Im lichterlosen Urmeer des Jenseits

Erik Peters / Abenteuer Nordamerika, Reiseberichte / / 10 Kommentare

Es ist heiß und stickig. Ein beklemmendes Gefühl legt sich wie ein Schleier über mich, als ich die schmalen Stufen hinab in das lichterlose Urmeer des Jenseits steige. Grüne Schlingpflanzen und Lianen hängen von den schwarzen, glitschigen Decken und Wänden herab. Es riecht erdig, moosig, unheimlich. Schweiß läuft in Strömen von meiner Stirn und brennt vermischt mit Sonnencreme in meinen Augen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sich wohl für all diejenigen angefühlt haben muss, die denselben Weg vor hunderten von Jahren gegangen sind – mit dem großen Unterschied, dass ihnen dabei völlig bewusst gewesen sein muss, dass ihnen kurze Zeit später, zu Ehren des Regengottes „Chak“, das Herz bei lebendigem Leibe aus der Brust geschnitten wird.

In Yucatan, dieser riesigen Trockenwald-Region, die ziemlich genauso groß ist, wie die Schweiz, gibt es die meiste Zeit des Jahres keine Niederschläge. Die Erde ist so flach, dass keine Flüsse fließen können – zumindest nicht oberirdisch. Unter der Erde bilden die sogenannten „Cenoten“ hingegen einen gewaltigen Süßwasserspeicher. Oftmals sind es nur kleine unscheinbare Tümpel an der Oberfläche, die bis zu 100 Meter tief sein können und die sich an ein Labyrinth aus unterirdischen Gängen von bisher unbekannter Länge (der längste erforschte misst 72 Kilometer) anschließen. Keine andere Region der Erde ist derart unterhöhlt und durchlöchert, wie die mexikanische Halbinsel.

"Ik Kil" - eine von unzähligen Cenoten auf Yucatan
"Ik Kil" - eine von unzähligen Cenoten auf Yucatan
Heute schwimmen Touristen im "Urmeer des Jenseits"
Heute schwimmen Touristen im "Urmeer des Jenseits"

Abertausende überflutete Höhlen ziehen sich durch die gesamte Region. Sie werden als die Grundlage und Voraussetzung für die Entwicklung der Maya-Kultur angesehen. Obwohl einige der Cenoten, die ich mir angeschaut habe, heute touristisch erschlossen sind und laute Menschen darin baden, kann man verdammt gut nachvollziehen, warum sie in der Welt der Maya eine so wichtige Rolle spielten.

Ich bin ein Glücklicher! Ich werde nicht geopfert – ich darf mich auf mein Motorrad setzen und weiterreisen. Was für krasse Unterschiede das Schicksal der Geburt doch schreiben kann…

Neben den teilweise sehr abgelegenen Cenoten haben mich die Pisten und Straßen in den letzten Tagen auch zu einigen Ruinenstätten geführt. Die bekannteste von Ihnen ist Chichen Itza. Hätte ich gewusst, dass dieser Ort erst um 8 Uhr morgens seine Pforten für die Besucher öffnet, dann hätte ich mich ganz sicher nicht um 5 Uhr aus den Federn gequält.

Es dämmert noch, als ich an der Anlage ankomme. Außer einem einsamen Kerl, der den riesigen Besucherparkplatz mit einem Blätterbesen fegt, ist keine Menschenseele zu sehen. Als ich das Schild am Eingang lese, wird mir klar, dass dies auch noch knapp zwei Stunden so bleiben wird. Öffnungszeiten: 08-16 Uhr. Neugierig wie ich bin, habe ich aber in kürzester Zeit eine Ecke entdeckt, wo ich mich ungesehen aufs Gelände schleichen kann (ich war früher Weltmeister darin, mir auf diese Weise kostenlosen Zugang zu Konzerten und Festivals zu „erschleichen“…:-).

Pyramide des Kukulcán - erst seit Kurzem darf sie nicht mehr bestiegen werden.
Pyramide des Kukulcán - erst seit Kurzem darf sie nicht mehr bestiegen werden.

Plötzlich stehe ich vor der imposanten Kukulcán – Pyramide, die die Blütezeit der Mayakultur repräsentiert.  Ich ganz alleine! Erst nach einer guten Weile, kurz bevor die ersten Touristen über die Anlage herfallen, entdeckt man mich und ich werde ziemlich forsch dazu aufgefordert, Eintritt zu bezahlen. Die besten Bilder – ohne störende Menschen in bunter Kleidung  – habe ich zu diesem Zeitpunkt bereits im Kasten. Da stört es mich auch nicht, umgerechnet 18 Euro (inklusive Videokamera-Genehmigung) zu bezahlen. Früh aufstehen lohnt sich also doch… oder wie lautete noch dieser saudämliche Spruch mit dem Wurm und dem Vogel?

 Über Chichen Itza geht es weiter nach Tulum, einer weiteren bedeutenden Tempelanlage und gleichzeitig der Einzigen dieser einstigen Hochkultur, die direkt am Meer erbaut wurde.

Die "Cabanas" in Tulum bestechen nicht durch ihre Ausstattung...
Die "Cabanas" in Tulum bestechen nicht durch ihre Ausstattung...
...auch das Frühstück ist eher "basic"....
...auch das Frühstück ist eher "basic"....
Dafür ist die Lage unschlagbar...
Dafür ist die Lage unschlagbar...

In der kleinen Hüttenanlage „Zazil Kin“, in der ich bereits vor knapp zehn Jahren einmal abgestiegen bin, beziehe ich eine schlichte Bleibe direkt an einem Strand wie aus dem Urlaubskatalog.

Auch die größten Machos kommen einmal in die Jahre...
Auch die größten Machos kommen einmal in die Jahre...
Als „Hauttyp 1“ muss man in der Sonne höllisch aufpassen, da man sonst schnell mit einem solchen Hintergrund verschmilzt…
Als „Hauttyp 1“ muss man in der Sonne höllisch aufpassen, da man sonst schnell mit einem solchen Hintergrund verschmilzt…

 

1470 Kilometer stehen auf „der Uhr“, als ich wieder nach Cancún zurückkehre. Meine XT660Z Ténéré, mit der ich dieses Mal unterwegs bin, hat sich bisweilen als ein absoluter Glücksgriff erwiesen! Ein Reisemotorrad, dass ich nicht nur sexy finde (ja, die Optik spielt für mich immer eine große Rolle, doch stets muss ich zum Pinsel greifen…), sondern dass vor allem selbst voll beladen im Gelände gut klar kommt. Ich traue dem Ding einfach mehr zu als meinen bisherigen Kisten und kann so auch mal beherzter am Gasgriff drehen. Besonders erfreulich ist, dass meine nun insgesamt fünfte Yamaha sehr genügsam ist und sich bei Reisegeschwindigkeit mit gerade mal vier Litern auf 100 Kilometern begnügt. Bei einem Spritpreis von rund 50 Cent pro Liter bleiben da ne Menge Pesos für Cerveza übrig…:-)

 In ein paar Stunden wird mein Freund Henning mit dem Flieger ankommen und morgen gilt es dann erneut, die Zollkontrolle zu bewältigen. Ich denke aber, dass mein gesammeltes Wissen den ganzen Ablauf dieses Mal deutlich beschleunigen wird.

10 Kommentare

  1. Thomas  —  4. Mai 2011 at 12:14

    Klasse Bilder.
    Das frühe Aufstehen hat sich für solche Bilder ja wirklich gelohnt.
    So toll die 660er auch sein mag, etwas schade finde ich es doch das du nicht mit einer 750er ST dort bist.
    Ich freue mich schon auf die nächsten Reiseberichte von dir.
    Gute Fahrt weiterhin.

    • Erik Peters  —  4. Mai 2011 at 14:29

      Die war mir ne Nummer zu schwer! Außerdem steht sie gut gepflegt auf dem „Gnadenhof“ – im Keller meiner Eltern… 🙂

  2. Tomate  —  6. Mai 2011 at 06:25

    Hi Erik,
    Deine neue Seite gefällt mir sehr gut. Habe am Osterwochenende dein letztes Buch zu Ende gelesen und bin wieder mal begeistert. Dein aktuellen Artikel samt Bilder sind Spitze. Gute Reise uns viel Spaß. B

    • Erik Peters  —  6. Mai 2011 at 18:53

      Hi Britta,

      schön von Dir zu hören! freut mich, dass Dir „Oman – Island“ gefallen hat:-)
      Beste Grüße
      Erik

  3. Panny  —  7. Mai 2011 at 05:56

    ZITAT Bei einem Spritpreis von rund 50 Cent pro Liter bleiben da ne Menge Pesos für Cerveza übrig…:-) ZITAT ENDE
    Die 50 Cent waren in der Tat ne feine Sache und in ganz Mittelamerika ist da kein Land mehr rangekommen.
    Aber heute habe ich für umgerechnet 0,7 EUR-Cent pro Liter getankt: wir haben für zwei fast volle Tanks (30 Liter) 21 EUR-Cent bezahlt. Normale Preise in Venezuela! DA richtig viel fürs Bier übrig:-) Prost!

  4. Sebastian  —  7. Mai 2011 at 22:39

    Mahlzeit, ich bin mal so frei und poste was auf der Seite. Sieht schoen aus! Ich benutze auch seit kurzem WordPress verstehe aber noch nicht alle Funktionen. Deine Seite ist mir da immer eine tolle Anregung. Weitermachen!

  5. schaui  —  9. Mai 2011 at 21:30

    sei froh, dass du die neue möhre hast. ich war gestern bei feinstem wetter lange in der vulkaneifel und an der mosel unterwegs – die ST knackt schon arg im gebälk, trotz null zuladung.

    weiter so. und mehr bollywood-videos bitte! : )

  6. Frank  —  10. Mai 2011 at 15:54

    Erik!
    Du als alter Punk´n´Roller machst Werbung für solch ein erz-kapitalistisches Unternehmen wie C***-C***?
    Ich trink ein Kölsch auf Dich!
    Gruß Frank

  7. Erik Peters  —  11. Mai 2011 at 04:58

    Das ich Werbung für die Brausefirma mache war mir gar nicht bewusst. Vielleicht überweisen die mir ja ein nettes Sümmchen…:-) Das Zeug oder das von Pepsi, River Cola oder sonst wem beugt jedenfalls in der richtigen Kombi mit Bier und Chili einem typisch mexikanischen Dünnpfiff vor… An Cola, dem alten Apothekergebräu, beist sich der rachsüchtige Montezuma echt die Zähne aus:-)

  8. Ralf  —  18. Juni 2011 at 15:33

    Hallo Erik,

    war bei deinen letzten beiden Lesungen in Neustadt (bei Hannover) und war total begeistert. Momentan verfolge ich deinen Reiseblog und finde es einfach nur genial das du deinen Traum lebst.Lass uns weiter teilhaben an deinen spannenden Reisen und Eindrücken. Wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Tourverlauf und komm heil wieder.
    Gruß Ralf

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