USA (Colorado)

Höhenrausch

(hier findest Du die Bilder zur Reise)

„Boahs“ und „Wows“ kommen mir dieser Tage oft über die Lippen. Nach Kalifornien, Nevada und Utah bin ich nun in Colorado unterwegs, dem höchstgelegenen Bundesstaat der USA. Die Landschaften in dieser Gegend, in der Freiheit nach Benzin schmeckt und die Straßenschilder am Rande einsamer Highways Einschusslöcher aufweisen, hauen einen schlichtweg um. Text und Fotos Erik Peters

 

Im südwestlichsten Zipfel Colorados, nur etwa drei Fahrstunden vom Monument Valley entfernt, entwickelte sich einst die höchst ausgebildete Indianerkultur der USA. Auf dem „Mesa Verde“, genannten Tafelberg liegt heute der einzige Nationalpark der Vereinigten Staaten, der nicht zum Naturschutz sondern zur Erhaltung einer archäologischen Stätte eingerichtet wurde.

Vorkolumbianische Stämme der Anasazi besiedelten einst diese spärlich mit Kiefern bewachsene Region und sie hinterließen die sogenannten Cliff Dwellings – verschachtelte Klippenbehausungen, die vor rund 1000 Jahren erbaut wurden. Die größte und bekannteste der insgesamt knapp 200 Felssiedlungen ist der sogenannte Cliff Palace, der unter einem 27 Meter tiefen und 18 Meter hohen Felsvorhang liegt und aus 200 Räumen besteht. Die meisten dieser Räume sind gerade mal vier Quadratmeder groß. Niedrige Decken und schmale Türen sollten im Winter vor der Kälte schützen. Einen ganzen Tag lang erkunde ich den Park, bereue jedoch, mich zuvor nicht meiner Motorradkluft entledigt zu heben, denn um die unterschiedlichen Felssiedlungen zu erreichen muss man viele Stufen steigen.

Ähnlich wie bei einigen anderen indigenen Völkern Amerikas ist es auch hier ein großes Rätsel, warum die Felssiedlungen im 16. Jhd. urplötzlich aufgegeben wurden. Abwandernde Wildbestände oder der Mangel an Feuerholz scheinen die nahegelegensten Gründe gewesen zu sein.

 

Nachdem ich in den letzten Wochen so viel über die Ureinwohner der USA gelernt habe, freue ich mich nun ganz besonders auf meine nächste Unterkunft. In den San Juan Mountains, nahe der Kleinstadt Norwood, auf einer sonnendurchfluteten Lichtung in den Bergen, kann man nämlich noch schlafen wie ein Indianer. Karin Freudenberg, eine Deutsche, die vor vielen Jahren nach Colorado kam und hier ihr neues Glück fand, betreibt dort das „Red Cone Retreat“ – ein kleines Tipilager, das aus sechs liebevoll eingerichteten Indianerzelten besteht. Nach all den Nächten in meinem winzigen Zelt habe ich es mir wirklich verdient, an diesem magischen Ort noch einmal richtig bequem in einem Bett zu schlafen.

„Hast Du eigentlich eine Waffe dabei?“, fragt mich Karin nach einer herzlichen Begrüßung. Irritiert schaue ich sie an. „Wir haben momentan einige Bären hier – die haben vor kurzem Junge zur Welt gebracht. Einer Mutter mit ihren „Cubs“ sollte man auf keinen Fall in die Quere kommen. Da verstehen die überhaupt keinen Spaß.“

Der Umgang mit Bären ist im Norden Amerikas ein Thema, mit dem man sich früher oder später auseinandersetzen wird. Wie schützt man sich als „Camper“ am besten, wenn einen nur ein hauchdünnes Stück Kunstfaser von der Außenwelt trennt? Immerhin liegen einige derer, die von einem Bären attackiert werden nichts ahnend im Zelt. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit, überhaupt angegriffen zu werden, geringer als im Lotto zu gewinnen, dennoch macht man sich so seine Gedanken. Die Meinungen der Einheimischen, die ich zu dem Thema befrage, gehen von „Bären sind total harmlos“ bis hin zu „ohne Sturmgewehr würde ich in einigen Regionen nicht das Auto verlassen.“ Da man in den USA als Ausländer keine Schusswaffen kaufen darf (und ich auch gar keine will) muss man sich also auf den Schutz aus der Dose verlassen. „Bear Spray“ oder „Pepper Spray“, was genaugenommen eigentlich „Chili-Spray“ heißen müsste, gehört daher für viele Camper zur Standartausrüstung. Das Spray ist jedoch gar nicht so leicht zu bekommen. In den ersten größeren Supermärkten, in denen ich danach frage bekomme ich als Antwort: „Pfefferspray, was wollen Sie denn damit? Wir haben doch Gewehre.“ Nach einigen Anläufen werde ich irgendwann in einem gut sortierten Outdoor-Laden fündig. Seitdem baumelt eine Dose, die mich von der Form her stark an Klospray erinnert, immer dann an meinem Gürtel, wenn mich Leute wie Karin verunsichert haben.

Ich bleibe ein paar Tage und genieße das stressfreie Leben in den Bergen. Neben einer Nacht in einem der Indianerzelte lohnt es sich vor allem, die spektakulären Offroad-Pisten zu erkunden. Anhand des Buches „Colorado Byways“, das die unterschiedlichen Trails nach Schwierigkeitsgraden auflistet, suche ich mir die zehn besten Strecken aus. Ich verlasse den Asphalt wieder und fahre einige hundert Kilometer kreuz und quer durch die zerklüfteten San Juan Mountains – eine Region, die mich optisch an eine Modelleisenbahnlandschaft erinnert, in der das Thema Berge verschwenderisch umgesetzt wurde.

Auf meinen Erkundungstouren komme ich auch durch ein kleines Tal, in dem die meiner Meinung nach schönste Stadt der Region gelegen ist: Silverton, ein Ort wie die Kulisse eines alten Wild West Films. Nach Silberfunden im Jahr 1874 wurde die Stadt gegründet und erlebte um die Jahrhundertwende ihren Höhepunkt. In der einstigen Minenstadt scheint die Zeit seit dem stehengeblieben zu sein. Obwohl heute der Tourismus die Haupteinnahmequelle ist, hat sich die Stadt ihren ursprünglichen Charme bewahren können. Entlang der Main Street verlaufen noch immer Gehwege aus Holz und auch in den westerntypischen Saloons, wie etwa dem „Shady Lady“, fühlt man sich in jene Zeit zurück versetzt, als Probleme noch mit dem Colt gelöst wurden.

Auch in den umliegenden Bergen erinnern verlassene Siedlungen und Minenanlagen noch an den großen Rausch nach Edelmetall. Wenn man auf den alten Versorgungswegen unterwegs ist, dann entdeckt man so manch ein verfallenes Gebäude, in dem noch immer die Schürfwerkzeuge der einstigen Glücksritter gelagert sind. Stellenweise kommt es einem so vor, als hätten die ehemaligen Bewohner die Orte in der Absicht verlassen, eines besseren Tages wieder zurück zu kehren.

Ich lerne auf dieser Reise sehr viele Menschen kennen. Unter anderem auch John Billings, den ich nur wenige Kilometer von Silverton entfernt in der Ortschaft Ridway treffe. In seiner kleinen Metallwerkstatt „Billings Artwork“ produziert er seit nun schon über 36 Jahren weltberühmte Skulpturen – Grammophonskulpturen auch Grammys genannt, die höchste internationale Auszeichnung im Musikgeschäft.

Mich umweht ein Hauch von Musikgeschichte, als John mich durch seine Kellerwerkstatt führt. Er erklärt mir die einzelnen Produktionsschritte und beginnt zu erzählen. Wenn John erst einmal damit anfängt, dann möchte man am liebsten stundenlang zuhören. Unglaublich, was für Anekdoten er zum Besten geben kann, denn er hat die größten Musiker unserer Zeit fast alle persönlich kennengelernt. Besonders gut gefällt mir auch die Geschichte, die er über das deutsche Discopop Duo „Milli Vanilli“ erzählt. Sie gewannen im Jahr 1990 einen der begehrten Grammys als beste Newcomer. Als der faule Zauber jedoch ans Licht kam, mussten die Playbackkünstler die Trophäe wieder zurückgeben. Er steht heute in seinem Regal und eine kleine Hundefigur pinkelt darauf. Wir plaudern noch eine Weile, dann hat mich die Straße wieder.

 

Nachdem ich die San Juan Mountains gut eine Woche lang mit dem Motorrad erkundet habe, fahre ich über den Highway 160 rund 350 Kilometer nach Osten ins San Louis Valley. Am östlichen Rand des größten alpinen Talbeckens der Welt hat die Natur eine ganz besondere Landschaft geschaffen. Über Jahrtausende haben stetige Westwinde die Sandkörnchen vom Ufer des Rio Grande abgetragen und am Fuße der Sangre de Cristo Range angehäuft. Die goldgelben Dünen des „Great Sand Dunes National Park“ bilden einen wundervollen Kontrast zu den bläulich schimmernden Bergen im Hintergrund, deren Gipfel die meiste Zeit des Jahres von Schnee bedeckt sind.

Ich lasse mein Motorrad und das Gepäck am Besucherzentrum zurück, ziehe die Motorradklamotten aus und nehme die insgesamt 350 km² große Dünenlandschaft zu Fuß in Angriff. Obwohl der Aufstieg auf die 230 Meter hohen Dünenkämme unglaublich anstrengend ist und eine Kamera dem feinen Sand zum Opfer fällt, genieße ich die Wanderung in vollen Zügen. Man wird für die Schinderei durch eine Aussicht entschädigt, die man so vielleicht in Nordafrika erwarten würde, niemals jedoch in den Bergen Colorados.

 

Wie an den meisten anderen Tagen dieser Reise, schlage ich am Abend wieder das Zelt auf. Bei der Lagersuche werde ich in den USA meistens in einem der vielen National Forrest fündig, denn dort ist Campieren überall gestattet. Gerade weil es in dem riesigen Land ein leichtes ist, atemberaubend schöne Lagerplätze zu finden, sollte man unbedingt davon absehen, sein Zelt ohne zuvor um Erlaubnis zu fragen auf irgendeinem Privatgrundstück aufzuschlagen. Im Wilden Westen hat der Begriff „privat“ eine ganz andere Bedeutung als bei uns, und an so mancher Grundstücksbegrenzung unterstreichen Schilder, dass die Bewohner zur Durchsetzung ihrer Rechte notfalls auch zur Flinte greifen. „No Trespassing“, was man mit „Betreten verboten“ übersetzen würde, hat im Amerikanischen einen deutlich bedrohlicheren Unterton, als im Deutschen. Ob die Amerikaner aber tatsächlich so schießwütig sind, wie es ihnen gerne nachgesagt wird, möchte ich lieber nicht am eigenen Leib erfahren.

Ja, Amerikaner verhalten sich in einigen Situationen anders als die Deutschen es täten und es stimmt auch, dass sie unterm Strich konservativer sind als wir. Dafür erlebe ich sie aber auch als ungemein gastfreundlich und hilfsbereit. Wenn ich auf einem Campingplatz aufschlage, auf dem noch andere Gäste sind, dann dauert es nie lange, bis ich von Wildfremden zum Essen eingeladen werde. Man sitzt den ganzen Abend zusammen am Lagerfeuer und führt aufschlussreiche Gespräche über Gott und die Welt. Oftmals geht die Gastfreundschaft auch über ein gemeinsames Barbecue hinaus. Mehrmals werde ich von Leuten, die ich noch keine 24 Stunden lang kenne, zu ihnen nach Hause eingeladen. Wenn ich die Einladungen dann annehme und später tatsächlich vor der Tür stehe, dann reagieren die Menschen gar nicht so überrascht, wie Vorurteile es mich haben glauben lassen. Das große Vertrauen das einem entgegen gebracht wird, ist fast schon beschämend. Ein Beispiel: An einer Tankstelle in Kalifornien führe ich ein etwa zwanzigminütiges Gespräch mit einem Motorradfahrer aus Idaho. Wir reden über die schönsten Strecken die wir gefahren sind und führen ein wenig Small Talk. Als wir uns dann voneinander verabschieden, um in verschiedene Richtungen weiter zu fahren, gibt er mir seine Visitenkarte und lädt mich ein, ihn doch zu besuchen, wenn ich in der Nähe sei. Bislang hatte ich immer gehört, dies sei nur eine Höflichkeitsfloskel und niemand würde wirklich erwarten, dass man der Einladung auch folgt. Genau deswegen möchte ich es aber ausprobieren. Als ich mich ein paar Wochen später telefonisch bei ihm melde, freut er sich riesig. Er sagt mir, dass er an dem Tag meiner geplanten Ankunft zwar beruflich unterwegs sei, dies aber kein Problem darstelle. Er würde mir den Hausschlüssel einfach unter die Fußmatte legen. Ich solle mich in seiner Wohnung wie zuhause fühlen, er käme dann am nächsten Tag. Was soll man da noch sagen? Ich bin mir sicher, dass ich selbst anders reagiert hätte und das stimmt mich ein wenig nachdenklich. Nur weil man in den USA mehrmals am Tag überfreundlich gefragt wird „How are you?“ und keiner eine Antwort erwartet, hat das doch noch lange nichts mit Oberflächlichkeit zu tun. Sind wir doch mal ehrlich: Erwarten wir denn tatsächlich eine ausführliche Antwort, wenn wir jemanden fragen „Wie geht’s?“

 

Weiter geht es in Richtung Denver. Über den U.S. Highway 25 fahre ich in Richtung Norden und biege bei Colorado City auf den Greenhorn Highway 165 ab. Dieser schlängelt sich im weiteren Verlauf durch die Wet Mountains – einen Ausläufer der Rocky Mountains, der dafür bekannt ist, dass dort besonders viele Niederschläge fallen. Nach etwa 20 Meilen, kurz hinter der kleinen Ortschaft Rye, sieht man plötzlich zwei hohe Steintürme aus dem Dach des Kiefernwaldes ragen. Genau dort ist das Zuhause eines Mannes, der eine große Vision hat.

Mit 1500 Dollar, die Jim Bishop sich als Jugendlicher durch Rasenmähen verdient hatte, kaufte er sich ein Grundstück und begann zu bauen. 44 Jahre lang baut er nun schon an seinem Lebenswerk. Er ganz allein. „Bishop Castle“ gehört zweifellos zu den individuellsten und beeindruckendsten Wohnhäusern, die ich je gesehen habe. Wie an so vielen Tagen des Jahres steht Jim auch heute an der Betonmischmaschine und rührt Speis an. Bislang hat er, mittlerweile über 60 Jahre alt, schon mehrere tausend Tonnen Bruchsteine aus der Umgebung in seinem Schloss verarbeitet.

Gegen eine freiwillige Spende an den Bauherrn kann man sich sein Schaffenswerk in Ruhe anschauen. Es gibt einen riesigen Ballsaal, ein gewaltiges Kaminzimmer und über außen verlaufende Stege und Treppen erreicht man auch die beiden knapp 45 Meter hohen Türme. „Mensch“, denke ich, als ich mich über seine Konstruktion nach oben wage, „Jim kann echt froh sein kann, dass er sein Lebenswerk hier geschaffen hat.“ Es soll Länder geben, in denen die Bauaufsicht längst den Abriss angeordnet hätte.

 

Auf meinem weiteren Weg durch den mit Highlights gespickten Bundesstaat komme ich auch am höchsten befahrbaren Punkt Nordamerikas vorbei. Den 4301 Meter hohen Gipfel des „Pikes Peak“ in der Front Range der Rocky Mountains kann man entweder über eine Serpentinenpiste ohne Leitplanken erreichen oder aber mit der sogenannten „Pikes Peak Cog Railroad“. Die höchste Zahnradbahn der Welt verbindet den Ort Manitou Springs schon seit über 120 Jahren mit dem Gipfel. Ob nun mit dem Motorrad oder der Bahn, auf der etwa einstündigen Fahrt kann man beeindruckende Panoramablicke auf die insgesamt 53 Berge Colorados genießen, deren Gipfel höher als 14.000 Fuß (4.267 Meter) sind und somit zu den sogenannten „Fourteeners“ gehören. Vom Gipfel aus sehe ich auch, wie sich in der Ferne der blaue Himmel ins Dunkle verfärbt. Noch messe ich dem aufziehenden Unwetter keine besondere Bedeutung bei.

Als ich am späten Nachmittag wieder auf dem Motorrad sitze und mich noch 100 Kilometer von Denver trennen, macht sich ein ungutes Gefühl in der Magengrube breit. Eine riesige, tief schwarze Wolkenfront breitet sich im Norden wie ein Gegner vor mir aus. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal mit solcher Sorge den Himmel beobachtet habe. Unwetter, so habe ich in den USA bereits am eigenen Leib erfahren, sind von einem anderen, Furcht erregenden Kaliber. Wenn Petrus es nicht gut mit einem meint, dann kann man was erleben.

Obwohl es sicherlich schlauer wäre Schutz zu suchen will ich unbedingt noch mein Tagesziel erreichen. Blitze zucken vom Himmel und immer wieder werde ich von starken Böen durchgeschüttelt, die mit solch einer Wucht auf mich treffen, als stünde jemand am Straßenrand, der mir eimerweise Wasser entgegenschleudert. Unter Missachtung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit erreiche ich schließlich mein Hotel in der Stadt. Was für ein Glück, dass ich ausnahmsweise im Voraus gebucht habe. Mich unter diesen Umständen jetzt auch noch auf die Suche nach einer Bleibe zu machen, wäre alles andere als angenehm. Während ich meine Ténéré im Parkhaus des Hotels sicher unterstelle, fegt ein Tornado über die Stadt. Wenn man solch eine Naturgewalt zuvor noch nicht erlebt hat, dann bekommt man es wirklich mit der Angst zu tun. Nachdem der Wind alles auf den Kopf gestellt hat folgen sintflutartige Regenfälle, die binnen kürzester Zeit die Kanalisation kollabieren lassen. Kniehoch überflutet das Wasser nun sämtliche Straßen.

Die Vereinigten Staaten werden zu dieser Zeit von Wetterkapriolen gebeutelt, wie es sie seit Beginn der Wetteraufzeichnung noch nicht gegeben hat. Während im Mittleren Westen unzählige Tornados wüten, führt eine lang anhaltende Dürre in Texas und Arizona zu vernichtenden Waldbränden. Mich überrascht, wie gelassen die Amerikaner auf solche Naturgewalten reagieren. Wird ein Haus zerstört, na dann baut man es eben wieder auf.

Am nächsten Tag ist der Spuck wieder vorbei und bei strahlendem Sonnenschein zeugen nur noch die abgebrochenen Äste in den Straßen von dem vortägigen Schauspiel. Denver, auch „Mile High City“ genannt, weil sie genau eine Meile über dem Meeresspiegel liegt, gefällt mir von allen amerikanischen Städten, in denen ich bislang gewesen bin, am besten. Zum einen liegt dies an der Lage in den Rocky Mountains, vor allem aber auch an dem reichhaltigen kulturellen Angebot. Anders als in San Francisco oder Los Angeles gibt es in Denver keine Sperrstunde und die Bürgersteige werden nicht dann hoch geklappt, wenn ich noch großen Durst und Tatendrang verspüre. In der von Goldgräbern gegründeten Stadt wird nicht zufällig das meiste Bier in den USA getrunken. Den Grundstein für die Brautradition in Colorado legte – wie sollte es anders sein – ein Deutscher. Im Jahr 1868 kam der Wuppertaler Adolph Coors ohne Geld und Job in die Stadt und begann Bier nach deutschem Reinheitsgebot zu brauen. Mit „Coors“ gründete er eine Brauerei, die sich bis heute zu einer der größten der Welt gemausert hat. Neben der großen „Coors Brewing Company“, wo ich eine Brauereibesichtigung wärmstens empfehlen kann, gibt es aber noch unzählige „Micro-Breweries“, kleine unabhängige Betriebe, die vornehmlich für den eigenen Ausschank produzieren. Auch dort sollte man unbedingt einmal vorbeischauen, um zu probieren.

 

Unweit der Stadt lohnt auch der Besuch des Grabes einer Legende, die den Mythos des „Wilden Westens“ wie kaum ein anderer geprägt hat. William Frederick Cody – besser bekannt unter seinem Pseudonym „Buffalo Bill“. Nachdem er als Soldat, Goldgräber, Fallensteller und Viehtreiber gearbeitet hatte, nahm Cody im Jahr 1867 einen Job als Jäger an, um die Arbeiter beim Bau der Transkontinentalen Eisenbahn mit Büffelfleisch zu versorgen. Cody stellte den traurigen Rekord auf, in knapp 8 Monaten 4280 Bisons zu schießen. Diese Leistung sprach sich schnell herum. Doch wer war der treffsichere Jäger? „Nennt mich Buffalo Bill“, soll Cody gesagt haben und so entstand die Legende um seine Person.

Genau zu jener Zeit begann auch die systematische Ausrottung des Amerikanischen Bisons. Grund dafür war aber nicht etwa der Bedarf an Fleisch. Das Abschlachten im ganz großen Stil begann erst, nachdem deutsche Gerber ein Verfahren entwickelt hatten, wodurch Bisonleder zu Schuhsohlen verarbeitet werden konnte. Pro Jahr wurden nun über eine Millionen Bisons erlegt, so dass es gegen Ende des 19. Jhd. nur noch weniger als 100 von ihnen gab. Ausgerechnet einer Herde von Cody, der die dramatische Lage schnell erkannte und sich für den Schutz der Bisons einsetzte, ist es zu verdanken, dass die Tiere nicht gänzlich von der Bildfläche verschwunden sind. Ihr Bestand konnte sich bis heute wieder auf knapp 350.000 erholen.

Weltweit berühmt wurde der ehemalige Bisonjäger durch seine Wild-West-Shows, in denen echte Cowboys und Indianer auftraten. Die Menschen jener Zeit waren derart fasziniert von dem aufwändig inszenierten Spektakel, dass Buffalo Bill zum Star aufstieg und sogar in Europa auf Tour ging. Jahre lang gastierte er mit seinem riesigen Ensemble in vielen großen europäischen Städten. Sogar auf der Pferderennbahn in meiner Heimatstadt Köln.

Die „Wild West Shows“, die Cody auch Rodeo nannte, haben bis heute überlebt. In der Stadt Estes Park, in die ich als nächstes fahre, findet im Schatten der Rocky Mountains seit nunmehr 85 Jahren das renommierte „Rooftop Rodeo“ statt. Ich habe vom Veranstalter die Gelegenheit bekommen, einen Blick hinter die Kulissen des Events zu werfen. Ich bekomme die einzelnen Disziplinen erklärt und erfahre dabei, dass der Name „Rodeo“ in der spanischen Sprache seinen Ursprung hat. Rodear, was so viel wie „umrunden“ bedeutet, bezeichnete die Tätigkeit der Cowboys, das Vieh per Pferd auf engstem Raum zusammen zu treiben.

Direkt hinter der Stadt Estes Park beginnt der Rocky Mountain National Park, mit jährlich über 4 Mio. Besuchern einer der bestbesuchten Parks des ganzen Landes. Der längste Gebirgszug des Kontinents, das Dach Nordamerikas, ist hier die Hauptattraktion. Ein majestätisches Panorama, eingefasst von insgesamt fünfzehn Viertausendern. Die Trail Ridge Road, die höchste durchgängig geteerte Passstraße Nordamerikas, windet sich immer weiter hinauf in die verschneite Bergwelt. Jenseits der Baumgrenze ab 3400 Metern Höhe beginnt die Tundra. Nur noch spärlichstes Strauchgewächs kann sich auf dieser Höhe behaupten. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt passiere ich mit steif gefrorenen Fingern die Passhöhe.

 

Nach fast sechs Wochen unterwegs in Utah und Colorado, wo ein Highlight das nächste jagte, bin ich zugegebenermaßen etwas erlebnismüde geworden. Ich sehne mich plötzlich danach, mich nochmal für eine Weile treiben zu lassen. Auch wenn ich Gefahr laufe, die eine oder andere Sehenswürdigkeit zu verpassen, möchte ich von nun an morgens nicht mehr wissen, wo ich die folgende Nacht verbringen werde. Mit diesem spannenden Gefühl der Ungewissheit überquere ich nach fast 3000 Kilometern durch Colorado die Grenze zum nächsten Bundesstaat – Wyoming.

 

Infoteil Colorado

 

Allgemeines Colorado hat etwa 4,6 Millionen Einwohner die sich auf einer Fläche von 269.000 km2 verteilen. Der Staat trat den USA an deren 100.Geburtstag bei. Colorado liegt im Westen der Vereinigten Staaten und grenzt an Utah, Wyoming, Nebraska, Kansas, Oklahoma, New Mexico und Arizona. Die Hauptstadt ist Denver.

„Colorful Colorado“, wie der Staat gerne genannt wird, liegt hoch in den Rocky Mountains bietet im Süden aber auch die klassischen Wüstenlandschaften des „Wilden Westens“. Desweitern gibt es einige Nationalparks, riesige Wälder, Geisterstädte aus der Goldgräberzeit, alte indianische Siedlungen und ausgezeichnete Motorradstrecken.

 

Gesundheit:

Für die Einreise in die USA sind keine Impfungen vorgeschrieben. Es empfiehlt sich eine Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor mitzunehmen.

 

Reisezeit:

Für Motorradfahrer ist die Hauptreisezeit der Sommer. Die höchsten Pässe können bis in den Hochsommer von Schnee bedeckt sein. Im Winter ist Colorado ein Traumziel für Wintersportler.

 

Übernachten:

In den USA gibt es jede Menge Campingplätze. Wild Campen stellt in den meisten Fällen kein Problem dar. Sieht man Schilder, auf denen „No Trespassing“ steht, sollte man unbedingt bedenken, dass es sich um Privateigentum handelt. In den National Forrests ist Campen überall erlaubt.

Wer lieber im Bett schlafen möchte, der findet in den USA eine Vielzahl Möglichkeiten. Vom einfachen Roadside Motel bis hin zum 5 Sterne Luxustempel ist alles zu haben. In der Regel sind die Preise günstiger als in Deutschland. Mir hat die Übernachtung im „Red Cone Retreat“ www.redconeretreat.com am besten gefallen. Auch das „Best Western Movie Manor“ kann ich wärmstens empfehlen – ein Motel mit Autokino. Aus den Betten kann man direkt auf die große Leinwand schauen.

 

Meine persönlichen Highlights:

Die San Juan Mountains, die Städte Silverton, Telluride und Denver, die Nationalparks Mesa Verde, Black Canyon of the Gunnison, Great Sand Dunes und Rocky Mountain National Park. Eine Brauereibesichtigung bei der “Coors Brewing Company” in Golden, die Fahrt auf den Pikes Peak, der Besuch des Buffalo Bill Museums in Golden, das Rooftop Rodeo in Estes Park und die Mountain Rails Live Summer Music Festivals – Country Konzerte, bei denen sowohl die Künstler als auch das Publikum zusammen von einer alten Dampflock der Rio Grande Railroad in die Berge gebracht werden. Kulinarisch hat es mir besonders bei „Biker Jim’s Gourmet Dogs“ und im „Buckhorn Exchange“ in Denver gefallen. Die Liste ließe sich noch lange weiterführen.

Unvergessliches Straßen und Trails: Million Dollar Highway von Siverton nach Durango, Teile des Trans America Trails wie etwa der Ophir Pass. Außerdem: Cinnamon Pass, Imogene Pass, Alpine Loop, Last Dollar Road, Corkscrew Gulch, Yankee Boy Basin

 

Motorrad:

Ich war auf dieser Reise mit meiner Yamaha XT660Z Ténéré unterwegs – meiner Meinung nach das ideale Reisemotorrad. Bei einem Verbrauch von knapp unter vier Litern machen Tankstellenbesuche in den USA richtig Spaß. Auch bei den Reifen habe ich eine gute Wahl getroffen. Dank der unschlagbaren Laufleistung und Fahreigenschaften des K60 Scout von Heidenau musste ich mir unterwegs keine Gedanken machen. Gepäcksystem, verbreiterte Fußrasten, Sturzbügel und Handprotektoren stammen von SW-Motech. Der Fototankrucksack von Touratech.

 

Karten und Bücher:

Ich persönlich schwöre auf die Karten und Reiseführer aus dem Reise Know How Verlag.

 

USA der ganze Westen ISBN: 978-3-89662-268-6

 

USA 7, Südwest 1: 1,250.000

ISBN: 978-3-8317-7089-2

Ein- / Anreise:

Für die Einreise ist ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass erforderlich.

Bei einer visumfreien Einreise muss bis spätestens drei Tage vor Reiseantritt eine Reisegenehmigung per Internet über ein ESTA (Electronic System for Travel Authorization) genanntes Reisegenehmigungssystem beantragt werden.

Motorradtransport:

Den Motorradtransport habe ich von Deutschland aus per Luftfracht nach Mexiko abgewickelt (ca. 1300 Euro). Etwa genau so viel kostet es, das Motorrad in die USA zu verfrachten.

Weitere Infos unter www.motorradreisender.de – bei Fragen helfe ich gerne.

 

Adressen und Infos über Colorado:

Kostenlose Informationen und Kartenmaterial gibt es beim Fremdenverkehrsamt von Colorado:

Colorado Tourism Office c/o Get It Across Marketing & PR

Neumarkt 33

50667 Köln

Germany

Fon: +49-221-233 64 07

Fax: +49-221-233 64 50

www.colorado.com/Deutsch

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