Von Köln nach Shanghai

Cologne – Shanghai

Die Reise, mit der vor rund zehn Jahren alles begann… 

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Es gibt so Tage, da würde man sich am liebsten aufs Motorrad setzen und einfach wegfahren. Abhauen ins Abenteuerland, ans andere Ende der Welt. Ohne Flieger und ohne Fähre, jeden Kilometer hart erarbeiten. Shanghai ist so Ziel, allein schon weil der Name nach Abenteuer klingt, nach ganz weit weg. Irgendwann, nach viel Träumerei, kam der Punkt, da nahm ich mir einfach die Zeit. Ich beantragte die nötigen Visa, ersteigerte mir bei Ebay für 1432 Euro eine alte Yamaha XTZ 660 Ténéré und begab mich zusammen mit meinem Freund Alain auf eine spannende Reise.

 

Zufrieden schnurren die betagten Einzylinder unter uns, als wir Deutschland hinter uns lassen. Über Österreich reisen wir nach Ungarn. Entlang leuchtend gelber Sonnenblumenfelder, die sich schier endlos über den Horizont erstrecken, fahren wir immer weiter in Richtung Osten. Schnell sind die festgelegten Strukturen des Alltagslebens durch ein berauschendes Feeling ersetzt, dass ich als Freiheit und Spontanität bezeichnen würde. Alles, was wir in den nächsten Monaten zum Leben brauchen, ist in je zwei Metallkoffern und einer Gepäckrolle untergebracht. Befreiend das Gefühl, sich auf das wirklich Notwendigste beschränken zu müssen.

Das eigentliche Abenteuer beginnt in der Ukraine. Die Straßen werden schlechter und die Polizeikontrollen, für die das Land so berüchtigt ist, lassen sich pro Tag kaum noch an einer Hand abzählen. Auch die Begegnungen mit den Menschen werden intensiver. Das Interesse an zwei Motorradreisenden aus Deutschland ist höher, als ich es aus anderen Ländern Europas kenne. Wenn wir ausnahmsweise nicht im Zelt übernachten, sondern es uns in kleine Pensionen oder Truckerhotels verschlägt, stehen wir sofort im Mittelpunkt des Interesses. Wir werden auf die unterschiedlichsten Feiern eingeladen, nehmen am pulsierenden Leben teil und bekommen dabei ein Glas Wodka nach dem anderen vor die Nase gestellt. Ukrainer trinken gerne und viel. Wir machen die schmerzhafte Erfahrung, dass die Weiterfahrt am Morgen nach den Begegnungen stets mit einem üblen Kater verbunden ist.

Von Odessa aus folgen wir der Schwarzmeerküste über die Halbinsel Krim bis in die Hafenstadt Mariupol. Ausgerechnet an einem Ort, wo man sich eigentlich nicht länger als nötig aufhalten möchte, hängen wir eine Woche fest. Meine Kupplung hat es erwischt und wir müssen Ersatzteile aus Deutschland einfliegen lassen. Doch die Wartezeit wird dank der Freunde, die wir dort gewinnen, zu einem echten Highlight.

Den Blick nach vorne gerichtet, erreichen wir nach knapp 5000 Kilometern die Grenze zu Russland. Wir hatten große Bedenken, wie man uns speziell in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad begegnen würde. Schließlich haben die Deutschen vor rund 60 Jahren Tod und Verderben über die Stadt gebracht. Umso überraschter sind wir, als wir von allen Seiten herzlich begrüßt werden. Noch immer verkörpert die Stadt auf beklemmende Art und Weise den Schrecken des Krieges und die Spuren der großen Schlacht sind allgegenwärtig. Das absolute Highlight Wolgograds ist die Koloss-Statue „Rodina mat sowjot!“, („Mutter Heimat ruft!“). Von weitem sichtbar thront sie auf dem damals heftig umkämpften Mamajew-Hügel und reckt ihr Schwert 84 Meter in den blauen Himmel empor.

Hinter Wolgograd gehen die üppig grünen Wiesen und landwirtschaftlichen Anbauflächen in spärlichste Vegetation über. Es dominiert das verbrannte Gelbbraun der Halbwüste und Trocken­steppe, die sich ab hier wie ein Gürtel durch ganz Zentralasien zieht. Wir spüren die Einsamkeit und Weite, die nun vor uns liegt.

In der als „Venedig des Ostens“ bezeichneten Stadt Astrachan am Kaspischen Meer ereilt uns ein weiterer Schicksalsschlag. Wieder ist die Kupplung Schuld. Scheinbar habe ich beim Einbau der neuen Kupplungsscheiben trotz eines Ölwechsels und gründlicher Reinigung irgendwelche winzigen Fremdkörper übersehen. Diese haben das Ausrücklager, ein Nadellager von der Größe einer Euromünze zerstört, wodurch sich das Motorrad nicht mehr schalten lässt. Wieder finden wir eine Yamaha-Werkstatt. Dieses Mal soll die Ersatzteillieferung jedoch noch wesentlich länger dauern. Wir sind am Boden zerstört und können nicht fassen, dass wir schon wieder vom Schicksal ausgebremst werden. Doch es kommt noch schlimmer! Als wir im Hotel ankommen, will man uns zunächst den Aufenthalt verweigern, da wir uns bislang noch nicht vorschriftsmäßig bei der Immigrationsbehörde haben registrieren lassen.

Wenn man eines auf Reisen lernt, dann, dass sich jedes Problem lösen lässt und es selbst in den schwierigsten Situationen immer irgendwie weiter geht. In einer Bar lernen wir durch Zufall Sergeij kennen, einen ehemaligen Elitesoldaten der heute sein Geld damit verdient, „Geschäfte“ zu machen, wie er selbst sagt. Im Verlauf unseres Gesprächs schildere ich ihm unsere problematische Situation und lege ihm meinen Reisepass vor, an dessen letzte Seite das Registrierungsschreiben geheftet ist. „Nijet Problem!“, verkündet er nach einem kurzen Blick darauf und hebt sein Glas. „Kein Problem? Wir können uns beide nicht vorstellen, wie uns ausgerechnet dieser tätowierte Schrank von der Russenmafia helfen soll. Doch wir tun ihm Unrecht, denn Sergeij kann uns helfen – und wie.

„Hier, sucht euch einen aus. Die sind alle echt“, fordert er uns eine Weile später in seiner Villa auf, als er eine Schachtel mit Stempeln darin öffnet. Um auf eventuelle Fragen an der Grenze vorbereitet zu sein, lässt er uns wissen, dass wir nun als offizielle Sachverständige für historische Ikonenbilder im Lande sind. Als wir uns von ihm verabschieden, fragt er noch, in welcher Werkstatt unsere Motorräder stünden. Nichts ahnend geben wir ihm auch diese Information. „Keine Sorge, ich kümmere mich darum“, antwortet er. Wir trinken noch ein „Wässerchen“ mit ihm, dann fährt uns sein Chauffeur zurück zum Hotel.

Als wir anderntags zur Werkstatt kommen trauen wir unseren Augen nicht. Meine Ténéré steht tatsächlich repariert vor der Tür. Der Werkstattbesitzer klärt uns auf: Noch in der Nacht wurde er von einer einflussreichen Person „gebeten“, das Problem zu lösen. Mit zwei Mechanikern hätten sie ein passendes Ersatzteil aus einem neuen Yamaha-Außenbordmotor aus- und in meine Kupplung wieder eingebaut. Als ich nach der Rechnung frage winkt er ab und sagt, die Sache sei bereits erledigt. Ich muss an Sergeij denken. Spasiba, danke, alter Freund!

Kasachstan, eines der größten Länder der Erde, liegt Ehrfurcht erweckend vor uns. Das Klima in der ehemaligen Sowjetrepublik ist mit minus 50 Grad im Winter und plus 50 im Sommer kontinentaler als irgendwo sonst auf der Erde. Auf Straßen, die diese Bezeichnung beim besten Willen nicht verdient haben, durchqueren die Hungersteppe, eine Region, die die Kasachen ehrfurchtsvoll Be-Pak-Dala nennen – die böse Ebene. 4000 Kilometer, eine gewaltige Strecke, die immerhin der Entfernung von Helsinki bis Bagdad entspricht, liegt in diesem Land vor uns. Daran, was wohl passieren mag, wenn das Motorrad hier wieder den Geist aufgibt, will man wirklich nicht denken.

Nur noch selten sehen wir Menschen. Erstmalig auf dieser Reise sind wir der Zivilisation vollständig entkommen. Mitten im Nichts begegnen uns dafür die ersten Kamele. Mit dem eigenen Motorrad so weit gefahren zu sein, dass man auf diese Tiere trifft, ist ein wirklich groteskes Gefühl. Anfangs kommen sie nur vereinzelt vor, doch schon nach kurzer Zeit entdecken wir Dutzende von ihnen, die sich, wie an einer Schnur gezogen, entlang des flimmernden Horizonts bewegen.

Im Süden Kasachstans lassen wir die erbarmungslose Steppe endlich hinter uns. Allmählich steigen die ersten Hügel zum majestätischen Tien-Shan-Gebirge an. Wir passieren die kirgisische Grenze. Irgendwo hinter der Ortschaft Sary-Bulak biegt eine unscheinbare Straße zum Sonköl-See ab. Der Hochgebirgssee leuchtet in der Sonne und die weißen Jurten der Nomaden stehen wie Champignons im Steppengrass. Ein Ort, schöner als jeder Traum, dessen Anblick mir in diesem erhabenen Moment Freudentränen in die Augen treibt. In dieser friedlichen und stillen Welt kommen wir bei einer Nomadenfamilie unter, lernen die gewöhnungsbedürftige Nomadenküche kennen und erklimmen mit unseren alten Ténérés in den folgenden Tagen mehrere, bis zu 5000 Meter hohe Gebirgspässe. Auf nicht asphaltierten, scheinbar endlosen Kehren, überqueren wir das Himmelsgebirge.

Um in die Mongolei einreisen zu können steht uns ein großer Umweg bevor. Wir fahren zurück nach Kasachstan, wo wir das ehemalige Atomwaffentestgelände von Semipalatinsk durchqueren müssen. Weiter geht es durch Sibirien. Auf traumhaften Straßen folgen wir den Ausläufern des Altaigebirges bis zur mongolischen Grenze.

Die Mongolei zu durchqueren gehört sicherlich zu den aufregendsten Dingen, die man mit dem Motorrad anstellen kann. Die Weite und die Stille in dem am dünnsten besiedelten Land der Erde sind unbeschreiblich. Hektik und Ungeduld werden belanglos, wenn man tagelang keinen geschlossenen Raum betritt.

Auf staubigen Pisten, die größtenteils vom Wind geschaffen wurden, nähern wir uns der mongolischen Hauptstadt. Das Land fordert uns. Hitze, Kälte und Stürze sind unsere täglichen Begleiter. Wir durchqueren Flüsse und quälen und durch endlose Tiefsandpassagen der nördlichen Ausläufer der Wüste Gobi.

 

Viel Zeit bleibt uns nicht mehr, um uns zu überlegen, wie es nun weitergeht. Unterwegs hat sich herausgestellt, dass die Einreise nach China mit den Motorrädern viel kostspieliger sein wird, als erwartet. Zusätzlich müssten wir einen chinesischen Führerschein machen und einen Aufpasser bezahlen, der uns Tag und Nacht nicht von der Seite weicht. Als Alain mir kurz vor Ulan Bator ins Motorrad fährt und durch unseren schweren Sturz der Rahmen seines Motorrades bricht, liegt die Entscheidung nahe, die Reise ohne die Kräder fortzusetzen.

Wir fühlen uns wie zwei Verräter und unseren Herzen bluten, als wir sie auf dem Fahrzeugmarkt der Hauptstadt verkaufen – für denselben Preis, den wir zuvor in Deutschland bezahlt haben.

Die wenigen verbleibenden Kilometer legen wir mit der Transsibirischen Eisenbahn und zum Teil sehr abenteuerlichen Transportmitteln fort. Überglücklich und stolz erreichen wir nach insgesamt einem Vierteljahr und 17.000 Kilometern die Millionenmetropole Shanghai. Eine Reise wie ein Rausch endet dort. Auch wenn wir ein ums andere mal durch Pannen ausgebremst wurden, so hat sich doch gezeigt, dass sich gerade daraus die intensivsten Kontakte zu anderen Menschen ergeben. Diese unverhofften und nicht planbaren Begegnungen sind das Salz in der Reisesuppe.