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27 Feb

Oman – Island – Aus 1001 Nacht zur Mitternachtssonne

Erik Peters / Reisereportagen / / 0 Comments

Oman und Island – gegensätzlicher können zwei Länder sowohl in landschaftlicher als auch kultureller Hinsicht kaum sein. „Warum nicht beide Ziele zu einer Reise miteinander kombinieren?“ dachten sich Erik Peters und Carsten Jung und machten sich auf den 28.000 Kilometer langen Weg.

Geschafft!

Geschafft!

 

Der schwarze Asphalt der Straße, die sich schnurstracks in Richtung Südosten erstreckt, flimmert in der Hitze der erbarmungslos brennenden Sonne. Schweißnass gebadet zu sein ist zum Normalzustand geworden. Wir kleben, riechen und in jeder Ritze des Körpers hat die Wüste ihre Spuren hinterlassen. Ein leichter, aber stetiger Wind hält Trillionen Sandkörnchen wie einen dünnen Wasserfilm in Bewegung. Sand, Sand und nochmals Sand. Wir sind am Rande der größten Sandwüste der Erde unterwegs – der noch weitgehend unerforschten Rub al-Khali. Unendliche Hügel türmen sich vor uns auf, die in der Ferne mit dem Himmel zu verschmelzen scheinen. In unterschiedlicher Formenabfolge flachen sie auf und ab. Wellige Sandrippen und scharfe Parabeldünen unterschiedlichster Farbtöne. Heller, mehlfeiner Sand und grobkörniger, der die dunklen Farbspektren abdeckt. Mit Erreichen der Grenze wird die Landschaft wieder von verstreuten Felsformationen durchzogen, die wie kleine Inseln erscheinen und sich im weiteren Verlauf zu den wilden und zerklüfteten Bergen des über 3000 Meter hohen Hadjar-Gebirges auftürmen.

„Gut gemacht Baby“, sage ich dankbar und klopfe mit der flachen Hand auf den Tank meiner betagten Super Ténéré. „Oman-Island“, steht in großen Lettern darauf geschrieben. Berücksichtigt man den Namen, den wir unserer Reise gegeben haben, so würde sie faktisch hier an der Grenze erst beginnen. Doch von Reisebeginn kann zu diesem Zeitpunkt wahrlich nicht die Rede sein. 11.000 Kilometer liegen bereits hinter uns. Vor knapp sechs Wochen sind wir in Köln gestartet. Ein Zeitraum, der im Alltag wie im Flug vergeht, kommt mir jetzt so vor, wir eine halbe Ewigkeit. Die vielen Eindrücke, die täglich auf uns einprasseln und vor allem die Unterbrechung der Alltagsroutine, haben die Zeit-Wahrnehmung völlig verändert. Endlich habe ich nicht mehr das Gefühl als flöge das Kostbarste im Leben ungenutzt an mir vorüber.

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Schweiz – Winterliche Alpenüberquerung auf dem Simplonpass

 

Nach der Überquerung der verschneiten Alpen ging es durch die Toskana an die Adriaküste. Weiter mit dem Schiff nach Griechenland und von dort in die Stadt Istanbul, das Tor zur islamischen Welt. Entlang der kompletten Südküste ins Anatolische Hochland und über das wundersame Kappadokien weiter durch Kurdistan an die iranische Grenze nahe des Vansees. Persien haben wir vom nördlichen Zagros Gebirge bis in die Tiefebene am Persischen Golf durchquert und sind per Schiff über die Straße von Hormuz in die Vereinigten Arabischen Emirate übergesetzt, bevor wir nun, nach ein paar Tagen Aufenthalt in Dubai, das Sultanat Oman erreichen.

 

 

Isfahan

Iran – Isfahan – Stadt aus 1001 Nacht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Abwicklung der völlig unkomplizierten Grenzformalitäten geht in Rekordzeit von statten. Auf dem kürzesten Weg begeben wir uns zum Meer. In der Ortschaft Al-Widayyat biegen wir von der Hauptstraße 1 ab. Schon als wir durch das kleine Dorf fahren wird deutlich, wie groß der Unterschied zu Dubai doch ist. Hier spüren wir noch die Jahrhunderte alte arabische Gastfreundschaft. Kinder rennen uns lachend durch die engen Gassen hinterher und die Erwachsenen, die hier noch einer Arbeit nachgehen, anstatt in klimatisierten Einkaufszentren die Zeit totzuschlagen, winken uns freundlich zu. Durch einige kleinere Dattelplantagen folgen wir einer holprigen Piste, bis sich vor uns ein nicht enden wollender Sandstrand ausbreitet. Endlich Ruhe! Keine Baukräne oder Wolkenkratzer mehr. Kein Lärm und keine Staus – nur das Meer, ein paar Fischerboote und langgezogene Palmenhaine, die bis dicht ans Ufer heran ragen. Begleitet vom Rauschen der Wellen als einzigem Hintergrundgeräusch bauen wir die Zelte im Schatten einer Palme auf.

Mit dem „Offroad Guide Oman“, einem exzellenten Reiseführer in englischer Sprache, stellen wir unsere Route für die kommenden Tage zusammen. Betrachtet man die Landkarte, so findet man schnell heraus, dass sowohl die landschaftlichen als auch die kulturellen Höhepunkte im Norden des Sultanats gelegen sind. Anstatt uns stur nach den sogenannten „Highlights“ zu orientieren, übernimmt der innere Kompass in den folgenden Tagen einen Großteil der Führung. Mal fahren wir in südliche Richtung und kurz darauf schlagen wir einen Kurs in eine völlig andere Himmelsrichtung ein, nur weil grüne Oasen oder unbefestigte Pisten ein verborgenes Geheimnis vermuten lassen. Wir erkunden die Bergwelt mit all den vielen majestätischen Forts und Festungen, die in nahezu jeder Ortschaft auf einer Anhöhe thronen. Sie stammen aus einer Zeit, als Gewürze zu den wertvollsten Handelsgütern gehörten und der Seeweg von Europa nach Indien hart umkämpft war. Westlich des höchsten Berges, dem Jebel Shams, staunen wir über die Aussicht auf den größten Canyon der Region. Über 1000 Meter fallen die Felsen steil in die Tiefe und öffnen die Sicht auf das zerklüftete Felsenmeer. Erstaunlich, wie es die Omanis trotz der schweren klimatischen Bedingungen schaffen konnten, dem Land Fruchtbarkeit abzuringen. In fast schon regelmäßigen Abständen kommen wir an üppig grünen Anbauterrassen und tief eingeschnittenen Wadis vorbei, in denen Datteln, Mangos, Zitrusfrüchte und Granatäpfel gedeihen. In einem der schönsten dieser Wadis, dem Wadi Shab, begeben wir uns auf stundenlange Entdeckungstour und folgen dem Wasserlauf durch eine tiefe, aber brütend heiße Schlucht. Nach gut vier Kilometern erreichen wir eine Höhle, in der sich unter zauberhaften Lichtverhältnissen ein kleiner Wasserfall ergießt. Es ist ein Ort mit soviel Magie, für den alleine sich schon eine Reise in den Oman lohnen würde. Neben den Landschaften sind es aber vor allem die von Offenheit und Toleranz geprägten Menschen, die uns begeistern. Nie kämen wir auf die Idee, dass sich jemand an den Motorrädern zu schaffen machen würde, wenn wir sie irgendwo abstellen und die gesamte Ausrüstung zurücklassen. Wie auch schon im Iran fühlen wir uns so sicher, wie in Abrahams Schoß. Jeweils einen Tag verbringen wir in der Oasenstadt Nizwa, der Seefahrerstadt Sur, wo noch immer die traditionellen Dhaus, die alten Handelsschiffe, gebaut werden und natürlich in der Hauptstadt Muscat. In den engen, nach Weihrauch duftenden Gassen der Souks, so sind wir uns einig, schlägt er am lautesten – der Puls aus 1001 Nacht.

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Oman – Traumhaftes Wadi Shab

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach knapp 2000 Kilometern die wir kreuz und quer durch dieses geheimnisvolle Land gefahren sind, brechen wir wieder in Richtung Dubai auf. Auch bei unserem zweiten Aufenthalt gelingt es der Glitzermetropole nicht ansatzweise, uns zu begeistern. Wir sind bei den unerträglichen Temperaturen einer Ohnmacht näher, als uns lieb ist. Die Abgase der Autos und Busse unterstützen zusätzlich den Garprozess. Im Minutentakt muss ich lauthals schreien. Ich verfluche alles und jeden: Die Hitze, den Stau, sämtliche Autofahrer, die in ihren klimatisierten Kisten hocken und die Versager, die für dieses nahverkehrstechnische Chaos verantwortlich sind. Mit aller Macht konzentriere ich mich darauf, dass mein Körper nicht versagt und der Vorhang fällt.

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Iran – unter dem schwarzen Schleier…

 

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…verbergen sich meist weltoffene und sehr moderne Frauen

 

Bescheidenheit ist in Dubai nicht unbedingt eine Tugend, die man den Verantwortlichen für Städteplanung nachsagen könnte. Höher, schöner und vor allem teurer muss es sein. Angesichts nur relativ geringer Erdölreserven begann die Herrscherfamilie um Scheich Mohammed al-Maktoum schon früh damit, alternative Strategien zu entwickeln, die einen nachhaltigen Wohlstand unabhängig vom Schwarzen Gold sichern sollten. Man wollte die weltweite Nummer Eins der Business- und Tourismusmetropolen werden. Lange Zeit schien der Plan aufzugehen. Die ganze Welt rieb sich verwundert die Augen und Finanzinvestoren gerieten in Ekstase, wenn das Emirat immer neue Mega-Projekte vorstellte. Als am 15. September 2008 die New Yorker Investmentbank Lehman Brothers das Insolvenzverfahren einleitete, nahm der Abstieg Dubais seinen Lauf.

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Mehr als einmal haben wir den Sprit geschenkt bekommen…

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Nette Händler auf dem Basar von Isfahan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn man sich durch die kilometerlangen Staus der sogenannten Prestigestraße Sheikh Zayed Road quält und alle paar Meter gezwungen ist, anzuhalten, dann hat man viel Zeit sich das Stadtbild näher anzuschauen. Genau dort, wo vor wenigen Jahrzehnten die Hütten der Perlenfischer im Wüstensand standen, säumen nun über endlose Kilometer Baukräne und unfertige Hochhausgerippe den Weg. Der Immobilienboom, auf dem in den letzten Jahren die ganze Wirtschaft des Landes beruhte, da das Tourismusgeschäft nur schleppend verlief, ist zum Erliegen gekommen. Vom sogenannten „Zauber des Orients“, mit dem die Tourismusindustrie die Urlauber anlocken will, fehlt jede Spur.

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Vor dem Burj al Arab in Dubai – eine Stadt, die nie meine große Liebe wird

 

Die Organisation der Weiterreise über Saudi Arabien ist der einzige Grund, warum wir einen Aufenthalt in der Stadt einplanen. Obwohl man uns in der diplomatischen Vertretung der Saudis in Berlin versicherte, wir bekämen die Visa ohne Probleme in Dubai ausgestellt, erleben wir nun genau das Gegenteil. Ein unerträgliches Spiel auf Zeit beginnt. Wir geben unsere Visaanträge ab, man verspricht uns eine zügige Bearbeitung und bittet uns, am nächsten Tag nochmal vorstellig zu werden. Aus einem Tag wird eine ganze Woche. Jeden beschissenen Tag die gleiche demütigende Prozedur. Immer die gleichen Fragen und stets liegt der zur Bearbeitung gedachte Stapel Visaanfragen unverändert an derselben Stelle. Auch ein Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft bringt uns nicht weiter. Stattdessen immer neue Ausreden und Beschwichtigungsversuche, wir sollten morgen wieder kommen. Als man uns sagt, dass es so noch ein paar Wochen gehen könne – ohne die Garantie, ein Visum zu bekommen – reicht es uns. Ich bin so frustriert und angepisst, ausgerechnet in der grausigsten Stadt unserer Reise festzuhängen. Am liebsten würde ich über den Schalter springen und den Sachbearbeiter mit umgedrehtem Arm dazu zwingen, die Pässe abzustempeln. Während unsere Anträge allmählich unter einer dünnen Schicht Wüstensand verschwinden, sehen wir ein, dass es an der Zeit ist, uns Gedanken um eine alternative Reiseroute zu machen. Wir planen unsere Motorräder per Spedition auf dem Landweg nach Jordanien zu transportieren und selbst den Flieger dort hin zu nehmen. Doch die Finanzkriese macht uns einen Strich durch die Rechnung. So sehr wir auch nachforschen – nicht eine einzige Spedition hat mehr Kapazitäten frei. Selbst Umzugskartons sind in Dubai komplett vergriffen, da täglich hunderte von Arbeitern und Firmen fluchtartig das Land verlassen.

In Ermangelung einer Alternative kommen wir zu dem Entschluss, wieder die sündhaft teure Fähre über den Persischen Golf in den Iran zu nehmen. Ausgerechnet an einem Freitag, dem höchsten Feiertag des Islam, erreichen wir nach tagelangem Verschieben der Abfahrt die Hafenstadt Bandar Abbas. Nun heißt es warten. Im Schatten mehrerer Lkw machen wir es uns bequem und teilen Tee, Gebäck und Datteln mit einem guten Duzend iranischer Trucker. Am folgenden Tag beginnt der Zollmarathon, der uns weitere 24 Stunden kostet. Erst als unsere Zoll- und Seefrachtpapiere mit so vielen Stempeln und Unterschriften versehen sind, dass vermutlich selbst Hausmeister und Putzfrau gegengezeichnet haben, dürfen wir wieder in dieses großartige Land einreisen.

Soldaten in der Türkei

Soldaten in der Türkei

Kein anderes Ziel hat vor der Reise solch unterschiedliche Reaktionen in unserem Bekanntenkreis ausgelöst, wie der Iran. Diejenigen, die schon in der Welt herumgekommen sind, sangen wahre Lobeshymnen auf das alte Persien. Die überwiegende Mehrzahl meiner Bekannten und Freunde konnte mit dem Land jedoch nicht viel anfangen und um genau zu sein, gelang es den meisten noch nicht einmal, den Iran und den benachbarten Irak auseinander zu halten. Der Berichterstattung der Medien sei Dank, ist das Bild von Krieg, Terror, und hasserfüllten Extremisten, geprägt. Dass Gegenteil ist jedoch der Fall. Auch auf dem Rückweg sind wir wieder überwältigt davon, wie freundlich man uns willkommen heißt. Ob Polizisten, Mullahs oder die einfache Bevölkerung. Jeder winkt oder hebt anerkennend den Daumen. Es werden unzählige Einladungen ausgesprochen und man sucht das Gespräch mit uns. Wenn wir für einen kurzen Moment anhalten, um auf der Karte nach dem Weg zu schauen, bieten uns wildfremden Menschen Tee, Gebäck und ihre Hilfe an. Von religiösem Fanatismus keine Spur. Die Erfahrungen, die wir machen, decken sich überhaupt nicht mit dem Bild, dass einem in Deutschland vermittelt wird. Wir werden mit einer Gastfreundschaft konfrontiert, die uns in dieser Form schon peinlich berührt. Unweigerlich fragt man sich, wann wir es in Deutschland wohl verlernt haben, so unvoreingenommen und offenherzig auf andere Menschen zuzugehen? Wie würde man bei uns einem iranischen Reisenden begegnen? Zugegebenermaßen kenne ich die Antwort und sie macht mich nachdenklich.

9Iran - Überladung

Von Bandar Abbas geht es durch die Tiefebene in Richtung Shiraz und der alten Perserhauptstadt Persepolis. Nach etwa 300 Kilometern steigt die Straße in die Provinz Kerman allmählich an und wir lassen mit jedem Höhenmeter den Backofen weiter hinter uns. Kaum spürbar ändert sich die Kulisse. Erstmals wieder Anzeichen grüner Vegetation, die sich wie ein zarter Flaum über die Landschaft legt und binnen kurzer Zeit in üppige Graslandschaften übergeht.

 

 

 

Blühender Mohn im Iran

Blühender Mohn im Iran

In der Stadt Shiraz hat Carsten wieder mit erheblichen Vergaserproblemen zu kämpfen, die sich wie ein roter Faden durch die bisherige Reise ziehen. Wir lernen durch einen Zufall Hamit kennen, den ersten Motocrossprofi den das Land in den 70ern hervorgebracht hat. Ein bemerkenswerter Enthusiast, dessen ganze Familie sich voll und ganz dem Motorradsport verschrieben hat. Neben den unterschiedlichsten Rennaktivitäten betreibt seine Familie eine kleine Produktionsstätte für Zündspulen, die sie im Wohnzimmer des Hauses aus mehreren Einzelteilen zusammensetzt und landesweit versendet. Ersatzteile zu bekommen ist schwer in dem Land, in dem großvolumige Kräder seit einem Motorradattentat auf einen Geistlichen verboten sind. Für ein paar Tage sind wir Gäste in Hamits Haus. Er erzählt uns von seiner Liebe zum Motorradfahren, obwohl er als Kradmelder im Krieg gegen den Irak von der Maschine geschossen wurde. Er zeigt uns Bilder, auf denen er mit einer Enduro über Autos und brennende Fahnen springt. „So fing alles an“, sagt er lachend und kramt sich durch einen großen Karton voller Erinnerungen. Während wir drinnen Tee mit ihm trinken und seinen spannenden Erzählungen lauschen, diagnostiziert seine Frau, eine Ingenieurin, Carstens Motorrad. Dank Hamits Engagement werden im Iran heute sogar offizielle Motocrosswettkämpfe ausgetragen, die sich großer Beliebtheit erfreuen und von seiner bildhübschen Tochter dominiert werden. Sie hat den Religionswächtern ein Schnippchen geschlagen. Da es Frauen untersagt ist auf den öffentlichen Straßen des Landes zu fahren, hat sie auf die 250er Vollcrossenduro des Vaters umgesattelt und bewegt sich abseits davon. Hinter den hohen Mauern, die, wie im Iran üblich, das Haus vor zu neugierigen Blicken schützen, kann sie sich unverschleiert bewegen. Eine modische Kurzhaarfrisur, Jeans, Chucks und Nirvana T-Shirt sprechen für die Weltoffenheit. Wir sind völlig begeistert von der positiv durchgeknallten Familie und zu großem Dank verpflichtet, als wir uns nach einer tollen Zeit von den neu gewonnenen Freunden verabschieden.

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Fischer im Oman

 

Nach fünf Tagen erreichen wir die Provinz West-Aserbaidschan. Der Frühling hat mittlerweile auch in den Höhenlagen Einzug gehalten und der Landschaft einen bunten Anstrich verpasst. Bei Bazargan überqueren wir mit Blick auf den Berg Ararat die Grenze zur Türkei. Nach all den Wochen, durch Länder, in denen Alkoholkonsum unter Strafe steht, habe ich mich selbst des Öfteren dabei ertappt, Melodien verschiedener Bierwerbungen vor mich hin zu summen. Krombacher, Warsteiner oder Becks, ich scheine sie alle im Unterbewusstsein abgespeichert zu haben. Als uns in Doğubeyazit, bei der Fahrt zum Ishak-Pascha-Palast ein junger Bursche einen Flyer für einen Campingplatz in die Hand drückt, auf dem neben dem Anfahrtsweg eine Werbung für Efes Bier abgedruckt ist, bekomme ich verdammt nochmal eine Gänsehaut. Voll wie die Haubitzen feiern wir das Ende der Prohibition.

Da wir bereits auf dem Hinweg das Vergnügen hatten, die gesamte Mittelmeerküste der Türkei zu bereisen, entscheiden wir uns nun für die nördliche Route entlang des Schwarzen Meeres. Über Trabzon, Samsun und Sinop folgen wir der Küstenstraße. Dicht bewaldete Berglandschaften, fruchtbare Felder sowie felsiges Ödland wechseln sich so oft ab, dass man sich alle paar Kilometer in völlig anderen Klimazonen der Erde wähnt. Über die Bosporus-Brücke fahren wir wieder nach Europa und verabschieden uns wenige Kilometer später an der Grenze zu Bulgarien von der geheimnisvollen islamischen Welt.

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Dracula-Schloss in Bran – Transsilvanien

15Rumänien - Schäfer Transsilvanien

Schäfer in Siebenbürgen

 

Eine gute Reise wird in erster Linie von den Begegnungen geprägt, die sich unverhofft ergeben. Sie sind das Salz in der Reisesuppe. In der Stadt Brașov, tief im rumänischen Siebenbürgen, machen wir Halt bei einem Reifenhändler. Da die Lebenshaltungskosten im Land so niedrig sind, wollen wir schauen, ob es Sinn macht, schon jetzt Ersatzreifen zu kaufen. Der Geschäftsführer, der extra für uns einen wichtigen Termin absagt, telefoniert eine Weile und schreibt uns schließlich die Adresse zweier Freunde auf. Tinu und Marcel, zwei Brüder und Inhaber einer großen Baufirma, würden bereits auf uns warten. Sie seien in Deutschland aufgewachsen und ebenfalls begeisterte Motorradfahrer. Wir nehmen das Angebot dankend an und machen uns auf den Weg. Ich staune nicht schlecht, als wir auf den Hof der Firma Vectra Service fahren und sich herausstellt, dass die Butuza-Brüder ein großes Rallye-Team unterhalten. Nach einem Rundgang durch die heiligen Hallen, die jedes Bikerherz höher schlagen lassen, bekommen wir von den Pfundskerlen neue Reifen geschenkt und ich darf eine Runde auf einer KTM der aktuellen Rallye Dakar drehen. Sie vermitteln uns sogar an den Chefmechaniker des Teams, der den Vergaser an Carstens Motorrad fachmännisch repariert und das Problem somit ein für alle Mal behoben ist.

Überraschender Wintereinbruch in Rumänien

Überraschender Wintereinbruch in Rumänien

Gut gelaunt erreichen wir nach wundervollen Tagen in Rumänien den ukrainischen Grenzübergang nahe der Stadt Siret. Die Stimmung kippt, da die Grenzer unsere internationalen Zulassungsscheine nicht anerkennen. Leider sind diese nur in der Sowjetunion gültig, die seit fast 20 Jahren nicht mehr existiert. Den deutschen Fahrzeugschein, so stellt sich heraus, hat Carsten nicht dabei. „You can go! – You no!“, so die Grenzbeamtin, wobei sie erst mir und dann Carsten den Pass entgegenstreckt. Wir beschließen, ein paar Tage getrennter Wege zu gehen. Ich möchte unbedingt ein paar Freunde besuchen, die ich auf meiner Reise nach Shanghai kennengelernt habe. Außerdem fände ich es eine Schande, wenn das Visum für Weißrussland ungenutzt verfallen würde. In den polnischen Masuren, so unser spontan gefasster Plan, wollen wir uns dann wieder treffen. Obwohl wir beide von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt sind, bereue ich schon nach wenigen Minuten, sie getroffen zu haben. Zu unvermittelt die Trennung. Das plötzliche Fehlen meines Freundes schmerzt und beschert mir überdies ein ungutes Gefühl. Auf einem verlassenen Fabrikgelände schlage ich im Schutze der Dämmerung das Zelt auf. Als hätte ich es heraufbeschworen, bekomme ich in der gleichen Nacht ungebetenen Besuch. Sowohl der neue Satz Reifen als auch der teure Helm wechseln den Besitzer, während ich seelenruhig vor mich hin schnarche. Nachdem die frühmorgendliche Suche nach den Ganoven ergebnislos bleibt, mache ich mich ohne Helm wieder auf den Weg. Anfangs versuche ich, mir aus mehreren T-Shirts einen helmähnlichen Turban zu bauen. Es ist jedoch ziemlich naiv, zu glauben, so das Land mit den vermutlich meisten Polizeikontrollen durchqueren zu können. Nachdem ich zwei Mal binnen kürzester Zeit von den staatlich lizensierten Abzockern angehalten werde, habe ich die Schnauze voll. Ohne ins Detail gehen zu wollen beschaffe ich mir Ersatz und setze die Reise notgedrungen mit einer übel riechenden Plastikschale ohne jegliche Schutzfunktion fort.

Das Wetter wird schlechter und meine Gemütslage ist nach dem Diebstahl auf dem Nullpunkt angelangt. Ich fühle mich der Illusion beraubt, auf dieser Reise nur tollen Menschen zu begegnen. Mit einem Tiefdruckgebiet im Nacken, das über Tage sein Wasser auf mich entlädt, quäle ich mich in Richtung Polen. Erst als Carsten und ich uns nach fünf Tagen im polnischen Augustow um den Hals fallen, steigt das Stimmungsbarometer wieder.

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Berg der Kreuze in Litauen

 

Über die Masuren reisen wir ins Baltikum, ein Traumziel für Liebhaber melancholischer und verträumter Landschaften. Wer die Länder Litauen, Lettland und Estland in seiner ureigensten Form erleben möchte, der sollte abseits der Fernverbindungsstraßen reisen. Hier findet man, wie in nur wenigen Gegenden Europas, unberührte Natur aus dem Bilderbuch. Kleine verschlafene Dörfer, die nicht an das Netz asphaltierter Straßen angebunden sind und durch die, wie hinein gemalt, hier und da ein mit Heu beladener Pferdewagen rollt. Auf Windmühlen und Strommasten haben Störche ihre traktorreifengroßen Nester gebaut. Um einen perfekten Lagerplatz zu finden, müssen wir nicht lange suchen. Entlang der Küste führen überall unbefestigte Pfade in den Wald hinein, die nach wenigen hundert Metern an unberührten Ostseestränden enden.

Mit der Fähre setzen wir von Tallinn nach Helsinki über und fahren weiter in Richtung Polarkreis. Die Tage werden länger und die Temperaturen halten sich verlässlich auf einem T-Shirt freundlichen Level. Es ist schon beachtlich, wie viel es doch ausmacht, wenn man sich mit dem Motorrad auf einer längeren Strecke von Süd nach Nord bewegt. Mit jedem Kilometer ringen wir der Sonnenscheindauer wertvolle Sekunden ab. Verschwand das Licht am Persischen Golf schon früh am Horizont, so hat sich die Sonnenscheindauer gut sechs Wochen später, um ganze zehn Stunden erhöht. Am nördlichen Ende der Ostsee haben wir das Vergnügen, die Mitternachtssonne bei wolkenlosem Himmel genießen zu können. Ein Anblick, von dem wir uns nur schwer losreißen können. Wir verharren in stummer Faszination, als die Sonne rotglühend ins Meer sinkt und kaum das sie vollständig verschwunden ist, wieder als leuchtender Strich am Horizont erscheint. Ein neuer Tag beginnt, weniger als eine Zigarettenlänge, nachdem der alte sich verabschiedet hat.

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Am Postamt des Weihnachtsmannes, nahe Rovaniemi, durch das auch der Polarkreis verläuft, haben wir den nördlichsten Punkt der Reise erreicht. Nach einer Besichtigung der ganzjährig weihnachtlich geschmückten Amtstuben des Joulupukki, wie der Weihnachtsmann in Finnland heißt, schlagen wir wieder einen südlichen Kurs ein. Gut eine Woche fahren wir durch Schweden und Norwegen, bis wir den dänischen Seehafen in Hanstholm erreichen. Drei Tage zelten wir dort am Strand, bis die Fähre MS Norröna uns auf die Färöer Inseln und Island bringen wird.

17Polarkreis

Finnland – Am Polarkreis bei Rovaniemi

 

Dichter, undurchdringlicher Nebel verhüllt die Inseln im Nordatlantik und der abflachende Wind zeichnet immer neue Wellenmuster, als wir nach 35 Stunden in die Bucht von Tórshavn einlaufen. Ein tiefes, markerschütterndes Aufbrüllen des Nebelhornes verkündet selbst dem letzten Passagier an Bord, dass wir unser Ziel erreicht haben. Wir sind ein wenig enttäuscht, dass ausgerechnet jetzt, pünktlich zur Ankunft, nichts von der geheimnisvollen Fjordlandschaft zu sehen ist. Dabei hatte die Sonne seit unserer Abfahrt ohne Unterlass an einem wolkenlosen Himmel geschienen. Läge nicht dieser unverwechselbare Geruch von Salz und Tang in der Luft und würden nicht hunderte von Seevögeln zur Begrüßung das Schiff umkreisen, könnte man meinen, noch immer weit draußen auf hoher See zu sein.

 

 

20Fjorde Nordatlantik

Kurz vor der Ankunft auf Island

 

Der Zauber, den die Färöer Inseln bei diesem Kurzbesuch auf mich ausüben ist schwer zu beschreiben. Ich kann mich nicht satt sehen, an dem leuchtenden Grün, das sämtliche Inseln mit einem dichten Grasteppich überzieht. Selbst die Dächer der Häuser sind größtenteils mit Gras bewachsen. Wir machen zum ersten Mal Bekanntschaft mit den possierlichen Papageientauchern und bauen unsere Zelte an der Küste nahe Gjov und Syðradalur auf – Orte, die sich mit spektakulären Ausblicken gegenseitig übertreffen. Insgesamt verfügen die 18 Inseln über 463 asphaltierte Straßenkilometer. Als wir nach drei Tagen wieder an der Fähre ankommen und nahezu jeden Kilometer abgefahren haben, sind wir uns einig, dass die Färöer Inseln ein absolutes Highlight auf dieser Reise sind. Völlig unverständlich für mich, dass viele Islandreisende sich diesen Zwischenstopp entgehen lassen.

Nach gut einem viertel Jahr und über 25.000 Kilometern durch 23 Länder erreichen wir das Ziel unserer Reise – die Feuerinsel Island. Wir wollen soviel wie möglich von dem faszinierenden Land sehen. Die Vulkane, die Gletscher und die Geysire – all die wilden Urkräfte der Natur, die eindrucksvoll ihre Macht demonstrieren und das Gefühl vermitteln, Millionen Jahre zurück in die Schöpfungsgeschichte versetzt worden zu sein.

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Wir sind überwältigt von der Schönheit der Insel. Irgendwo, kurz vor Berufjördur an der Route 939, kommen wir an einem imposanten Wasserfall vorbei. Für Island eher unbedeutend, symbolisiert er für uns jedoch genau das, wonach wir uns in Dubai so gesehnt haben. Unser Herz macht einen Sprung, als wir die etwa 300 Meter von der Straße hinab zu dem Ort rennen, wo das Gletscherwasser in die Tiefe stürzt. Es ist laut. Wir müssen schreien, um gegen das ohrenbetäubende Tosen anzukommen. Immer wieder jubeln wir wie zwei kleine Kinder und springen nackt in das eisige Wasser, obwohl unsere Körper allmählich eine bläuliche Färbung annehmen.

 

 

 

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Färöer Inseln – Traumhafter Zeltplatz nahe Syðradalur

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An der Südküste fahren wir bei wechselhaftem Wetter, wie es sich für Island gehört, bis zum größten Gletscher Europas, dem Vatnajökull. An einem Gletschersee, abseits der Haupttouristenströme, finden wir den vermutlich spektakulärsten Zeltplatz unserer Reise. Nur einen Steinwurf von der Abbruchkante entfernt werden wir Zeuge, wenn gewaltige Eisbrocken ins Wasser kalben.

Wir sind unterwegs mehrmals mit den Auswirkungen der Finanzkrise konfrontiert worden und haben traurige Geschichten gehört. Einen positiven Effekt hat sie zumindest für uns: Die Preise auf der einst so teuren Insel sind dramatisch gesunken. In der Hauptstadt Reykjavik, wo ein Restaurantbesuch noch vor einem Jahr purer Luxus war, übertrumpfen sich heute dieselben Läden mit „All-You-Can-Eat“ Angeboten zum Schnäppchenpreis.

Dank eines isländischen Landrover-Clubs, den wir in den Westfjorden treffen, bekommen wir eine besondere Route ins Hochland empfohlen, die auf unserer Landkarte nicht eingezeichnet ist. Dass es sich angeblich um die anspruchsvollste Strecke handelt, kann ich nach drei Tagen durch tiefen Sand und über ein gewaltiges, erloschenes Lavafeld in Richtung Askia nur bestätigen. Wir sind völlig erschöpft und auch das Material ist müde, als wir nach unzähligen Flussdurchquerungen und Stürzen wieder asphaltierten Boden erreichen.

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Unterwegs an der Südküste Islands

 

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Nach 3000 Kilometern auf Island neigt sich eine traumhafte Reise dem Ende. Als ich auf dem Oberdeck der Fähre stehe und mir der Wind durch die Haare weht, beobachte ich, wie die Insel langsam im Nichts verschwindet. Wie an jedem Tag, höre ich mein persönliches Reiselied von Amy McDonald, dass all die kostbaren Erinnerungen in mir weckt. „This is the Life“ heißt ihr Song. Verdammt Recht hat sie…

 

 

 

 

 

Die ganze Geschichte in voller Länge kann man in meinem Buch nachlesen

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Erhältlich in meinem Shop oder im Buchhandel

 

Tipps und Ausrüstung:

 

Motorräder: Die Frage nach dem optimalen Motorrad ist vermutlich so alt wie das Motorradreisen selbst. Für mich ist das optimale Motorrad ganz einfach jenes, mit dem man sich auf den Weg macht. Wir haben für die Reise zwei gebrauchte Yamaha XTZ 750 Super Ténéré, Baujahr 1994, für rund 1500 Euro im Internet ersteigert. Derzeit gibt es in Sachen Preis- Leistungs-Verhältnis sicherlich keine bessere Wahl auf dem Gebrauchtmarkt.

Technische Veränderungen: Die sogenannte »Schweizer Bedüsung« des Vergasers und ein höher gelegter Front Fender haben sich als sinnvoll erwiesen. Die super stabile Werkzeugrolle stammt aus dem Klempnerladen und das Lampenschutzgitter aus dem Malergeschäft. Bei mehr als 28 000 Kilometern, unter zum Teil extremen Bedingungen, hatte ich keinerlei signifikante Probleme und einen Kraftstoff-Verbrauch von etwa 5,5 Litern (bei diesem Motorrad ein traumhafter Wert). Der Ölverbrauch tendierte gen Null.

Benzinverbrauch: Was an Benzinkosten letzten Endes zusammenkommen würde, habe ich im Vorfeld ausgerechnet. Im Internet findet man die aktuellen Benzinpreise der jeweiligen Länder, die man mit den zu erwartenden Entfernungen und dem Verbrauch des Motorrades verrechnet. Bei einem durchschnittlichen Spritpreis (Türkei 2 Euro – Iran 7 Cent) von 75 Cent pro Liter würden so also Benzinkosten von etwa 1000- 1200 Euro auf uns zukommen.

Klima/Reisezeit: Sicherlich sind die Wintermonate für Reisen in den Oman und die VEA am besten geeignet. Wer jedoch die eigene Anreise plant, der muss die hohen Berge Anatoliens und des Irans berücksichtigen, wo es auch im Frühjahr noch empfindlich kalt werden kann (wir bewegten uns über 4000 Kilometer auf einer Höhe von 1500-2500 Metern). Im Iran hatten wir zwischen dem Norden und dem Süden Temperaturunterschiede von 50 Grad. Für Island und die Färöer-Inseln sind die niederschlagsärmeren Sommermonate die optimale Reisezeit. Trotzdem bleibt das Wetter dort Glücksache. Ein Freund, der kurz nach uns auf der Insel war, litt drei Wochen am Stück unter Dauerregen und einstelligen Temperaturen.

Übernachten: Wir haben fast ausschließlich wild gecampt, was nie ein Problem darstellte (sieht man mal von dem Diebstahl in der Ukraine ab). Lediglich in den sehenswerten Städten und wenn wir eingeladen wurden – was in der islamischen Welt häufig vorkommt – hatten wir ein festes Dach über dem Kopf.

Fähren: Wir haben auf dieser Reise diverse Fähren auf unterschiedlich langen Strecken nehmen müssen. Je nach Fährgesellschaften und Reisezeit können die Preise stark schwanken. Wer mit dem iranischen Monopolisten »Oasis Freight Agency« die Straße von Hormuz überqueren möchte, der sollte viel Zeit, starke Nerven und genug Geld mitbringen.

Geld: Im Iran unbedingt ausreichend Bargeldreserven mitnehmen. Kreditkarten werden nirgends akzeptiert und auch Geldautomaten stehen Touristen nicht zur Verfügung. Ansonsten kommt man überall mit der normalen EC-Karte klar.

27 Feb

Von Köln nach Shanghai – die Reise, die mein Leben verändert hat

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 Cologne – Shanghai

Es gibt so Tage, da würde man sich am liebsten aufs Motorrad setzen und einfach wegfahren. Abhauen ins Abenteuerland, ans andere Ende der Welt. Ohne Flieger und ohne Fähre, jeden Kilometer hart erarbeiten. Shanghai ist so Ziel, allein schon weil der Name nach Abenteuer klingt, nach ganz weit weg. Irgendwann, nach viel Träumerei, kam der Punkt, da nahm ich mir einfach die Zeit. Ich beantragte die nötigen Visa, ersteigerte mir bei Ebay für 1432 Euro eine alte Yamaha XTZ 660 Ténéré und begab mich zusammen mit meinem Freund Alain auf eine spannende Reise.

Im mongolischen Altaigebirge

 

Zufrieden schnurren die betagten Einzylinder unter uns, als wir Deutschland hinter uns lassen. Über Österreich reisen wir nach Ungarn. Entlang leuchtend gelber Sonnenblumenfelder, die sich schier endlos über den Horizont erstrecken, fahren wir immer weiter in Richtung Osten. Schnell sind die festgelegten Strukturen des Alltagslebens durch ein berauschendes Feeling ersetzt, dass ich als Freiheit und Spontanität bezeichnen würde. Alles, was wir in den nächsten Monaten zum Leben brauchen, ist in je zwei Metallkoffern und einer Gepäckrolle untergebracht. Befreiend das Gefühl, sich auf das wirklich Notwendigste beschränken zu müssen.

Der erste schwere Defekt im Donbas - Ukraine

Der erste schwere Defekt im Donbas – Ukraine

Neue Freunde in Mariupol in der Ukraine

Neue Freunde in Mariupol in der Ukraine

Das eigentliche Abenteuer beginnt in der Ukraine. Die Straßen werden schlechter und die Polizeikontrollen, für die das Land so berüchtigt ist, lassen sich pro Tag kaum noch an einer Hand abzählen. Auch die Begegnungen mit den Menschen werden intensiver. Das Interesse an zwei Motorradreisenden aus Deutschland ist höher, als ich es aus anderen Ländern Europas kenne. Wenn wir ausnahmsweise nicht im Zelt übernachten, sondern es uns in kleine Pensionen oder Truckerhotels verschlägt, stehen wir sofort im Mittelpunkt des Interesses. Wir werden auf die unterschiedlichsten Feiern eingeladen, nehmen am pulsierenden Leben teil und bekommen dabei ein Glas Wodka nach dem anderen vor die Nase gestellt. Ukrainer trinken gerne und viel. Wir machen die schmerzhafte Erfahrung, dass die Weiterfahrt am Morgen nach den Begegnungen stets mit einem üblen Kater verbunden ist.

 

Strand am Schwarzen Meer

Strand am Schwarzen Meer

Von Odessa aus folgen wir der Schwarzmeerküste über die Halbinsel Krim bis in die Hafenstadt Mariupol. Ausgerechnet an einem Ort, wo man sich eigentlich nicht länger als nötig aufhalten möchte, hängen wir eine Woche fest. Meine Kupplung hat es erwischt und wir müssen Ersatzteile aus Deutschland einfliegen lassen. Doch die Wartezeit wird dank der Freunde, die wir dort gewinnen, zu einem echten Highlight.

Den Blick nach vorne gerichtet, erreichen wir nach knapp 5000 Kilometern die Grenze zu Russland. Wir hatten große Bedenken, wie man uns speziell in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad begegnen würde. Schließlich haben die Deutschen vor rund 60 Jahren Tod und Verderben über die Stadt gebracht. Umso überraschter sind wir, als wir von allen Seiten herzlich begrüßt werden. Noch immer verkörpert die Stadt auf beklemmende Art und Weise den Schrecken des Krieges und die Spuren der großen Schlacht sind allgegenwärtig. Das absolute Highlight Wolgograds ist die Koloss-Statue „Rodina mat sowjot!“, („Mutter Heimat ruft!“). Von weitem sichtbar thront sie auf dem damals heftig umkämpften Mamajew-Hügel und reckt ihr Schwert 84 Meter in den blauen Himmel empor.

 

Unvergesslich: Wodkaregal in einem russischen Supermarkt

Unvergesslich: Wodkaregal in einem russischen Supermarkt

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„Mutter Heimat“ im ehemaligen Stalingrad (heute Volgograd)

 

Hinter Wolgograd gehen die üppig grünen Wiesen und landwirtschaftlichen Anbauflächen in spärlichste Vegetation über. Es dominiert das verbrannte Gelbbraun der Halbwüste und Trocken­steppe, die sich ab hier wie ein Gürtel durch ganz Zentralasien zieht. Wir spüren die Einsamkeit und Weite, die nun vor uns liegt.

In der als „Venedig des Ostens“ bezeichneten Stadt Astrachan am Kaspischen Meer ereilt uns ein weiterer Schicksalsschlag. Wieder ist die Kupplung Schuld. Scheinbar habe ich beim Einbau der neuen Kupplungsscheiben trotz eines Ölwechsels und gründlicher Reinigung irgendwelche winzigen Fremdkörper übersehen. Diese haben das Ausrücklager, ein Nadellager von der Größe einer Euromünze zerstört, wodurch sich das Motorrad nicht mehr schalten lässt. Wieder finden wir eine Yamaha-Werkstatt. Dieses Mal soll die Ersatzteillieferung jedoch noch wesentlich länger dauern. Wir sind am Boden zerstört und können nicht fassen, dass wir schon wieder vom Schicksal ausgebremst werden. Doch es kommt noch schlimmer! Als wir im Hotel ankommen, will man uns zunächst den Aufenthalt verweigern, da wir uns bislang noch nicht vorschriftsmäßig bei der Immigrationsbehörde haben registrieren lassen.

Wenn man eines auf Reisen lernt, dann, dass sich jedes Problem lösen lässt und es selbst in den schwierigsten Situationen immer irgendwie weiter geht. In einer Bar lernen wir durch Zufall Sergeij kennen, einen ehemaligen Elitesoldaten der heute sein Geld damit verdient, „Geschäfte“ zu machen, wie er selbst sagt. Im Verlauf unseres Gesprächs schildere ich ihm unsere problematische Situation und lege ihm meinen Reisepass vor, an dessen letzte Seite das Registrierungsschreiben geheftet ist. „Nijet Problem!“, verkündet er nach einem kurzen Blick darauf und hebt sein Glas. „Kein Problem? Wir können uns beide nicht vorstellen, wie uns ausgerechnet dieser tätowierte Schrank von der Russenmafia helfen soll. Doch wir tun ihm Unrecht, denn Sergeij kann uns helfen – und wie.

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„Hier, sucht euch einen aus. Die sind alle echt“, fordert er uns eine Weile später in seiner Villa auf, als er eine Schachtel mit Stempeln darin öffnet. Um auf eventuelle Fragen an der Grenze vorbereitet zu sein, lässt er uns wissen, dass wir nun als offizielle Sachverständige für historische Ikonenbilder im Lande sind. Als wir uns von ihm verabschieden, fragt er noch, in welcher Werkstatt unsere Motorräder stünden. Nichts ahnend geben wir ihm auch diese Information. „Keine Sorge, ich kümmere mich darum“, antwortet er. Wir trinken noch ein „Wässerchen“ mit ihm, dann fährt uns sein Chauffeur zurück zum Hotel.

Wo geht's lang???

Wo geht’s lang???

Als wir anderntags zur Werkstatt kommen trauen wir unseren Augen nicht. Meine Ténéré steht tatsächlich repariert vor der Tür. Der Werkstattbesitzer klärt uns auf: Noch in der Nacht wurde er von einer einflussreichen Person „gebeten“, das Problem zu lösen. Mit zwei Mechanikern hätten sie ein passendes Ersatzteil aus einem neuen Yamaha-Außenbordmotor aus- und in meine Kupplung wieder eingebaut. Als ich nach der Rechnung frage winkt er ab und sagt, die Sache sei bereits erledigt. Ich muss an Sergeij denken. Spasiba, danke, alter Freund!

Kasachstan, eines der größten Länder der Erde, liegt Ehrfurcht erweckend vor uns. Das Klima in der ehemaligen Sowjetrepublik ist mit minus 50 Grad im Winter und plus 50 im Sommer kontinentaler als irgendwo sonst auf der Erde. Auf Straßen, die diese Bezeichnung beim besten Willen nicht verdient haben, durchqueren die Hungersteppe, eine Region, die die Kasachen ehrfurchtsvoll Be-Pak-Dala nennen – die böse Ebene. 4000 Kilometer, eine gewaltige Strecke, die immerhin der Entfernung von Helsinki bis Bagdad entspricht, liegt in diesem Land vor uns. Daran, was wohl passieren mag, wenn das Motorrad hier wieder den Geist aufgibt, will man wirklich nicht denken.

 

Einer von zahllosen Stürzen in der Hungersteppe

Einer von zahllosen Stürzen in der Hungersteppe

Nur noch selten sehen wir Menschen. Erstmalig auf dieser Reise sind wir der Zivilisation vollständig entkommen. Mitten im Nichts begegnen uns dafür die ersten Kamele. Mit dem eigenen Motorrad so weit gefahren zu sein, dass man auf diese Tiere trifft, ist ein wirklich groteskes Gefühl. Anfangs kommen sie nur vereinzelt vor, doch schon nach kurzer Zeit entdecken wir Dutzende von ihnen, die sich, wie an einer Schnur gezogen, entlang des flimmernden Horizonts bewegen.

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Im Süden Kasachstans lassen wir die erbarmungslose Steppe endlich hinter uns. Allmählich steigen die ersten Hügel zum majestätischen Tien-Shan-Gebirge an. Wir passieren die kirgisische Grenze. Irgendwo hinter der Ortschaft Sary-Bulak biegt eine unscheinbare Straße zum Sonköl-See ab. Der Hochgebirgssee leuchtet in der Sonne und die weißen Jurten der Nomaden stehen wie Champignons im Steppengrass. Ein Ort, schöner als jeder Traum, dessen Anblick mir in diesem erhabenen Moment Freudentränen in die Augen treibt. In dieser friedlichen und stillen Welt kommen wir bei einer Nomadenfamilie unter, lernen die gewöhnungsbedürftige Nomadenküche kennen und erklimmen mit unseren alten Ténérés in den folgenden Tagen mehrere, bis zu 5000 Meter hohe Gebirgspässe. Auf nicht asphaltierten, scheinbar endlosen Kehren, überqueren wir das Himmelsgebirge.

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Um in die Mongolei einreisen zu können steht uns ein großer Umweg bevor. Wir fahren zurück nach Kasachstan, wo wir das ehemalige Atomwaffentestgelände von Semipalatinsk durchqueren müssen. Weiter geht es durch Sibirien. Auf traumhaften Straßen folgen wir den Ausläufern des Altaigebirges bis zur mongolischen Grenze.

Die Mongolei zu durchqueren gehört sicherlich zu den aufregendsten Dingen, die man mit dem Motorrad anstellen kann. Die Weite und die Stille in dem am dünnsten besiedelten Land der Erde sind unbeschreiblich. Hektik und Ungeduld werden belanglos, wenn man tagelang keinen geschlossenen Raum betritt.

Auf staubigen Pisten, die größtenteils vom Wind geschaffen wurden, nähern wir uns der mongolischen Hauptstadt. Das Land fordert uns. Hitze, Kälte und Stürze sind unsere täglichen Begleiter. Wir durchqueren Flüsse und quälen und durch endlose Tiefsandpassagen der nördlichen Ausläufer der Wüste Gobi.

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Ankunft in Ulan Bator

 

 

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Endlich wieder Asphalt…

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Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, um uns zu überlegen, wie es nun weitergeht. Unterwegs hat sich herausgestellt, dass die Einreise nach China mit den Motorrädern viel kostspieliger sein wird, als erwartet. Zusätzlich müssten wir einen chinesischen Führerschein machen und einen Aufpasser bezahlen, der uns Tag und Nacht nicht von der Seite weicht. Als Alain mir kurz vor Ulan Bator ins Motorrad fährt und durch unseren schweren Sturz der Rahmen seines Motorrades bricht, liegt die Entscheidung nahe, die Reise ohne die Kräder fortzusetzen.

Wir fühlen uns wie zwei Verräter und unseren Herzen bluten, als wir sie auf dem Fahrzeugmarkt der Hauptstadt verkaufen – für denselben Preis, den wir zuvor in Deutschland bezahlt haben.

Die wenigen verbleibenden Kilometer legen wir mit der Transsibirischen Eisenbahn und zum Teil sehr abenteuerlichen Transportmitteln fort. Überglücklich und stolz erreichen wir nach insgesamt einem Vierteljahr und 17.000 Kilometern die Millionenmetropole Shanghai. Eine Reise wie ein Rausch endet dort. Auch wenn wir ein ums andere mal durch Pannen ausgebremst wurden, so hat sich doch gezeigt, dass sich gerade daraus die intensivsten Kontakte zu anderen Menschen ergeben. Diese unverhofften und nicht planbaren Begegnungen sind das Salz in der Reisesuppe.

 

Shanghai - am Ziel unserer Reise

Shanghai – am Ziel unserer Reise

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Die ganze Geschichte gibt es in meinem Buch „Cologne-Shanghai“ zu lesen:

Cover Peters

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erhältlich im Shop und im Buchhandel – bald auch als Ebook erhältlich

 

 

Reise Info:

 

Motorräder: Die Frage nach dem optimalen Motorrad ist vermutlich so alt, wie das Motorradreisen selbst. Für mich ist das optimale Motorrad ganz einfach jenes, mit dem man sich auf den Weg macht. Wir haben für die Reise zwei gebrauchte Yamaha XTZ 660 Ténéré für rund 1400 Euro im Internet ersteigert.

Tanken: Inklusive unserer 10-Liter-Reservekanister für Notfälle betrug die Reichweite unserer Motorräder gut 500 km. Da man in einigen asiatischen Ländern den Sprit aus Eimern oder Gießkannen direkt in den Tank gegossen bekommt, ist es unbedingt zu empfehlen, ein spezielles Sieb mitzunehmen, dass man in die Tanköffnung steckt, um grobe Verunreinigungen fernzuhalten. Die Qualität des Kraftstoffs ist mitunter trotzdem miserabel (72 Oktan, anstatt 95-98 Oktan, wie in Deutschland üblich.

Klima: Die Temperaturen reichten, in der Zeit in der wir unterwegs waren, von über 40° bis unter 0°. Die optimale Reisezeit ist von Mai bis September. Davor und danach kann das Wetter mit bösen Überraschungen aufwarten.

Übernachten: Überwiegend im Zelt. Dies ist kostensparend und an fast allen Orten völlig unproblematisch. Hotels in Großstädten sind unverschämt teuer.

Verständigung: Wer will und kann, sollte sich zumindest ein paar Worte Russisch aneignen. Erstaunlich wie weit man kommt, wenn man Land und Leuten auf diese Art seine Wertschätzung entgegenbringt. In vielen Fällen ist Deutsch sogar verbreiteter als Englisch.

Registrierung Russland: Nach unserer Reise trat eine neue Regelung in Kraft, die das Reisen in Russland erheblich vereinfachen. Die Registrierung erfolgt nunmehr bei der Immigrationsbehörde (FMS) oder auf jedem Postamt.

Lektüre und Karten: Ich empfehle die Karten von Reise Know-How und die Reiseführer von Lonely Planet.

Wer mehr über diese Reise lesen möchte, dem sei das spannende Buch empfohlen, dass ich darüber geschrieben habe:

Cologne – Shanghai“, 224 Seiten, 30 Farbfotos, Paperback, Schardt Verlag Oldenburg, ISBN: 978-3-89841-382-4, 12,80 Euro, www.cologne-shanghai.de

 

 

11 Mai

Brennendes Land

Erik Peters / Abenteuer Nordamerika, Reiseberichte / / 5 Comments

Nachdem Henning und ich die Einfuhr seines Motorrades in der rekordverdächtigen Zeit von weniger als drei Stunden hinter uns gebracht haben, geht es weiter nach Playa del Carmen. Wenn es nicht Hennings Wunsch gewesen wäre, den Alltag zu Beginn der Reise bei ein paar Tauchgängen abzuschütteln, dann hätte es uns sicherlich nicht in diese sündhaft teure Stadt verschlagen, die von Pauschaltouristen in Feierlaune übervölkert wird. Weil das Tauchangebot aufgrund der vorgelagerten Korallenriffe hier jedoch am besten sein soll, nisten wir uns ebenfalls an der Riviera Maya ein. Wenigstens Henning machen die zwei Tage großen Spaß! Da ich aber schon im Schwimmunterricht in der Grundschule die meiste Zeit am Beckenrand gesessen habe, stelle ich ein weiteres Mal fest, dass aus mir niemals eine Wasserratte werden wird…

Geschafft!!! Auf die erfolgreiche Zollabwicklung

Geschafft!!! Auf die erfolgreiche Zollabwicklung

 

Mengenrabatt - der Schlüssel, um Geld zu sparen...

Mengenrabatt - der Schlüssel, um Geld zu sparen...

 

Während Henning unter Wasser eine super Figur abgibt....

Während Henning unter Wasser eine super Figur abgibt....

...scheitern meine Versuche kläglich!

...scheitern meine Versuche kläglich!

Da glotzt selbst der dümmste Fisch...

Da denkt selbst der dümmste Fisch: Du kannst es nicht, du schaffst es nicht, lass es sein!

 

Nach zwei Tagen Nichtstun ist es an der Zeit, Yucatan den Rücken zu kehren. Über die wenig spektakuläre „MEX 307“, geht es in zwei Etappen über Chetumal, vorbei an der belizianischen Grenze, durch den sogenannten „Archäologischen Korridor“ – eine lange und verflucht heiße Strecke die durch die Bundesstaaten „Quintana Roo“ und „Campeche“ führt. Den Namen „Archäologischer Korridor“  trägt diese Gegend aufgrund der hohen Dichte unterschiedlichster Ausgrabungsstätten. So kommt man auf den gut 800 Kilometern an dutzenden Ruinenanlagen vorbei. Obwohl sich der Reiz nach einer Weile abgenutzt hat, finden wir doch immer wieder Ruinen, die uns staunen lassen – „Becan“ zum Beispiel. Uns gefällt der einsame Ort mitten im Nirgendwo in aller erster Linie deshalb so gut, weil es vermutlich der einzige in ganz Mexiko ist, wo man – wenn auch nicht ganz legal – mit den Motorrädern direkt vor einen Mayatempel fahren kann.

Die alte Maya-Stadt "Becan"

Die alte Maya-Stadt "Becan"

 

Der dritte Fahrtag seit Hennings Ankunft, führt uns in die bislang schönste Ecke Mexikos – den Bundesstaat Chiapas. Die Küstentiefebene steigt allmählich in die über 3000 Meter hohe „Sierra Madre de Chiapas“ an und unzählige Kurven erhöhen den Fahrspaß um ein Vielfaches. Unser Ziel ist Palenque, eine in dichten Urwald eingebettete Ruinenstätte, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Pyramide der Inschriften in Palenque

Pyramide der Inschriften in Palenque

Auf weiten Teilen ist die Luft auf den letzten Kilometern mit beißendem Qualm vermischt. Dies ist nicht ungewöhnlich in diesem Teil Mexikos. Vieler Orten wird der Wald brandgerodet, um halbwegs fruchtbares Ackerland zu gewinnen. Teilweise geraten die gelegten Feuer jedoch außer Kontrolle und das gewünschte Areal, das abgefackelt werden soll, ist am Ende des Tages, ein deutliches Stück größer, als geplant.

Weite Teile des Regenwaldes fallen der Brandrodung zum Opfer

Weite Teile des Regenwaldes fallen der Brandrodung zum Opfer

Im Gespräch mit einem der Brandstifter

Im Gespräch mit einem der "Brandstifter"

Irgendwo in den Bergen nahe Palenque treffe ich auf einen der „Brandstifter“, der mit einer Fackel das Unterholz ansteckt. Er erklärt mir, dass sich die sehr armen Bauern in Chiapas von der Regierung im Stich gelassen fühlen, da ihnen offiziell keine Weideland zugeteilt würde. In der illegalen Brandrodung sehen viele von ihnen die einzige Möglichkeit, wenigstens ein wenig Mais anbauen zu können. Da das so gewonnenen Land jedoch für nur etwa zwei bis drei Jahre fruchtbar ist, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als immer neue Feuer zu legen.

Wir planen nun zwei in Palenque zu bleiben und morgen einen Tagesausflug ohne schweres Gepäck zu dem Wasserfall von Misol-Ha und nach Agua Azul zu unternehmen. Danach geht es weiter in die Stadt San Christóbal de Las Casa. Angeblich soll die Strecke dorthin zu den schönsten im ganzen Land gehören und auf Höhen von gut 2500 Meter ansteigen.

04 Mai

Im lichterlosen Urmeer des Jenseits

Erik Peters / Abenteuer Nordamerika, Reiseberichte / / 10 Comments

Es ist heiß und stickig. Ein beklemmendes Gefühl legt sich wie ein Schleier über mich, als ich die schmalen Stufen hinab in das lichterlose Urmeer des Jenseits steige. Grüne Schlingpflanzen und Lianen hängen von den schwarzen, glitschigen Decken und Wänden herab. Es riecht erdig, moosig, unheimlich. Schweiß läuft in Strömen von meiner Stirn und brennt vermischt mit Sonnencreme in meinen Augen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sich wohl für all diejenigen angefühlt haben muss, die denselben Weg vor hunderten von Jahren gegangen sind – mit dem großen Unterschied, dass ihnen dabei völlig bewusst gewesen sein muss, dass ihnen kurze Zeit später, zu Ehren des Regengottes „Chak“, das Herz bei lebendigem Leibe aus der Brust geschnitten wird.

In Yucatan, dieser riesigen Trockenwald-Region, die ziemlich genauso groß ist, wie die Schweiz, gibt es die meiste Zeit des Jahres keine Niederschläge. Die Erde ist so flach, dass keine Flüsse fließen können – zumindest nicht oberirdisch. Unter der Erde bilden die sogenannten „Cenoten“ hingegen einen gewaltigen Süßwasserspeicher. Oftmals sind es nur kleine unscheinbare Tümpel an der Oberfläche, die bis zu 100 Meter tief sein können und die sich an ein Labyrinth aus unterirdischen Gängen von bisher unbekannter Länge (der längste erforschte misst 72 Kilometer) anschließen. Keine andere Region der Erde ist derart unterhöhlt und durchlöchert, wie die mexikanische Halbinsel.

"Ik Kil" - eine von unzähligen Cenoten auf Yucatan

"Ik Kil" - eine von unzähligen Cenoten auf Yucatan

Heute schwimmen Touristen im "Urmeer des Jenseits"

Heute schwimmen Touristen im "Urmeer des Jenseits"

Abertausende überflutete Höhlen ziehen sich durch die gesamte Region. Sie werden als die Grundlage und Voraussetzung für die Entwicklung der Maya-Kultur angesehen. Obwohl einige der Cenoten, die ich mir angeschaut habe, heute touristisch erschlossen sind und laute Menschen darin baden, kann man verdammt gut nachvollziehen, warum sie in der Welt der Maya eine so wichtige Rolle spielten.

Ich bin ein Glücklicher! Ich werde nicht geopfert – ich darf mich auf mein Motorrad setzen und weiterreisen. Was für krasse Unterschiede das Schicksal der Geburt doch schreiben kann…

Neben den teilweise sehr abgelegenen Cenoten haben mich die Pisten und Straßen in den letzten Tagen auch zu einigen Ruinenstätten geführt. Die bekannteste von Ihnen ist Chichen Itza. Hätte ich gewusst, dass dieser Ort erst um 8 Uhr morgens seine Pforten für die Besucher öffnet, dann hätte ich mich ganz sicher nicht um 5 Uhr aus den Federn gequält.

Es dämmert noch, als ich an der Anlage ankomme. Außer einem einsamen Kerl, der den riesigen Besucherparkplatz mit einem Blätterbesen fegt, ist keine Menschenseele zu sehen. Als ich das Schild am Eingang lese, wird mir klar, dass dies auch noch knapp zwei Stunden so bleiben wird. Öffnungszeiten: 08-16 Uhr. Neugierig wie ich bin, habe ich aber in kürzester Zeit eine Ecke entdeckt, wo ich mich ungesehen aufs Gelände schleichen kann (ich war früher Weltmeister darin, mir auf diese Weise kostenlosen Zugang zu Konzerten und Festivals zu „erschleichen“…:-).

Pyramide des Kukulcán - erst seit Kurzem darf sie nicht mehr bestiegen werden.

Pyramide des Kukulcán - erst seit Kurzem darf sie nicht mehr bestiegen werden.

Plötzlich stehe ich vor der imposanten Kukulcán – Pyramide, die die Blütezeit der Mayakultur repräsentiert.  Ich ganz alleine! Erst nach einer guten Weile, kurz bevor die ersten Touristen über die Anlage herfallen, entdeckt man mich und ich werde ziemlich forsch dazu aufgefordert, Eintritt zu bezahlen. Die besten Bilder – ohne störende Menschen in bunter Kleidung  – habe ich zu diesem Zeitpunkt bereits im Kasten. Da stört es mich auch nicht, umgerechnet 18 Euro (inklusive Videokamera-Genehmigung) zu bezahlen. Früh aufstehen lohnt sich also doch… oder wie lautete noch dieser saudämliche Spruch mit dem Wurm und dem Vogel?

 Über Chichen Itza geht es weiter nach Tulum, einer weiteren bedeutenden Tempelanlage und gleichzeitig der Einzigen dieser einstigen Hochkultur, die direkt am Meer erbaut wurde.

Die "Cabanas" in Tulum bestechen nicht durch ihre Ausstattung...

Die "Cabanas" in Tulum bestechen nicht durch ihre Ausstattung...

...auch das Frühstück ist eher "basic"....

...auch das Frühstück ist eher "basic"....

Dafür ist die Lage unschlagbar...

Dafür ist die Lage unschlagbar...

In der kleinen Hüttenanlage „Zazil Kin“, in der ich bereits vor knapp zehn Jahren einmal abgestiegen bin, beziehe ich eine schlichte Bleibe direkt an einem Strand wie aus dem Urlaubskatalog.

Auch die größten Machos kommen einmal in die Jahre...

Auch die größten Machos kommen einmal in die Jahre...

Als „Hauttyp 1“ muss man in der Sonne höllisch aufpassen, da man sonst schnell mit einem solchen Hintergrund verschmilzt…

Als „Hauttyp 1“ muss man in der Sonne höllisch aufpassen, da man sonst schnell mit einem solchen Hintergrund verschmilzt…

 

1470 Kilometer stehen auf „der Uhr“, als ich wieder nach Cancún zurückkehre. Meine XT660Z Ténéré, mit der ich dieses Mal unterwegs bin, hat sich bisweilen als ein absoluter Glücksgriff erwiesen! Ein Reisemotorrad, dass ich nicht nur sexy finde (ja, die Optik spielt für mich immer eine große Rolle, doch stets muss ich zum Pinsel greifen…), sondern dass vor allem selbst voll beladen im Gelände gut klar kommt. Ich traue dem Ding einfach mehr zu als meinen bisherigen Kisten und kann so auch mal beherzter am Gasgriff drehen. Besonders erfreulich ist, dass meine nun insgesamt fünfte Yamaha sehr genügsam ist und sich bei Reisegeschwindigkeit mit gerade mal vier Litern auf 100 Kilometern begnügt. Bei einem Spritpreis von rund 50 Cent pro Liter bleiben da ne Menge Pesos für Cerveza übrig…:-)

 In ein paar Stunden wird mein Freund Henning mit dem Flieger ankommen und morgen gilt es dann erneut, die Zollkontrolle zu bewältigen. Ich denke aber, dass mein gesammeltes Wissen den ganzen Ablauf dieses Mal deutlich beschleunigen wird.

06 Apr

Es geht bald los…

Erik Peters / Abenteuer Nordamerika, Reiseberichte / / 4 Comments

 

Nach all dem Stress, den ich in den vergangenen Wochen hatte, geht dieser allmählich in eine kribbelnde Vorfreude auf die anstehende Reise über. Ostern 2011 ist es endlich soweit und ich werde mein „Abenteuer Nordamerika“ in Angriff nehmen.

Der erste Teil dieser Reise soll mich in etwa 4-5 Monaten auf schätzungsweise 20.000 Kilometern (eher mehr…) durch Mexiko und die USA führen.

Nachdem ich den Winter dann in Deutschland verbracht habe, um mit meiner Vortragsreihe in Deutschland auf Tour zu sein, geht es wieder zurück nach Amerika.

Der zweite Teil der Reise soll dann in etwa wie folgt aussehen: von Vancouver, wo mein Motorrad bereits bei einem Freund auf mich wartet, geht es durch die Northwest-Territories an den Yukon-River, den ich vor vielen Jahren bereits einmal mit dem Kanu gefahren bin. Von dort weiter nach Alaska. Von den nördlichen Küsten des Polarmeeres geht es nun wieder in Richtung Südosten, bis nach New York. Von dort möchte ich versuchen zusammen mit dem Motorrad auf einem Frachtschiff nach Deutschland zu fahren.

Soviel zur Theorie, denn wenn ich auf Reisen eines gelernt habe, dann, dass es immer anders kommt, als man plant – und das ist gut so…

Viel Spaß auf meiner Reise

Erik