Über die Arabische Halbinsel nach Island

 Oman – Island

Aus 1001 Nacht zur Mitternachtssonne

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Oman und Island – gegensätzlicher können zwei Länder sowohl in landschaftlicher als auch kultureller Hinsicht kaum sein. „Warum nicht beide Ziele zu einer Reise miteinander kombinieren?“ dachten sich Erik Peters (Text und Fotos) und Carsten Jung und machten sich auf den 28.000 Kilometer langen Weg.

Der schwarze Asphalt der Straße, die sich schnurstracks in Richtung Südosten erstreckt, flimmert in der Hitze der erbarmungslos brennenden Sonne. Schweißnass gebadet zu sein ist zum Normalzustand geworden. Wir kleben, riechen und in jeder Ritze des Körpers hat die Wüste ihre Spuren hinterlassen. Ein leichter, aber stetiger Wind hält Trillionen Sandkörnchen wie einen dünnen Wasserfilm in Bewegung. Sand, Sand und nochmals Sand. Wir sind am Rande der größten Sandwüste der Erde unterwegs – der noch weitgehend unerforschten Rub al-Khali. Unendliche Hügel türmen sich vor uns auf, die in der Ferne mit dem Himmel zu verschmelzen scheinen. In unterschiedlicher Formenabfolge flachen sie auf und ab. Wellige Sandrippen und scharfe Parabeldünen unterschiedlichster Farbtöne. Heller, mehlfeiner Sand und grobkörniger, der die dunklen Farbspektren abdeckt. Mit Erreichen der Grenze wird die Landschaft wieder von verstreuten Felsformationen durchzogen, die wie kleine Inseln erscheinen und sich im weiteren Verlauf zu den wilden und zerklüfteten Bergen des über 3000 Meter hohen Hadjar-Gebirges auftürmen.

„Gut gemacht Baby“, sage ich dankbar und klopfe mit der flachen Hand auf den Tank meiner betagten Super Ténéré. „Oman-Island“, steht in großen Lettern darauf geschrieben. Berücksichtigt man den Namen, den wir unserer Reise gegeben haben, so würde sie faktisch hier an der Grenze erst beginnen. Doch von Reisebeginn kann zu diesem Zeitpunkt wahrlich nicht die Rede sein. 11.000 Kilometer liegen bereits hinter uns. Vor knapp sechs Wochen sind wir in Köln gestartet. Ein Zeitraum, der im Alltag wie im Flug vergeht, kommt mir jetzt so vor, wir eine halbe Ewigkeit. Die vielen Eindrücke, die täglich auf uns einprasseln und vor allem die Unterbrechung der Alltagsroutine, haben die Zeitwahrnehmung völlig verändert. Endlich habe ich nicht mehr das Gefühl als flöge das Kostbarste im Leben ungenutzt an mir vorüber.

Nach der Überquerung der verschneiten Alpen ging es durch die Toskana an die Adriaküste. Weiter mit dem Schiff nach Griechenland und von dort in die Stadt Istanbul, das Tor zur islamischen Welt. Entlang der kompletten Südküste ins Anatolische Hochland und über das wundersame Kappadokien weiter durch Kurdistan an die iranische Grenze nahe des Vansees. Persien haben wir vom nördlichen Zagros Gebirge bis in die Tiefebene am Persischen Golf durchquert und sind per Schiff über die Straße von Hormuz in die Vereinigten Arabischen Emirate übergesetzt, bevor wir nun, nach ein paar Tagen Aufenthalt in Dubai, das Sultanat Oman erreichen.

Die Abwicklung der völlig unkomplizierten Grenzformalitäten geht in Rekordzeit von statten. Auf dem kürzesten Weg begeben wir uns zum Meer. In der Ortschaft Al-Widayyat biegen wir von der Hauptstraße 1 ab. Schon als wir durch das kleine Dorf fahren wird deutlich, wie groß der Unterschied zu Dubai doch ist. Hier spüren wir noch die Jahrhunderte alte arabische Gastfreundschaft. Kinder rennen uns lachend durch die engen Gassen hinterher und die Erwachsenen, die hier noch einer Arbeit nachgehen, anstatt in klimatisierten Einkaufszentren die Zeit totzuschlagen, winken uns freundlich zu. Durch einige kleinere Dattelplantagen folgen wir einer holprigen Piste, bis sich vor uns ein nicht enden wollender Sandstrand ausbreitet. Endlich Ruhe! Keine Baukräne oder Wolkenkratzer mehr. Kein Lärm und keine Staus – nur das Meer, ein paar Fischerboote und langgezogene Palmenhaine, die bis dicht ans Ufer heran ragen. Begleitet vom Rauschen der Wellen als einzigem Hintergrundgeräusch bauen wir die Zelte im Schatten einer Palme auf.

Mit dem „Offroad Guide Oman“, einem exzellenten Reiseführer in englischer Sprache, stellen wir unsere Route für die kommenden Tage zusammen. Betrachtet man die Landkarte, so findet man schnell heraus, dass sowohl die landschaftlichen als auch die kulturellen Höhepunkte im Norden des Sultanats gelegen sind. Anstatt uns stur nach den sogenannten „Highlights“ zu orientieren, übernimmt der innere Kompass in den folgenden Tagen einen Großteil der Führung. Mal fahren wir in südliche Richtung und kurz darauf schlagen wir einen Kurs in eine völlig andere Himmelsrichtung ein, nur weil grüne Oasen oder unbefestigte Pisten ein verborgenes Geheimnis vermuten lassen. Wir erkunden die Bergwelt mit all den vielen majestätischen Forts und Festungen, die in nahezu jeder Ortschaft auf einer Anhöhe thronen. Sie stammen aus einer Zeit, als Gewürze zu den wertvollsten Handelsgütern gehörten und der Seeweg von Europa nach Indien hart umkämpft war. Westlich des höchsten Berges, dem Jebel Shams, staunen wir über die Aussicht auf den größten Canyon der Region. Über 1000 Meter fallen die Felsen steil in die Tiefe und öffnen die Sicht auf das zerklüftete Felsenmeer. Erstaunlich, wie es die Omanis trotz der schweren klimatischen Bedingungen schaffen konnten, dem Land Fruchtbarkeit abzuringen. In fast schon regelmäßigen Abständen kommen wir an üppig grünen Anbauterrassen und tief eingeschnittenen Wadis vorbei, in denen Datteln, Mangos, Zitrusfrüchte und Granatäpfel gedeihen. In einem der schönsten dieser Wadis, dem Wadi Shab, begeben wir uns auf stundenlange Entdeckungstour und folgen dem Wasserlauf durch eine tiefe, aber brütend heiße Schlucht. Nach gut vier Kilometern erreichen wir eine Höhle, in der sich unter zauberhaften Lichtverhältnissen ein kleiner Wasserfall ergießt. Es ist ein Ort mit soviel Magie, für den alleine sich schon eine Reise in den Oman lohnen würde. Neben den Landschaften sind es aber vor allem die von Offenheit und Toleranz geprägten Menschen, die uns begeistern. Nie kämen wir auf die Idee, dass sich jemand an den Motorrädern zu schaffen machen würde, wenn wir sie irgendwo abstellen und die gesamte Ausrüstung zurücklassen. Wie auch schon im Iran fühlen wir uns so sicher, wie in Abrahams Schoß. Jeweils einen Tag verbringen wir in der Oasenstadt Nizwa, der Seefahrerstadt Sur, wo noch immer die traditionellen Dhaus, die alten Handelsschiffe, gebaut werden und natürlich in der Hauptstadt Muscat. In den engen, nach Weihrauch duftenden Gassen der Souks, so sind wir uns einig, schlägt er am lautesten – der Puls aus 1001 Nacht.

Nach knapp 2000 Kilometern die wir kreuz und quer durch dieses geheimnisvolle Land gefahren sind, brechen wir wieder in Richtung Dubai auf. Auch bei unserem zweiten Aufenthalt gelingt es der Glitzermetropole nicht ansatzweise, uns zu begeistern. Wir sind bei den unerträglichen Temperaturen einer Ohnmacht näher, als uns lieb ist. Die Abgase der Autos und Busse unterstützen zusätzlich den Garprozess. Im Minutentakt muss ich lauthals schreien. Ich verfluche alles und jeden: Die Hitze, den Stau, sämtliche Autofahrer, die in ihren klimatisierten Kisten hocken und die Versager, die für dieses nahverkehrstechnische Chaos verantwortlich sind. Mit aller Macht konzentriere ich mich darauf, dass mein Körper nicht versagt und der Vorhang fällt.

Bescheidenheit ist in Dubai nicht unbedingt eine Tugend, die man den Verantwortlichen für Städteplanung nachsagen könnte. Höher, schöner und vor allem teurer muss es sein. Angesichts nur relativ geringer Erdölreserven begann die Herrscherfamilie um Scheich Mohammed al-Maktoum schon früh damit, alternative Strategien zu entwickeln, die einen nachhaltigen Wohlstand unabhängig vom Schwarzen Gold sichern sollten. Man wollte die weltweite Nummer Eins der Business- und Tourismusmetropolen werden. Lange Zeit schien der Plan aufzugehen. Die ganze Welt rieb sich verwundert die Augen und Finanzinvestoren gerieten in Ekstase, wenn das Emirat immer neue Mega-Projekte vorstellte. Als am 15. September 2008 die New Yorker Investmentbank Lehman Brothers das Insolvenzverfahren einleitete, nahm der Abstieg Dubais seinen Lauf.

Wenn man sich durch die kilometerlangen Staus der sogenannten Prestigestraße Sheikh Zayed Road quält und alle paar Meter gezwungen ist, anzuhalten, dann hat man viel Zeit sich das Stadtbild näher anzuschauen. Genau dort, wo vor wenigen Jahrzehnten die Hütten der Perlenfischer im Wüstensand standen, säumen nun über endlose Kilometer Baukräne und unfertige Hochhausgerippe den Weg. Der Immobilienboom, auf dem in den letzten Jahren die ganze Wirtschaft des Landes beruhte, da das Tourismusgeschäft nur schleppend verlief, ist zum Erliegen gekommen. Vom sogenannten „Zauber des Orients“, mit dem die Tourismusindustrie die Urlauber anlocken will, fehlt jede Spur.

Die Organisation der Weiterreise über Saudi Arabien ist der einzige Grund, warum wir einen Aufenthalt in der Stadt einplanen. Obwohl man uns in der diplomatischen Vertretung der Saudis in Berlin versicherte, wir bekämen die Visa ohne Probleme in Dubai ausgestellt, erleben wir nun genau das Gegenteil. Ein unerträgliches Spiel auf Zeit beginnt. Wir geben unsere Visaanträge ab, man verspricht uns eine zügige Bearbeitung und bittet uns, am nächsten Tag nochmal vorstellig zu werden. Aus einem Tag wird eine ganze Woche. Jeden beschissenen Tag die gleiche demütigende Prozedur. Immer die gleichen Fragen und stets liegt der zur Bearbeitung gedachte Stapel Visaanfragen unverändert an derselben Stelle. Auch ein Empfehlungsschreiben der deutschen Botschaft bringt uns nicht weiter. Stattdessen immer neue Ausreden und Beschwichtigungsversuche, wir sollten morgen wieder kommen. Als man uns sagt, dass es so noch ein paar Wochen gehen könne – ohne die Garantie, ein Visum zu bekommen – reicht es uns. Ich bin so frustriert und angepisst, ausgerechnet in der grausigsten Stadt unserer Reise festzuhängen. Am liebsten würde ich über den Schalter springen und den Sachbearbeiter mit umgedrehtem Arm dazu zwingen, die Pässe abzustempeln. Während unsere Anträge allmählich unter einer dünnen Schicht Wüstensand verschwinden, sehen wir ein, dass es an der Zeit ist, uns Gedanken um eine alternative Reiseroute zu machen. Wir planen unsere Motorräder per Spedition auf dem Landweg nach Jordanien zu transportieren und selbst den Flieger dort hin zu nehmen. Doch die Finanzkriese macht uns einen Strich durch die Rechnung. So sehr wir auch nachforschen – nicht eine einzige Spedition hat mehr Kapazitäten frei. Selbst Umzugskartons sind in Dubai komplett vergriffen, da täglich hunderte von Arbeitern und Firmen fluchtartig das Land verlassen.

In Ermangelung einer Alternative kommen wir zu dem Entschluss, wieder die sündhaft teure Fähre über den Persischen Golf in den Iran zu nehmen. Ausgerechnet an einem Freitag, dem höchsten Feiertag des Islam, erreichen wir nach tagelangem Verschieben der Abfahrt die Hafenstadt Bandar Abbas. Nun heißt es warten. Im Schatten mehrerer Lkw machen wir es uns bequem und teilen Tee, Gebäck und Datteln mit einem guten Duzend iranischer Trucker. Am folgenden Tag beginnt der Zollmarathon, der uns weitere 24 Stunden kostet. Erst als unsere Zoll- und Seefrachtpapiere mit so vielen Stempeln und Unterschriften versehen sind, dass vermutlich selbst Hausmeister und Putzfrau gegengezeichnet haben, dürfen wir wieder in dieses großartige Land einreisen.

Kein anderes Ziel hat vor der Reise solch unterschiedliche Reaktionen in unserem Bekanntenkreis ausgelöst, wie der Iran. Diejenigen, die schon in der Welt herumgekommen sind, sangen wahre Lobeshymnen auf das alte Persien. Die überwiegende Mehrzahl meiner Bekannten und Freunde konnte mit dem Land jedoch nicht viel anfangen und um genau zu sein, gelang es den meisten noch nicht einmal, den Iran und den benachbarten Irak auseinander zu halten. Der Berichterstattung der Medien sei Dank, ist das Bild von Krieg, Terror, und hasserfüllten Extremisten, geprägt. Dass Gegenteil ist jedoch der Fall. Auch auf dem Rückweg sind wir wieder überwältigt davon, wie freundlich man uns willkommen heißt. Ob Polizisten, Mullahs oder die einfache Bevölkerung. Jeder winkt oder hebt anerkennend den Daumen. Es werden unzählige Einladungen ausgesprochen und man sucht das Gespräch mit uns. Wenn wir für einen kurzen Moment anhalten, um auf der Karte nach dem Weg zu schauen, bieten uns wildfremden Menschen Tee, Gebäck und ihre Hilfe an. Von religiösem Fanatismus keine Spur. Die Erfahrungen, die wir machen, decken sich überhaupt nicht mit dem Bild, dass einem in Deutschland vermittelt wird. Wir werden mit einer Gastfreundschaft konfrontiert, die uns in dieser Form schon peinlich berührt. Unweigerlich fragt man sich, wann wir es in Deutschland wohl verlernt haben, so unvoreingenommen und offenherzig auf andere Menschen zuzugehen? Wie würde man bei uns einem iranischen Reisenden begegnen? Zugegebenermaßen kenne ich die Antwort und sie macht mich nachdenklich.

 

Von Bandar Abbas geht es durch die Tiefebene in Richtung Shiraz und der alten Perserhauptstadt Persepolis. Nach etwa 300 Kilometern steigt die Straße in die Provinz Kerman allmählich an und wir lassen mit jedem Höhenmeter den Backofen weiter hinter uns. Kaum spürbar ändert sich die Kulisse. Erstmals wieder Anzeichen grüner Vegetation, die sich wie ein zarter Flaum über die Landschaft legt und binnen kurzer Zeit in üppige Graslandschaften übergeht.

In der Stadt Shiraz hat Carsten wieder mit erheblichen Vergaserproblemen zu kämpfen, die sich wie ein roter Faden durch die bisherige Reise ziehen. Wir lernen durch einen Zufall Hamit kennen, den ersten Motocrossprofi den das Land in den 70ern hervorgebracht hat. Ein bemerkenswerter Enthusiast, dessen ganze Familie sich voll und ganz dem Motorradsport verschrieben hat. Neben den unterschiedlichsten Rennaktivitäten betreibt seine Familie eine kleine Produktionsstätte für Zündspulen, die sie im Wohnzimmer des Hauses aus mehreren Einzelteilen zusammensetzt und landesweit versendet. Ersatzteile zu bekommen ist schwer in dem Land, in dem großvolumige Kräder seit einem Motorradattentat auf einen Geistlichen verboten sind. Für ein paar Tage sind wir Gäste in Hamits Haus. Er erzählt uns von seiner Liebe zum Motorradfahren, obwohl er als Kradmelder im Krieg gegen den Irak von der Maschine geschossen wurde. Er zeigt uns Bilder, auf denen er mit einer Enduro über Autos und brennende Fahnen springt. „So fing alles an“, sagt er lachend und kramt sich durch einen großen Karton voller Erinnerungen. Während wir drinnen Tee mit ihm trinken und seinen spannenden Erzählungen lauschen, diagnostiziert seine Frau, eine Ingenieurin, Carstens Motorrad. Dank Hamits Engagement werden im Iran heute sogar offizielle Motocrosswettkämpfe ausgetragen, die sich großer Beliebtheit erfreuen und von seiner bildhübschen Tochter dominiert werden. Sie hat den Religionswächtern ein Schnippchen geschlagen. Da es Frauen untersagt ist auf den öffentlichen Straßen des Landes zu fahren, hat sie auf die 250er Vollcrossenduro des Vaters umgesattelt und bewegt sich abseits davon. Hinter den hohen Mauern, die, wie im Iran üblich, das Haus vor zu neugierigen Blicken schützen, kann sie sich unverschleiert bewegen. Eine modische Kurzhaarfrisur, Jeans, Chucks und Nirvana T-Shirt sprechen für die Weltoffenheit. Wir sind völlig begeistert von der positiv durchgeknallten Familie und zu großem Dank verpflichtet, als wir uns nach einer tollen Zeit von den neu gewonnenen Freunden verabschieden.

Nach fünf Tagen erreichen wir die Provinz West-Aserbaidschan. Der Frühling hat mittlerweile auch in den Höhenlagen Einzug gehalten und der Landschaft einen bunten Anstrich verpasst. Bei Bazargan überqueren wir mit Blick auf den Berg Ararat die Grenze zur Türkei. Nach all den Wochen, durch Länder, in denen Alkoholkonsum unter Strafe steht, habe ich mich selbst des Öfteren dabei ertappt, Melodien verschiedener Bierwerbungen vor mich hin zu summen. Krombacher, Warsteiner oder Becks, ich scheine sie alle im Unterbewusstsein abgespeichert zu haben. Als uns in Doğubeyazit, bei der Fahrt zum Ishak-Pascha-Palast ein junger Bursche einen Flyer für einen Campingplatz in die Hand drückt, auf dem neben dem Anfahrtsweg eine Werbung für Efes Bier abgedruckt ist, bekomme ich verdammt nochmal eine Gänsehaut. Voll wie die Haubitzen feiern wir das Ende der Prohibition.

Da wir bereits auf dem Hinweg das Vergnügen hatten, die gesamte Mittelmeerküste der Türkei zu bereisen, entscheiden wir uns nun für die nördliche Route entlang des Schwarzen Meeres. Über Trabzon, Samsun und Sinop folgen wir der Küstenstraße. Dicht bewaldete Berglandschaften, fruchtbare Felder sowie felsiges Ödland wechseln sich so oft ab, dass man sich alle paar Kilometer in völlig anderen Klimazonen der Erde wähnt. Über die Bosporus-Brücke fahren wir wieder nach Europa und verabschieden uns wenige Kilometer später an der Grenze zu Bulgarien von der wundervollen islamischen Welt.

Eine gute Reise wird in erster Linie von den Begegnungen geprägt, die sich unverhofft ergeben. Sie sind das Salz in der Reisesuppe. In der Stadt Brașov, tief im rumänischen Siebenbürgen, machen wir Halt bei einem Reifenhändler. Da die Lebenshaltungskosten im Land so niedrig sind, wollen wir schauen, ob es Sinn macht, schon jetzt Ersatzreifen zu kaufen. Der Geschäftsführer, der extra für uns einen wichtigen Termin absagt, telefoniert eine Weile und schreibt uns schließlich die Adresse zweier Freunde auf. Tinu und Marcel, zwei Brüder und Inhaber einer großen Baufirma, würden bereits auf uns warten. Sie seien in Deutschland aufgewachsen und ebenfalls begeisterte Motorradfahrer. Wir nehmen das Angebot dankend an und machen uns auf den Weg. Ich staune nicht schlecht, als wir auf den Hof der Firma Vectra Service fahren und sich herausstellt, dass die Butuza-Brüder ein großes Rallye-Team unterhalten. Nach einem Rundgang durch die heiligen Hallen, die jedes Bikerherz höher schlagen lassen, bekommen wir von den Pfundskerlen neue Reifen geschenkt und ich darf eine Runde auf einer KTM der aktuellen Rallye Dakar drehen. Sie vermitteln uns sogar an den Chefmechaniker des Teams, der den Vergaser an Carstens Motorrad fachmännisch repariert und das Problem somit ein für alle Mal behoben ist.

Gut gelaunt erreichen wir nach wundervollen Tagen in Rumänien den ukrainischen Grenzübergang nahe der Stadt Siret. Die Stimmung kippt, da die Grenzer unsere internationalen Zulassungsscheine nicht anerkennen. Leider sind diese nur in der Sowjetunion gültig, die seit fast 20 Jahren nicht mehr existiert. Den deutschen Fahrzeugschein, so stellt sich heraus, hat Carsten nicht dabei. „You can go! – You no!“, so die Grenzbeamtin, wobei sie erst mir und dann Carsten den Pass entgegenstreckt. Wir beschließen, ein paar Tage getrennter Wege zu gehen. Ich möchte unbedingt ein paar Freunde besuchen, die ich auf meiner Reise nach Shanghai kennengelernt habe. Außerdem fände ich es eine Schande, wenn das Visum für Weißrussland ungenutzt verfallen würde. In den polnischen Masuren, so unser spontan gefasster Plan, wollen wir uns dann wiedertreffen. Obwohl wir beide von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt sind, bereue ich schon nach wenigen Minuten, sie getroffen zu haben. Zu unvermittelt die Trennung. Das plötzliche Fehlen meines Freundes schmerzt und beschert mir überdies ein ungutes Gefühl. Auf einem verlassenen Fabrikgelände schlage ich im Schutze der Dämmerung das Zelt auf. Als hätte ich es heraufbeschworen, bekomme ich in der gleichen Nacht ungebetenen Besuch. Sowohl der neue Satz Reifen als auch der teure Helm wechseln den Besitzer, während ich seelenruhig vor mich hin schnarche. Nachdem die frühmorgendliche Suche nach den Ganoven ergebnislos bleibt, mache ich mich ohne Helm wieder auf den Weg. Anfangs versuche ich, mir aus mehreren T-Shirts einen helmähnlichen Turban zu bauen. Es ist jedoch ziemlich naiv, zu glauben, so das Land mit den vermutlich meisten Polizeikontrollen durchqueren zu können. Nachdem ich zwei Mal binnen kürzester Zeit von den staatlich lizensierten Abzockern angehalten werde, habe ich die Schnauze voll. Ohne ins Detail gehen zu wollen beschaffe ich mir Ersatz und setze die Reise notgedrungen mit einer übel riechenden Plastikschale ohne jegliche Schutzfunktion fort.

Das Wetter wird schlechter und meine Gemütslage ist nach dem Diebstahl auf dem Nullpunkt angelangt. Ich fühle mich der Illusion beraubt, auf dieser Reise nur tollen Menschen zu begegnen. Mit einem Tiefdruckgebiet im Nacken, das über Tage sein Wasser auf mich entlädt, quäle ich mich in Richtung Polen. Erst als Carsten und ich uns nach fünf Tagen im polnischen Augustow um den Hals fallen, steigt das Stimmungsbarometer wieder.

Über die Masuren reisen wir ins Baltikum, ein Traumziel für Liebhaber melancholischer und verträumter Landschaften. Wer die Länder Litauen, Lettland und Estland in seiner ureigensten Form erleben möchte, der sollte abseits der Fernverbindungsstraßen reisen. Hier findet man, wie in nur wenigen Gegenden Europas, unberührte Natur aus dem Bilderbuch. Kleine verschlafene Dörfer, die nicht an das Netz asphaltierter Straßen angebunden sind und durch die, wie hinein gemalt, hier und da ein mit Heu beladener Pferdewagen rollt. Auf Windmühlen und Strommasten haben Störche ihre traktorreifengroßen Nester gebaut. Um einen perfekten Lagerplatz zu finden, müssen wir nicht lange suchen. Entlang der Küste führen überall unbefestigte Pfade in den Wald hinein, die nach wenigen hundert Metern an unberührten Ostseestränden enden.

Mit der Fähre setzen wir von Tallinn nach Helsinki über und fahren weiter in Richtung Polarkreis. Die Tage werden länger und die Temperaturen halten sich verlässlich auf einem T-Shirt freundlichen Level. Es ist schon beachtlich, wie viel es doch ausmacht, wenn man sich mit dem Motorrad auf einer längeren Strecke von Süd nach Nord bewegt. Mit jedem Kilometer ringen wir der Sonnenscheindauer wertvolle Sekunden ab. Verschwand das Licht am Persischen Golf schon früh am Horizont, so hat sich die Sonnenscheindauer gut sechs Wochen später, um ganze zehn Stunden erhöht. Am nördlichen Ende der Ostsee haben wir das Vergnügen, die Mitternachtssonne bei wolkenlosem Himmel genießen zu können. Ein Anblick, von dem wir uns nur schwer losreißen können. Wir verharren in stummer Faszination, als die Sonne rotglühend ins Meer sinkt und kaum das sie vollständig verschwunden ist, wieder als leuchtender Strich am Horizont erscheint. Ein neuer Tag beginnt, weniger als eine Zigarettenlänge, nachdem der alte sich verabschiedet hat.

Am Postamt des Weihnachtsmannes, nahe Rovaniemi, durch das auch der Polarkreis verläuft, haben wir den nördlichsten Punkt der Reise erreicht. Nach einer Besichtigung der ganzjährig weihnachtlich geschmückten Amtstuben des Joulupukki, wie der Weihnachtsmann in Finnland heißt, schlagen wir wieder einen südlichen Kurs ein. Gut eine Woche fahren wir durch Schweden und Norwegen, bis wir den dänischen Seehafen in Hanstholm erreichen. Drei Tage zelten wir dort am Strand, bis die Fähre MS Norröna uns auf die Färöer Inseln und Island bringen wird.

Dichter, undurchdringlicher Nebel verhüllt die Inseln im Nordatlantik und der abflachende Wind zeichnet immer neue Wellenmuster, als wir nach 35 Stunden in die Bucht von Tórshavn einlaufen. Ein tiefes, markerschütterndes Aufbrüllen des Nebelhornes verkündet selbst dem letzten Passagier an Bord, dass wir unser Ziel erreicht haben. Wir sind ein wenig enttäuscht, dass ausgerechnet jetzt, pünktlich zur Ankunft, nichts von der geheimnisvollen Fjordlandschaft zu sehen ist. Dabei hatte die Sonne seit unserer Abfahrt ohne Unterlass an einem wolkenlosen Himmel geschienen. Läge nicht dieser unverwechselbare Geruch von Salz und Tang in der Luft und würden nicht hunderte von Seevögeln zur Begrüßung das Schiff umkreisen, könnte man meinen, noch immer weit draußen auf hoher See zu sein.

Der Zauber, den die Färöer Inseln bei diesem Kurzbesuch auf mich ausüben ist schwer zu beschreiben. Ich kann mich nicht satt sehen, an dem leuchtenden Grün, das sämtliche Inseln mit einem dichten Grasteppich überzieht. Selbst die Dächer der Häuser sind größtenteils mit Gras bewachsen. Wir machen zum ersten Mal Bekanntschaft mit den possierlichen Papageientauchern und bauen unsere Zelte an der Küste nahe Gjov und Syðradalur auf – Orte, die sich mit spektakulären Ausblicken gegenseitig übertreffen. Insgesamt verfügen die 18 Inseln über 463 asphaltierte Straßenkilometer. Als wir nach drei Tagen wieder an der Fähre ankommen und nahezu jeden Kilometer abgefahren haben, sind wir uns einig, dass die Färöer Inseln ein absolutes Highlight auf dieser Reise sind. Völlig unverständlich für mich, dass viele Islandreisende sich diesen Zwischenstopp entgehen lassen.

Nach gut einem viertel Jahr und über 25.000 Kilometern durch 23 Länder erreichen wir das Ziel unserer Reise – die Feuerinsel Island. Wir wollen soviel wie möglich von dem faszinierenden Land sehen. Die Vulkane, die Gletscher und die Geysire – all die wilden Urkräfte der Natur, die eindrucksvoll ihre Macht demonstrieren und das Gefühl vermitteln, Millionen Jahre zurück in die Schöpfungsgeschichte versetzt worden zu sein.

Wir sind überwältigt von der Schönheit der Insel. Irgendwo, kurz vor Berufjördur an der Route 939, kommen wir an einem imposanten Wasserfall vorbei. Für Island eher unbedeutend, symbolisiert er für uns jedoch genau das, wonach wir uns in Dubai so gesehnt haben. Unser Herz macht einen Sprung, als wir die etwa 300 Meter von der Straße hinab zu dem Ort rennen, wo das Gletscherwasser in die Tiefe stürzt. Es ist laut. Wir müssen schreien, um gegen das ohrenbetäubende Tosen anzukommen. Immer wieder jubeln wir wie zwei kleine Kinder und springen nackt in das eisige Wasser, obwohl unsere Körper allmählich eine bläuliche Färbung annehmen.

An der Südküste fahren wir bei wechselhaftem Wetter, wie es sich für Island gehört, bis zum größten Gletscher Europas, dem Vatnajökull. An einem Gletschersee, abseits der Haupttouristenströme, finden wir den vermutlich spektakulärsten Zeltplatz unserer Reise. Nur einen Steinwurf von der Abbruchkante entfernt werden wir Zeuge, wenn gewaltige Eisbrocken ins Wasser kalben.

Wir sind unterwegs mehrmals mit den Auswirkungen der Finanzkrise konfrontiert worden und haben traurige Geschichten gehört. Einen positiven Effekt hat sie zumindest für uns: Die Preise auf der einst so teuren Insel sind dramatisch gesunken. In der Hauptstadt Reykjavik, wo ein Restaurantbesuch noch vor einem Jahr purer Luxus war, übertrumpfen sich heute dieselben Läden mit „All-You-Can-Eat“ Angeboten zum Schnäppchenpreis.

Dank eines isländischen Landrover-Clubs, den wir in den Westfjorden treffen, bekommen wir eine besondere Route ins Hochland empfohlen, die auf unserer Landkarte nicht eingezeichnet ist. Dass es sich angeblich um die anspruchsvollste Strecke handelt, kann ich nach drei Tagen durch tiefen Sand und über ein gewaltiges, erloschenes Lavafeld in Richtung Askia nur bestätigen. Wir sind völlig erschöpft und auch das Material ist müde, als wir nach unzähligen Flussdurchquerungen und Stürzen wieder asphaltierten Boden erreichen.

Nach 3000 Kilometern auf Island neigt sich eine traumhafte Reise dem Ende. Als ich auf dem Oberdeck der Fähre stehe und mir der Wind durch die Haare weht, beobachte ich, wie die Insel langsam im Nichts verschwindet. Wie an jedem Tag, höre ich mein persönliches Reiselied von Amy McDonald, dass all die kostbaren Erinnerungen in mir weckt. „This is the Life“ heißt ihr Song. Verdammt Recht hat sie…