich mag die Ruhe daran liegen, dass die sehr steilen und kurvigen Zufahrtsstraßen Busse und Wohnmobile auf Abstand halten.

Ein herrlich wolkenloser Himmel sorgt für einen perfekten Start in den Tag. Ich erreiche Cornhill, dessen Bewohner das kleine Nest mit allerlei Girlanden und bunten Fahnen liebevoll heraus geputzt haben. Der Grund für derart viel Hingabe sind die an diesem Tag zum 16. Mal stattfindenden „Cornhill Highlandgames“. Ein Event, das typisch schottischer kaum sein könnte. Bei den sogenannten „Gatherings“, die über den Sommer verteilt an über 100 verschieden Orten stattfinden, treten die Schotten in den merkwürdigsten Disziplinen gegeneinander an. Neben Tauziehen, Hammerwerfen und Dudelsackwettbewerben ist sicherlich das „Tossing the caber“ – bei uns besser als Baumstammwerfen bekannt – die populärste. Hierbei gilt es, einen knapp sechs Meter langen und mindestens 54 Kilogramm schweren Baumstamm so mit beiden Händen in die Höhe zu schleudern, dass sich der Stamm dabei überschlägt und idealerweise in der 12-Uhr-Stellung vom Werfer aus gesehen auf dem Boden landet. Man geht davon aus, dass die Highlandgames ursprünglich den Zweck erfüllen sollten, die besten Krieger oder Leibwächter für die Clanchefs auszusuchen. Wer den Hammer weit schleudern konnte, der war auch am Morgenstern ein guter Mann. Was also als eine Art Rekrutierungsveranstaltung begann, ist über die Jahrhunderte zu einem Stück bester schottischer Tradition geworden.

IMG_3468IMG_3311IMG_3355

 

 

 

 

 

Etwa 150 Kilometer westlich von Cornhill teilt der Great Glenn, ein tektonischer Graben, Schottland in zwei Hälften. Mit Wasser gefüllt bildet dieser tiefe Graben drei große Seen, von denen Loch Ness der bekannteste ist. Jedes Jahr strömen abertausende Touristen an die Ufer und jeder von ihnen – mich eingeschlossen – wird sich früher oder später dabei ertappen, gebannt auf die dunkle Wasseroberfläche zu starren, in der Hoffnung eine sensationelle Entdeckung zu machen. Doch Nessi, das sagenhafte Ungeheuer, das nach einer geschickt inszenierten Sichtung im Jahre 1934 Weltruhm erlangte, lässt auch an diesem Tag vergeblich auf sich warten. Generell muss ich sagen, das Loch Ness vor allem unter landschaftlichen Gesichtspunkten eine ziemliche Enttäuschung ist. Ich würde jeden anderen See in Schottland als schöner beschreiben. Mich fasziniert bestenfalls die Strategie, mit der Loch Ness nun schon seit vielen Jahren so derart erfolgreich vermarktet wird.

Den See einmal zu umrunden war eine klassische Fehlentscheidung. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens geht es größtenteils nur im Schneckentempo voran. So kostet mich die Fahrt nicht nur drei Stunden, sondern vor allem jede Menge Nerven. Ich mache drei Kreuze, als der See endlich hinter mir liegt und ich dem Trubel entschwunden bin. Auf geht’s in die Highlands!

 

Mit dem Nordwestlichen Hochland liegt nun ein Landschaftserlebnis der Extraklasse vor mir. Großbritanniens letzte große Wildnis wird von Landschaften geprägt, die sich auf das Wesentliche konzentrieren. Weite, Stille und das ständig präsente Gefühl der Einsamkeit sind ab jetzt meine ständigen Begleiter. „Ich habe nie Einsameres durchschritten“, schrieb der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane im Jahr 1858 über seine Reise durch das schottische Hochland. Tatsächlich blieb kaum eine andere Region in Europa so lange unbekannt und unzugänglich. Das Klima ist rau. Kurze Sommer und lange Winter mit viel Schnee haben das Hochland zu einer weiten, mit Moos und Flechten bedeckten Tundra geformt. Dementsprechend hatte ich auch damit gerechnet, dass die Temperaturen mit jedem Kilometer, den ich in nördliche Richtung fahre, fallen würden. Doch zu meiner großen Überraschung ist das Gegenteil der Fall. In den nächsten drei Wochen regnet es nicht ein einziges Mal. Das anhaltend gute Wetter scheint den Schotten sogar Sorgen zu bereiten, denn die Zeitungen warnen vor einer Hitzewelle und überall in den Highlands weisen eilig aufgehängte Schilder auf eine erhöhte Waldbrandgefahr hin.

 

IMG-3693

 

 

 

 

 

Die Tage werden länger und die Temperaturen halten sich verlässlich auf einem T-Shirt freundlichen Level. Ohne großes Ziel versuche ich jede in meiner Karte eingezeichnete Straße einmal gefahren zu sein. Da Schottland eines der wenigen Länder Europas ist, in denen wild Campen ausdrücklich erlaubt ist, fällt es leicht, traumhafte Lagerplätze zu finden. So auch an diesem Abend. Die Sonne steht noch eine Handbreit über dem Horizont, als ich mein Motorrad unweit der kleinen Ortschaft Durness nach gut 300 Kilometern an der stark zerklüfteten Küste abstelle. Der Wind hetzt Wolkenfetzen über den blauen Himmel und das Geschrei der Seevögel bildet eine Kulisse, wie aus der Werbung für ein herbes Männerparfum.

Entlang der Küstenstraße A838 fahre ich tags darauf wieder gen Süden. Fahrspaß pur ist angesagt, denn hinter jeder Kurve bieten sich neue traumhafte Ausblicke aufs Meer und die Berge. Als nächstes steht nun die Schottische Inselwelt auf dem Programm. Um dort hinzugelangen, kaufe ich mir in dem sympathischen Küstenort Ullapool ein Ticket für die Fähre, die mich in gut drei Stunden auf die Hebriden Insel Lewis and Harris bringen wird.

 

Schottlands größte Inselgruppe wird in eine innere und äußere Gruppe unterteilt. Auf etwa 300 Kilometern erstrecken sich die insgesamt über 500 Inseln der Hebriden wie ein natürlicher Schutzwall gegen die wütend anrollenden Brecher des Atlantiks entlang der West-Flanke der Highlands. Lewis and Harris ist die größte Insel Schottlands. Obwohl kaum ein Baum auf diesem vom Westwind zerzausten Eiland wächst, sind die Landschaften doch faszinierend und abwechslungsreich. Der nördliche Teil „Lewis“ ist von sanften Hügeln geprägt, die allesamt aus Gneis, dem ältesten Gestein der Erdoberfläche bestehen, das von Gletschern der vergangenen Eiszeiten flachgeschliffen wurde. Der südwestliche Teil „Harris“ hingegen hat fast schon alpinen Charakter. Wie hohe Wellen türmen sich die Berge weithin sichtbar am Horizont auf. Im Landesinneren dehnen sich flache Moor- und Hügellandschaften aus, die mit Seen durchsetzt sind, in denen jede Menge Seerosen blühen. Das Klima der Insel wird vom Atlantik bestimmt. Im Winter ist es selten richtig kalt und im Hochsommer klettern die Temperaturen nur gelegentlich über die 20 Grad Marke. Hier am Rande Europas nimmt man die Zeit nicht so wichtig wie anders wo. Eine Sache sollte man bei seiner Reiseplanung deswegen unbedingt bedenken: Die Sonntagsruhe, denn an diesem Tag kommt das öffentlich Leben auf Schottlands westlichem Vorposten beinahe vollständig zum Erliegen. Der Sonntag ist heilig wie nirgendwo sonst in Großbritannien. Weder Geschäfte, noch Pubs oder Restaurants haben geöffnet. Selbst die Hauptstadt der Insel gleicht einer Geisterstadt. Wenn man vergessen hat, bei Zeiten den Tank zu füllen, dann ist sonntags eben eine Zwangspause angesagt.

IMG_4284

Nachdem ich die Insel einmal komplett umrundet habe, geht es an Bord der nächsten Fähre weiter auf die 40 Kilometer breite und knapp 80 Kilometer lange Isle of Skye. Für viele Touristen aus aller Welt ist „Skye“, wie die Insel kurz genannt wird, das Ziel in Schottland schlechthin. 5000 Einwohner verteilen sich auf ein paar Gehöfte und eine Handvoll kleine Küstenstädtchen, wie etwa Portree, den Hauptort der Insel. Ohne Reservierung im Vorfeld scheint es dort jedoch unmöglich zu sein, eine erschwingliche Bleibe zu finden. Ich entscheide mich daher wieder für das Zelt. Nur wenige Kilometer südlich der Stadt liegt ein grandioser Campingplatz. „Sligachan Campsite“ dürfte wohl der einzige auf der Welt sein, an den eine eigene Brauerei mit gemütlichem Pub angeschlossen ist. Die Entscheidung fällt leicht, dort drei Tage zu bleiben.

Von Sligachan aus erkunde ich mit leichtem Gepäck die Insel. Der erste Weg führt mich hinauf zur Halbinsel Trotternish. Schon von weitem kann man dort die 50m hohe Felsnadel „Old Man of Storr“ am Horizont erblicken. Da der Ausblick von den Felsspitzen spektakulär sein soll, lasse ich mein Motorrad stehen und mache mich zu Fuß auf den Weg. Etwa eine Stunde dauert es, ehe ich mich in einer Landschaft wie aus einem Tolkien Roman wieder finde. Eine wirklich lohnenswerte Schinderei. Denjenigen, die ähnliche Ausblicke lieber auf dem Motorrad sitzend erleben wollen, denen kann ich eine kleine Seitenstraße empfehlen, die ein paar Kilometer weiter nördlich abzweigt. Die Singletrack Road, die die beiden Orte Staffin und Uig miteinander verbindet, gehört definitiv zu den schönsten Straßen der Insel und man sollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

 

IMG_6013

Die Schotten sind bekannt als ungemein gastfreundliches und kommunikatives Volk. Mir fällt kaum ein anderes Land in Europa ein, dessen Einwohner eine so offene Herzlichkeit an den Tag legen. In Schottland ist es völlig normal, dass man immer wieder von wildfremden Menschen in lange und interessante Gespräche verwickelt wird. So kommen schnell gute Tipps bezüglich schöner Motorradstrecken, Fotospots oder Ausgehtipps zusammen. Oft frage ich auch gezielt nach lohnenswerten Orten oder aber nach Menschen, die eine besondere Geschichte erzählen können. Auf diese Weise lerne ich auch Rob Miller kennen, einen Biker und Schwertschmid, der in dem kleinen Nest Torrin, im Süden von Skye lebt. Als ich ihn in seiner kleinen Werkstatt „Castle Keep“ besuche ist Rob gerade dabei, ein großes Wikingerschwert zu schmieden. Der gebürtige Engländer kam vor über 30 Jahren nach einem Motorradunfall mit gebrochenem Arm auf die Insel, um seine Verwandten zu besuchen. Eigentlich wollte er nur ein paar Wochen bleiben, doch die Insel zog ihn derart in ihren Bann, dass er sich entschied zu bleiben. Nach ein paar Aushilfsjobs in verschiedenen Bars begann er irgendwann damit, seine Leidenschaft, das Schmieden von Messern und Schwertern zu seinem Beruf zu machen. Und das mit unglaublichem Erfolg. Heute beliefert Rob Sammler aus aller Welt mit seinen Kunstwerken und er kann sich nicht mehr vorstellen, jemals wieder zurück in die Großstadt zu ziehen. Wir verstehen uns prächtig und ich merke kaum, wie die Zeit vergeht. Begegnungen mit solch inspirierenden Menschen sind es, die das Reisen für mich neben den Landschaften und dem Motorradfahren erst ausmachen.

IMGL9738IMG_3531

Die Isle of Mull ist nach Skye die größte Insel der Inneren Hebriden. Während die bisherigen Inseln von einer eher rauen Landschaft geprägt waren, würde ich den Charakter von Mull als ein wenig lieblicher beschreiben. Ich würde sogar behaupten, dass sie mein heimlicher Favorit unter den Inseln ist. In Tobermory, dem Städtchen mit der optimistisch bunt gestrichenen Hafenzeile, gönne ich mir mal wieder den Luxus, in einem Bed & Breakfast zu übernachten. Diese Unterkünfte sind in Großbritannien in beinahe jedem noch so kleinen Kaff zu finden. Das schlagende Argument, mich für ein B&B zu entscheiden ist neben dem Bett, vor allem das dazugehörige traditionelle Frühstück. Ein neuer Tag kann einfach nicht schöner beginnen, als mit Bohnen, Speck, Spiegelei, Würstchen und gegrillter Tomate. Für mich eine der größten kulinarischen Errungenschaften unserer Zeit. In einem B&B wohnt man in der Regel mit den Gastgebern unter einem Dach. Man kommt auch hier sehr schnell ins Gespräch und für die Gastgeber ist es eine Selbstverständlichkeit, einem wertvolle Tipps zu geben, wie etwa die schönsten Strecken der jeweiligen Region. In diesem Fall ist der Betreiber ein leidenschaftlicher Akkordeonspieler und so bekomme ich zu meinem Abschied sogar noch ein Ständchen mit auf den Weg. Es ist ein tolles Gefühl, immer wieder diese von Herzen kommende Gastfreundschaft zu erleben, die in ganz Schottland so typisch ist.

Der nächste Tag wartet schon mit neuen Eindrücken. Bevor es wieder zurück aufs Festland geht, bringt mich die letzte Fähre nach Islay, die südlichste und fruchtbarste Insel der Hebriden. Das von Wellen und Wind geprägte Eiland wird auch als Whisky-Insel bezeichnet. Acht traditionelle Brennereien, die einen ausgezeichneten Ruf genießen, sind hier beheimatet.

Nahe der kleinen Ortschaft Port Allen im Süden der Insel, wo auch die Fähren von den Nachbarinseln anlegen, schlage ich an dem 12 Kilometer langen Traumstrand von Kintra Beach in den Dünen mein Lager auf. Nur wenige Kilometer entfernt, in einer geschützten Bucht, liegt die Brennerei von Laphroaig. Der dort gebrannte Whisky ist für seine rauchigen und torfigen Seetang-Aromen bekannt, die man laut firmeneigenem Werbeslogan entweder hassen oder lieben wird. Da es sich um meinen Lieblingswhisky handelt, nutze ich natürlich ein weiteres Mal die Gelegenheit, um mir anzuschauen, wie aus Wasser dieser edle Tropfen entsteht.

IMG_4874IMG_5007

 

Auf jeder Reise rückt irgendwann der Zeitpunkt näher, an dem es heißt Abschied zu nehmen. Zurück am Festland führt mich der Weg an einen der magischsten Orte Schottlands. Im Tal von Glen Coe, genauer gesagt im Glen Etive, wo neben James Bond, Braveheart und Harry Potter schon so manch ein Hollywoodklassiker gedreht wurde, schlage ich mein Zelt auf und genieße ein letztes Mal die Einsamkeit der Highlands. Wie viele andere vor mir habe auch ich in den vergangenen Wochen mein Herz an dieses Land verloren. Schottland hat es auf Anhieb geschafft, im Ranking meiner Lieblingsziele in Europa den Spitzenplatz einzunehmen. Als ich ein letztes Mal diesen unverwechselbar torfigen Duft inhaliere steht für mich fest, dass dies nicht meine letzte Reise nach Schottland war, denn jeder, der dem rauen Charme dieses Landes einmal verfallen ist, so sagt man, der kehre schon bald zurück.

 

Highlands & Islands

 

 

 

 

 

 

 

 

Die DVD zu dieser Reise gibt es hier im Shop oder auf Amazon

 

Reiseinfos Schottland

Anreise:

Wer Schottland mit dem eigenen Fahrzeug bereisen möchte, der muss zunächst einmal die Fähre nehmen. Es gibt zwei Hauptrouten, auf denen der Großteil der Schottlandreisenden unterwegs ist. Zum einen die Verbindung von Amsterdam nach Newcastele und zum anderen, was meiner Meinung nach in beste Überfahrt ist (und ich kenne beide Strecken), die von Rotterdam nach Hull mit P&O Ferries. Hier liegt der Preis für die Überfahrt für eine Person inkl. der Mitnahme des Motorrades und Kabinenübernachtung bei etwa 100-150 Euro pro Strecke – je nach Buchungszeit. Die Fähre legt abends in Rotterdam ab und erreicht morgens um 8 Uhr die nordenglische Hafenstadt, von wo aus es noch etwa 300 Kilometer bis an die schottische Grenze sind. Eine Fähre direkt bis Schottland gibt es leider nicht.

 

Wer glaubt Zeit oder Geld zu sparen, indem er die Fähre von Calais nach Dover nimmt, der sollte die zusätzlichen 800 Kilometer nach Calais und weiter durch England bedenken. Rechnet man Spritkosten, Verschleiß und evtl. noch eine Übernachtung hinzu, so ist die Fähre von Rotterdam nach Hull ganz sicher die günstigere und auch schnellere Wahl.

 

Übernachten:

Die typischste Unterkunft in Schottland ist das Bed & Breakfast. Die durch ein B&B Schild angekündigten Häuser findet man in jedem noch so kleinen Nest und es gibt so überraschend viele davon, dass man nur selten eine Reservierung benötigt. Die Übernachtungskosten liegen in der Hauptsaison durchschnittlich bei etwa 30 Pfund pro Person, wobei das Frühstück im Preis inbegriffen ist.

Neben ein paar Bed&Breakfast Übernachtungen habe ich auf dieser Reise jedoch überwiegend im Zelt geschlafen. Schottland ist ein wahres Paradies für Camper und eines der ganz wenigen Länder, in denen wild campen ausdrücklich gestattet ist.

 

Wetter

Schottland ist sicherlich kein Land, das seine Besucher mit schönem Wetter ködern muss. Wer nach Schottland reist, der muss Regen hin und wieder mal in Kauf nehmen.

Das Schöne ist jedoch, dass nach dem Regen meistens auch sehr schnell wieder die Sonne folgt. Ich habe selten ein Land erlebt, wo sich das Wetter so facettenreich zeigt.

Wann ist demzufolge also die beste Reisezeit?

Die Frage nach der klimatologisch besten Reisezeit lässt sich wirklich nur schwer beantworten. Der statistisch gesehen trockenste Monat ist der Mai. Ich persönlich war von Mai bis Juli in Schottland unterwegs und fand das Wetter in dieser Zeit einfach perfekt.. Es war sogar viel besser, als ich erwartet hätte und so gab es einige Wochen am Stück keinen Niederschlag, was dazu führte, dass es in den Highlands verboten war Lagerfeuer zu machen und die Zeitungen vor einer Hitzewelle warnten.

 

Linksverkehr

Schottland ist ein wahrer Traum für Motorradfahrer. Doch leider ist die Tatsache, dass die Briten auf der „falschen“ Seite fahren für eine nicht unerhebliche Zahl von Motorradfahrern ein Hinderungsgrund, der Insel einen Besuch abzustatten.

Ich kann für meinen Teil nur sagen, dass der Linksverkehr absolut kein Problem darstellt und man sich sehr schnell an die neuen Regeln gewöhnt hat. Lediglich der erste Kreisverkehr wenn man von der Fähre kommt erfordert etwas mehr Konzentration. Hier kann man sich an seinem Vordermann orientieren oder einfach einem langsam fahrenden Lkw folgen. Schon nach wenigen Kilometern hat man sich an den Verkehr gewöhnt.

 

Single Track Roads

Ganz typisch für Schottland sind die sogenannten Single Track Roads. Einspurige Straßen, auf denen nur ein Auto Platz hat. In regelmäßigen Abständen gibt es Ausweichbuchten, die das Passieren oder Überholen anderer Verkehrsteilnehmer ermöglichen. Hier gilt: wer den anderen zuerst sieht, der wartet und macht Platz. Es ist erstaunlich, wie diszipliniert und zuvorkommend die Schotten sich an diese Regel halten. Man sollte natürlich ebenfalls Rücksicht nehmen und sich stets mit einem Gruß bei den Wartenden bedanken. Da in den Highlands nicht allzu viele Autos unterwegs sind, ist auf den Sigle Track Roads ein enormer Fahrspaß garantiert.

 

Essen und Trinken

Vielleicht mag es Leute geben, die mir widersprechen aber Schottland ist kein Feinschmeckerparadies. Es gibt Ausnahmen aber in der Regel wird – wie auch in England – frittierter Fisch mit Fritten angeboten. Ansonsten gilt Haggis als das typischste Gericht in Schottland. Wer deutsche Hausmannskost mag, der wird Haggis sicherlich lieben. Ich persönlich habe ihn immer bestellt, wenn er auf der Karte stand.

Neben Whiskey, wird in schottischen Pubs in erster Linie Bier getrunken. Hier stellt sich die Frage, wie und was bestellt man überhaupt. Die Auswahl ist gigantisch und mit „one beer please!“ erntet man nur fragende Blicke. Will man ein Bier, das einem Pils am ähnlichsten ist, dann bestellt man ein Lager. Wenn man jedoch ein wenig experimentierfreudig ist, so empfehle ich ein leckeres Ale. Hier gibt es in ganz Großbritannien eine riesige Auswahl. Während ein Lager bei etwa 5-7 Grad serviert wird liegt die Trinktemperatur bei einem Ale bei etwa 12 Grad. Auch der Kohlesäuregehalt ist niedriger. Ale ist der Grund dafür, warum viele Deutsche spotten, die Briten hätten nur schales Bier im Angebot. Hier heißt es probieren und selbst entscheiden.

20 Feb

Südengland

Eine Motorradreise durch den Süden Englands

IMG_3590 Kopie

Englands Süden mit seinen zerklüfteten Küsten, den nebelverhangenen Mooren und den beschaulichen Fischerdörfern, in denen sich bis heute alte Schmugglergeschichten erzählt werden, gehört ganz sicher zu den reizvollsten Regionen des Vereinten Königreichs. Dass die Insel mehr zu bieten hat, als schlechtes Wetter und den Genuss von schalem Bier, das hat Erik Peters auf seiner zehntägigen Reise erlebt.

 

Die weißen Kreidefelsen strahlen an diesem Morgen besonders hell und die Sonne brennt kräftig vom Himmel, als mich die Fähre in Dover auf die Insel entlässt. An der engsten Stelle des Ärmelkanals, wo nur 35 Kilometer England vom europäischen Festland trennen, liegt der Startpunkt meiner spätsommerlichen Reise. Weit weniger gewöhnungsbedürftig als zunächst angenommen ist der Linksverkehr – leider Hauptgrund dafür, dass viele Motorradfahrer England meiden. Nur die ersten Kilometer und dort ganz besonders der erste Kreisverkehr, sorgen für Verwirrung und erfordern die volle Konzentration. Danach gewöhnt man sich rasch daran, auf der „falschen“ Seite zu fahren.

Vorbei an den steilen Klippen von Dover geht es zunächst entlang der Küste in Richtung Westen. Ich lasse die vielbefahrenen Schnellstraßen und Autobahnen links liegen und fahre stattdessen über schmale Neben- und Küstenstraßen. Südengland offenbart sich mir schnell in all seiner Beschaulichkeit: Bruchsteinmauern, grüne Alleen und eben jene schmalen Sträßchen, die sich stellenweise so derart verengen, dass Autofahrer, die sich begegnen, öfter mal den Rückwärtsgang einlegen müssen, damit der andere passieren kann.

IMG_3397

Die erste Nacht verbringe ich in einem kleinen Guesthouse in der Ortschaft Rye. Mehrere große Plakate, die auf das größte Mittelalter-Festival Englands aufmerksam machen, sind Grund genug, um meine Reisepläne schon am ersten Tag über den Haufen zu werfen.

Jedes Jahr Ende August kehren die Ritter, Hofnarren, Magier und Burgfräuleins für drei Tage in die Burg „Herstmonceux Castle“ unweit der Stadt Rye zurück. Das aufwendig inszenierte Spektakel lockt tausende Besucher an, die mit Spannung beobachten, wie sich über 1000 Ritter und Bogenschützen in traditionellen Wettkämpfen miteinander messen.

IMG_8195

Einen Tag später als ursprünglich geplant erreiche ich Brighton, das beliebteste und vermutlich auch schönste Seebad Englands. Hier erholen sich die Londoner schon seit Generationen vom hektischen Hauptstadtleben. Mir persönlich gefällt neben dem Strand und den engen Gassen mit den vielen dort angesiedelten Pubs, die Uferpromenade am besten. Die „Volks Bar“ ist für mich der perfekte Ort um sich das Schaulaufen anzuschauen und frische Seeluft zu schnuppern. Genau hier ist auch der Treffpunkt der Mods, der Anhänger jener typisch englischen Subkultur, die gerne grüne Parka tragen und sich auf aufgemotzten Vespas und Lambrettas bewegen. Musik von Madness dröhnt dumpf aus den Lautsprechern und draußen vor den wandgroßen Fenstern strahlen bei einsetzender Dunkelheit die Lichter des Brighton Pier, einem Vergnügungspark auf Europas größter Seebrücke.

 

 

Von Brighton ist es nur ein Katzensprung nach Portsmouth. Die Hafenstadt ist schon seit Jahrhunderten ein wichtiger Stützpunkt der Royal Navy. Von hier begann in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 die Invasion der Alliierten in der Normandie. Auch die HMS Victory, das berühmte Flaggschiff von Admiral Nelson, der die Engländer in der Schlacht von Trafalgar anführte, liegt hier vor Anker.

Nach einer lohnenswerten Besichtigung des perfekt restaurierten Schiffes fahre ich von Portsmouth über Southampton nach Winchester und zunächst wieder ein paar Kilometer weit ins Landesinnere. Etwa 70 Kilometer von der Küste entfernt liegt die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit im Süden Englands. Schon von weitem sieht man die berühmten Pfeiler- und Deckensteine von Stonehenge wie verlassenes Riesenspielzeug in der Landschaft liegen. Der Anblick könnte erhabener sein, da zwei Schnellstraßen links und rechts des monumentalen Steinkreises verlaufen. Bislang sind alle Versuche den Verkehr umzuleiten aus politischen Gründen gescheitert, und so werden die Steine von Englands Presse auch als „Stones of Shame“ betitelt, eine nationale Schande. Welche Bedeutung Stonehenge in frühgeschichtlicher Zeit tatsächlich hatte, darüber streiten sich bis heute die Gelehrten. War es eine Opferstätte, eine Sternwarte oder gar eine Begräbnisstätte? Ganz egal, was dort früher getrieben wurde und wie viele Autos täglich vorbei donnern, den über 5000 Jahre alten Steinkreis umgibt dennoch eine mystische Aura.

IMG_7565
Das Pier in Brighton

 

Es ist noch früh, als mich dieselben Stimmen wieder wecken. Nachdem all meine Ausrüstung wieder in den Seitenkoffern verschwunden ist, schwinge ich mich auf meine XT1200Z Super Ténéré und fahre durch wunderschöne alte Dörfer zurück an die Küste. Kämen mir nicht hin und wieder Autos entgegen, dann könnte man glatt meinen, eine Zeitreise ins 18. Jhd. gemacht zu haben.

 

Wie an jedem Morgen auf meiner Reise durch England gehört es für mich wie ein Ritual dazu, bei erster Gelegenheit dort anzuhalten, wo man ein typisch englisches Frühstück aufgetischt bekommt. Lange Zeit wurde mir allein bei der Vorstellung, zum Start in den Tag warme Bohnen, gebratene Pilze, ein Spiegelei und Speck zu essen schlecht, doch wie so vieles im Leben ändern sich im Laufe der Zeit auch die Geschmäcker und so gehört ein „English Breakfast“ für mich seit einer Weile zu den göttlichsten Genüssen dieser Welt.

 

 

IMG_8050 IMG_8251-2

 

 

 

 

 

 

 

Ich erreiche das 9000 qkm große Naturschutzgebiet des Dartmoor National Park. Der Nebel hängt tief über dem lila blühenden Heidemoor und es kommt so etwas wie ein „Edgar Wallace Feeling“ auf. Über 2500 Dartmoor Ponys und unzählige Schafe teilen sich die Hügellandschaft und somit ist Vorsicht geboten, denn scheinbar finden es einige Tiere mitten auf der Fahrbahn besonders bequem.

 

IMG_3616
Durch den Dartmoore National Park

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als schmaler Zipfel ragt die Grafschaft Cornwall weit in den Atlantik hinaus. Das frostfreie Klima des Golfstroms lässt im südwestlichsten Zipfel Englands die nördlichsten Palmen Europas gedeihen. Eis und Schnee gibt es nur sehr selten in der Region. Dafür steigen die Wassertemperaturen auch im Hochsommer nicht über die 17 Grad Marke. Den Engländern scheint dies jedoch nichts auszumachen. Ich kenne kein anderes Volk in Europa, das beim kleinsten Anzeichen von Sonnenschein so schnell seine weißen Leiber entblößt.

IMG_7780

Auch die Leidenschaft der Briten, Gärten und Parks zu gestalten, hat in Cornwall ganz besonders reiche Früchte getragen. Ständig kommt man an grünen Kunstwerken vorbei, die den Anschein erwecken, als seien sie mit der Nagelschere durchgestylt worden. Wenn es in Cornwall überhaupt irgendetwas gibt, was einem den Fahrspaß verderben könnte, dann sind es die vielen Hecken, die schon seit Jahrhunderten als Grundstücksbegrenzungen dienen. Diese sind oftmals so hoch gewachsen, dass man sich wie in einem Labyrinth vorkommt, hinter dem die Landschaft über etliche Kilometer verborgen liegt.

IMG_8142
Weite Teile Englands liegen hinter hohen Hecken verborgen

 

Die Küstenlandschaften im Süden Cornwalls werden auch von den schmalen Schornsteinen und Fördertürmen alter Zinn- und Kupferminen geprägt. Die Ruinen zeugen von einer Epoche, auf der sich einst der Wohlstand im Süden des Landes begründete. Arbeiter sieht man jedoch schon lange keine mehr. Das Kapitel ist abgeschlossen. Zwischen den Schornsteinen und Maschinenhäusern weiden heute die Schafe und die Industriebrachen erfüllen ihren Zweck höchstens noch als pittoreskes Fotomotiv. Nahe den Minen von Botallack finde ich zwischen den verlassenen Gemäuern einen windgeschützten Lagerplatz mit Blick aufs Meer, wo ich mein Zelt aufschlagen kann.

 

 

 

IMG_3843
Stillgelegte Kupferminen in Cornwall

 

 

 

Verwinkelte Gassen mit jahrhundertealtem Kopfsteinpflaster und schaukelnde Fischerboote vor urigen Pubs – so präsentieren sich Orte wie Polperro und Looe, in denen einst der Brandy- und Tabakschmuggel florierte. Ehe hier – aus gutem Grund – die ersten Zollstationen errichtet wurden, stellten die kleinen Häfen ideale Schlupflöcher für Schmuggler und Piraten dar. Ihre Geschichten erzählt man sich heute noch voller Stolz.

IMG_2436

Lands End, ein Ort, der für mich schon immer nach Abenteuer, Aufbruch und großer weiter Welt geklungen hat, markiert das eigentliche Ziel meiner Reise. Von hier soll es parallel zur bisherigen Route zurück an den Startpunkt gehen. Außer seiner großartigen Lage reizt mich „Lands End“ nicht sonderlich, was an den Touristenschaaren liegen dürfte, die an diesem Tag den Ort bevölkern. Nach einem nur kurzen Stopp mache ich mich daher wieder auf den Weg. Vorbei an den langen Traumstränden von St. Ives und Penzance erreiche ich gegen Mittag das kleine verschlafene Nest Tintagel. In der malerisch gelegenen Burgruine „Tintagel Castle“, so die Überlieferung, soll König Artus das Licht der Welt erblickt haben. Obwohl der König wohl eher der Stoff einer Legende ist, haben die Einheimischen nicht den geringsten Zweifel an seiner Existenz. Warum auch, schließlich lässt sich sein Name ebenso gut vermarkten, wie der von Robin Hood. Ob Postkarten, Kuchen oder Eiscreme, in Tintagel gibt es nichts, was nicht den Namen Artus trägt. Selbst einen „König Artus Spargelschäler“ finde ich in einem der zahlreichen Souveniershops.

IMG_8231IMG_7430

Von Cornwall nehme ich wieder Kurs in Richtung Westen. Nach einer traumhaften Fahrt durch das Exmoor, vorbei an Glastonbury, das Mekka aller Esoteriker, erreiche ich am letzten Tag meiner Reise nach insgesamt gut 2000 Kilometern die Hauptstadt London. Im berühmten Ace-Cafe schütte ich mir ein letztes Mal Essig über die Fritten und lasse die vergangenen Tage Revue passieren. Nach langer Träumerei muss ich mich sputen, denn schon in drei Stunden wird mich die gebuchte Fähre zurück nach Kontinentaleuropa schippern. Ganz sicher war dies nicht die letzte Reise auf die Insel.

 

 

 

 

 

Infoteil Südengland

 

Allgemeines & Klima England: Stammland von Großbritannien, Südteil der britischen Hauptinsel, umfasst ca. 130 400 km² mit 46,2 Mio. Einwohnern.

Südengland setzt sich aus elf Grafschaften zusammen, die sich insgesamt über eine Fläche von 35.550 km² erstrecken, was etwa einem Siebtel der Gesamtfläche Großbritanniens entspricht. Die wohl bekannteste Grafschaft und auch mit die schönste Region in Südengland ist Cornwall.

Der Golfstrom sorgt im Süden der Insel für ein mildes Klima. In den Wintermonaten ist es feucht und neblig. Nur selten herrschen Minusgrade. Im Sommer ist es vergleichsweise trocken und warm, über 30 Grad wird es jedoch sehr selten.

Anreise:

Die schnellste und günstigste Verbindung, um mit dem Motorrad auf die Insel zu gelangen ist mit einer Fähre von Dünkirchen oder Calais nach Dover. Die Überfahrt dauert etwa 90 Minuten und kostet pro Motorrad inkl. Fahrer etwa 70 Euro für Hin- und Rückfahrt (Angebote im Internet vergleichen).

 

Übernachten:

In Südengland gibt es eine Vielzahl schöner Campingplätze.

www.uk-campsite.co.uk

Wer lieber ein festes Dach über dem Kopf haben möchte, der findet mindestens ebenso viele schöne Bed & Breakfasts, Ferienhäuser oder Hotels.

http://www.bedandbreakfasts-uk.co.uk/

 

 

Karten und Bücher:

England – Lonely Planet

ISBN-10: 1741795672

 

England – der Süden

ISBN-10: 3831718865

 

Grossbritannien. 1:300000: MARCO POLO Karte England Süd, Wales

ISBN-10: 3829737602

 

Informationen

Ausführliche Informationen findet man unter:

www.visitbritain.de

 

 

27 Feb

Oman – Island – Aus 1001 Nacht zur Mitternachtssonne

Oman und Island – gegensätzlicher können zwei Länder sowohl in landschaftlicher als auch kultureller Hinsicht kaum sein. „Warum nicht beide Ziele zu einer Reise miteinander kombinieren?“ dachten sich Erik Peters und Carsten Jung und machten sich auf den 28.000 Kilometer langen Weg.

Geschafft!
Geschafft!

 

Der schwarze Asphalt der Straße, die sich schnurstracks in Richtung Südosten erstreckt, flimmert in der Hitze der erbarmungslos brennenden Sonne. Schweißnass gebadet zu sein ist zum Normalzustand geworden. Wir kleben, riechen und in jeder Ritze des Körpers hat die Wüste ihre Spuren hinterlassen. Ein leichter, aber stetiger Wind hält Trillionen Sandkörnchen wie einen dünnen Wasserfilm in Bewegung. Sand, Sand und nochmals Sand. Wir sind am Rande der größten Sandwüste der Erde unterwegs – der noch weitgehend unerforschten Rub al-Khali. Unendliche Hügel türmen sich vor uns auf, die in der Ferne mit dem Himmel zu verschmelzen scheinen. In unterschiedlicher Formenabfolge flachen sie auf und ab. Wellige Sandrippen und scharfe Parabeldünen unterschiedlichster Farbtöne. Heller, mehlfeiner Sand und grobkörniger, der die dunklen Farbspektren abdeckt. Mit Erreichen der Grenze wird die Landschaft wieder von verstreuten Felsformationen durchzogen, die wie kleine Inseln erscheinen und sich im weiteren Verlauf zu den wilden und zerklüfteten Bergen des über 3000 Meter hohen Hadjar-Gebirges auftürmen.

„Gut gemacht Baby“, sage ich dankbar und klopfe mit der flachen Hand auf den Tank meiner betagten Super Ténéré. „Oman-Island“, steht in großen Lettern darauf geschrieben. Berücksichtigt man den Namen, den wir unserer Reise gegeben haben, so würde sie faktisch hier an der Grenze erst beginnen. Doch von Reisebeginn kann zu diesem Zeitpunkt wahrlich nicht die Rede sein. 11.000 Kilometer liegen bereits hinter uns. Vor knapp sechs Wochen sind wir in Köln gestartet. Ein Zeitraum, der im Alltag wie im Flug vergeht, kommt mir jetzt so vor, wir eine halbe Ewigkeit. Die vielen Eindrücke, die täglich auf uns einprasseln und vor allem die Unterbrechung der Alltagsroutine, haben die Zeit-Wahrnehmung völlig verändert. Endlich habe ich nicht mehr das Gefühl als flöge das Kostbarste im Leben ungenutzt an mir vorüber.

SONY DSC
Schweiz – Winterliche Alpenüberquerung auf dem Simplonpass

 

Nach der Überquerung der verschneiten Alpen ging es durch die Toskana an die Adriaküste. Weiter mit dem Schiff nach Griechenland und von dort in die Stadt Istanbul, das Tor zur islamischen Welt. Entlang der kompletten Südküste ins Anatolische Hochland und über das wundersame Kappadokien weiter durch Kurdistan an die iranische Grenze nahe des Vansees. Persien haben wir vom nördlichen Zagros Gebirge bis in die Tiefebene am Persischen Golf durchquert und sind per Schiff über die Straße von Hormuz in die Vereinigten Arabischen Emirate übergesetzt, bevor wir nun, nach ein paar Tagen Aufenthalt in Dubai, das Sultanat Oman erreichen.

 

 

Isfahan
Iran – Isfahan – Stadt aus 1001 Nacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Abwicklung der völlig unkomplizierten Grenzformalitäten geht in Rekordzeit von statten. Auf dem kürzesten Weg begeben wir uns zum Meer. In der Ortschaft Al-Widayyat biegen wir von der Hauptstraße 1 ab. Schon als wir durch das kleine Dorf fahren wird deutlich, wie groß der Unterschied zu Dubai doch ist. Hier spüren wir noch die Jahrhunderte alte arabische Gastfreundschaft. Kinder rennen uns lachend durch die engen Gassen hinterher und die Erwachsenen, die hier noch einer Arbeit nachgehen, anstatt in klimatisierten Einkaufszentren die Zeit totzuschlagen, winken uns freundlich zu. Durch einige kleinere Dattelplantagen folgen wir einer holprigen Piste, bis sich vor uns ein nicht enden wollender Sandstrand ausbreitet. Endlich Ruhe! Keine Baukräne oder Wolkenkratzer mehr. Kein Lärm und keine Staus – nur das Meer, ein paar Fischerboote und langgezogene Palmenhaine, die bis dicht ans Ufer heran ragen. Begleitet vom Rauschen der Wellen als einzigem Hintergrundgeräusch bauen wir die Zelte im Schatten einer Palme auf.

Mit dem „Offroad Guide Oman“, einem exzellenten Reiseführer in englischer Sprache, stellen wir unsere Route für die kommenden Tage zusammen. Betrachtet man die Landkarte, so findet man schnell heraus, dass sowohl die landschaftlichen als auch die kulturellen Höhepunkte im Norden des Sultanats gelegen sind. Anstatt uns stur nach den sogenannten „Highlights“ zu orientieren, übernimmt der innere Kompass in den folgenden Tagen einen Großteil der Führung. Mal fahren wir in südliche Richtung und kurz darauf schlagen wir einen Kurs in eine völlig andere Himmelsrichtung ein, nur weil grüne Oasen oder unbefestigte Pisten ein verborgenes Geheimnis vermuten lassen. Wir erkunden die Bergwelt mit all den vielen majestätischen Forts und Festungen, die in nahezu jeder Ortschaft auf einer Anhöhe thronen. Sie stammen aus einer Zeit, als Gewürze zu den wertvollsten Handelsgütern gehörten und der Seeweg von Europa nach Indien hart umkämpft war. Westlich des höchsten Berges, dem Jebel Shams, staunen wir über die Aussicht auf den größten Canyon der Region. Über 1000 Meter fallen die Felsen steil in die Tiefe und öffnen die Sicht auf das zerklüftete Felsenmeer. Erstaunlich, wie es die Omanis trotz der schweren klimatischen Bedingungen schaffen konnten, dem Land Fruchtbarkeit abzuringen. In fast schon regelmäßigen Abständen kommen wir an üppig grünen Anbauterrassen und tief eingeschnittenen Wadis vorbei, in denen Datteln, Mangos, Zitrusfrüchte und Granatäpfel gedeihen. In einem der schönsten dieser Wadis, dem Wadi Shab, begeben wir uns auf stundenlange Entdeckungstour und folgen dem Wasserlauf durch eine tiefe, aber brütend heiße Schlucht. Nach gut vier Kilometern erreichen wir eine Höhle, in der sich unter zauberhaften Lichtverhältnissen ein kleiner Wasserfall ergießt. Es ist ein Ort mit soviel Magie, für den alleine sich schon eine Reise in den Oman lohnen würde. Neben den Landschaften sind es aber vor allem die von Offenheit und Toleranz geprägten Menschen, die uns begeistern. Nie kämen wir auf die Idee, dass sich jemand an den Motorrädern zu schaffen machen würde, wenn wir sie irgendwo abstellen und die gesamte Ausrüstung zurücklassen. Wie auch schon im Iran fühlen wir uns so sicher, wie in Abrahams Schoß. Jeweils einen Tag verbringen wir in der Oasenstadt Nizwa, der Seefahrerstadt Sur, wo noch immer die traditionellen Dhaus, die alten Handelsschiffe, gebaut werden und natürlich in der Hauptstadt Muscat. In den engen, nach Weihrauch duftenden Gassen der Souks, so sind wir uns einig, schlägt er am lautesten – der Puls aus 1001 Nacht.

SONY DSC
Oman – Traumhaftes Wadi Shab

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach knapp 2000 Kilometern die wir kreuz und quer durch dieses geheimnisvolle Land gefahren sind, brechen wir wieder in Richtung Dubai auf. Auch bei unserem zweiten Aufenthalt gelingt es der Glitzermetropole nicht ansatzweise, uns zu begeistern. Wir sind bei den unerträglichen Temperaturen einer Ohnmacht näher, als uns lieb ist. Die Abgase der Autos und Busse unterstützen zusätzlich den Garprozess. Im Minutentakt muss ich lauthals schreien. Ich verfluche alles und jeden: Die Hitze, den Stau, sämtliche Autofahrer, die in ihren klimatisierten Kisten hocken und die Versager, die für dieses nahverkehrstechnische Chaos verantwortlich sind. Mit aller Macht konzentriere ich mich darauf, dass mein Körper nicht versagt und der Vorhang fällt.

MoschedreiFrauen
Iran – unter dem schwarzen Schleier…

 

10Esfahan Mädchen
…verbergen sich meist weltoffene und sehr moderne Frauen

 

Bescheidenheit ist in Dubai nicht unbedingt eine Tugend, die man den Verantwortlichen für Städteplanung nachsagen könnte. Höher, schöner und vor allem teurer muss es sein. Angesichts nur relativ geringer Erdölreserven begann die Herrscherfamilie um Scheich Mohammed al-Maktoum schon früh damit, alternative Strategien zu entwickeln, die einen nachhaltigen Wohlstand unabhängig vom Schwarzen Gold sichern sollten. Man wollte die weltweite Nummer Eins der Business- und Tourismusmetropolen werden. Lange Zeit schien der Plan aufzugehen. Die ganze Welt rieb sich verwundert die Augen und Finanzinvestoren gerieten in Ekstase, wenn das Emirat immer neue Mega-Projekte vorstellte. Als am 15. September 2008 die New Yorker Investmentbank Lehman Brothers das Insolvenzverfahren einleitete, nahm der Abstieg Dubais seinen Lauf.

Iran Tanken
Mehr als einmal haben wir den Sprit geschenkt bekommen…
Esfahan Ntte Herren
Nette Händler auf dem Basar von Isfahan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn man sich durch die kilometerlangen Staus der sogenannten Prestigestraße Sheikh Zayed Road quält und alle paar Meter gezwungen ist, anzuhalten, dann hat man viel Zeit sich das Stadtbild näher anzuschauen. Genau dort, wo vor wenigen Jahrzehnten die Hütten der Perlenfischer im Wüstensand standen, säumen nun über endlose Kilometer Baukräne und unfertige Hochhausgerippe den Weg. Der Immobilienboom, auf dem in den letzten Jahren die ganze Wirtschaft des Landes beruhte, da das Tourismusgeschäft nur schleppend verlief, ist zum Erliegen gekommen. Vom sogenannten „Zauber des Orients“, mit dem die Tourismusindustrie die Urlauber anlocken will, fehlt jede Spur.

12VEA-Vor Burj al Arab
Vor dem Burj al Arab in Dubai – eine Stadt, die nie meine große Liebe wird

 

Die Organisation der Weiterreise über Saudi Arabien ist der einzige Grund, warum wir einen Aufenthalt in der Stadt einplanen. Obwohl man uns in der diplomatischen Vertretung der Saudis in Berlin versicherte, wir bekämen die Visa ohne Probleme in Dubai ausgestellt, erleben wir nun genau das Gegenteil. Ein unerträgliches Spiel auf Zeit beginnt. Wir geben unsere Visaanträge ab, man verspricht uns eine zügige Bearbeitung und bittet uns, am nächsten Tag nochmal vorstellig zu werden. Aus einem Tag wird eine ganze Woche. Jeden beschissenen Tag die gleiche demütigende Prozedur. Immer die gleichen Fragen und stets liegt der zur Bearbeitung gedachte Stapel Visaanfragen unverändert an derselben Stelle. Auch ein Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft bringt uns nicht weiter. Stattdessen immer neue Ausreden und Beschwichtigungsversuche, wir sollten morgen wieder kommen. Als man uns sagt, dass es so noch ein paar Wochen gehen könne – ohne die Garantie, ein Visum zu bekommen – reicht es uns. Ich bin so frustriert und angepisst, ausgerechnet in der grausigsten Stadt unserer Reise festzuhängen. Am liebsten würde ich über den Schalter springen und den Sachbearbeiter mit umgedrehtem Arm dazu zwingen, die Pässe abzustempeln. Während unsere Anträge allmählich unter einer dünnen Schicht Wüstensand verschwinden, sehen wir ein, dass es an der Zeit ist, uns Gedanken um eine alternative Reiseroute zu machen. Wir planen unsere Motorräder per Spedition auf dem Landweg nach Jordanien zu transportieren und selbst den Flieger dort hin zu nehmen. Doch die Finanzkriese macht uns einen Strich durch die Rechnung. So sehr wir auch nachforschen – nicht eine einzige Spedition hat mehr Kapazitäten frei. Selbst Umzugskartons sind in Dubai komplett vergriffen, da täglich hunderte von Arbeitern und Firmen fluchtartig das Land verlassen.

In Ermangelung einer Alternative kommen wir zu dem Entschluss, wieder die sündhaft teure Fähre über den Persischen Golf in den Iran zu nehmen. Ausgerechnet an einem Freitag, dem höchsten Feiertag des Islam, erreichen wir nach tagelangem Verschieben der Abfahrt die Hafenstadt Bandar Abbas. Nun heißt es warten. Im Schatten mehrerer Lkw machen wir es uns bequem und teilen Tee, Gebäck und Datteln mit einem guten Duzend iranischer Trucker. Am folgenden Tag beginnt der Zollmarathon, der uns weitere 24 Stunden kostet. Erst als unsere Zoll- und Seefrachtpapiere mit so vielen Stempeln und Unterschriften versehen sind, dass vermutlich selbst Hausmeister und Putzfrau gegengezeichnet haben, dürfen wir wieder in dieses großartige Land einreisen.

Soldaten in der Türkei
Soldaten in der Türkei

Kein anderes Ziel hat vor der Reise solch unterschiedliche Reaktionen in unserem Bekanntenkreis ausgelöst, wie der Iran. Diejenigen, die schon in der Welt herumgekommen sind, sangen wahre Lobeshymnen auf das alte Persien. Die überwiegende Mehrzahl meiner Bekannten und Freunde konnte mit dem Land jedoch nicht viel anfangen und um genau zu sein, gelang es den meisten noch nicht einmal, den Iran und den benachbarten Irak auseinander zu halten. Der Berichterstattung der Medien sei Dank, ist das Bild von Krieg, Terror, und hasserfüllten Extremisten, geprägt. Dass Gegenteil ist jedoch der Fall. Auch auf dem Rückweg sind wir wieder überwältigt davon, wie freundlich man uns willkommen heißt. Ob Polizisten, Mullahs oder die einfache Bevölkerung. Jeder winkt oder hebt anerkennend den Daumen. Es werden unzählige Einladungen ausgesprochen und man sucht das Gespräch mit uns. Wenn wir für einen kurzen Moment anhalten, um auf der Karte nach dem Weg zu schauen, bieten uns wildfremden Menschen Tee, Gebäck und ihre Hilfe an. Von religiösem Fanatismus keine Spur. Die Erfahrungen, die wir machen, decken sich überhaupt nicht mit dem Bild, dass einem in Deutschland vermittelt wird. Wir werden mit einer Gastfreundschaft konfrontiert, die uns in dieser Form schon peinlich berührt. Unweigerlich fragt man sich, wann wir es in Deutschland wohl verlernt haben, so unvoreingenommen und offenherzig auf andere Menschen zuzugehen? Wie würde man bei uns einem iranischen Reisenden begegnen? Zugegebenermaßen kenne ich die Antwort und sie macht mich nachdenklich.

9Iran - Überladung

Von Bandar Abbas geht es durch die Tiefebene in Richtung Shiraz und der alten Perserhauptstadt Persepolis. Nach etwa 300 Kilometern steigt die Straße in die Provinz Kerman allmählich an und wir lassen mit jedem Höhenmeter den Backofen weiter hinter uns. Kaum spürbar ändert sich die Kulisse. Erstmals wieder Anzeichen grüner Vegetation, die sich wie ein zarter Flaum über die Landschaft legt und binnen kurzer Zeit in üppige Graslandschaften übergeht.

 

 

 

Blühender Mohn im Iran
Blühender Mohn im Iran

In der Stadt Shiraz hat Carsten wieder mit erheblichen Vergaserproblemen zu kämpfen, die sich wie ein roter Faden durch die bisherige Reise ziehen. Wir lernen durch einen Zufall Hamit kennen, den ersten Motocrossprofi den das Land in den 70ern hervorgebracht hat. Ein bemerkenswerter Enthusiast, dessen ganze Familie sich voll und ganz dem Motorradsport verschrieben hat. Neben den unterschiedlichsten Rennaktivitäten betreibt seine Familie eine kleine Produktionsstätte für Zündspulen, die sie im Wohnzimmer des Hauses aus mehreren Einzelteilen zusammensetzt und landesweit versendet. Ersatzteile zu bekommen ist schwer in dem Land, in dem großvolumige Kräder seit einem Motorradattentat auf einen Geistlichen verboten sind. Für ein paar Tage sind wir Gäste in Hamits Haus. Er erzählt uns von seiner Liebe zum Motorradfahren, obwohl er als Kradmelder im Krieg gegen den Irak von der Maschine geschossen wurde. Er zeigt uns Bilder, auf denen er mit einer Enduro über Autos und brennende Fahnen springt. „So fing alles an“, sagt er lachend und kramt sich durch einen großen Karton voller Erinnerungen. Während wir drinnen Tee mit ihm trinken und seinen spannenden Erzählungen lauschen, diagnostiziert seine Frau, eine Ingenieurin, Carstens Motorrad. Dank Hamits Engagement werden im Iran heute sogar offizielle Motocrosswettkämpfe ausgetragen, die sich großer Beliebtheit erfreuen und von seiner bildhübschen Tochter dominiert werden. Sie hat den Religionswächtern ein Schnippchen geschlagen. Da es Frauen untersagt ist auf den öffentlichen Straßen des Landes zu fahren, hat sie auf die 250er Vollcrossenduro des Vaters umgesattelt und bewegt sich abseits davon. Hinter den hohen Mauern, die, wie im Iran üblich, das Haus vor zu neugierigen Blicken schützen, kann sie sich unverschleiert bewegen. Eine modische Kurzhaarfrisur, Jeans, Chucks und Nirvana T-Shirt sprechen für die Weltoffenheit. Wir sind völlig begeistert von der positiv durchgeknallten Familie und zu großem Dank verpflichtet, als wir uns nach einer tollen Zeit von den neu gewonnenen Freunden verabschieden.

Zelt Dattelplantage SONY DSC

P1080702 P1060393

 

 

 

 

 

SONY DSC
Fischer im Oman

 

Nach fünf Tagen erreichen wir die Provinz West-Aserbaidschan. Der Frühling hat mittlerweile auch in den Höhenlagen Einzug gehalten und der Landschaft einen bunten Anstrich verpasst. Bei Bazargan überqueren wir mit Blick auf den Berg Ararat die Grenze zur Türkei. Nach all den Wochen, durch Länder, in denen Alkoholkonsum unter Strafe steht, habe ich mich selbst des Öfteren dabei ertappt, Melodien verschiedener Bierwerbungen vor mich hin zu summen. Krombacher, Warsteiner oder Becks, ich scheine sie alle im Unterbewusstsein abgespeichert zu haben. Als uns in Doğubeyazit, bei der Fahrt zum Ishak-Pascha-Palast ein junger Bursche einen Flyer für einen Campingplatz in die Hand drückt, auf dem neben dem Anfahrtsweg eine Werbung für Efes Bier abgedruckt ist, bekomme ich verdammt nochmal eine Gänsehaut. Voll wie die Haubitzen feiern wir das Ende der Prohibition.

Da wir bereits auf dem Hinweg das Vergnügen hatten, die gesamte Mittelmeerküste der Türkei zu bereisen, entscheiden wir uns nun für die nördliche Route entlang des Schwarzen Meeres. Über Trabzon, Samsun und Sinop folgen wir der Küstenstraße. Dicht bewaldete Berglandschaften, fruchtbare Felder sowie felsiges Ödland wechseln sich so oft ab, dass man sich alle paar Kilometer in völlig anderen Klimazonen der Erde wähnt. Über die Bosporus-Brücke fahren wir wieder nach Europa und verabschieden uns wenige Kilometer später an der Grenze zu Bulgarien von der geheimnisvollen islamischen Welt.

SONY DSC
Dracula-Schloss in Bran – Transsilvanien
15Rumänien - Schäfer Transsilvanien
Schäfer in Siebenbürgen

 

Eine gute Reise wird in erster Linie von den Begegnungen geprägt, die sich unverhofft ergeben. Sie sind das Salz in der Reisesuppe. In der Stadt Brașov, tief im rumänischen Siebenbürgen, machen wir Halt bei einem Reifenhändler. Da die Lebenshaltungskosten im Land so niedrig sind, wollen wir schauen, ob es Sinn macht, schon jetzt Ersatzreifen zu kaufen. Der Geschäftsführer, der extra für uns einen wichtigen Termin absagt, telefoniert eine Weile und schreibt uns schließlich die Adresse zweier Freunde auf. Tinu und Marcel, zwei Brüder und Inhaber einer großen Baufirma, würden bereits auf uns warten. Sie seien in Deutschland aufgewachsen und ebenfalls begeisterte Motorradfahrer. Wir nehmen das Angebot dankend an und machen uns auf den Weg. Ich staune nicht schlecht, als wir auf den Hof der Firma Vectra Service fahren und sich herausstellt, dass die Butuza-Brüder ein großes Rallye-Team unterhalten. Nach einem Rundgang durch die heiligen Hallen, die jedes Bikerherz höher schlagen lassen, bekommen wir von den Pfundskerlen neue Reifen geschenkt und ich darf eine Runde auf einer KTM der aktuellen Rallye Dakar drehen. Sie vermitteln uns sogar an den Chefmechaniker des Teams, der den Vergaser an Carstens Motorrad fachmännisch repariert und das Problem somit ein für alle Mal behoben ist.

Überraschender Wintereinbruch in Rumänien
Überraschender Wintereinbruch in Rumänien

Gut gelaunt erreichen wir nach wundervollen Tagen in Rumänien den ukrainischen Grenzübergang nahe der Stadt Siret. Die Stimmung kippt, da die Grenzer unsere internationalen Zulassungsscheine nicht anerkennen. Leider sind diese nur in der Sowjetunion gültig, die seit fast 20 Jahren nicht mehr existiert. Den deutschen Fahrzeugschein, so stellt sich heraus, hat Carsten nicht dabei. „You can go! – You no!“, so die Grenzbeamtin, wobei sie erst mir und dann Carsten den Pass entgegenstreckt. Wir beschließen, ein paar Tage getrennter Wege zu gehen. Ich möchte unbedingt ein paar Freunde besuchen, die ich auf meiner Reise nach Shanghai kennengelernt habe. Außerdem fände ich es eine Schande, wenn das Visum für Weißrussland ungenutzt verfallen würde. In den polnischen Masuren, so unser spontan gefasster Plan, wollen wir uns dann wieder treffen. Obwohl wir beide von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt sind, bereue ich schon nach wenigen Minuten, sie getroffen zu haben. Zu unvermittelt die Trennung. Das plötzliche Fehlen meines Freundes schmerzt und beschert mir überdies ein ungutes Gefühl. Auf einem verlassenen Fabrikgelände schlage ich im Schutze der Dämmerung das Zelt auf. Als hätte ich es heraufbeschworen, bekomme ich in der gleichen Nacht ungebetenen Besuch. Sowohl der neue Satz Reifen als auch der teure Helm wechseln den Besitzer, während ich seelenruhig vor mich hin schnarche. Nachdem die frühmorgendliche Suche nach den Ganoven ergebnislos bleibt, mache ich mich ohne Helm wieder auf den Weg. Anfangs versuche ich, mir aus mehreren T-Shirts einen helmähnlichen Turban zu bauen. Es ist jedoch ziemlich naiv, zu glauben, so das Land mit den vermutlich meisten Polizeikontrollen durchqueren zu können. Nachdem ich zwei Mal binnen kürzester Zeit von den staatlich lizensierten Abzockern angehalten werde, habe ich die Schnauze voll. Ohne ins Detail gehen zu wollen beschaffe ich mir Ersatz und setze die Reise notgedrungen mit einer übel riechenden Plastikschale ohne jegliche Schutzfunktion fort.

Das Wetter wird schlechter und meine Gemütslage ist nach dem Diebstahl auf dem Nullpunkt angelangt. Ich fühle mich der Illusion beraubt, auf dieser Reise nur tollen Menschen zu begegnen. Mit einem Tiefdruckgebiet im Nacken, das über Tage sein Wasser auf mich entlädt, quäle ich mich in Richtung Polen. Erst als Carsten und ich uns nach fünf Tagen im polnischen Augustow um den Hals fallen, steigt das Stimmungsbarometer wieder.

SONY DSC
Berg der Kreuze in Litauen

 

Über die Masuren reisen wir ins Baltikum, ein Traumziel für Liebhaber melancholischer und verträumter Landschaften. Wer die Länder Litauen, Lettland und Estland in seiner ureigensten Form erleben möchte, der sollte abseits der Fernverbindungsstraßen reisen. Hier findet man, wie in nur wenigen Gegenden Europas, unberührte Natur aus dem Bilderbuch. Kleine verschlafene Dörfer, die nicht an das Netz asphaltierter Straßen angebunden sind und durch die, wie hinein gemalt, hier und da ein mit Heu beladener Pferdewagen rollt. Auf Windmühlen und Strommasten haben Störche ihre traktorreifengroßen Nester gebaut. Um einen perfekten Lagerplatz zu finden, müssen wir nicht lange suchen. Entlang der Küste führen überall unbefestigte Pfade in den Wald hinein, die nach wenigen hundert Metern an unberührten Ostseestränden enden.

Mit der Fähre setzen wir von Tallinn nach Helsinki über und fahren weiter in Richtung Polarkreis. Die Tage werden länger und die Temperaturen halten sich verlässlich auf einem T-Shirt freundlichen Level. Es ist schon beachtlich, wie viel es doch ausmacht, wenn man sich mit dem Motorrad auf einer längeren Strecke von Süd nach Nord bewegt. Mit jedem Kilometer ringen wir der Sonnenscheindauer wertvolle Sekunden ab. Verschwand das Licht am Persischen Golf schon früh am Horizont, so hat sich die Sonnenscheindauer gut sechs Wochen später, um ganze zehn Stunden erhöht. Am nördlichen Ende der Ostsee haben wir das Vergnügen, die Mitternachtssonne bei wolkenlosem Himmel genießen zu können. Ein Anblick, von dem wir uns nur schwer losreißen können. Wir verharren in stummer Faszination, als die Sonne rotglühend ins Meer sinkt und kaum das sie vollständig verschwunden ist, wieder als leuchtender Strich am Horizont erscheint. Ein neuer Tag beginnt, weniger als eine Zigarettenlänge, nachdem der alte sich verabschiedet hat.

SONY DSC

Am Postamt des Weihnachtsmannes, nahe Rovaniemi, durch das auch der Polarkreis verläuft, haben wir den nördlichsten Punkt der Reise erreicht. Nach einer Besichtigung der ganzjährig weihnachtlich geschmückten Amtstuben des Joulupukki, wie der Weihnachtsmann in Finnland heißt, schlagen wir wieder einen südlichen Kurs ein. Gut eine Woche fahren wir durch Schweden und Norwegen, bis wir den dänischen Seehafen in Hanstholm erreichen. Drei Tage zelten wir dort am Strand, bis die Fähre MS Norröna uns auf die Färöer Inseln und Island bringen wird.

17Polarkreis
Finnland – Am Polarkreis bei Rovaniemi

 

Dichter, undurchdringlicher Nebel verhüllt die Inseln im Nordatlantik und der abflachende Wind zeichnet immer neue Wellenmuster, als wir nach 35 Stunden in die Bucht von Tórshavn einlaufen. Ein tiefes, markerschütterndes Aufbrüllen des Nebelhornes verkündet selbst dem letzten Passagier an Bord, dass wir unser Ziel erreicht haben. Wir sind ein wenig enttäuscht, dass ausgerechnet jetzt, pünktlich zur Ankunft, nichts von der geheimnisvollen Fjordlandschaft zu sehen ist. Dabei hatte die Sonne seit unserer Abfahrt ohne Unterlass an einem wolkenlosen Himmel geschienen. Läge nicht dieser unverwechselbare Geruch von Salz und Tang in der Luft und würden nicht hunderte von Seevögeln zur Begrüßung das Schiff umkreisen, könnte man meinen, noch immer weit draußen auf hoher See zu sein.

 

 

20Fjorde Nordatlantik
Kurz vor der Ankunft auf Island

 

Der Zauber, den die Färöer Inseln bei diesem Kurzbesuch auf mich ausüben ist schwer zu beschreiben. Ich kann mich nicht satt sehen, an dem leuchtenden Grün, das sämtliche Inseln mit einem dichten Grasteppich überzieht. Selbst die Dächer der Häuser sind größtenteils mit Gras bewachsen. Wir machen zum ersten Mal Bekanntschaft mit den possierlichen Papageientauchern und bauen unsere Zelte an der Küste nahe Gjov und Syðradalur auf – Orte, die sich mit spektakulären Ausblicken gegenseitig übertreffen. Insgesamt verfügen die 18 Inseln über 463 asphaltierte Straßenkilometer. Als wir nach drei Tagen wieder an der Fähre ankommen und nahezu jeden Kilometer abgefahren haben, sind wir uns einig, dass die Färöer Inseln ein absolutes Highlight auf dieser Reise sind. Völlig unverständlich für mich, dass viele Islandreisende sich diesen Zwischenstopp entgehen lassen.

Nach gut einem viertel Jahr und über 25.000 Kilometern durch 23 Länder erreichen wir das Ziel unserer Reise – die Feuerinsel Island. Wir wollen soviel wie möglich von dem faszinierenden Land sehen. Die Vulkane, die Gletscher und die Geysire – all die wilden Urkräfte der Natur, die eindrucksvoll ihre Macht demonstrieren und das Gefühl vermitteln, Millionen Jahre zurück in die Schöpfungsgeschichte versetzt worden zu sein.

SONY DSC

Wir sind überwältigt von der Schönheit der Insel. Irgendwo, kurz vor Berufjördur an der Route 939, kommen wir an einem imposanten Wasserfall vorbei. Für Island eher unbedeutend, symbolisiert er für uns jedoch genau das, wonach wir uns in Dubai so gesehnt haben. Unser Herz macht einen Sprung, als wir die etwa 300 Meter von der Straße hinab zu dem Ort rennen, wo das Gletscherwasser in die Tiefe stürzt. Es ist laut. Wir müssen schreien, um gegen das ohrenbetäubende Tosen anzukommen. Immer wieder jubeln wir wie zwei kleine Kinder und springen nackt in das eisige Wasser, obwohl unsere Körper allmählich eine bläuliche Färbung annehmen.

 

 

 

SONY DSC
Färöer Inseln – Traumhafter Zeltplatz nahe Syðradalur

SONY DSC

An der Südküste fahren wir bei wechselhaftem Wetter, wie es sich für Island gehört, bis zum größten Gletscher Europas, dem Vatnajökull. An einem Gletschersee, abseits der Haupttouristenströme, finden wir den vermutlich spektakulärsten Zeltplatz unserer Reise. Nur einen Steinwurf von der Abbruchkante entfernt werden wir Zeuge, wenn gewaltige Eisbrocken ins Wasser kalben.

Wir sind unterwegs mehrmals mit den Auswirkungen der Finanzkrise konfrontiert worden und haben traurige Geschichten gehört. Einen positiven Effekt hat sie zumindest für uns: Die Preise auf der einst so teuren Insel sind dramatisch gesunken. In der Hauptstadt Reykjavik, wo ein Restaurantbesuch noch vor einem Jahr purer Luxus war, übertrumpfen sich heute dieselben Läden mit „All-You-Can-Eat“ Angeboten zum Schnäppchenpreis.

Dank eines isländischen Landrover-Clubs, den wir in den Westfjorden treffen, bekommen wir eine besondere Route ins Hochland empfohlen, die auf unserer Landkarte nicht eingezeichnet ist. Dass es sich angeblich um die anspruchsvollste Strecke handelt, kann ich nach drei Tagen durch tiefen Sand und über ein gewaltiges, erloschenes Lavafeld in Richtung Askia nur bestätigen. Wir sind völlig erschöpft und auch das Material ist müde, als wir nach unzähligen Flussdurchquerungen und Stürzen wieder asphaltierten Boden erreichen.

SONY DSC
Unterwegs an der Südküste Islands

 

SONY DSC

Nach 3000 Kilometern auf Island neigt sich eine traumhafte Reise dem Ende. Als ich auf dem Oberdeck der Fähre stehe und mir der Wind durch die Haare weht, beobachte ich, wie die Insel langsam im Nichts verschwindet. Wie an jedem Tag, höre ich mein persönliches Reiselied von Amy McDonald, dass all die kostbaren Erinnerungen in mir weckt. „This is the Life“ heißt ihr Song. Verdammt Recht hat sie…

 

 

 

 

 

Die ganze Geschichte in voller Länge kann man in meinem Buch nachlesen

MD_PETERS_OMAN_ISLAND_4.indd

 

 

 

 

 

 

 

Erhältlich in meinem Shop oder im Buchhandel

 

Tipps und Ausrüstung:

 

Motorräder: Die Frage nach dem optimalen Motorrad ist vermutlich so alt wie das Motorradreisen selbst. Für mich ist das optimale Motorrad ganz einfach jenes, mit dem man sich auf den Weg macht. Wir haben für die Reise zwei gebrauchte Yamaha XTZ 750 Super Ténéré, Baujahr 1994, für rund 1500 Euro im Internet ersteigert. Derzeit gibt es in Sachen Preis- Leistungs-Verhältnis sicherlich keine bessere Wahl auf dem Gebrauchtmarkt.

Technische Veränderungen: Die sogenannte »Schweizer Bedüsung« des Vergasers und ein höher gelegter Front Fender haben sich als sinnvoll erwiesen. Die super stabile Werkzeugrolle stammt aus dem Klempnerladen und das Lampenschutzgitter aus dem Malergeschäft. Bei mehr als 28 000 Kilometern, unter zum Teil extremen Bedingungen, hatte ich keinerlei signifikante Probleme und einen Kraftstoff-Verbrauch von etwa 5,5 Litern (bei diesem Motorrad ein traumhafter Wert). Der Ölverbrauch tendierte gen Null.

Benzinverbrauch: Was an Benzinkosten letzten Endes zusammenkommen würde, habe ich im Vorfeld ausgerechnet. Im Internet findet man die aktuellen Benzinpreise der jeweiligen Länder, die man mit den zu erwartenden Entfernungen und dem Verbrauch des Motorrades verrechnet. Bei einem durchschnittlichen Spritpreis (Türkei 2 Euro – Iran 7 Cent) von 75 Cent pro Liter würden so also Benzinkosten von etwa 1000- 1200 Euro auf uns zukommen.

Klima/Reisezeit: Sicherlich sind die Wintermonate für Reisen in den Oman und die VEA am besten geeignet. Wer jedoch die eigene Anreise plant, der muss die hohen Berge Anatoliens und des Irans berücksichtigen, wo es auch im Frühjahr noch empfindlich kalt werden kann (wir bewegten uns über 4000 Kilometer auf einer Höhe von 1500-2500 Metern). Im Iran hatten wir zwischen dem Norden und dem Süden Temperaturunterschiede von 50 Grad. Für Island und die Färöer-Inseln sind die niederschlagsärmeren Sommermonate die optimale Reisezeit. Trotzdem bleibt das Wetter dort Glücksache. Ein Freund, der kurz nach uns auf der Insel war, litt drei Wochen am Stück unter Dauerregen und einstelligen Temperaturen.

Übernachten: Wir haben fast ausschließlich wild gecampt, was nie ein Problem darstellte (sieht man mal von dem Diebstahl in der Ukraine ab). Lediglich in den sehenswerten Städten und wenn wir eingeladen wurden – was in der islamischen Welt häufig vorkommt – hatten wir ein festes Dach über dem Kopf.

Fähren: Wir haben auf dieser Reise diverse Fähren auf unterschiedlich langen Strecken nehmen müssen. Je nach Fährgesellschaften und Reisezeit können die Preise stark schwanken. Wer mit dem iranischen Monopolisten »Oasis Freight Agency« die Straße von Hormuz überqueren möchte, der sollte viel Zeit, starke Nerven und genug Geld mitbringen.

Geld: Im Iran unbedingt ausreichend Bargeldreserven mitnehmen. Kreditkarten werden nirgends akzeptiert und auch Geldautomaten stehen Touristen nicht zur Verfügung. Ansonsten kommt man überall mit der normalen EC-Karte klar.

27 Feb

Von Köln nach Shanghai – die Reise, die mein Leben verändert hat

 Cologne – Shanghai

Es gibt so Tage, da würde man sich am liebsten aufs Motorrad setzen und einfach wegfahren. Abhauen ins Abenteuerland, ans andere Ende der Welt. Ohne Flieger und ohne Fähre, jeden Kilometer hart erarbeiten. Shanghai ist so Ziel, allein schon weil der Name nach Abenteuer klingt, nach ganz weit weg. Irgendwann, nach viel Träumerei, kam der Punkt, da nahm ich mir einfach die Zeit. Ich beantragte die nötigen Visa, ersteigerte mir bei Ebay für 1432 Euro eine alte Yamaha XTZ 660 Ténéré und begab mich zusammen mit meinem Freund Alain auf eine spannende Reise.

Im mongolischen Altaigebirge

 

Zufrieden schnurren die betagten Einzylinder unter uns, als wir Deutschland hinter uns lassen. Über Österreich reisen wir nach Ungarn. Entlang leuchtend gelber Sonnenblumenfelder, die sich schier endlos über den Horizont erstrecken, fahren wir immer weiter in Richtung Osten. Schnell sind die festgelegten Strukturen des Alltagslebens durch ein berauschendes Feeling ersetzt, dass ich als Freiheit und Spontanität bezeichnen würde. Alles, was wir in den nächsten Monaten zum Leben brauchen, ist in je zwei Metallkoffern und einer Gepäckrolle untergebracht. Befreiend das Gefühl, sich auf das wirklich Notwendigste beschränken zu müssen.

Der erste schwere Defekt im Donbas - Ukraine
Der erste schwere Defekt im Donbas – Ukraine
Neue Freunde in Mariupol in der Ukraine
Neue Freunde in Mariupol in der Ukraine

Das eigentliche Abenteuer beginnt in der Ukraine. Die Straßen werden schlechter und die Polizeikontrollen, für die das Land so berüchtigt ist, lassen sich pro Tag kaum noch an einer Hand abzählen. Auch die Begegnungen mit den Menschen werden intensiver. Das Interesse an zwei Motorradreisenden aus Deutschland ist höher, als ich es aus anderen Ländern Europas kenne. Wenn wir ausnahmsweise nicht im Zelt übernachten, sondern es uns in kleine Pensionen oder Truckerhotels verschlägt, stehen wir sofort im Mittelpunkt des Interesses. Wir werden auf die unterschiedlichsten Feiern eingeladen, nehmen am pulsierenden Leben teil und bekommen dabei ein Glas Wodka nach dem anderen vor die Nase gestellt. Ukrainer trinken gerne und viel. Wir machen die schmerzhafte Erfahrung, dass die Weiterfahrt am Morgen nach den Begegnungen stets mit einem üblen Kater verbunden ist.

 

Strand am Schwarzen Meer
Strand am Schwarzen Meer

Von Odessa aus folgen wir der Schwarzmeerküste über die Halbinsel Krim bis in die Hafenstadt Mariupol. Ausgerechnet an einem Ort, wo man sich eigentlich nicht länger als nötig aufhalten möchte, hängen wir eine Woche fest. Meine Kupplung hat es erwischt und wir müssen Ersatzteile aus Deutschland einfliegen lassen. Doch die Wartezeit wird dank der Freunde, die wir dort gewinnen, zu einem echten Highlight.

Den Blick nach vorne gerichtet, erreichen wir nach knapp 5000 Kilometern die Grenze zu Russland. Wir hatten große Bedenken, wie man uns speziell in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad begegnen würde. Schließlich haben die Deutschen vor rund 60 Jahren Tod und Verderben über die Stadt gebracht. Umso überraschter sind wir, als wir von allen Seiten herzlich begrüßt werden. Noch immer verkörpert die Stadt auf beklemmende Art und Weise den Schrecken des Krieges und die Spuren der großen Schlacht sind allgegenwärtig. Das absolute Highlight Wolgograds ist die Koloss-Statue „Rodina mat sowjot!“, („Mutter Heimat ruft!“). Von weitem sichtbar thront sie auf dem damals heftig umkämpften Mamajew-Hügel und reckt ihr Schwert 84 Meter in den blauen Himmel empor.

 

Unvergesslich: Wodkaregal in einem russischen Supermarkt
Unvergesslich: Wodkaregal in einem russischen Supermarkt
KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
„Mutter Heimat“ im ehemaligen Stalingrad (heute Volgograd)

 

Hinter Wolgograd gehen die üppig grünen Wiesen und landwirtschaftlichen Anbauflächen in spärlichste Vegetation über. Es dominiert das verbrannte Gelbbraun der Halbwüste und Trocken­steppe, die sich ab hier wie ein Gürtel durch ganz Zentralasien zieht. Wir spüren die Einsamkeit und Weite, die nun vor uns liegt.

In der als „Venedig des Ostens“ bezeichneten Stadt Astrachan am Kaspischen Meer ereilt uns ein weiterer Schicksalsschlag. Wieder ist die Kupplung Schuld. Scheinbar habe ich beim Einbau der neuen Kupplungsscheiben trotz eines Ölwechsels und gründlicher Reinigung irgendwelche winzigen Fremdkörper übersehen. Diese haben das Ausrücklager, ein Nadellager von der Größe einer Euromünze zerstört, wodurch sich das Motorrad nicht mehr schalten lässt. Wieder finden wir eine Yamaha-Werkstatt. Dieses Mal soll die Ersatzteillieferung jedoch noch wesentlich länger dauern. Wir sind am Boden zerstört und können nicht fassen, dass wir schon wieder vom Schicksal ausgebremst werden. Doch es kommt noch schlimmer! Als wir im Hotel ankommen, will man uns zunächst den Aufenthalt verweigern, da wir uns bislang noch nicht vorschriftsmäßig bei der Immigrationsbehörde haben registrieren lassen.

Wenn man eines auf Reisen lernt, dann, dass sich jedes Problem lösen lässt und es selbst in den schwierigsten Situationen immer irgendwie weiter geht. In einer Bar lernen wir durch Zufall Sergeij kennen, einen ehemaligen Elitesoldaten der heute sein Geld damit verdient, „Geschäfte“ zu machen, wie er selbst sagt. Im Verlauf unseres Gesprächs schildere ich ihm unsere problematische Situation und lege ihm meinen Reisepass vor, an dessen letzte Seite das Registrierungsschreiben geheftet ist. „Nijet Problem!“, verkündet er nach einem kurzen Blick darauf und hebt sein Glas. „Kein Problem? Wir können uns beide nicht vorstellen, wie uns ausgerechnet dieser tätowierte Schrank von der Russenmafia helfen soll. Doch wir tun ihm Unrecht, denn Sergeij kann uns helfen – und wie.

Cologne-Shanghai07-27-2006 13-10-50 KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

„Hier, sucht euch einen aus. Die sind alle echt“, fordert er uns eine Weile später in seiner Villa auf, als er eine Schachtel mit Stempeln darin öffnet. Um auf eventuelle Fragen an der Grenze vorbereitet zu sein, lässt er uns wissen, dass wir nun als offizielle Sachverständige für historische Ikonenbilder im Lande sind. Als wir uns von ihm verabschieden, fragt er noch, in welcher Werkstatt unsere Motorräder stünden. Nichts ahnend geben wir ihm auch diese Information. „Keine Sorge, ich kümmere mich darum“, antwortet er. Wir trinken noch ein „Wässerchen“ mit ihm, dann fährt uns sein Chauffeur zurück zum Hotel.

Wo geht's lang???
Wo geht’s lang???

Als wir anderntags zur Werkstatt kommen trauen wir unseren Augen nicht. Meine Ténéré steht tatsächlich repariert vor der Tür. Der Werkstattbesitzer klärt uns auf: Noch in der Nacht wurde er von einer einflussreichen Person „gebeten“, das Problem zu lösen. Mit zwei Mechanikern hätten sie ein passendes Ersatzteil aus einem neuen Yamaha-Außenbordmotor aus- und in meine Kupplung wieder eingebaut. Als ich nach der Rechnung frage winkt er ab und sagt, die Sache sei bereits erledigt. Ich muss an Sergeij denken. Spasiba, danke, alter Freund!

Kasachstan, eines der größten Länder der Erde, liegt Ehrfurcht erweckend vor uns. Das Klima in der ehemaligen Sowjetrepublik ist mit minus 50 Grad im Winter und plus 50 im Sommer kontinentaler als irgendwo sonst auf der Erde. Auf Straßen, die diese Bezeichnung beim besten Willen nicht verdient haben, durchqueren die Hungersteppe, eine Region, die die Kasachen ehrfurchtsvoll Be-Pak-Dala nennen – die böse Ebene. 4000 Kilometer, eine gewaltige Strecke, die immerhin der Entfernung von Helsinki bis Bagdad entspricht, liegt in diesem Land vor uns. Daran, was wohl passieren mag, wenn das Motorrad hier wieder den Geist aufgibt, will man wirklich nicht denken.

 

Einer von zahllosen Stürzen in der Hungersteppe
Einer von zahllosen Stürzen in der Hungersteppe

Nur noch selten sehen wir Menschen. Erstmalig auf dieser Reise sind wir der Zivilisation vollständig entkommen. Mitten im Nichts begegnen uns dafür die ersten Kamele. Mit dem eigenen Motorrad so weit gefahren zu sein, dass man auf diese Tiere trifft, ist ein wirklich groteskes Gefühl. Anfangs kommen sie nur vereinzelt vor, doch schon nach kurzer Zeit entdecken wir Dutzende von ihnen, die sich, wie an einer Schnur gezogen, entlang des flimmernden Horizonts bewegen.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Im Süden Kasachstans lassen wir die erbarmungslose Steppe endlich hinter uns. Allmählich steigen die ersten Hügel zum majestätischen Tien-Shan-Gebirge an. Wir passieren die kirgisische Grenze. Irgendwo hinter der Ortschaft Sary-Bulak biegt eine unscheinbare Straße zum Sonköl-See ab. Der Hochgebirgssee leuchtet in der Sonne und die weißen Jurten der Nomaden stehen wie Champignons im Steppengrass. Ein Ort, schöner als jeder Traum, dessen Anblick mir in diesem erhabenen Moment Freudentränen in die Augen treibt. In dieser friedlichen und stillen Welt kommen wir bei einer Nomadenfamilie unter, lernen die gewöhnungsbedürftige Nomadenküche kennen und erklimmen mit unseren alten Ténérés in den folgenden Tagen mehrere, bis zu 5000 Meter hohe Gebirgspässe. Auf nicht asphaltierten, scheinbar endlosen Kehren, überqueren wir das Himmelsgebirge.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

Um in die Mongolei einreisen zu können steht uns ein großer Umweg bevor. Wir fahren zurück nach Kasachstan, wo wir das ehemalige Atomwaffentestgelände von Semipalatinsk durchqueren müssen. Weiter geht es durch Sibirien. Auf traumhaften Straßen folgen wir den Ausläufern des Altaigebirges bis zur mongolischen Grenze.

Die Mongolei zu durchqueren gehört sicherlich zu den aufregendsten Dingen, die man mit dem Motorrad anstellen kann. Die Weite und die Stille in dem am dünnsten besiedelten Land der Erde sind unbeschreiblich. Hektik und Ungeduld werden belanglos, wenn man tagelang keinen geschlossenen Raum betritt.

Auf staubigen Pisten, die größtenteils vom Wind geschaffen wurden, nähern wir uns der mongolischen Hauptstadt. Das Land fordert uns. Hitze, Kälte und Stürze sind unsere täglichen Begleiter. Wir durchqueren Flüsse und quälen und durch endlose Tiefsandpassagen der nördlichen Ausläufer der Wüste Gobi.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
Ankunft in Ulan Bator

 

 

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
Endlich wieder Asphalt…

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, um uns zu überlegen, wie es nun weitergeht. Unterwegs hat sich herausgestellt, dass die Einreise nach China mit den Motorrädern viel kostspieliger sein wird, als erwartet. Zusätzlich müssten wir einen chinesischen Führerschein machen und einen Aufpasser bezahlen, der uns Tag und Nacht nicht von der Seite weicht. Als Alain mir kurz vor Ulan Bator ins Motorrad fährt und durch unseren schweren Sturz der Rahmen seines Motorrades bricht, liegt die Entscheidung nahe, die Reise ohne die Kräder fortzusetzen.

Wir fühlen uns wie zwei Verräter und unseren Herzen bluten, als wir sie auf dem Fahrzeugmarkt der Hauptstadt verkaufen – für denselben Preis, den wir zuvor in Deutschland bezahlt haben.

Die wenigen verbleibenden Kilometer legen wir mit der Transsibirischen Eisenbahn und zum Teil sehr abenteuerlichen Transportmitteln fort. Überglücklich und stolz erreichen wir nach insgesamt einem Vierteljahr und 17.000 Kilometern die Millionenmetropole Shanghai. Eine Reise wie ein Rausch endet dort. Auch wenn wir ein ums andere mal durch Pannen ausgebremst wurden, so hat sich doch gezeigt, dass sich gerade daraus die intensivsten Kontakte zu anderen Menschen ergeben. Diese unverhofften und nicht planbaren Begegnungen sind das Salz in der Reisesuppe.

 

Shanghai - am Ziel unserer Reise
Shanghai – am Ziel unserer Reise

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Die ganze Geschichte gibt es in meinem Buch „Cologne-Shanghai“ zu lesen:

Cover Peters

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erhältlich im Shop und im Buchhandel – bald auch als Ebook erhältlich

 

 

Reise Info:

 

Motorräder: Die Frage nach dem optimalen Motorrad ist vermutlich so alt, wie das Motorradreisen selbst. Für mich ist das optimale Motorrad ganz einfach jenes, mit dem man sich auf den Weg macht. Wir haben für die Reise zwei gebrauchte Yamaha XTZ 660 Ténéré für rund 1400 Euro im Internet ersteigert.

Tanken: Inklusive unserer 10-Liter-Reservekanister für Notfälle betrug die Reichweite unserer Motorräder gut 500 km. Da man in einigen asiatischen Ländern den Sprit aus Eimern oder Gießkannen direkt in den Tank gegossen bekommt, ist es unbedingt zu empfehlen, ein spezielles Sieb mitzunehmen, dass man in die Tanköffnung steckt, um grobe Verunreinigungen fernzuhalten. Die Qualität des Kraftstoffs ist mitunter trotzdem miserabel (72 Oktan, anstatt 95-98 Oktan, wie in Deutschland üblich.

Klima: Die Temperaturen reichten, in der Zeit in der wir unterwegs waren, von über 40° bis unter 0°. Die optimale Reisezeit ist von Mai bis September. Davor und danach kann das Wetter mit bösen Überraschungen aufwarten.

Übernachten: Überwiegend im Zelt. Dies ist kostensparend und an fast allen Orten völlig unproblematisch. Hotels in Großstädten sind unverschämt teuer.

Verständigung: Wer will und kann, sollte sich zumindest ein paar Worte Russisch aneignen. Erstaunlich wie weit man kommt, wenn man Land und Leuten auf diese Art seine Wertschätzung entgegenbringt. In vielen Fällen ist Deutsch sogar verbreiteter als Englisch.

Registrierung Russland: Nach unserer Reise trat eine neue Regelung in Kraft, die das Reisen in Russland erheblich vereinfachen. Die Registrierung erfolgt nunmehr bei der Immigrationsbehörde (FMS) oder auf jedem Postamt.

Lektüre und Karten: Ich empfehle die Karten von Reise Know-How und die Reiseführer von Lonely Planet.

Wer mehr über diese Reise lesen möchte, dem sei das spannende Buch empfohlen, dass ich darüber geschrieben habe:

Cologne – Shanghai“, 224 Seiten, 30 Farbfotos, Paperback, Schardt Verlag Oldenburg, ISBN: 978-3-89841-382-4, 12,80 Euro, www.cologne-shanghai.de

 

 

20 Feb

USA – Alaska

Die letzte Grenze

Alaska – das ist weit mehr als nur ein geografischer Begriff. Der nördlichste Bundesstaat der USA steht vielmehr für ein unverwechselbares Synonym grenzenloser Freiheit und Abenteuer. Dieses raue Land, mit dem Motorrad zu bereisen, heißt in verschwenderische Schönheit abzutauchen und dabei eine Wildnis zu erleben, die einen zuweilen auch auf eine harte Probe stellen kann.

2 Februar
Alaska – auf dem Denali Highway

 

Vorhang auf für Mutter Natur: Als ich am Morgen das Zelt öffne, das ich am Abend zuvor noch im Schneeregen aufgebaut habe, werde ich vom majestätischen Anblick der Berge beinahe erschlagen. Unsere Motorradreise durch Alaska beginnt mit einem Paukenschlag! Dabei handelt es sich nur um ein paar vergleichsweise kleine Berge, die sich wie schneebedeckte Scherenschnitte vor dem blauen Horizont abzeichnen. In Alaska angekommen zu sein, alleine dieses Gefühl, treibt mir eine Gänsehaut auf den Rücken, die nicht von der Kälte herrührt.

Der Denali Nationalpark ist unser erstes fest gestecktes Ziel. Über Tok-Junction fahren mein Freund Alain und ich zunächst über den Glenn Highway nach Süden, um im weiteren Verlauf wieder nach Norden auf den Richardson Highway abzubiegen. Nach etwa 250 Kilometern erreichen wir nahe der Ortschaft Paxon eine Kreuzung, an der die wohl schönste Straße in Zentral-Alaska abzweigt: der Denali Highway. Von Beginn an verläuft dieser entlang des Südhangs der Alaska-Range durch einsame Tundra-Regionen und gewährt uns spektakuläre Aussichten. Links und rechts des Weges eine Weite, die nur schwer zu begreifen ist. Bei dieser Geröll-Piste von einem „Highway“ zu reden, das ist zwar ziemlich weit her geholt, dennoch würden diejenigen, die ihn bereits einmal gefahren sind sicherlich ohne Zögern ihre Unterschrift unter die Behauptung setzen, das es eine der landschaftlich schönsten Straßen des nördlichsten US-Bundesstaates ist.

Über viele Jahre war der Denali Highway die einzige Zufahrtsstraße zum Denali Nationalpark, Alaskas größter Touristen Attraktion. Als dann im Jahr 1971 die Bauarbeiten an dem „Anchorage-Fairbanks Highway“ abgeschlossen waren, wurde die 218 Kilometer lange, kaum befahrene Piste sich selbst überlassen und geriet in Vergessenheit. Aufgrund der schlechten Beschaffenheit ist diese Traumstraße für gemietete Fahrzeuge aller Art ein verbotener Genuss. Dies ist aber glücklicherweise auch der Grund dafür, dass man die Einsamkeit in Ruhe genießen kann.

Denali Nationalpark in Alaska

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und irgendwann liegt er vor uns. „Der Große“, wie die Ureinwohner den Mount Denali nennen. Bedingt durch seine enorme Präsenz ist der eisige Gigant schon aus großer Entfernung zu sehen. Der Mount Denali liegt inmitten des gleichnamigen Nationalparks und markiert mit 6194 Metern den höchsten Punkt Nordamerikas. Damit das sensible Ökosystem nicht beeinträchtigt wird, darf man den Nationalpark nicht mit dem eigenen Fahrzeug, sondern nur in den bereitgestellten Bussen der Parkverwaltung befahren. Hier empfiehlt es sich, sehr früh aufzustehen, um möglichst den ersten Bus zu ergattern. Schon kurze Zeit nachdem der Park seine Pforten öffnet kann es eng werden an den verschiedenen Haltestellen und plötzlich wird die Natur zur Nebensache. Für uns fühlt es sich dennoch erbärmlich an, auf dieser Motorradreise in einen Bus gepfercht zu sein. Daher beschließen wir unterwegs auszusteigen und einen Teil der Strecke zu Fuß zu erkunden. Wir entfernen uns also von der Ringstraße und wandern über zwanzig Kilometer entlang eines hohen Bergkammes mitten durch völlig unberührte Natur.

20120619-IMG_9093

 

 

 

 

 

 

 

 

 

20120621-IMG_9589 (2)

 

In den nächsten Tagen spielt das Wetter die tollsten Kapriolen. Es ist wirklich wie verhext. Wenn wir uns entscheiden, irgendwo einen Tag zu bleiben, ist es beinahe 20 Grad warm. Eigentlich perfekt. Sobald wir dann aber wieder auf den Motorrädern sitzen, schafft es das Thermometer nur noch mit Mühe und Not über den Gefrierpunkt zu steigen. Sonnenschein, Nebel und Schneeregen wechseln sich beinahe im Stunden Takt ab. Wenn man das Zelt mit steif gefrorenen Fingen auf und am anderen Morgen im Regen wieder einpacken muss, dann hält sich die Begeisterung in Grenzen.

 

20120618-IMG_0235Vom Denali Nationalpark fahren wir weiter gen Süden. Wir verbringen zwei Tage in dem Aussteigerdorf Talkeetna und peilen als nächstes die Kenai Halbinsel an der Südküste an. Das „Cook Inlet“ trennt besagte Halbinsel vom Festland Alaskas. Am östlichsten Zipfel dieses Meeresarmes zweigt die kleine Portage Glacier Road vom Steward Highway ab und führt weiter in Richtung Whittier. Auf dem Weg dorthin sieht man irgendwann ein paar Eisbrocken im Fluss links neben der Straße treiben. Völlig unvermutet steht man plötzlich vor einem der schönsten Postkartenmotive, die ganz Alaska zu bieten hat. Nur wenige hundert Meter entfernt kalben der Portage- und Burns Gletscher in den kleinen See, auf dessen Oberfläche sich die vielen Eisbrocken spiegeln.

Alaska Gletschersee

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein paar hundert Meter weiter reihen wir uns in eine lange Schlange wartender Autos ein. Um den kleinen Ort Whittier zu erreichen, muss man einen einspurigen Eisenbahntunnel durchqueren, der auf vier Kilometern Länge die Chugach Mountains durchhöhlt. Gerade als mein Freund nach quälend langer Wartezeit endlich die Ampel passiert, schaltet diese auf Rot um. Nun gut, denke ich mir, ehe wir uns verlieren, verstoße ich lieber gegen die Verkehrsordnung. Wird wohl keiner sehen… Kaum habe ich mit einem kräftigen Zug am Gas den Rotlichtverstoß begangen, ertönt hinter mir ein Geräusch, das ich aus vielen Filmen kenne. Im Rückspiegel sehe ich das rot blau flackernde Signallicht eines Streifenwagens, das mir unmissverständlich klar macht, anzuhalten. „Oh nein“, denke ich und stelle mich auf ein sündhaft teures Bußgeld ein. Es ist das erste Mal, dass ich auf der nun bereits über 30.000 Kilometer langen Reise durch Nordamerika von einem Cop angehalten werde. Reumütig gebe ich mein Fehlverhalten zu und versichere dem grimmigen Kleiderschrank, dass ich es nie wieder tun werde. Als ich auf seine Frage nach meiner Herkunft mit „Germany“ antworte, nimmt er seine Sonnenbrille ab und grinst. Ganz stolz sagt er den einzigen Satz auf, den er in meiner Sprache akzentfrei sprechen kann: „Ein Bier bitte Fräulein“. Ich muss herzlich lachen. Dann berichtet er mir noch von seinen deutschen Großeltern und einer Reise, die er als Kind ins Land seiner Vorfahren machte. Es ist nicht das erste Mal, dass mir unterwegs auffällt, was für ein unglaublich positives Bild die Amerikaner doch von Deutschland haben. Wir plaudern kurz, ehe er seine Oakley Brille wieder über dem grimmig wirkenden Schnäuzer in Position schiebt. Mit dienstlicher Stimme verabschiedet er mich: „Ok Sir. I give you a warning!“ Dann darf ich unbehelligt weiterfahren.

IMG_0218 IMG_3447 20120624-IMG_9868

Whittier gehört zu den eher unspektakulären Orten Alaskas. Hier legen eigentlich nur Fähren und Kreuzfahrtschiffe an und gut betuchte Touristen steigen in den Denali Express, der von hier aus direkt zum Nationalpark führt. Nur wenige bleiben in dem Städtchen. Da es bereits zu spät ist, umzukehren und der Tunnel bereits geschlossen wird, suchen wir nach einer Zeltmöglichkeit. Das einzige was wir finden, ist ein herunter gekommener Campground am Whittier Creek. Als wir unsere Zelte dort aufschlagen, herrscht plötzlich wilde Aufregung unter den anderen Campern. Einige von ihnen haben plötzlich eine Waffe in der Hand. Der Grund: ein Grizzlybär, der nur wenige Meter entfernt am Ufer des tosenden Schmelzwasserbaches entlang trottet.

In gewisser Weise gewöhnt man sich im hohen Norden Amerikas zwar irgendwann an die Tiere, doch 100 %ig entspannt legt man sich eigentlich nie in den Schlafsack. Wer einmal in der Wildnis im Zelt geschlafen hat, wird sicherlich festgestellt haben, dass es noch immer so wie in Kindheitstagen ist. Ständig hört man irgendetwas. Äste knacken, die Bäume knarzen oder man vernimmt irgendein anderes verdächtiges Geräusch. In einem Gebiet in dem Bären leben, nimmt man das alles noch viel intensiver wahr!

21 - wer in Alaska und Kanada unterwegs ist trifft viele Bären

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerade zu Beginn der Reise durch „Bear Coutry“, vor ein paar Wochen, wurden wir nachts immer wieder wach. Man ist sich sicher, dass irgendetwas um die Zelte schleicht. Meistens bildet man sich das Ganze sicherlich nur ein, doch in einer Nacht im Norden von British Columbia wurden wir von einem Geräusch geweckt, das erheblich lauter war als alle anderen zuvor: Ein Röcheln und Schnaufen gefolgt von einem lauten Kratzen – nur wenige Meter entfernt. Stocksteif liegt man in einem solchen Moment im Schlafsack und sagt kein einziges Wort. Man weiß ganz einfach, wer oder was da draußen ist und man hat eine schreckliche Angst.

Mit Scherzen überdeckt man am nächsten Tag den nächtlichen Schrecken. Man ertappt sich dabei, einen Vorwand zu suchen, die nächste Nacht im Motel zu verbringen. Zum Glück haben wir das nie gemacht. Vielleicht hätten wir für den Rest der Reise eine feste Unterkunft gesucht und aus Furcht auf das verzichtet, was eine solche Reise doch erst ausmacht: die Freiheit das Abenteuer und die dazugehörigen Unwägbarkeiten.

 

Von Whittier brechen wir weiter nach Seward, Homer und den Ort Kenai auf. Drei lohnenswerte Ziele am Meer, wo man tolle Campingplätze mit ebensolcher Aussicht findet. Auf der Fahrt dorthin, entlang des Kenai River sehen wir besonders viele Bären, die sich neben unerschrockenen Anglern die beste Plätze zum Lachsfischen suchen. Hier im Süden macht das Motorradfahren ganz besonders viel Spaß, da viele Kurven und dichte Wälder für Abwechslung sorgen. Auf der Kenai Halbinsel zeugen immer wieder orthodoxe Kreuze auf alten Kirchen vom russischen Erbe Alaskas, das bis ins Jahr 1867 noch zu Russland gehörte und dann für 7,2 Million US-Dollar an die USA verkauft wurde.

Auch die berühmtesten und größten der insgesamt 100.000 Gletscher findet man an der Südküste Alaskas. Als idealer Ausgangspunkt für die unterschiedlichsten Erkundungstouren soll sich die kleine Hafenstadt Valdez anbieten, östlich der Halbinsel gelegen. Da die Fähre dorthin wegen eines Motorschadens auf unbestimmte Zeit ausgefallen ist, nehmen wir einen 600 Kilometer langen Umweg mit den Motorrädern in Kauf. Doch die Fahrt lohnt sich, denn die 4000 Seelengemeinde Valdez ist meiner Meinung nach der schönste Ort Alaskas und in unmittelbarer Nähe sind gleich fünf große Gletscher gelegen. Drei Tage lassen wir dort unsere Motorräder stehen und erkunden die Eisriesen zu Lande, zu Wasser und aus der Luft.

 

Wir beginnen unser Programm mit einer Bootstour durch den berühmten Prince William Sund, wo sich vor dreizehn Jahren mit dem Untergang des Öltankers Exxon Valdez eine Umwelttragödie verheerenden Ausmaßes abspielte. 42.000 Tonnen Rohöl ergossen sich damals ins Meer. Über 2000 km der Küste wurden verseucht. Hunderttausende Seevögel, Fische und Meeressäuger verendeten qualvoll als direkte Folge einer der schlimmsten Ölkatastrophen aller Zeiten. Man befürchtete damals, dass sich die Natur niemals von dieser schrecklichen Ölpest würde erholen können. Doch es ist erstaunlich, wie gut und vor allem wie schnell sich das maritime Leben regenerieren konnte. Bei einer Fahrt durch den Sund kann man zahlreiche Delfine, Robben, Seelöwen, Seeotter und Wale sehen, die in den nährstoffreichen Gewässern längst wieder zuhause sind.

20120627-IMG_1463 20120627-IMG_1423

 

 

 

 

 

Erik Peters

Vor der Kulisse der 900 Meter breiten und knapp 60 Meter hohen Eiswand des Mears Gletschers wirkt selbst unser Ausflugsschiff wie ein kleines Gulliver-Boot, das sich in die Welt der Riesen verirrt hat. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Tosen stürzen ab und an Hausgroße Eisbrocken ins Meer. Ein grandioses Schauspiel, dass man sich nicht entgehen lassen sollte.

Da Alaska aus der Vogelperspektive zu erleben zu den Dingen gehört, die man sich nicht entgehen lassen sollte, sitzen wir anderntags in einem Hubschrauber und lassen uns von Leigh zu den schönsten Orten fliegen. Die sympathische Hawaiianerin hat hier in Valdez ein kleines Unternehmen gegründet und bietet mit „Vertical Solutions“ unter anderem Rundflüge zu den verschiedensten Gletschern an. Den Winter über, wenn keine Touristen mehr kommen, zieht es sie in ihre Heimat Honolulu, wo sie Flüge zu den Vulkanen anbietet. Ich kann mir schlechtere Jobs vorstellen.

Zum Abschluss unseres dreitägigen Aufenthaltes in Valdez machen wir noch eine Kajaktour zum Columbia Gletscher. Ein ebenso grandioses Erlebnis, das die drei Tage mit einem I-Tüpfelchen krönt. In all ihren unterschiedlichen Facetten konnten wir die ganze Schönheit der Gletscherwelt aus den verschiedensten Blickwinkeln genießen. Drei unvergessliche Tage, in denen uns nochmal vor Augen geführt wurde, wie klein der Mensch doch angesichts solcher Naturgewalten ist.

Kanutour in Alaska

Neben dem Tourismus lebt die Stadt Valdez in erster Linie vom Öl. Bewacht wie ein militärischer Hochsicherheitsbereich liegt das größte Tanklager der USA auf der anderen Seite der Bucht. Bis zu zwei Millionen Barrel Rohöl, das aus den Ölfeldern im Norden stammt, werden dort täglich in riesige Tankschiffe verladen. Der begehrte Rohstoff wird in einer 1287 Kilometer langen Pipeline, die sich wie ein silberner Lindwurm einmal durch ganz Alaska schlängelt, bis in den eisfreien Hafen von Valdez transportiert. Um die drei Gebirgsketten und die unzähligen Flüsse auf dem langen Weg zu überqueren wurden insgesamt 5 Pumpstationen gebaut. Pro Sekunde strömen um die 3500 Liter Rohöl durch die 1,20 dicke Röhre, die ein Viertel des amerikanischen Energiebedarfs deckt.

 

Als nächstes haben wir uns vorgenommen, von Valdez aus dem weiten Weg des Schwarzen Goldes bis zu den Ölfeldern der Prudhoe Bay am Polarmeer zu folgen. Nach drei Tagen ohne Motorradfahren freuen wir uns riesig darauf, endlich wieder im Sattel zu sitzen.

Über den Richardson Highway fahren wir in zwei Tagen nach Fairbanks, die Hauptstadt Alaskas. Dort machen wir zunächst nur kurz halt, um uns mit Proviant und Sprit einzudecken. Da Tankstellen auf den kommenden Kilometern rar gesät sind, füllen wir dort auch noch einen Reservekanister, ehe wir uns wieder auf den Weg machen. 150 Kilometer nördlich von Fairbanks beginnt sie dann, eine echte Legende – die nördlichste Straßenverbindung des amerikanischen Kontinents: der Dalton Highway. In meinen Augen ein absolutes Highlight. Nirgendwo sonst in dem ohnehin schon dünn besiedelten Land ist das Gefühl unermessliche Weite spürbarer, als im von Kälte und Kargheit beherrschten Norden Alaskas.

24 - Pause irgendwo in Alaska - viele Tage sind sehr strapaziös

Auf 666 Kilometern führt die raue Schotterstraße in die hohe Arktis am Polarmeer zu den Ölfeldern der Prudhoe Bay. Unter Motorradfahrern in den USA und Kanada gilt der Dalton Highway als die letzte große Herausforderung Nordamerikas. Die unendliche Weite des Nordens und die fast schon beängstigende Einsamkeit üben eine magische Faszination aus. Außer ein paar Truckern trifft man kaum Menschen in dieser Region.

Fünfter Gang. Tempo 100. Bergauf und bergab wie auf einer Achterbahn geht es auf den ersten Kilometern durch nicht enden wollende Fichtenwälder entlang der markanten Ölpipeline. Nach knapp 200 Kilometern überquert der Dalton Highway den Polarkreis. Auch wir machen ein paar obligatorische Erinnerungsfotos, ehe es wieder weiter geht. Für viele Reisende markiert das berühmte „Arctic-Circle-Schild“ den nördlichsten Punkt ihrer Reise. Die meisten kehren hier wieder um, da sie den verbleibenden Rest zur Prudhoe Bay für wenig reizvoll halten. Auch wir hatten geplant, hier wieder umzudrehen. Doch die leuchtenden Augen derer, die die Strecke komplett gefahren sind, bringen uns zu der Entscheidung, weiter zu fahren. Wir wissen, dass wir es sonst irgendwann bereuen würden.

Es ist halb zwei Uhr in der Nacht und noch immer scheint die Sonne, als wir unsere Zelte in „Cold Foot Camp“, auf etwa halber Strecke aufbauen. „Kalter Fuß“ was für ein Name für einen Ort, hinter dem sich allerdings nicht viel mehr verbirgt, als ein großer Schotterplatz mit zwei Tanksäulen und einem ständig laufenden Dieselaggregat. Cold Foot ist die wichtigste Durchgangsstation für die sogenannten „Ice Field Trucker“, die zwischen Prudhoe Bay und Fairbanks hin und her pendeln.

IMG_2508

Für die verbleibenden 400 Kilometer bietet Cold Foot die letzte Gelegenheit, den Tank zu füllen. An einer der beiden Zapfsäulen treffen wir am nächsten Morgen Jim, einen Biker, der eine bemerkenswerte Reise macht. Jim ist ein sogenannter „Iron Butt“, ein Langstreckenfahrer, der das unglaubliche geschafft hat, in nur 13 Tagen die über 10.000 Kilometer lange Strecke von der Südspitze Floridas bis an den nördlichsten Punkt in Alaska zu fahren. Mit seinen 76 Jahren hat Jim dabei den Altersrekord gebrochen. Wir beide ziehen respektvoll unseren Hut vor dieser Leistung und folgen kurz darauf wieder der scheinbar endlosen Alaska Pipeline.

Über dem 1415 Meter hohen Atigun Pass überqueren wir die Brooks Range, das letzte Gebirge in Richtung Norden. Vor uns breitet sich nun die arktische Tundra aus. Je weiter wir fahren, desto größer und dichter werden jetzt auch die Moskitoschwärme. Im kurzen nordischen Sommer sind die Quälgeister eine einzige Plage. Wenn es einen Grund gäbe unterwegs aufzugeben, dann sind es die Moskitos, die sich hier in der XXL Ausgabe auf alles stürzen, das Blut in den Adern hat. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es in dieser Zeit mehr von ihnen, als in diesen Breiten. Egal, ob bei der Motorradpflege, beim Essen oder im Zelt, die Plagegeister sind einfach überall. Jetzt weiß ich auch, warum die Alaskaner den Moskito scherzhaft als ihren Staatsvogel bezeichnen. In den Zeiten des Goldrausches, als die Glücksritter noch kein Moskitonetz oder Mückenspray kannten, sollen einige Selbstmorde auf das Konto der Blutsauger gegangen sein. Viele Goldsucher wurden schlichtweg wahnsinnig und sahen keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen. Traurig und unvorstellbar, doch man kann es ein Stück weit nachvollziehen, wenn man die Schwärme gesehen hat.

Und irgendwann endet dann die Straße. Nach knapp 700 Kilometern haben wir den nördlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Inmitten der Einsamkeit liegt der Ort Dead Horse. „Totes Pferd, wie auch immer dieser Ortsname zustande gekommen sein mag. Er erinnert zwar an den Wilden Westen, doch Dead Horse gleicht viel eher einer Polarstation. Allein beim Anblick der vielen Spezialfahrzeuge kann man sich gut vorstellen, wie widrig die Lebensbedingungen hier erst im Winter sein müssen, wenn es über ein viertel Jahr lang durchschnittlich minus 30 Grad kalt ist und die Nächte Monate dauern. In Dead Horse wohnen keine Idealisten oder Aussteiger – wer hier lebt, der kommt des Geldes wegen. Als Arbeiter auf den großen Ölfeldern kann man sehr viel verdienen. Selbst als Schweißer erreicht man hier schnell ein Managergehalt.

Oktober - Dead Horse - Alaska - USA

Mit über 100 Dollar pro Person liegen dementsprechend auch die Übernachtungspreise in den zwei sehr einfachen Hotels weit über dem Durchschnitt. Und da mitten im Ort Grizzlybären völlig unbeeindruckt ihr Unwesen treiben beschließen wir unsere Zelte lieber etwas weiter außerhalb aufzuschlagen.

Bevor wir wieder die Rückreise antreten, wollen wir uns am nächsten Morgen einer geführten „Oilfields Tour“ anschließen, um ans offene Polarmeer zu gelangen. Umgerechnet etwa 50 Euro kostet die wirklich lohnenswerte Tour, die etwa ein Dutzend Reisende mit dem Bus hinaus auf die streng gesicherten Ölfelder führt.

Genau unter uns befindet sich eines der größten Ölvorkommen der Erde. Überall verlaufen Rohrleitungen, die das Schwarze Gold in die hier beginnende Alaska-Pipeline speisen. Der russische Zar würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, was er damals verbockt hat, als er Alaska für einen Betrag verhökerte, der heute dem entspricht, was in weniger als einer Stunde aus dem gefrorenen Boden gesaugt wird.

Völlig unspektakulär taucht dann hinter ein paar Anhängern das Polarmeer auf. Es ist der nördlichste Punkt auf unserer Reise. Weiter nördlich liegt nur noch der Nordpol. Erst nachdem der Tourguide sich vergewissert hat, dass keine Bären lauern dürfen wir den Bus verlassen. Einer alten Tradition zu folge ist es beinahe schon Pflicht, einmal seinen Zeh ins eisige Wasser zu tauchen. Mit frisch gewaschenen Füßen nehmen wir den langen Rückweg in Angriff.

Zurück in Fairbanks führt uns der Weg an die Universität von Alaska. Da deren Dekan ein begeisterter Motorradfahrer ist, können Motorradreisende dort auf dem Campus für relativ kleines Geld eine Studentenunterkunft beziehen. Da wir in den letzten zwei Monaten nicht ein einziges Mal in einem Bett geschlafen haben, beschließen wir spontan drei Tage zu bleiben.

Wir schlagen uns die Bäuche in den verschiedensten Restaurants voll und erkunden die ein oder andere Bar. Die meiste Zeit verbringen wir jedoch in einer Werkstatt. Nicht etwa, weil uns ein Defekt dazu zwingt, sondern weil man bei „Adventure Cycle Works“ so viele andere Reisende trifft, dass man schnell die Zeit vergisst. Ob Reparaturen, Verschleißteilwechsel oder Gepäckeinlagerung, die in einem ruhigen Wohngebiet von Fairbanks gelegene kleine Werkstatt ist die perfekte Anlaufstelle, wenn man mit dem Motorrad durch Alaska reist.

Unsere Kräder sind wieder in einem astreinen Zustand, als wir uns von unseren neu gewonnenen Freunden verabschieden. Wir werden uns jetzt nach einer grandiosen Zeit in Alaska wieder auf den Weg in Richtung Kanada machen. Kurz vor der Grenze kommen wir erneut in die kleine Ortschaft Tok. Zwischenzeitlich hatten wir gehört, dass man dort im Souvenierladen der „Jack Wade Gold Company“ einen der größten Goldnuggets bestaunen könne, der jemals gefunden wurde. Goldfieber ist schon ein erstaunliches Phänomen, das in diesem Fall bei mir dadurch ausgelöst wird, den faustgroßen Goldklumpen in Händen zu halten. Der Gedanke, dass man solch einen immensen Wert im Dreck finden kann, der hat schon hunderttausende Menschen in den hohen Norden gelockt und Alaska und den Yukon zu den Legenden gemacht, die sie heute sind.

22 - Dalton Highway Alaska - Die nördlichste Straßenverbindung des amerikanischen Kontinents - auf dem Weg zum Polarmeer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit neu erworbenen Goldpfannen und brandheißen Informationen aus erster Hand im Gepäck, verabschieden wir uns von Alaska. Voller Tatendrang überqueren wir auf dem „Top of the World Highway“ die kanadische Grenze. Unser Ziel heißt Dawson City. Wir sind gespannt, was uns dort am berüchtigten Klondike River erwarten wird.

 

 

 

Die DVD zu dieser Reise findest Du im Shop oder bei Amazon

Und weiter gehts... Nach 23.000 kilometern warten nun nochmal 28.000 Kilometer

 

 

Infoteil Alaska

 

Allgemeines Alaska, (von aleutisch Alaxsxag „Land, in dessen Richtung der Ozean strömt“) ist der flächenmäßig größte, der nördlichste und der westlichste Bundesstaat der USA sowie die größte Enklave der Erde.

Nur weniger als eine Millionen Menschen verteilen sich auf einer Fläche, die etwa fünfmal so groß ist wie die der Bundesrepublik Deutschlands.

 

Gesundheit:

Für die Einreise in die USA sind keine Impfungen vorgeschrieben. Es empfiehlt sich – auch wenn man es kaum glauben mag – eine Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor im Gepäck zu haben. Gegen die Moskitos ist der Mückenschutz aus Deutschland (in der gelben Flasche) machtlos. Hier sollte man auf die Produkte vor Ort zurück greifen, die deutlich wirkungsvoller sind.

 

Reisezeit:

Für Motorradfahrer ist die Hauptreisezeit der Sommer. Selbst dann kann es noch ziemlich frisch werden. Wir haben im Monat Juli sowohl Schneefall als auch T-Shirt taugliche Temperaturen erlebt

 

Übernachten:

In Alaska gibt es eine Vielzahl Campingplätze. Wild Campen stellt in den meisten Fällen kein Problem dar. Allerdings sollte man das Thema „Bären“ ernst nehmen. Wir haben oftmals die Einheimischen gefragt, ob es in der jeweiligen Region Probleme gäbe.

Einen wirklich lohnenswerten Campingplatz findet man in der Ortschaft Tok: Thompson’s Eagle’s Claw Motorcycle Park ist einer der wenigen Campgrounds, die nur für Motorradfahrer sind. (www.thompsonseaglesclaw.com)

Wer lieber im Bett schlafen möchte, der findet in Alaska eine Vielzahl Möglichkeiten. Vom einfachen Motel über die Blockhütte bis hin zum 5 Sterne Luxustempel ist alles zu haben. Die Preise sind allerdings höher als in den „Lower 48“. Die Universität von Fairbanks bietet Motorradfahrern die Möglichkeit auf dem Campus der Uni für vergleichsweise kleines Geld eine Studentenunterkunft zu beziehen.

 

Meine persönlichen Highlights:

Der Aufenthalt in der Stadt Valdez ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Neben den obligatorischen Fahrten zu den Gletschern mit Stan Stephens Cruises (http://www.stanstephenscruises.com) sollte man auf jeden Fall mal eine Kayaktour durch die Eisberge machen (www.pangaeaadventures.com). Man wird überwältigt von der Schönheit und Stille der Landschaft. Das absolute Highlight war jedoch ein Gletscherflug mit dem Hubschrauber und der Landung auf dem Eisriesen. Bei „Vertical Solutions“ fliegt die sympathische Chefin selbst (www.vshelicopters.com)

Neben Valdez haben mir die Orte Talkeetna, McCarthy und Chicken am besten gefallen. Die beiden Großstädte Fairbanks und Anchorage sind nicht besonders sehenswert. Hier lohnt der Besuch eher aus logistischen Gründen.

Unvergessliches Straßen und Trails: Mir persönlich hat der Dalton Highway am besten gefallen. Besser sogar als der Dempster Highway im Yukon. Hier geht es einfach um die Extreme, die man erlebt. Landschaftlich am reizvollsten ist sicherlich der Denali Highway. Wer Schlaglöcher mag, der wird sein Glück auf der McCarthy Road finden.

 

Motorrad:

Ich war auf dieser Reise mit meiner Yamaha XT660Z Ténéré unterwegs – meiner Meinung nach das ideale Reisemotorrad. Bei einem Verbrauch von knapp unter vier Litern machen Tankstellenbesuche in den USA richtig Spaß. Auch bei den Reifen habe ich eine gute Wahl getroffen. Dank der unschlagbaren Laufleistung und Fahreigenschaften des K60 Scout von Heidenau musste ich mir unterwegs keine Gedanken machen. Gepäcksystem, verbreiterte Fußrasten, Sturzbügel und Handprotektoren stammen von SW-Motech.

Karten und Bücher:

Landkarte:

Reise Know-How Landkarte Alaska (1:2 000 000):

Reise Know-How Verlag

ISBN-10: 3831771472

EUR 8,90

 

Reiseführer:

Kanada, der ganze Westen mit Alaska

Reise Know-How Verlag ISBN-10: 3896622757

EUR 25,00

 

Ein- / Anreise:

Für die Einreise ist ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass erforderlich.

Ich habe oft Schlechtes über die Einreise in die USA mit dem eigenen Fahrzeug gehört. Es mag durchaus sein, dass es Leute gibt, die negative Erfahrungen gemacht haben. Ich bin auf meiner Nordamerikareise zehn Mal in das Land ein- und ausgereist und kann nur Positives über die schnelle und unkomplizierte Abwicklung berichten. In Kanada sah das ganz anders aus.

Bei einer visumfreien Einreise muss bis spätestens drei Tage vor Reiseantritt eine Reisegenehmigung per Internet über ein ESTA (Electronic System for Travel Authorization) genanntes Reisegenehmigungssystem beantragt werden.

Für das Motorrad ist in den USA eine Haftpflichtversicherung vorgeschrieben. Hier gibt es unterschiedlichste Anbieter und Versicherungen mit verschiedenen Schadenssummen. Ich habe mich für einen Anbieter entschieden, bei dem ich alles von Deutschland aus abschließen konnte (www.motorcycleexpress.com). Für eine Laufzeit von sechs Monaten habe ich 288 US Dollar bezahlt.

Schwierigkeitsgrad: Ich würde die Strecken in Alaska nicht als schwierig bezeichnen. Die asphaltierten Straßen sind in einem top Zustand und die meisten „Pisten“ sind auch für Anfänger machbar. Es sind vielmehr die äußeren Umstände, wie Kälte, Nässe, Mücken, die einem das Leben schwer machen können. Wenn es regnet, dann würde ich den Dalton Highway jedoch nicht als „leicht“ bezeichnen.

 

Motorradtransport:

Den Motorradtransport habe ich von Deutschland aus per Luftfracht nach Mexiko abgewickelt (ca. 1250 Euro – die Preise sind aber deutlich gestiegen). Auch nach Anchorage ist der Transport per Luftfracht möglich.

 

Adressen und Infos über Alaska:

Kostenlose Informationen über Alaska gibt es unter:

State of Alaska, DCCED

c/o ESTM E. Sommer Tourismus Marketing

www.alaska-travel.de

 

Weitere Infos unter www.motorradreisender.de – bei Fragen helfe ich gerne.

Wer mehr über Alaska oder diese Reise erfahren möchte, dem kann ich die DVD „Abenteuer Nordamerika“ (102 min.) ans Herz legen. Bezug über meine Homepage oder den Shop des Tourenfahrer.

 

 

20 Feb

USA und Kanada – Grand Prairies

Land des Himmels und der ewigen Weiten

IMG_7596bearbeitet
Durch die endlosen Prärien

 

Die schneebedeckten Berge der Rocky Mountains verschwinden allmählich als blasse Silhouette in unseren Rückspiegeln. Nach nunmehr einem Vierteljahr mit den Motorrädern unterwegs durch Amerikas äußersten Norden, halten wir jetzt auf die große weite Ebene zu. Wie ein Meer aus Gras breiten die „Great Plains“ sich mit Dimensionen vor uns aus, wie man sie sich in Europa kaum vorzustellen vermag.

Als wir am Morgen südlich der Nationalparks von Banff und Jasper gestartet sind, hatten wir noch die Befürchtung, dass die Landschaft deutlich an Reiz verlieren würde. Sehr schnell stellen wir nun jedoch fest, dass dem nicht so ist. Sie wird ganz einfach nur anders und ihr Reiz liegt jetzt vielmehr in der Begegnung mit dieser unglaublichen Weite, der riesigen Fläche und dem unendlich erscheinenden Horizont.

Der dramatische Landschaftswechsel, der sich binnen weniger Kilometer vollzieht, ist aber nicht die einzige Veränderung. Mit Temperaturen die das Thermometer über die 25-Grad-Marke klettern lassen, hat der Sommer nun endlich Einzug gehalten. Zum ersten Mal seit Beginn dieser Reise knöpfen wir die wärmenden Innenfutter aus unseren Motorradjacken und verstauen sie ein für alle Mal in unseren Seitenkoffern. Mit gemächlichem Tempo rollen wir auf Calgary, die Hauptstadt Albertas zu. Drei Tage wollen wir dort bleiben und zum ersten Mal seit langem nochmal die Vorzüge des Stadtlebens genießen. Anstatt des Anblicks hoher Berge recken sich jetzt die Verwaltungstürme der Ölfördergesellschaften vor uns in den Himmel.

IMG_4228
Calgary

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit knapp einer Millionen Einwohnern ist Calgary das aufstrebende Energie-, Industrie, und Farmzentrum des Landes. Berühmt wurde die Stadt neben den Olympischen Winterspielen im Jahr 1988 vor allem auch durch die alljährlich im Sommer stattfindende „Calgary Stampede“, das größte Rodeo der Welt. 1,5 Millionen Westernfans aus aller Welt strömen jedes Jahr Anfang Juli in die Stadt, um bei diesem außergewöhnlichen Zehn-Tage-Spektakel Wagenrennen, Rodeos, Bullenreiten und Paraden zu verfolgen.

Eigentlich hatten wir geplant, auf dem Weg durch Kanada dem berühmten Trans-Canada-Highway zu folgen, einer über 8000 Kilometer langen Traverse, die Kanadas Atlantikküste mit dem Pazifik verbindet. Doch bei allem Respekt vor dem klangvollen Namen des Highways, stellen wir schnell fest, dass wir besser einen Bogen um ihn machen sollten. Die meisten Verkehrsteilnehmer, allen voran die riesigen Trucks, die uns teilweise mit bis zu 130 km/h überholen, nutzen den „TCH“ wirklich nur um schnell von A nach B zu gelangen. Da wir jedoch nicht unter Zeitdruck leiden und auf keinen Fall nur monoton Kilometer fressen wollen, verlassen wir die vielbefahrene Ost-West-Achse wieder. Wir schalten einen Gang zurück und weichen etwas weiter südlich auf kleine Straßen aus, die einem klassischen Roadmovie entstammen könnten.

IMG_4212
Grain Elevator – typisch in Saskatchewan

 

Ohne festes Ziel folgen wir diesen Traumstraßen gen Osten. Dabei erleben wir die unglaubliche Dimension Nordamerikas, die einem wohl erst dann so richtig bewusst wird, wenn man diesen Teil des Kontinents der Länge oder Breite nach durchquert. Entfernungen geben die Leute in dieser schier endlosen Weite nicht wie bei uns in Kilometern an, sondern in Stunden, die man mit dem Auto brauchen würde.

IMG_4707 IMG_4748

 

 

 

 

 

 

 

Etwa 200 Kilometer südöstlich von Medicine Hat führt uns der „Red Coat Trail“ in den „Cypress Hills Interprovincial Park“ – ein naturgeschütztes Hochplateau, das sich wie eine kühle, mit dichtem Wald bewachsene Oase in der weiten Ebene erhebt. Eine artenreiche Pflanzen und Tierwelt ist auf dem Plateau heimisch, das den Sioux-Indianern jahrhundertelang als Jagdrevier diente. Im Jahre 1870 verübten Whiskeyschmuggler aus den nahen USA hier ein grausames Verbrechen an einer Gruppe Indianer. Die feigen Morde hatten zur Folge, dass die kanadische Regierung ein Fort errichten ließ und Soldaten entsandte, um die Region besser kontrollieren zu können. Die „Red Coats“, die sich damals in einem über 1000 Kilometer langen Marsch von Winnipeg aus zu Fuß auf den Weg machten, waren Vorgänger der später daraus entstanden „Royal Canadian Mounted Police“, besser bekannt unter dem Kurznamen „Mounties“, Kanadas berühmte Polizisten mit den prägnanten Uniformen und dem romantischen Image. Fort Walsh war neben Fort Calgary – aus dem die Metropole entstand – ein wichtiger Standort, um die spätere Besiedelung Kanadas zu ordnen. Heute ist die ehemalige militärische Befestigungsanlage ein Museum, dessen Besuch selbst eine weite Anreise lohnt. Wir jedenfalls haben großen Spaß daran, an der interaktiven Geschichtsstunde teilzunehmen, in der mein Freund Alain als Whiskeyschmuggler verurteilt und eingebuchtet wird.

 

Great Plains - Mittlerer Westen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die nächsten Tage in der Prärie enden stets mit einem grandiosen Sonnenuntergang. Wir sitzen lange vor unseren Zelten, beobachten wie die untergehende Sonne den Himmel in leuchtende Farben taucht und lauschen den Kojoten, die uns aus der Ferne ein Gutenachtlied jaulen. Um uns herum wachsen nur genügsame Steppengräser und Kräuter, die allesamt den Anschein erwecken, als bräuchten sie nichts anderes als Sonne und Wind zum Überleben. Ein paar Tage folgen wir noch den kleinen abgeschiedenen Wegen, bis wir irgendwann zufällig an einem verwitterten Schild vorbei kommen, dass die Entfernung zur US-Grenze mit nur 30 Kilometern angibt. Wir haben lange überlegt, ob wir an dem Plan festhalten sollen, den Weg an die Ostküste komplett durch Kanada zu fahren. Weiter südlich durch die USA zu reisen war eigentlich nie ein Thema für uns. Doch auf unserer bisherigen Reise haben wir unzählige Motorradfahrer getroffen, die uns immer wieder dazu rieten, den Weg südlich der Grenze durch die Vereinigten Staaten zu nehmen, vor allem deshalb, weil in Sturgis, South Dakota, in Kürze die größte Motorradveranstaltung der Welt stattfindet. Jetzt, wo wir vor dem Schild stehen ist die Verlockung die Route zu ändern sehr groß. Wir kommen überein, dass spontane Entscheidungen die besten sind und besiegeln mit einem Handschlag unser neues Reiseziel. „Auf nach Sturgis!“, sagen wir und lassen Kanada noch am selben Tag hinter uns.

27.1. Straßenschild North Dakota IMG_4887

Nahe der Ortschaft Sherwood wollen wir die Staatengrenze zu den USA überqueren. Nachdem wir den Grenzbeamten glaubhaft versichert haben, keine Schusswaffen oder Drogen zu schmuggeln, dürfen wir einreisen. Entgegen aller Vorurteile, ist auch dieser Grenzübertritt in die USA wieder ein Kinderspiel und geht in kürzester Zeit von statten.

Auch an unserem ersten Abend in den USA verzichten wir bewusst auf den Luxus einer Hotelübernachtung. Wir schlagen unser Nachtlager wieder genau dort auf, wo es uns am besten gefällt. Auch wenn finanzielle Gründe beim wild Campieren oftmals eine große Rolle spielen, ist es doch so, dass Mutter Natur einfach nun mal die besten Lagerplätze bietet. Die meisten dieser Orte, an denen wir auf dieser Reise unsere Zelte aufgeschlagen haben, wären durch kein Hotelzimmer der Welt zu toppen gewesen. So auch in diesem Fall. Die Sonne steht schon tief, als wir etwas weiter südlich der Grenze auf einen Feldweg abbiegen, der sich schon nach kurzer Zeit irgendwo in der Einsamkeit verliert. Kein Haus, kein Auto und keine Menschen weit und breit. Auch Zivilisationsgeräusche sind keine mehr zu hören. Hier in North Dakota, so kommt es uns vor, ist die Einsamkeit noch einsamer als in Kanada. Warum die Einwohner North Dakotas ihrem Staat das Attribut „Land of the Big Sky“ verliehen haben – das „Land des großen Himmels“, das wird uns bewusst, als wir im rosaroten Lichtermeer der untergehenden Sonne in alle Richtungen bis zum Horizont blicken und dabei sogar die Krümmung der Erde erkennen können.

Cowboy Country - South Dakota

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Morgen sind wir wie gewohnt früh auf den Beinen. Die Sonne taucht den Horizont gerade wieder in ein sanftes Licht, als wir den Aufbruch vorbereiten. Mit routinierten Griffen verschwinden Zelt, Schlafsack und Kochgeschirr wieder an ihrem dafür vorgesehenen Platz, ehe wir wieder im Sattel sitzen. Bevor wir die amerikanischen Präriesstaaten North- und South Dakota weiter erkunden, benötigen wir noch Proviant für die nächsten Tage. Der Weg führt uns daher kurze Zeit später zurück in die Zivilisation. In einem der sogenannten „Mega Stores“, wie in den USA palastartige Supermärkte genannt werden, wollen wird ein paar Dinge kaufen, auf die wir in Alaska und Kanada aus Kostengründen meistens verzichtet haben. Uns kommen fast die Tränen, als wir die Preisschilder der unterschiedlichen Waren betrachten. Einen solchen Preissturz hätten wir beim besten Willen nicht erwartet. Alles ist plötzlich so unglaublich günstig, als seien wir von Norwegen nach Albanien eingereist. Der Einkaufswagen quillt fast über, als wir zurück zu den geparkten Motorrädern kommen und partout nicht wissen, wo wir das ganze Zeug unterbringen sollen. Vollbepackt wie die Esel machen wir uns eine Weile später wieder auf den Weg.

 

 

IMG_5009 IMG_4497

Touristisch gesehen könnte man das nördliche der beiden Dakotas als einen „Weißen Fleck“ auf der Landkarte bezeichnen. Die meisten Reiseführer übergehen den Präriestaat stillschweigend und schenken ihre Aufmerksamkeit lieber den vielbesuchten Klassikern des amerikanischen Westens. Die Prärie, die sich über North Dakota erstreckt war lange Zeit nach Ankunft der Europäer nur Durchgangsgebiet für Goldsucher und Abenteuer. Aufgrund der Geschichten, die diese über das neue Land erzählten, strömten irgendwann landhungrige Rancher nach Westen, die sich in den Jagdgründen der Ureinwohner niederließen. Als nach vielen Auseinandersetzungen die Indianer und mit ihnen die Büffel aus den Great Plains verschwunden waren, war die Besiedelung nicht mehr aufzuhalten. In den 1880er Jahren schwappte dann eine riesige Einwanderungswelle aus Deutschland über das Land. Getrieben von dem Wunsch nach einem besseren Leben kamen sie zu tausenden in das verheißungsvolle Land. Alleine im Jahr 1882 verließen über eine viertel Millionen Deutsche das Kaiserreich. Nirgendwo sonst in Amerika ist seitdem der Anteil deutschstämmiger Bevölkerung so groß, wie in North Dakota. Hat im Landesschnitt etwa jeder vierte Amerikaner deutsche Wurzeln, so sind es hier knapp 50%. Ortschaften heißen Kiel, Hamburg, New Leipzig und selbst die Hauptstadt North Dakotas wurde nach dem deutschen Reichskanzler „Bismarck“ benannt. Man rechnete sich damals aus, durch diese Namensgebung, deutsches Kapital anzulocken (was jedoch misslang). Auch viele Feste tragen noch immer deutsche Namen. Neben dem landesweit sehr beliebten „Oktoberfest“ und „Kaffeeklatsch“ werden wir immer wieder auf Veranstaltungen aufmerksam, die den vielversprechenden Namen „German Schmeckfest“ tragen – eine Mischung aus Besäufnis und Fressgelage.“

IMG_5966

Nach einer guten Woche in North Dakota überqueren wir die Grenze zum südlichen Nachbarstaat. Die Dunkle Silhouette der „Black Hills“ fällt uns schon von weitem ins Auge. Aus mehr als 100 Kilometern Entfernung erheben sich die „Schwarzen Berge“ über der Kurzgrasprärie. Schon die amerikanischen Ureinwohner fühlten sich von diesem Anblick angezogen. Cheyenne, Kiowa, Pawnees, Crow und schließlich die Sioux: Sie alle zog es in die heiligen Berge, um dort zu ihren Göttern zu beten. Über viele Generationen waren sie ungestört, bis irgendwann der weiße Mann, angelockt von Goldfunden in die Berge kam.

Wir schleifen Kurve um Kurve der Iron Mountains Road, bis wir irgendwann ganz plötzlich in vier steinerne Gesichter blicken. Gemeißelt in Granit, thronen die bedeutsamsten Präsidenten des Landes: Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln vor uns über die Landschaft. Mount Rushmore, eines der bekanntesten Ziele der USA, ist auch die touristische Haupteinnahmequelle South Dakotas. Knapp drei Millionen Besucher spülen jährlich 600 Millionen Dollar in die Staatskasse. Die Präsidentenköpfe dienten dem Stamm der Lakota als Inspiration für eine weitere Attraktion. Nur 15 Meilen entfernt am Highway 16 gelegen, entsteht das größte Denkmal, dass je einem Menschen gesetzt wurde: Wenn das „Crazy Horse Memorial“ irgendwann einmal fertig ist, wird es 170 Meter hoch und 200 Meter lang sein – so groß, dass die vier steinernen Nachbarn locker im Kopf des Pferdes Platz hätten, auf dem der ehemalige Oglala-Indianer Crazy Horse sitzt und mit seinem ausgestreckten Arm in die Black Hills deutet. Die Geste soll die steinerne Umsetzung seines berühmten Zitates sein: „Mein Land ist dort, wo meine Toten begraben liegen“.

IMG_7562

Da das Projekt jedoch ausschließlich durch Spenden finanziert wird, gehen die Arbeiten nur schleppend voran. Knapp sechzig Jahre nach der ersten Sprengung ist lediglich das Gesicht von Crazy Horse vollendet. Als wir vor dem unfertigen Kunstwerk stehen fragen wir uns, ob es jemals fertig werden kann. Wie ein paar verlorene Ameisen wirken die Arbeiter, die mit Presslufthämmern an dem riesigen Berg modellieren. Wann man mit der Beendigung der Arbeiten rechnen könne, frage ich einen indianischen Tourguide. Doch der sympathische alte Mann zuckt nur mit den Schultern. Eigentlich sei das doch gar nicht mehr so wichtig, sagt er. Wichtiger sei es doch vielmehr, dass hier ein Ort der Versöhnung geschaffen wurde.

Als im Jahr 1874 ganz in der Nähe beachtliche Goldfunde vermeldet wurden, strömten tausende von Glücksrittern in die Berge. Quasi über Nacht wurden riesige Zeltlager errichtet und ganze Städte aus dem Boden gestampft. Die größte von ihnen, die bis heute jedem Wild-West-Klischee entspricht, heißt Deadwood. In der sehr lebendigen Stadt lebten einst so schillernde Figuren, wie der Revolverheld „Wild Bill Hickok“ oder „Calamity Jane“ (dt. Katastrophen Jane) eine Goldsucherin, Kunstschützin, Pokerspielerin und Prostituierte, die dafür bekannt war, mehr Schimpfwörter zu kennen, als irgendwer sonst im Wilden Westen. Der „Old Saloon Nr. 10“, eine der legendärsten Kneipen der USA, lockt noch heute viele Besucher an den Tresen. Der Saloon ist wirklich einzigartig. Hier wurde vor über 100 Jahren Wild Bill während eines Pokerspiels rücklings erschossen. Weil er dabei das Blatt, bestehend aus zwei Assen und zwei Achten in der Hand hielt, ist dieses bei Pokerspielern bis heute als „Dead Mans Hand“ ein Begriff. Da zur selben Zeit, in der wir in Deadwood verweilen, ein großes Rodeo stattfindet und in ein paar Tagen die „Bike Rallye“ beginnt, ist das Publikum hollywoodreif. Cowboyhüte und Lederkutten dominieren das Bild auf der Tanzfläche, auf der abwechselnd zu Johnny Cash oder AC/DC getanzt wird. Während ich einen Platz an der langen Holztheke vorziehe hat meinen Freund Alain das Tanzfieber gepackt. Köstlich amüsiert beobachte ich, wie er eine Biker-Braut durch den Raum schiebt, die so aussieht wie ein Double von Matthias Reim.

Wir erreichen Sturgis am darauf folgenden Tag. Knapp eine Woche bevor das Mega-Motorrad-Event beginnt donnern bereits tausende Zweizylinder „Made in USA“ durch die Straßen des 6000-Seelen Ortes. Zum nun schon 72. Mal findet die „Sturgis Bike Rally“ in diesem Jahr statt. Begonnen hat das Ganze im Jahr 1938, als ein Besitzer eines Motorrad-Ladens und Mitglied des Motocross Clubs „Jackpine Gypsies“ ein Treffen organisierte, an dem lediglich 19 Fahrer teilnahmen. Zum Programm zählten damals unter anderem Wanddurchbrüche, Schanzensprünge, Beschleunigungsrennen und Hill Climbing. Einige dieser Veranstaltungen sind noch heute fester Bestandteil der „Sturgis Bike Ralley“, zu der mittlerweile bis zu 700.000 Biker pro Jahr pilgern.

IMG_6532 IMG_6515 IMG_6513 Kopie IMG_6496 30 - Biker in Sturgis

Zehn Tage lang gelten in diesem riesigen Motorrad-Zirkus andere Gesetze. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben. Erwachsene Männer üben sich im Zwergen-Weitwurf, Schlangenfrauen räkeln sich kaum bekleidet auf den vielen Tresen und die kleine Stadt platzt vor lauter Motorrädern fast aus allen Nähten. Mich erstaunt dabei, wie ruhig und friedlich es während der ganzen Zeit trotz der vielen Menschen und des strömenden Alkohols bleibt. Ein Grund dafür ist sicherlich das massive Sicherheitsaufgebot. Sämtliche Polizisten, die in der Kleinstadt für Ordnung sorgen, sehen aus wie Türsteher oder Profiboxer. Die wichtigste Regel, die man beachten muss, wenn man mit dem Motorrad über die Mainstreet fahren möchte ist es, an allen Stoppschildern anzuhalten, wobei – ganz wichtig – beide Füße für einen Moment den Boden berühren müssen. Hält man sich nicht an diese eiserne Regel, dann ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass man ein Ticket bekommt. So manch eine Gesetz und auch die Vorstellung Verkehrssicherheit sind für deutsche Maßstäbe gewöhnungsbedürftig. So ist es in großen Teilen des Landes gestattet, ohne Helm zu fahren. Eine Sonnenbrille hingegen ist Pflicht. Wir sehen zahlreiche Motorradfahrer, die ohne Kopfschutz unterwegs sind, die aber glauben ihren Leichtsinn durch das Tragen neonfarbener Warnwesten zu minimieren.

IMG_5659

Mitten in dem Getümmel lernen wir Vicky und John kennen, zwei Biker aus Connecticut. Wir verstehen uns auf Anhieb blendend und trinken zusammen Bier im berühmten „Knuckle Head Saloon“. Aus zwei Fremden werden sehr schnell richtig gute Freunde, die wir auf dieser Reise noch öfter sehen werden. Am selben Tag werden auch unsere Übernachtungspläne über den Haufen geworfen. Eigentlich hatten wir geplant, auf einem der zahlreichen Campingplätze rund um die Stadt unterzukommen, die für dieses Event kurzfristig eingerichtet wurden. „Connecticut John“, wie er überall genannt wird, besteht jedoch darauf, uns bei seinen Freunden unterzubringen. Wayne, ein 80jähriger Hüne im Totenkopf-T-Shirt und seine zierliche, immer gut gelaunte Frau Betty, empfangen uns kurze Zeit später auf ihrem Anwesen. Kurzerhand haben sie ein riesiges Barbecue für uns organisiert. Auf ihrem riesigen Grundstück, wo schon Teile des Films „Der mit dem Wolf tanzt“ gedreht wurden, schlagen wir unser Lager auf.

 

 

 

 

IMG_6925 Kopie

Nach zehn Tagen, kurz bevor die Bike Rally endet, verlassen wir Sturgis wieder. Schweren Herzens verabschieden wir uns von unseren großartigen Gastgebern mit dem Versprechen, wiederzukommen. Wir fahren noch einmal an den in Stein gehauenen Präsidentenköpfen vorbei und folgen dem nicht enden wollenden Lindwurm aus Motorradfahrern in Richtung Custer State Park. Die Streckenführung dorthin ist einzigartig. So als hätte man eigentlich ein Fahrgeschäft für einen Freizeitpark geplant, um dann doch eine Straße zu bauen, schlängelt sich der Hgw. 87 durch Tunnel und über hölzerne Brücken durch die Berge und Täler der östlichen Black Hills. Es ist schon ein imposanter Anblick, wenn vor einem hunderte Motorräder fahren, die auch im Rückspiegel hinter einem kein Ende nehmen wollen.

In sanften Schwüngen windet sich die Straße weiter in Richtung Südosten. Nach einer Weile ändert sich das Landschaftsbild wieder komplett. Wald wird wieder zu Prärie und Hochplateau zu weiter Ebene. Als letztes echtes Highlight erreichen wir die sogenannten „Badlands“, die mich an die Canyons in Utah erinnern. Mit scharfkantig aufragenden Felsformationen und erodierten Sandsteinbergen, sind die Badlands das größte geschützte Präriegebiet in den Vereinigten Staaten. Die ersten streng gläubigen Siedler nannten es „Schlechtes Land“, da sie die undurchdringlichen Felslabyrinthe für die Hölle hielten, in der das Feuer erloschen war.

 

IMG_7320 IMG_6963 IMG_0344

Nachdem wir den Missouri River überquert haben, schlagen wir südlich der Stadt Sioux Falls, kurz vor der Grenze zu Iowa unser Zelt inmitten der Prärie auf. Wir genießen ein letztes Mal diese Weite und Stille, ehe wir weiter zu den Großen Seen fahren. William Least Heat-Moon, ein indianischer Reiseschriftsteller, brachte es über die Prärie einmal treffend auf den Punkt: “Eines ist sicher: will man das wahre Amerika kennenlernen, dann muss man wenigstens einmal in der Prärie gestanden haben, die vom Ellenbogen bis zum Horizont reicht, denn in dieser unendlichen Grasslandschaft ist alles enthalten, was das Herz Amerikas ausmacht – Himmel, Weite und Licht.“ Man muss es wirklich erlebt haben, um seine Worte zu verstehen.

20 Feb

USA – durch den Wilden Südwesten

Go West!

Monument Valley - Arizona
Monument Valley

 

Surreale Felsnadeln, tiefe Canyons, und gigantische Bögen aus rotem Stein: Utah, das wilde Herz im Südwesten der USA quillt nur so über vor faszinierenden Naturwundern und lockt jährlich Millionen Touristen an. In den spektakulären Landschaften abseits von Disneyland und Fast-Food-Ketten kann man den Duft von Freiheit und Abenteuer atmen und ein bedeutendes Stück der noch jungen amerikanischen Geschichte auf und abseits der Highways erleben.

Adrian ist 27 Jahre alt. Ein Kerl wie Du und ich. Wenn man mit ihm spricht und er über seine Lieblingsbands redet, dann denkt man nicht im Traum daran, dass Adrian eigentlich eine Berühmtheit ist. Er ist vom Stamm der Navajo, ein begnadeter Reiter und vermutlich der meist fotografierte Indianer aller Zeiten.

Fotografiert zu werden und dafür ein gutes Trinkgeld zu bekommen, ist Adrians „Job“ – ein Job, den er vor ein paar Jahren von seinem Vater übernommen hat, genau wie dieser es schon von seinem Vater tat, damals in den 1950er Jahren. Die meisten haben einen der drei ganz sicher schon einmal gesehen. Sei es in einem Reiseführer, in der Werbung oder sonst irgendwo. Das Bild ist einfach legendär. Ein Reiter, der stets eine blaue Jeans, ein rotes Hemd und ausgerechnet einen Cowboyhut trägt. Mit diesen Kleidungsstücken, die er als „Trademark“ bezeichnet, sitzt er auf seinem Pferd „Pistol“ und steht auf einem Felsvorsprung mitten im Monument Valley. „John Ford’s Point“ heißt der Ort, benannt nach dem berühmten Hollywood Regisseur, der hier mit John Wayne vor der Kamera große Kinogeschichte schrieb.

 

Etwa jede Stunde, wenn wieder ein Fahrzeug der „Gouldings Company“ (der angeblich beste Anbieter für geführte Touren durchs Monument Valley) am Horizont zu erspähen ist, streift sich Adrian das rote Hemd über und trottet auf seinem Pferd gemächlich zu der Stelle, die früher als Kamerastandort diente. Auch heute klicken hier die Kameras. Tausendfach am Tag, während der „Cowboy-Indianer“ nichts anders zu tun hat, als auf seinem Pferd zu sitzen und in die Ferne zu starren. Ab und an lässt er sein Pferd „steigen“, wobei er fest im Sattel sitzt. Touristen lieben diesen Anblick. Mehr „Wild Wild West“ auf einem Bild, das geht einfach nicht.

Bevor ich mich nach einer langen Unterhaltung von Adrian verabschiede, stelle ich ihm noch eine Frage, die mir nicht leicht über die Lippen kommt: „Warum um alles in der Welt verkleidet sich ein stolzer Navajo Indianer ausgerechnet als Cowboy, das Feindbild vieler seines Stammes?“ Er lacht. „Das hat mein Großvater so entschieden. Er hatte damals Angst, als Indianer von einem “Red Neck” vom Felsen geschossen zu werden.“ Er lacht wieder. „Nein, Blödsinn! Mein Großvater war ein schlauer Mann. Er hat schnell begriffen, dass er als Cowboy einfach mehr Trinkgeld verdienen kann“. Außerdem, so sagt er, seien die Sachen, die ein Cowboy trägt viel bequemer als der „Indian Stuff“.

Monument Valley - grenze Utah-Arizona

Für viele markiert der Anblick des Indianers im Cowboykostüm inmitten dieser legendären Landschaft im Grenzgebiet zu Arizona den Auftakt oder das Ende einer Reise durch Utah. Meine Reise durch diesen grandiosen Bundesstaat beginnt 14 Tage zuvor an einem drückend heißen Junimorgen, ein paar hundert Kilometer entfernt in „Sin City“, der Stadt der Sünde – Las Vegas.

Der Casino-Sound dröhnt noch in meinen Ohren, als ich die Zockermetropole hinter mir lasse. Der kühne Plan, meine Reisekasse am Roulettetisch aufzubessern ist gründlich in die Hose gegangen und so mache ich mich mit gewohnt schmalem Budget wieder auf den Weg. Innerlich bin ich zugegebenermaßen erleichtert, dass ich die nächsten Wochen vornehmlich im Zelt schlafen werde, anstatt in teuren Betten. Ich reiße am Gasgriff meiner Yamaha XT660Z Ténéré und folge der Interstate 15 in Richtung Nordosten. Fürs erste habe ich genug von urbanen Attraktionen und freue mich nun auf eine der am dünnsten besiedelten Regionen Amerikas.

Geologisch gesehen liegt der größte Teil Utahs auf dem sogenannten Colorado-Plateau, einem riesigen, um mehr als eintausend Meter angehobenen Hochplateau, das sich auf einer Fläche so groß wie Deutschland von Arizona und New Mexico bis nach Utah und Colorado erstreckt. Vor langer, langer Zeit – Geologen reden von bis zu 2000 Millionen Jahren, begannen Wind und Wasser an diesem gewaltigen Werk aus Kalk- und Sandstein zu modellieren. In einem schier unglaublich zeitaufwendigen Prozess entstanden die surreal anmutenden Gesteinsformationen, für die der Südwesten der USA heute so bekannt ist. In dieser ohnehin schon spektakulären Landschaft liegen insgesamt acht US-Nationalparks, deren Aufgabe es ist, die einzigartige Schönheit in ihrer ursprünglichen Form der Nachwelt zu hinterlassen. Die Kronjuwelen des amerikanischen Westens, wie etwa Canyonlands-, Bryce Canyon-, Arches-, Capitol Reef- oder Zion-Nationalpark stehen auf meiner „To-Do-Liste“ für die nächsten zwei Wochen. Da ich auf meiner Nordamerikareise eine Vielzahl Nationalparks besuchen möchte, investiere ich zu Beginn 80 Dollar für einen sogenannten „Anual Pass“, eine Investition, die ich nur empfehlen kann. Da jeder Nationalpark einen Eintritt von 10 – 30 Dollar erhebt, rechnet sich der Jahrespass schon nach kürzester Zeit.

IMG_4685

Der Zion National Park macht den Anfang auf meiner Reise durchs Mormonenland. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil dieser Park einer der wenigen ist, den man nicht mit dem eigenen Fahrzeug befahren darf, gehört er zu meinen Favoriten. Anstatt an besucherreichen Tagen im Stau stehen zu müssen, wurde ein gut funktionierendes Shuttlesystem eingesetzt. Mit den kostenlosen Busen, die im Zehn-Minuten-Takt frequentieren, ist es den Besuchern möglich, die unterschiedlichsten Attraktionen in kürzester Zeit und völlig stressfrei zu erreichen. Und Attraktionen gibt es im Zion Nationalpark wahrlich eine ganze Menge. Im wahrsten Sinne des Wortes „ganz oben“ steht eine Wanderung oder „Hike“, wie der Amerikaner sagt, zu einem „Angels Landing“ genannten Aussichtspunkt. Wer unter Höhenangst leidet, dem empfehle ich allerdings, sich die zwei anstrengenden Stunden hinauf zum „Landeplatz der Engel“ genauestens zu überlegen. Eine gewisse Schwindelfreiheit – zumindest für das letzte Stück der Wanderung – sollte auf jeden Fall vorhanden sein, denn der Weg führt an Abgründen vorbei, die völlig ungesichert mehrere Hundert Meter tief in das Tal fallen, durch das der Virgin River fließt. Es dauert eine ganze Weile, bis ich meinen inneren Schweinehund besiegen kann, um auch das letzte Stück des Weges hinter mich zu bringen. Was bin ich doch für ein Hasenfuß, denke ich immer wieder, als mich Rentner oder Mütter mit Kindern auf der Schulter überholen, während ich mich, von Todesangst geplagt, Zentimeter für Zentimeter vorwärts quäle. Im Nachhinein bin ich froh und stolz, diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich weiß aber auch, dass ich es nicht noch einmal tun würde.

Freiheit und abenteuer - Utah

Betrachtet man eine Landkarte der USA, so stellt man fest, dass es im Süden Utahs vergleichsweise wenige Straßen gibt. Meine Ténéré ist daher eine perfekte Wahl, das Land auch abseits der asphaltierten Verbindungen zu erkunden. Mit Hilfe des Reiseführers „Utah Byways“, in dem alle bekannten Off-Road-Strecken genau beschrieben werden, wähle ich die Routen für die kommenden Tage aus. Über die „Kolob Terrace Road“, eine größtenteils nicht asphaltierte Nebenstrecke der absoluten Extraklasse, mache ich mich anderntags auf den Weg in Richtung des nächsten Nationalparks. Auf gut 100 Kilometern Länge verläuft der Trail zunächst durch die Sandsteinlandschaften des Zion Parks und windet sich dann immer weiter hinauf in die Kiefern- und Birkenwälder des Dixie National Forest. An den höchsten Punkten, auf über 3000 Metern Höhe, hat der Frühling noch nicht den Winter verdrängen können und so muss ich mich über einige noch nicht geschmolzene Schneefelder quälen.

12 - Zebra Canyon - Utah
Zebra Canyon

 

Mein Hintern zeigt leichte Ermüdungserscheinungen, als ich am späten Nachmittag den Bryce Canyon erreiche – einen gewaltigen Skulpturenpark der von der Natur geschaffen wurde. Den Namen „Canyon“ trägt der Nationalpark allerdings zu Unrecht, denn die wundersame Landschaft des fünf Kilometer breiten und 19 Kilometer langen Bryce Canyon wurde nämlich nicht von einem Fluss aus dem Fels gewaschen, sondern ist das Ergebnis einer zeitaufwendigen Erosion. „Hoodoos“ werden die bis zu 60 Meter hohen, rötlichen Felsnadeln genannt, die sich wie riesige Totempfähle zu Tausenden aneinander reihen. Für die Paiute Indianer, die das Gebiet des heutigen Bryce Canyons zwischen dem 13. Und 19. Jahrhundert durchstreiften, waren die vielen Hoodoos Menschen, die von verärgerten Göttern zu Stein verwandelt wurden. Die erste überlieferte Beschreibung des Bryce Canyon stammt von Ebenezer Bryce, einem Mormonensiedler, der 1874 zusammen mit anderen Mormonenfamilien in dieser kargen Gegend sein Farmerglück versuchte. Für ihn war der später nach ihm benannte Canyon ganz einfach nur „a hell of a place to lose a cow“, ein höllischer Ort, um darin eine Kuh zu verlieren. Ebenezer Bryce hielt es dann auch nicht allzu lange aus, sondern zog mit seiner Familie nach wenigen Jahren weiter nach Mexico. Um die Schönheit des Parks so richtig aufsaugen zu können, empfiehlt es sich für einen Tag aus dem Sattel zu steigen und das Meer aus Stein per Pedes zu erkunden. Tief im Inneren, so scheint es, legt Mutter Natur eine Künstlerpause ein. Nur ganz selten hört man ein leises Knacken, gefolgt von einem Rieseln, was einem zeigt, dass ohne Unterlass an diesem Kunstwerk modelliert wird. Klein und unbedeutend fühlt man sich als Mensch zwischen all den Felsen und Alltagsprobleme, so stelle ich fest, lösen sich schnell in Wohlgefallen auf.

15 - Sonnenuntergang Canyonland National Park - Utah

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

oder aber den Bryce Canyon

Wie fast jeder Tag in Utah endet auch mein dritter Reisetag mit einer atemberaubenden Show: Der Himmel scheint die rote Erde zu reflektieren und die Wolken können sich nicht entscheiden, ob sie im letzten Licht der Sonne pink, lila oder orange leuchten sollen. Für die wirklich sensationellen Sonnenauf- und Untergänge wurden im Bryce Canyon eigens danach benannte Aussichtspunkte geschaffen. Am sogenannten Sunrise- oder Sunset Point ist man jedoch nicht allein, sondern man muss sich die Magie des Ortes mit vielen anderen Touristen und Fotografen teilen. Noch besser als dort ist die Aussicht meiner Meinung nach vom „Bryce Point“ im Norden des Parks, von wo man das Naturspektakel völlig ungestört bestaunen kann. Generell sollte man jedoch nicht die Temperaturen unterschätzen, die hier selbst im Sommer herrschen können. Aufgrund der Tatsache, dass der Park auf einer Höhe von knapp 2700 Metern liegt, kann es empfindlich kalt werden.

Weiter geht es Schlag auf Schlag. Die Anzahl der Naturhighlights, die in Utah zu bestaunen sind, suchen weltweit wirklich ihresgleichen. Mehrere Tage folge ich den zahlreichen Dirt Roads kreuz und quer durchs Land, um so viele Eindrücke wie möglich sammeln zu können. Die Nottom Bullfrog Road führt mich schließlich weiter gen Süden. Wie ein Labyrinth mit tausenden Abzweigungen erstreckt sich der Lake Powell an der Grenze zu Arizona über das Colorado Plateau. Fast 3000 Kilometer misst die Küstenlinie des aufgestauten Colorado River und ist damit länger als die der Westküste der USA zwischen Kanada und Mexiko. Weiter über eine tiefe Sandpiste erreiche ich am sogenannten „Alstrom Point“ den vielleicht spektakulärsten Lagerplatz meiner Reise.

IMG_7047

Doch nicht nur die Dirt Roads in den USA sind ein Erlebnis. Im Jahr 1991 brachte das amerikanische Verkehrsministerium ein Programm auf den Weg, wonach künftig alle landschaftlich besonders herausragenden Panoramastraßen als „National Scenic Byway“ und „All-American Road“ betitelt werden sollten. Straßen also, die als solche schon ein lohnenswertes Reiseziel darstellen. Der “National Scenic Byway 12″ ist eine solche Straße, die sich auf spektakuläre Art und Weise durch das Herz des amerikanischen Westens windet. Sie verbindet dabei so viele landschaftliche Höhepunkte und Sehenswürdigkeiten miteinander, wie kaum eine andere Straße in den USA und bietet dabei visuell berauschende Aussichten. Ein Highlight ist zweifelsohne die Fahrt über den sogenannten „Hogback“ – Schweinerücken –, einen Bergkamm mit 300 Meter steil abfallenden Klippen links und rechts der Fahrbahn. Auf diesem Abschnitt umfassen die Hände kraftvoll den Lenker und man merkt, dass man sich noch etwas mehr als sonst aufs Fahren konzentriert. Das knapp 8000 km² große Grand Staircase-Escalante National Monument, durch das die US12 verläuft, ist die am dünnsten besiedelte Region im Kernland der USA. Als Motorradfahrer fühlt man sich dort so einsam, dass man sogar die Autofahrer grüßt. Im Umkreis von über 200 Kilometern liegen nur ein paar wenige Ortschaften verstreut. Viele berühmte Revolverhelden und Bankräuber wie etwa „Billy the Kid“ oder „Butch Cassidy“ wussten die Einsamkeit bereits vor über 100 Jahren zu schätzen. Sie diente ihnen nach ihren Raubzügen als perfekter Rückzugsort, wo sie in Ruhe Inventur machen konnten. Die zweifelhaften Outlaws von einst haben sich heute trotz ihrer vielen Straftaten rehabilitiert. Die Legenden, die sich um ihre Namen ranken, dienen einigen Hotels und Bars im Südwesten der USA mittlerweile als gut funktionierender Publikumsmagnet.

Desert Doctor

IMG_8264Escalante ist eines der kleinen Städtchen inmitten dieser heißen Einöde. „Pop. 818“ steht auf dem Ortseingangsschild des Wüstenkaffs geschrieben und verweist auf die aktuelle Einwohnerzahl. Einer von ihnen ist der sogenannte „Desert Doctor“ ein ebenso sympathischer wie exzentrischer Biker, den ich am Ortsrand treffe. Wie die überwiegende Mehrzahl der Motorradfahrer in den USA ist auch er mit einem verchromten Zweizylinder unterwegs. Als ich am Straßenrand die Karte studiere, hält er neben mir an und fragt mich, ob ich Hilfe bräuchte. Sich gegenseitig zu helfen ist in dieser Gegend ein Ehrenkodex. Obwohl ich keine Hilfe benötige nehme ich gerne seine Einladung an, ihm auf ein Getränk zu seinem Haus zu folgen. Insgeheim wittere ich die Chance, ein eiskaltes Bier abzustauben. Die Luft in Utah kann nämlich verdammt trocken sein. Das Zuhause des Desert Doctors könnte man problemlos als Museum bezeichnen. Unzählige Motorradleichen zieren das Grundstück und die Wände seines Hauses sind mit Reifenstücken verkleidet, auf die er die Namen der Heimatstädte derer gepinselt hat, die hier einen Plattfuß hatten. Aus einem Bier werden ein paar mehr und da immer weitere Kradfahrer auftauchen, um ihm einen Besuch abzustatten, entwickelt sich ein spontanes kleines Bikertreffen. Ich lasse das Motorrad stehen und beende den Tag in meinem Zelt in seinem Garten.

IMG_9182

Irgendwann führt mich der Weg nach „Green River“, eine Kleinstadt am gleichnamigen Fluss gelegen, die schon deutlich bessere Tage gesehen hat. Der morbide Charme verlassener Tankstellen, an denen sich das Unkraut durch die Betondecke bohrt oder aber die Neonreklametafeln der Motels, die quietschend im Wüstenwind schaukeln, lassen erkennen, das Green River auf dem besten Weg ist, eine Geisterstadt zu werden. „Ghost Towns“ gibt es in den USA hunderte und ständig kommen neue hinzu. Sie entstehen überall dort, wo Menschen ihre Hoffnungen ansiedelten, wo Bodenschätze oder Arbeitsplätze Menschen aus dem ganzen Land anlockten. Sie alle haben gemeinsam, dass sie eine kurze Blütezeit erleben mit hunderten, manchmal sogar tausenden von Einwohnern, die jedoch dann weiterziehen, wenn es nichts mehr zu holen gibt. Green River ist da nur ein Beispiel von vielen. Einst eine blühende Mormonen Oase, versprach der Ort eine rosige Zukunft. Mit der Schließung einer nahegelegen Raketenbasis verlor die Stadt jedoch den größten Arbeitgeber, die Army, und die Menschen zogen fort. Das Aufgeben ganzer Städte ist wie gesagt nichts Ungewöhnliches in den USA, denn Amerikaner sind es gewöhnt, dorthin zu ziehen, wo die Arbeit ist. Der Begriff Heimat hat dort eine ganz andere Bedeutung als bei uns. Weil man in den USA jobbedingt viel flexibler sein muss, haben die Menschen es schon früh gelernt, auf die Veränderungen der Umwelt mit Mobilität zu reagieren. Während in Deutschland etwa zwei Drittel der Menschen ein Leben lang an einem Ort bleibt, sind es in den USA gerade mal 2%.

 

Jeder Verlierer hat jedoch auch seinen Gewinner. Ein paar Kilometer weiter östlich, in der Stadt Moab, sieht die Welt ganz anders aus. Das Eingangstor zu den Nationalparks „Arches“ und „Canyonlands“ erlebt goldene Zeiten. Das Geschäft mit dem Abenteuer blüht und verschafft der Tourismusindustrie enorme Zuwachsraten. Pfiffige Anbieter von Rafting- Kletter-, oder Mountainbike-Touren reihen sich dicht gedrängt an der Main Street aneinander. Neben all den Adrenalin intensiven Aktivitäten zieht es die Touristen vor allem in den Arches Nationalpark. Wie der Name schon verrät gibt es in diesem Park in allererster Linie die berühmten Steinbögen zu bewundern. Insgesamt über 2000 sollen es sein. Vom kleinsten Bogen, wo gerade mal ein Tennisball durchpasst bis zum „Landscape Arch“, der die beeindruckende Spannweite von 100 Metern hat. Der „grazile Bogen“, der „Delicate Arch, ist die16 Meter hohe Hauptattraktion. Er ist gleichzeitig das Wahrzeichen Utahs und prangt auf Briefmarken und Nummernschildern.

Abenteuer Nordamerika (1 von 1)

 

 

 

 

 

 

Mönch unter dem Delicate Arch

 

In unmittelbarer Nähe des Arches Nationalpark liegt der „Dead Horse Point State Park“ – Ein von abschüssigen Klippen umgebener Tafelberg. Der Ort wurde nach den „Toten Pferden“ benannt, weil Cowboys und Pferdediebe das vorstehende Hochplateau mit den an allen Seiten steil abfallenden Kanten als natürliche Koppel benutzten. Nur über einen schmalen Bergrücken ist der Ort mit der restlichen Hochebene verbunden. Indem man den einzigen Ausweg mit Ästen und Gestrüpp abgeriegelte, wurden die Pferde eingeschlossen. Die Tiere, die man für den Verkauf oder zur Zucht aussortierte wurden mitgenommen. Für die Zurückgelassenen endete die Gefangennahme meist tödlich, da sie auf der beschränkten kargen Fläche kein Wasser und kaum geeignete Nahrung fanden. Doch nicht nur die Pferde fanden hier ein jähes Ende. Für das dramatische Finale des Films „Thelma und Louise“ wurde das Plateau als Drehort genutzt.

11 - Horseshoebend-Arizona
Horseshoebend

 

Fragt man mich nach einem Geheimtipp unter den vielen Parks in Utah, so würde ich den nahe gelegenen „Canyonlands Nationalpark“ nennen. Die meisten Reisenden fahren auf dem Weg nach Moab an ihm vorbei, ohne Notiz davon zu nehmen. Mit seiner fast unberührten Natur und Einsamkeit ist dieser der größte und gleichzeitig am schwersten zugängliche Nationalpark des Bundesstaates. Von mehreren Aussichtspunkten am Rand des Plateaus hat man eine fantastische Aussicht auf den Zusammenfluss des Colorado River und Green River, die sich 600 Meter tiefer grün und träge durch die Erdgeschichte fressen.

Wie in den meisten anderen Parks gibt es auch hier mehrere einfache Plätze, wo man sein Zelt aufschlagen kann. Für umgerechnet weniger als sieben Euro, die man in einem Umschlag in eine Box steckt, bekommt man großartige Naturerlebnisse geboten. Noch lange nach dem Sonnenuntergang sitze ich vor meinem Zelt, höre in der Ferne einen Kojoten heulen und sehe unzählige Sternschnuppen, die von einem wolkenlosen Himmel regnen. Am nächsten Morgen bin ich gewohnt früh auf den Beinen. Ich habe den Blick auf den Canyon ausgiebig genossen und möchte ihn nun mit meiner Ténéré erkunden. Über eine schmale Sandpiste, die sich in eine Steilwand klammert, geht es hinunter in die zerklüftete Felsenlandschaft, „Canyonlands“ genannt. Es folgen 50 Kilometer über den „Shafer Trail“, der mir von mehreren einheimischen Endurofahrern völlig zu Recht wärmstens empfohlen wurde. Je weiter man talwärts fährt, desto majestätischer werden die roten Felsen. Die Vegetation hingegen wird spärlicher. Bedingt durch die wenigen Niederschläge haben die anspruchslosen Pflanzen die Größe ihrer Blätter reduziert und mit einer Wachsschicht überzogen, um die Verdunstung zu reduzieren.

IMG_5481

Ich traue meinen Augen nicht, als ich mitten im Nichts ein sichtlich verzweifeltes Ehepaar aus England treffe, die mit einem Wagenheber versuchen, den für diese Strecke völlig ungeeigneten Pkw über eine Bodenwelle zu heben. Fast schon apathisch wiederholt er immer wieder den Satz „Ich habe die falsche Abzweigung genommen“, während seine Frau ihn immer wieder anschreit. Zwar sieht man in den USA immer wieder Touristen, die mit Ihren Mietwagen auf Strecken unterwegs sind, auf denen sie laut Mietvertrag nichts zu suchen haben, doch das hier ist wirklich krass. Ich helfe den beiden eine Weile, sehe dann jedoch ein, dass sie ihre Ehekrise alleine durchstehen müssen. Wir tauschen Emailadressen aus und verabreden, dass ich Hilfe bei der Parkverwaltung hole, wenn sie sich in zwei Tagen nicht bei mir gemeldet haben. Dann verabschiede ich mich. Noch eine Weile kann ich das Echo einer hysterischen Frauenstimme zwischen den Felsen hören. Als ich vor Ablauf der Frist eine E-Mail bekomme, dass alles in Ordnung sei, verabreden wir uns spontan auf ein paar Bier in der Moab-Brewery. Selten habe ich auf meiner Reise so lachen müssen, wie an diesem Abend.

Utah Bear Country

Meine Reise durch Utah endet wie anfangs beschrieben im Indianerland. Über den Highway 163 fahre ich auf die 300 Meter hohen Tafelberge des Monument Valley an der Grenze zu Arizona zu. Ich bekomme eine Gänsehaut beim Anblick der vermutlich bekanntesten Kulisse Amerikas. Wie gerne würde ich die Zeit zurück drehen und die vergangenen zwei Wochen noch einmal erleben. Doch meine Reise endet ja noch nicht, sie führt mich weiter in einen weiteren großartigen Bundesstaat – Colorado.

 

20 Feb

Kanada – British Columbia

Lockruf der Wildnis

IMG_3424
Bisonherde auf dem Alaska Highway

 Schneebedeckte Gebirgslandschaften, fjordreiche Küsten und unberührte Regenwälder – British Columbia bietet eine Vielzahl von Landschaften, in denen die Wildnis, gleich neben der Straße beginnt. All die romantischen Bilder, die man vom „Abenteuer des Nordens“ im Kopf hat – im Land des roten Ahornblattes werden sie Wirklichkeit.

Glasklare Luft und dieser unverwechselbar holzige Duft Kanadas schlägt mir ins Gesicht, als ich aus dem Flughafengebäude hinaus ins Freie trete. „Welcome to Vancouver“, mit diesen Worten heißt mich ein Schild in der meiner Meinung nach schönsten Stadt der Welt willkommen. Ich bin zurück in der kanadischen Westküstenmetropole, wo ich meine Reise durch Nordamerika im letzten Jahr unterbrochen habe, um sie nun, nach einem langen Winter, weiter fortzusetzen. Mein Motorrad steht seit dem bei einem Yamaha-Händler im sogenannten „Winter Storage“ und wartet auf einen weiteren großen Einsatz. Mit kindlicher Freude fiebere ich nun dem Moment entgegen, mich wieder auf meine Ténéré zu schwingen um neue Abenteuer zu erleben.

Mit dem „Loser-Cruiser“, wie die Kanadier spöttisch den Bus nennen, mache ich mich nach ein paar Tagen des Eingewöhnens auf den Weg zur Werkstatt im nahegelegenen Port Moody um mein Motorrad startklar zu machen. Seit meiner Ankunft fühle ich mich pudelwohl in diesem wundervollen Land und es kommt mir nach kürzester Zeit so vor, als habe ich die Reise gar nicht unterbrochen. Das positive Gefühl mag vielleicht an der entspannten und natürlichen Freundlichkeit liegen, mit der sich die Kanadier im Alltag begegnen. Es sind die vielen kleinen Unterschiede, die das Leben hier so lebenswert machen und die der Grund dafür sind, dass Vancouver im Ranking der Städte mit der höchsten Lebensqualität seit Jahren einen Spitzenplatz einnimmt. Die Menschen gehen einfach freundlicher und rücksichtsvoller miteinander um. Wo sonst bedanken sich noch die Fahrgäste eines Busses beim Fahrer und sagen ihm beim Aussteigen, dass er eine gute Arbeit macht?

IMG_4589

 

 

 

 

 

Anders als im letzten Jahr werde ich dieses Mal nicht alleine reisen. In zwei Tagen wird mein langjähriger Freund Alain von seiner neuen Heimat Buenos Aires nach Vancouver fliegen, sich ein Motorrad kaufen, um mich dann zu begleiten. So zumindest der Plan. Als ich am Abend zurück in mein Hotel auf der Robson Street komme, habe ich eine Nachricht von ihm auf der Mailbox, die mich fassungslos macht. Darin berichtet er mir kurz angebunden von irgendwelchen Problemen mit seiner neuen Wohnung und sagt fast beiläufig, dass er den Flug kurzfristig umbuchen musste. Sage und schreibe 17 Tage später als ursprünglich geplant, würde unsere gemeinsame Reise nun beginnen. Ich muss mir die Nachricht mehrmals anhören um sie zu verdauen.

IMG_8556

Ich werde in der nächsten Zeit also erst mal ohne Gesellschaft vorlieb nehmen müssen. Ein paar Tage bleibe ich noch in der großartigen Stadt, ehe mich die hohen Übernachtungskosten dazu zwingen, ihr den Rücken zu kehren. Da ich nun knapp zwei Wochen auf meinen Freund warten muss, entscheide ich mich dafür, noch einen Teil British Columbias zu erkunden, der eigentlich gar nicht auf meiner Liste stand.

IMG_5295

Über den Trans Canada Highway, die längste nationale Straßenverbindung der Welt, die den Pazifik auf insgesamt 8030 Kilometern Länge mit der Atlantikküste verbindet, lasse ich Vancouver hinter mir. Nach etwa 150 Kilometern erreiche ich Hope, das Eingangstor zum Fraser-Canyon. Zu einer gewissen Berühmtheit gelangte der kleine Ort, als hier vor genau 30 Jahren der berühmte Hollywood Blockbuster „Rambo – First Blood“ gedreht wurde. Damals kam der Kriegsveteran John J. Rambo (gespielt von Sylvester Stallone) in die Stadt, um sie, nachdem er sich vom Sherriff schlecht behandelt fühlte, in Schutt und Asche zu legen. Heute lassen sich die Touristen vor dem Visitorcenter mit Stirnband und Maschinengewehr als Filmheld fotografieren und spezielle Stadtpläne führen einen an die wichtigsten Drehorte. Sogar die Fluchtstrecke, auf der Rambo mit seiner Yamaha XT250 dem Arm des Gesetzes entwischte, kann man mit dem eigenen Motorrad nachfahren. Unweit der Stelle, wo einst im Showdown des Films eine Tankstelle in die Luft flog, schlage ich am Abend mein Zelt direkt am Ufer des mächtigen Fraser River auf. Glücklich und zufrieden beende ich den ersten richtigen Reisetag standesgemäß am Lagerfeuer.

Die Sonne versteckt sich noch hinter den Bergen, als ich am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe meine sieben Sachen zusammen packe um mich kurz darauf wieder auf den zu Weg machen. Es fühlt sich befreiend an, gerade erst am Anfang einer fünfmonatigen Reise zu stehen. Freiheit und Abenteuer, Gefühle die daheim längst Luxus geworden sind, werden ab jetzt wieder zum täglichen Leben dazu gehören. Mit einer Drehbewegung der rechten Hand quittiere ich dieses berauschende Gefühl und folge dem Lauf des Fraser River dankbar weiter hinauf in die Berge.

Landschaftlicher und touristischer Höhepunkt des Canyon ist das sogenannte „Hells Gate“. Hier wird der Fluss durch eine nur 35 Meter enge und 1000 Meter hohe Felsschlucht gepresst. Mit einer Seilbahn kann man über die tosenden Wassermassen ans andere Ufer gleiten, um sich das Spektakel aus nächster Nähe anzuschauen. Folgt man dem Lauf des Fraser River noch ein Stück weiter stromaufwärts, so erreicht man das „Elvis rockst he Canyon Café“ – ein im Stile der 50er Jahre eingerichtetes Roadhouse, in dem die Themen Rock’n’Roll und Elvis Presley hervorragend umgesetzt wurden. Nach einem riesigen Burger (nicht der letzte auf der Reise) und einem netten Gespräch mit dem Betreiber mache ich mich wieder auf den Weg. Ich kann einfach nicht genug davon bekommen, Motorrad zu fahren. Stundenlang sitze ich in den folgenden Tagen im Sattel, ohne dass mir auch nur eine einzige Sekunde langweilig wird.

Der vorerst nördlichste Teil meines Abstechers ist die Stadt Prince George. In der ehemaligen Pelzhändlersiedlung wird einem auf fast schon beklemmende Art vor Augen geführt, dass die Holzindustrie noch immer eine der Haupteinnahmequellen Kanadas ist. Kahlgeschlagenen Berghänge und abertausende aufeinander getürmter Baumstämme links und rechts der Straße, zeugen von der Effizienz moderner Rodungstechnik. Die romantische Vorstellung, dass bärtige Holzfäller die Axt schwingen, ist längst überholt. Die Realität sieht leider völlig anders aus. Sogenannte „Harvester“ hinterlassen in den Wäldern ein Bild der Verwüstung. Leider dringen die kanadischen Holzkonzerne immer tiefer in die Wildnis vor. Alle zwei Sekunden fällt den umstrittenen Kahlschlag-Praktiken ein Stück Wald von der Größe eines Fußballfeldes zum Opfer.

Die kahl gerodeten Stellen verschwinden schnell wieder aus dem Blickfeld, wenn man dem Highway 97 weiter in Richtung Süden folgt. Ich fahre durch ein Stück Kanada wie aus dem Bilderbuch. Hinter jeder Kurve wartet ein neuer imposanter Ausblick und immer wieder komme ich an tiefblauen Seen vorbei, in denen sich kleine Inseln verteilen und an deren Ufern alte Kiefern sich wie Palmen in Richtung Wasser neigen.

IMG_5163

Über Liloeet und Pemberton erreiche ich am nächsten Tag Whistler, Kanadas Wintersportort Nummer eins. Da viele Skipisten in dem ehemaligen Austragungsort der Olympischen Winterspiele bis weit in den Frühling hinein geöffnet sind, herrscht in dem alpenländischen Retortenort eine ausgelassene Stimmung. Unmengen junger Snowbordfahrer machen die Bars und Restaurants unsicher. Einige fahren nach dem Skifahren auch zurück in die nahegelegene Stadt Vancouver. Wo sonst kann man an einem Tag Skifahren, nachmittags am Strand liegen und abends in einer der zahlreichen Bars einer Weltstadt feiern gehen.

Über den „Sea to Sky Highway“ fahre ich schließlich wieder hinunter ans Meer. Als ich in dem kleinen Fährhafen von „Horse Shoe Bay“ ankomme, rollen schon die ersten Autos auf die Fähre der „BC Ferries“, um auf die nahegelegene Sunshine Coast überzusetzen, einen knapp 170 Kilometer langen Küstenstreifen entlang der „Georgia Strait“. Warum dieses wundervolle und von Vancouver aus leicht zu erreichende Stück Natur in den meisten Reiseführern übergangen wird, ist mir ein Rätsel. Die „Sonnenscheinküste“ macht ihrem Namen an diesem herrlichen Frühlingstag alle Ehre. Aufgrund der vorgelagerten Inseln, an denen viele Wolken hängen bleiben und sich abregnen können, ist die Anzahl der Sonnentage tatsächlich höher als anderswo an der Westküste.

IMG_4375

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwei gemütliche Tage verbringe ich an der fjordähnlichen Küste und breche immer wieder zu kleinen Wanderungen auf dem „Sunshine Coast Trail“ auf. Als nächstes erreiche ich nahe der Ortschaft Egmont den Skookumchuck Narrows Provincial Park. Nachdem ich mein Zelt in einer kleinen Bucht in der Nähe aufgebaut habe, mach ich mich wieder zu Fuß auf den Weg. Nach etwa einer Stunde erreicht man die Stromschnellen, die dem Park seinen Namen gaben –die Skookumchuck Narrows – die zweitgrößten Salzwasserstromschnellen der Welt. Alle sechs Stunden, mit jedem Gezeitenwechsel, kann man hier ein beeindruckendes Naturschauspiel erleben. Über 750 Millionen Kubikmeter Wasser werden bei einsetzender Flut durch den Meeresarm gepresst, um dann sechs Stunden später, wieder zurück zu fließen. Durch die Gezeitenströmung entstehen dabei gewaltige Stromschnellen und riesige Wellen, die Wildwassersportler aus aller Welt anlocken.

Eine weitere Fähre bringt mich anderntags in knapp zwei Stunden nach Vancouver Island. Die Insel, mit einer Fläche, so groß wie Belgien ist von zerklüfteten Bergen, traumhaften Stränden und dichten Regenwäldern geprägt. Von Nanaimo, einer wenig einladenden Hafenstadt fahre ich über den Highway 4 vorbei an Kirchturmhohen Douglas Tannen, Sitka-Fichten und Riesenlebensbäumen, an die einsame Westküste der Insel. Der beste Ausgangspunkt für erlebnishungrige Touristen ist dort der kleine beschauliche Küstenort Tofino. Neben den vielen Surf-Shops stehen bei den Besuchern vor allem die Wal- oder Bärenbeobachtungstouren hoch im Kurs. Da die Touranbieter so ehrlich sind und mir sagen, dass Wale derzeit besser im Norden der Insel zu beobachten seien, konzentriere ich mich darauf, den Pacific Rim National Park zu erkunden. Schwere Regenstürme und das vergleichsweise milde Klima im Winter bieten ideale Voraussetzungen, dass dort das weltweit größte noch weitestgehend intakte Regenwaldgebiet der gemäßigten Breiten wuchern kann. Die biologische Produktivität dieses Ökosystems ist unübertroffen. Mit einer Biomasse von 1200 Tonnen pro Hektar liegt sie fast 50% höher als die des tropischen Regenwaldes im Amazonasbecken. Überall entsteht Leben. Auch auf den vor langer Zeit umgestürzten Bäumen, die in dieser undurchdringlichen Wildnis wie Mikado Stäbe übereinander liegen, wuchern Riesenfarne, Moose und neue junge Bäume. Tritt man aus dem Wald heraus, so steht man plötzlich auf einem endlos erscheinenden Sandstrand der Kategorie „absolut sehenswert“. Durch den Park verläuft auch der 75 Kilometer lange „West Coast Trail“, einer der bekanntesten Wanderwerge der Welt. Auf einem sogenannten „Walk in Campground“, einem Paradies für Outdoorliebhaber, schlage ich mein Zelt unter dem Dach der Urwaldriesen auf.

IMG_3547 IMG_3681 IMG_6275groß

 

 

 

 

 

 

IMG_5426

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch wo Regenwald wächst, der Name sagt es ja schon, kann es nicht besonders trocken sein. Nach knapp drei Wochen ohne Niederschläge, hat mich das berüchtigte Wetter der Westküste eingeholt. Vancouver Island wird seinem Ruf als niederschlagsreichster Ort Kanadas gerecht. Den Rest der Woche regnet es ohne Unterlass. Auch als ich ein paar Tage später wieder mein durchnässtes Zelt auf einem Campingplatz in Tofino aufbaue gönnt mir Petrus keine Pause. Doch auch wenn die äußeren Bedingungen alles andere als erfreulich sind, gibt es an diesem Tag noch etwas zu feiern. Mein Freund Alain trifft endlich ein. Als er plötzlich vor mir steht und ich sein Zahnpastalächeln sehe, ist all mein Groll verflogen. Ich bin einfach nur froh, dass wir ab jetzt zu zweit reisen und alle Erlebnisse teilen können. Bis spät in die Nacht stehen wir mit einem Bier in der Hand um ein riesiges Lagerfeuer und tauschen Anekdoten aus.

Mittags

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach drei nassen Tagen in Tofino und dem nahegelegenen Ucluelet, brechen wir gemeinsam in den Norden der Insel auf. In Port Hardy beginnt für uns der nicht ganz billige Höhepunkt so manch einer Reise durch Kanadas Westen. Mit dem Fährschiff geht es nun weiter durch die Fjorde der sogenannten Inside Passage, eine der beliebtesten Kreuzfahrtrouten der Welt. Umgerechnet etwa 300 Euro kostet die Überfahrt inklusive Motorrad, die in 15 Stunden durch die unberührte Wildnis der kanadischen Pazifikküste führt. Mehrere Eiszeiten haben die Küstenlinie tief zerklüftet und ihr so dieses dramatische Aussehen verliehen. An Bord der „MV Northern Expedition“ passieren wir hunderte bewaldete Inseln, kleine Indianersiedlungen und hohe Felswände über die sich Wasserfälle hinab ins Meer ergießen. Immer wieder strömen die Passagiere an Deck, weil Wale oder Delfine zu sehen sind.

 

 

 

 

 

IMG_6616 IMG_5856

Im Gegensatz zu Port Hardy ist das Hafenstädtchen Prince Rupert, in dem wir am späten Abend anlegen, wirklich sehenswert. Wir bleiben zunächst zwei Tage, ehe uns unsere letzte Fährpassage 200 Kilometer hinaus auf den Pazifik führt. Die Überfahrt auf die geheimnisvolle Inselgruppe „Haida Gwaii“ hat es wirklich in sich. Starke unterschiedliche Wind- und Wasserströmungen, die auf der sogenannten „Hecate Straße“ aufeinander treffen, machen sie zu einem der gefährlichsten Gewässer Kanadas. Wir sind froh, als wir nach der fünfstündigen Überfahrt mit ordentlichem Seegang wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Auf Haida Gwaii, den ehemaligen Queen Charlotte Inseln, lebt seit über 10.000 Jahren das Volk der Haida, eines der ältesten ortsfesten Völker der Welt. Mit ihren hochseetüchtigen Kanus dominierten sie über viele Jahrhunderte die Nordamerikanische Küste. Da es auf den üppig grünen Inseln Nahrung im Überfluss gab und Sklaven einen großen Teil der Arbeit erledigten, hatten die Haida jede Menge Zeit sich der Kunst zuzuwenden. So entstanden unter anderem auch die weltbekannten Totempfähle. Die kunstvoll geschnitzten und meist grellbunt bemalten Baumstämme, dienen bis heute als Prestigesymbol und Familienwappen. Sie erzählen alle unterschiedliche Geschichten, in denen traditionelle Motive wie Wale, Bären, Adler oder Biber einer Art Verbindung mit der Geisterwelt herstellen sollen. Damit Besucher in früheren Zeiten die Geschichten gleich lesen konnten, sind die Stämme stets zum Meer hin ausgerichtet. Die reich verzierten Totempfähle sind über Kanadas Grenzen hinaus bekannt. Ein Grund dafür, dass immer mehr junge Haida den traditionellen Beruf des Totempfahl Schnitzers erlernen ist sicherlich auch die Tatsache, dass die Kunstwerke mit bis zu einer halben Millionen Euro gehandelt werden.

IMG_8320

 

 

 

 

 

Im „Haida Heritage Centre“, einem völlig zu Recht preisgekrönten Museum in dem Ort Skidegate, lernt man viel über dieses geheimnisvolle Volk. Leider sind die uralten Traditionen und auch die Sprache vom Aussterben bedroht. Nur noch ein paar Dutzend ältere Menschen beherrschen diese äußerst komplizierte Sprache, deren Grammatik sich nicht nur nach der Zeit oder dem Geschlecht richtet, sondern auch danach, aus welcher Richtung der Wind weht.

IMG_7653

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf unseren Erkundungstouren über die nördliche Hauptinsel treffen wir gleich mehrere Totempfahl-Schnitzer bei der Arbeit. Einen von ihnen am Strand von Masset, wo seine nach frischem Holz duftende Werkstatt in einer traumhaft schönen Bucht gelegen ist. Er erzählt uns spannende Geschichten seiner Vorfahren und wie sich die Zeiten heute geändert haben. Nach einer Weile sagt er uns, er müsse nun raus, um sein Abendbrot zu fangen. Die Flut setze ein. Neugierig beobachten wir, wie er binnen kürzester Zeit einen großen Eimer voller Riesenkrebse fängt.

Lecker Mittagessen IMG_7458

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem neu erlangten Wissen sind auch wir in der Lage, unseren Speiseplan in den nächsten Tagen um eine köstliche Delikatesse zu erweitern. Immer wenn uns der Hunger packt, gehen wir an den Strand und fangen riesige Krebse, die wir direkt an Ort und Stelle auf einem Feuer aus Treibholz zubereiten.

Neben den vielen kleineren Wegen, denen wir bis in die entlegensten Ecken der Hauptinsel Graham Island folgen, nehmen wir auch an einer geführten Tour mit dem Zodiac, einem stark motorisierten Schlauchboot teil, das uns in den südlichen Teil der Inselwelt, in den Nationalpark Gwaii Hanas führt.

Es ist früh am Morgen, als wir nach ein paar Tagen wieder in den stählernen Bauch der Fähre rollen. Die Berge der Insel liegen noch im Nebel verborgen, als das Schiff Fahrt aufnimmt. Wir stehen an Deck und beobachten einen Weißkopfseeadler, der in der Ferne auf dem Ast einer Tanne thront. Seine lauten Rufe, diese hohen Töne, die so charakteristisch für British Columbia sind, sind das letzte was wir von der Insel wahrnehmen.

Fünf Stunden später erreichen wir wieder den Hafen von Prince Rupert. Wir lassen die Stadt hinter uns und fahren über den Yellowhead Highway in Richtung Landesinnere. Nach all den vielen Inseln und Fährpassagen in den letzten Wochen stellt sich zum ersten Mal das Gefühl ein, voran zu kommen. Die schier unermessliche Weite, die sich nun vor uns ausbreitet hat fast schon etwas Beängstigendes und man spürt, dass die Gattung Homo Sapiens hier eigentlich nichts zu suchen hat.

Schusswaffen, Bärspray oder sonst irgendwelche Verteidigungsstrategien - alles Firlefanz! Ich versuche einfach wie ein Bär auszusehen und zu riechen...:-)
Schusswaffen, Bärspray oder sonst irgendwelche Verteidigungsstrategien – alles Firlefanz! Ich versuche einfach wie ein Bär auszusehen und zu riechen…:-)

„You are in bear country“, diese Worte lassen auf Hinweisschildern keinen Zweifel daran, wer hier eigentlich das Sagen hat. Die Warnungen sind eindringlich, denn nirgendwo sonst auf der Welt gibt es mehr Bären als im nördlichen British Columbia und dem angrenzenden Yukon Territory. Unser Respekt vor den Tieren ist durch so manch eine Geschichte, die uns von Einheimischen erzählt wurde, enorm gestiegen. Man berichtete uns von Autos, die von Bären wie Sardinenbüchsen aufgeschlitzt wurden und Campern, die nachts ungebetenen Besuch bekamen. Besonders letztere Vorstellung bekommt man nur schwer wieder aus dem Kopf, wenn man selbst jede Nacht im Zelt verbringt. Nach der Reise kann ich bestätigen, dass man Geräusche wie das Knacken eines Astes in diesen Breiten viel intensiver wahrnimmt, als anderswo. Zwar treffen Mensch und Bär nur äußerst selten direkt aufeinander, doch diese Begegnungen gibt es immer wieder. Meist völlig unverhofft, was auch die größte Gefahr darstellt. Vor allem dann, wenn es sich um eine Mutter mit Ihren Jungen handelt. In so einem Fall muss man die Nerven behalten und man darf sich auf keinen Fall mit hastigen Bewegungen aus dem Staub machen. Der Jagdinstinkt der Tiere, die mit 50 km/h die Geschwindigkeit eines Rennpferdes, erreichen wird dadurch geweckt und man hätte keine Chance.

Der größte Fehler ist es jedoch, Lebensmittel oder andere interessant riechende Dinge im Zelt zu lagern. Wenn wir wild campen handhaben wir es so, dass wir alles, was einen Bären anlocken könnte, in einem unserer Seitenkoffer einschließen und diesen einige Meter vom Lagerplatz entfernt im Unterholz deponieren. Einen Koffer kann man notfalls opfern. Doch wer sagt einem, welche Gerüche ein Bär überhaupt als anziehend empfindet? Selbst WD40 oder Motoröl soll einigen schon zum Verhängnis geworden sein. Und da Bären auch Aasfresser sind, sehe ich in den Socken meines Freundes ein enormes Gefahrenpotential.

Kanadische Supermärkte sind daher eine gute Adresse, um für einen entsprechenden Schutz zu sorgen. Das Angebot in der „Freizeitabteilung“ kann sich wirklich sehen lassen. Jagd- und Ballermode im Tarnmuster bestimmt das Bild und in den Regalen liegen genug großkalibrige Knarren, um eine Söldnerarmee zu bewaffnen. Doch Schusswaffen bieten einer Studie der Forst- und Fischereibehörde Alaskas zur Folge nur vergleichsweise geringen Schutz. Hinzu kommt, dass wir sie ohnehin nicht tragen dürften. Am wirkungsvollsten soll laut Forschungsergebnis das sogenannte „Bear Spray“, ein hochkonzentriertes Pfefferspray sein. Noch nie kam ein Mensch der dieses Spray bei sich trug durch eine Bären-Attacke ums Leben. Forschung hin oder her, wir kaufen uns zwar das Spray, hoffen jedoch inständig, es niemals benutzen zu müssen.

IMG_8450 Kopie

An einer Tankstelle nahe der Indianersiedlung Kitwanga beginnt der Cassiar Highway, eine der schönsten und gleichzeitig auch abgelegensten Strecken British Columbias. Nur wenige Meter hinter der Abzweigung passieren wir ein großes Schild, das eine Übernachtungsmöglichkeit in der nächsten Ortschaft ankündigt – stolze Siebenhundert Kilometer sind es bis dorthin. Große Entfernungen sind hier eben relativ.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hunderte von Kilometern durch den äußersten Norden Britisch Kolumbiens, auf denen wir nicht ein einziges Mal an einer Ampel anhalten müssen, liegen nun vor uns. Die Einsamkeit in dieser Region ist förmlich greifbar und die wenigen Tankstellen entlang der Strecke sind die einzigen Orte, an denen wir in den nächsten Tagen einen geschlossenen Raum betreten.

IMG_8501

Der Cassiar Highway endet nur wenige Meter hinter der Grenze zum Yukon Territorium auf dem legendären Alaska Highway, der wichtigsten Straßenverbindung im hohen Norden Amerikas. Die Straße wurde während des Zweiten Weltkrieges in Rekordzeit gebaut. Die Amerikaner wurden sich damals nach dem Überfall auf Pearl Harbour gewissermaßen über Nacht ihrer ungeschützten „Achilles-Ferse“ im Nordwesten Alaskas bewusst und sie fürchteten, die Japaner könnten dort einfallen. Im Winter 1942 begannen 10.000 Pioniere der US-Armee damit, den Alaska Highway durch die Wildnis zu pflügen. In nur neun Monaten hatten sie eine Straße gebaut, die sich auf zweieinhalbtausend Kilometern Länge von Dawson Creek durch den Yukon bis nach Fairbanks in Alaska durch absolute Wildnis erstreckt.

 

Watson Lake heißt die erste Ortschaft die wir nach ein paar Tagen abseits jeglicher Zivilisation erreichen. Ein kleines Durchgangs-Kaff, direkt an besagtem Alaska Highway gelegen. Die einzige Attraktion des Ortes ist der sogenannte „Sign Post Forrest“ – ein Ort, an dem der Begriff „Schilderwald“ eine ganz neue Bedeutung bekommt. Die Ansammlung von Schildern, wie es sie in dieser Anzahl wohl nirgendwo sonst auf der Welt gibt, entstand seinerzeit während der Bauarbeiten des Alaska Highways. Der von Heimweh geplagte Soldat Carl K. Lindley brachte damals dort, wo heute das Visitor-Center steht, ein Schild an, auf das er die Entfernungen in seine Heimatstadt Danville/ Illinois pinselte. Seine Kameraden fügten weiter Schilder hinzu und diese Praxis sprach sich schnell herum. Fast 80.0000 Schilder aus aller Herren Länder sind mittlerweile hinzugekommen. Es ist erstaunlich, wie viele davon aus Deutschland stammen. Ich frage mich, wer auf die Idee kommt, ein komplettes Ortseingangsschild der Heimatstadt mit auf Reisen nehmen, bzw. wie viel Platz man dafür im Gepäck haben muss.

IMG_3822 IMG_3819

Nach einer Nacht auf einem verlassenen Campingplatz am Ostende der Stadt führt uns der Weg am nächsten Tag weiter in Richtung Norden. Nach vier Wochen durch Alaska (Bericht folgt in der nächsten MA?) kehren wir zurück nach Watson Lake und setzen unsere Reise durch British Columbia fort. Die Schneekappen auf den Bergen sind mittlerweile geschmolzen und auch die Erde hat sich spürbar erwärmt. Wir freuen uns nun darauf, dem Alaska Highway die verbleibenden 1000 Kilometer bis zu seinem Startpunkt in Dawson Creek zu folgen. Nach über zwei Monaten unterwegs ist es nichts Besonderes mehr, einen Bären zu sichten. Auch unsere anfängliche Angst vor Meister Petz hat sich zwischenzeitlich in einen gesunden Respekt verwandelt. Auf dieser Tagesetappe von Watson Lake nach Fort Nelson sehen wir mehr wilde Tiere, als an allen anderen Tagen zuvor. Alleine auf den ersten etwa 200 Kilometern sind es so viele Bären, dass ich irgendwann bei Nummer Dreißig aufhöre zu zählen. Meiner Meinung nach könnte man auf diesem Abschnitt des Alaska Highway sogar Eintritt verlangen, ohne dass auch nur ein Tourist einen Grund hätte, sich zu beschweren. Neben den vielen Schwarz- und Grizzlybären sehen wir Kojoten, Biber, Stachelschweine, Elche, Hirsche, einen Wolf und mehrere hundert Bisons. Besonders von letztgenannten bin ich wirklich überrascht, hatte ich sie geografisch doch ein gutes Stück weiter südlich angesiedelt.

IMG_2842

 

 

 

 

 

 

Fast drei Monate, nachdem die Reise begann, kommen wir nach Dawson Creek. In den letzten Tagen haben sind wir dem Alaska Highway über große Strecken von Fairbanks in Alaska gefolgt. Als wir vor dem historischen Schild stehen, das den Startpunkt dieser Straße markiert sind wir uns einig, dass sie zu befahren ein großartiges Erlebnis ist. Überhaupt ist British Columbia neben Alaska unser Highlight in Amerikas Norden. Nur wenige Kilometer später erreichen wir die Grenze zu der Nachbarprovinz Alberta. Unser Weg führt uns nun weiter durch die großen Prärien bis an die Ostküste. Wollten wir zurück nach Vancouver, so müssten wir rechts abbiegen. Etwa 1000 Kilometer wären es zum Startpunkt dieser Reise. Für kanadische Verhältnisse ein Katzensprung.

 

Die ganze Reise gibt es auch auf DVD:

Abenteuer Nordamerika_Cover_Front

 

 

Erhältlich im Shop oder auf Amazon

Infoteil British Columbia (grüne Angaben sind wichtig – bitte genauso übernehmen. Danke!)

 

Allgemeines British Columbia ist Kanadas westlichste Provinz, gelegen zwischen dem Pazifischen Ozean im Westen und den beeindruckenden Rocky Mountains im Osten. Mit einer Fläche von 944.735 km², was ca. der zweieinhalbfachen Größe der Bundesrepublik Deutschland entspricht, ist es die drittgrößte Provinz des Landes.

Die atemberaubenden Landschaften British Columbias bieten eine geografische Vielfalt, die breit gefächerte Aktivitäten und Abenteuer ermöglicht. Man kann Berge besteigen, Flüsse befahren, sich an Stränden entspannen, durch Wälder wandern, in Parks spazieren gehen und es sich im Sommer an den Ufern der idyllischen Seen gut gehen lassen.

Gesundheit:

Für die Einreise nach Kanada sind keine Impfungen vorgeschrieben. Eine Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor gehört ebenso ins Gepäck, wie ein guter Mückenschutz. Bei letzterem rate ich auf lokale, wirkungsvollere Produkte zu vertrauen.

 

Klima und Reisezeit:

Im Allgemeinen ist das Klima in British Columbia gemäßigt, in den Bergen hingegen liegt oft noch im Sommer Schnee. Für Motorradfahrer ist die Hauptreisezeit der Sommer. Dennoch Regenschutz nicht vergessen.

Ein- / Anreise:

Für die Einreise ist ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass erforderlich.

Die maximale Aufenthaltsdauer für Touristen aus Deutschland ohne Visum beträgt sechs Monate. Bei der Einreise bekommt man einen Stempel in den Pass, der das Datum angibt, bis wann man spätestens wieder ausreisen muss.

Übernachten:

In British Columbia gibt es jede Menge Campingmöglichkeiten, vor allem auf den unzähligen „Provincial Parks“. Hier kostet eine Übernachtung pro Platz (egal ob eine oder sechs Personen) zwischen 8 und etwa 30 Dollar. Wild Campen stellt an vielen Orten kein Problem dar. Man sollte das Thema Bären aber unbedingt ernst nehmen.

Wer lieber sicher im Bett schlafen möchte, der findet in British Columbia eine Vielzahl Motels oder Hotels. In der Regel sind die Preise höher als in Deutschland.

Karten und Bücher:

Ich persönlich schwöre auf die Karten und Reiseführer aus dem Reise Know How Verlag.

 

Kanada der ganze Westen mit Alaska ISBN: 978-3-89662-247-1

 

Kanada West 1 : 1 1 900 000

ISBN-10: 3831772150

 

Motorrad:

Ich war auf dieser Reise wieder mit meiner Yamaha XT660Z Ténéré unterwegs. Sie hat sich als das ideale Reisemotorrad erwiesen. Auf insgesamt über 50.000 Kilometern durch Nordamerika hatte ich nicht eine einzige Panne. Bei einem Verbrauch von knapp unter vier Litern fallen Tankstellenbesuche in Kanada zudem kaum ins Gewicht. Auch bei den Reifen habe ich eine gute Wahl getroffen. Dank der unschlagbaren Laufleistung und den Fahreigenschaften des K60 Scout von Heidenau musste ich mir unterwegs keine Gedanken machen. Mein Gepäcksystem, die verbreiterte Fußrasten, Zusatzscheinwerfer, Sturzbügel, Motorschutz und Handprotektoren stammen von SW-Motech.

 

Motorradtransport, Lagerung oder Kauf:

Der Motorradtransport ist von Deutschland per Schiff oder Flugzeug nach Vancouver möglich. Man sollte die Angebote der Anbieter unbedingt miteinander vergleichen.

Ich habe meine Ténéré über Winter in Kanada stehen lassen. Hier kann ich den Yamaha-Händler: „GA-Checkpoint“ (gacheckpoint.com ), wo man sein Krad für kleines Geld lagern kann, wärmstens empfehlen.

Mein Freund Alain hat sich sein Motorrad vor Ort gekauft und er hatte auf der gesamten Reise keinerlei Probleme mit dem Zoll oder sonstigen Behörden. In Vancouver und Umgebung gibt es zahlreiche Händler, die gebrauchte und neue Zweiräder anbieten, die deutlich günstiger als in Deutschland sind. Bei den meisten Händlern ist es auch kein Problem, das Motorrad anzumelden und zu versichern.

Vor der Rückkehr kann man das Motorrad dann entweder wieder verkaufen oder aber für spätere Touren irgendwo deponieren.

 

Adressen und Infos:

Reisende erhalten kostenfreies Informationsmaterial und weitere Auskünfte über British Columbia unter Tel. 0 18 05 – 52 62 32 (0,14 EUR / Min aus dem Festnetz, bis max 0,42 EUR / Min aus dem Mobilfunknetz) oder via E-Mail: , im Internet: www.BritishColumbia.travel Verbraucher-Newsletter: www.BritishColumbia.travel/de-newsletter

 

Wer mehr über meine Reise erfahren möchte, dem kann ich meine DVD „Abenteuer Nordamerika“ bzw. den bald erscheinenden zweiten Teil des Films ans Herz legen.

Bei Fragen helfe ich gerne.