Südengland

Südengland

(hier gibt es die Fotos der Reise)

Englands Süden mit seinen zerklüfteten Küsten, den nebelverhangenen Mooren und den beschaulichen Fischerdörfern, in denen sich bis heute alte Schmugglergeschichten erzählt werden, gehört ganz sicher zu den reizvollsten Regionen des Vereinten Königreichs. Dass die Insel mehr zu bieten hat, als schlechtes Wetter und den Genuss von schalem Bier, das hat Erik Peters auf seiner zehntägigen Reise erlebt.

Die weißen Kreidefelsen strahlen an diesem Morgen besonders hell und die Sonne brennt kräftig vom Himmel, als mich die Fähre in Dover auf die Insel entlässt. An der engsten Stelle des Ärmelkanals, wo nur 35 Kilometer England vom europäischen Festland trennen, liegt der Startpunkt meiner spätsommerlichen Reise. Weit weniger gewöhnungsbedürftig als zunächst angenommen ist der Linksverkehr – leider Hauptgrund dafür, dass viele Motorradfahrer England meiden. Nur die ersten Kilometer und dort ganz besonders der erste Kreisverkehr, sorgen für Verwirrung und erfordern die volle Konzentration. Danach gewöhnt man sich rasch daran, auf der „falschen“ Seite zu fahren.

Vorbei an den steilen Klippen von Dover geht es zunächst entlang der Küste in Richtung Westen. Ich lasse die vielbefahrenen Schnellstraßen und Autobahnen links liegen und fahre stattdessen über schmale Neben- und Küstenstraßen. Südengland offenbart sich mir schnell in all seiner Beschaulichkeit: Bruchsteinmauern, grüne Alleen und eben jene schmalen Sträßchen, die sich stellenweise so derart verengen, dass Autofahrer, die sich begegnen, öfter mal den Rückwärtsgang einlegen müssen, damit der andere passieren kann.

Die erste Nacht verbringe ich in einem kleinen Guesthouse in der Ortschaft Rye. Mehrere große Plakate, die auf das größte Mittelalter-Festival Englands aufmerksam machen, sind Grund genug, um meine Reisepläne schon am ersten Tag über den Haufen zu werfen.

Jedes Jahr Ende August kehren die Ritter, Hofnarren, Magier und Burgfräuleins für drei Tage in die Burg „Herstmonceux Castle“ unweit der Stadt Rye zurück. Das aufwendig inszenierte Spektakel lockt tausende Besucher an, die mit Spannung beobachten, wie sich über 1000 Ritter und Bogenschützen in traditionellen Wettkämpfen miteinander messen.

 

Einen Tag später als ursprünglich geplant erreiche ich Brighton, das beliebteste und vermutlich auch schönste Seebad Englands. Hier erholen sich die Londoner schon seit Generationen vom hektischen Hauptstadtleben. Mir persönlich gefällt neben dem Strand und den engen Gassen mit den vielen dort angesiedelten Pubs, die Uferpromenade am besten. Die „Volks Bar“ ist für mich der perfekte Ort um sich das Schaulaufen anzuschauen und frische Seeluft zu schnuppern. Genau hier ist auch der Treffpunkt der Mods, der Anhänger jener typisch englischen Subkultur, die gerne grüne Parka tragen und sich auf aufgemotzten Vespas und Lambrettas bewegen. Musik von Madness dröhnt dumpf aus den Lautsprechern und draußen vor den wandgroßen Fenstern strahlen bei einsetzender Dunkelheit die Lichter des Brighton Pier, einem Vergnügungspark auf Europas größter Seebrücke.

 

Von Brighton ist es nur ein Katzensprung nach Portsmouth. Die Hafenstadt ist schon seit Jahrhunderten ein wichtiger Stützpunkt der Royal Navy. Von hier begann in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 die Invasion der Alliierten in der Normandie. Auch die HMS Victory, das berühmte Flaggschiff von Admiral Nelson, der die Engländer in der Schlacht von Trafalgar anführte, liegt hier vor Anker.

Nach einer lohnenswerten Besichtigung des perfekt restaurierten Schiffes fahre ich von Portsmouth über Southampton nach Winchester und zunächst wieder ein paar Kilometer weit ins Landesinnere. Etwa 70 Kilometer von der Küste entfernt liegt die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit im Süden Englands. Schon von weitem sieht man die berühmten Pfeiler- und Deckensteine von Stonehenge wie verlassenes Riesenspielzeug in der Landschaft liegen. Der Anblick könnte erhabener sein, da zwei Schnellstraßen links und rechts des monumentalen Steinkreises verlaufen. Bislang sind alle Versuche den Verkehr umzuleiten aus politischen Gründen gescheitert, und so werden die Steine von Englands Presse auch als „Stones of Shame“ betitelt, eine nationale Schande. Welche Bedeutung Stonehenge in frühgeschichtlicher Zeit tatsächlich hatte, darüber streiten sich bis heute die Gelehrten. War es eine Opferstätte, eine Sternwarte oder gar eine Begräbnisstätte? Ganz egal, was dort früher getrieben wurde und wie viele Autos täglich vorbei donnern, den über 5000 Jahre alten Steinkreis umgibt dennoch eine mystische Aura.

In dem kleinen Dorf Orcheston, nur fünf Kilometer von Stonehenge entfernt, finde ich einen idyllischen Campingplatz. Mit eine paar schottischen Motorradfahrern sitze ich noch lange am Lagerfeuer, rede über schöne Strecken, trinke Guiness aus der Dose und werde später in meinem Zelt von einer Herde Schafe in den Schlaf gesungen.

Es ist noch früh, als mich dieselben Stimmen wieder wecken. Nachdem all meine Ausrüstung wieder in den Seitenkoffern verschwunden ist, schwinge ich mich auf meine XT1200Z Super Ténéré und fahre durch wunderschöne alte Dörfer zurück an die Küste. Kämen mir nicht hin und wieder Autos entgegen, dann könnte man glatt meinen, eine Zeitreise ins 18. Jhd. gemacht zu haben.

Wie an jedem Morgen auf meiner Reise durch England gehört es für mich wie ein Ritual dazu, bei erster Gelegenheit dort anzuhalten, wo man ein typisch englisches Frühstück aufgetischt bekommt. Lange Zeit wurde mir allein bei der Vorstellung, zum Start in den Tag warme Bohnen, gebratene Pilze, ein Spiegelei und Speck zu essen schlecht, doch wie so vieles im Leben ändern sich im Laufe der Zeit auch die Geschmäcker und so gehört ein „English Breakfast“ für mich seit einer Weile zu den göttlichsten Genüssen dieser Welt.

Ich erreich das 9000 qkm große Naturschutzgebiet des Dartmoor National Park. Der Nebel hängt tief über dem lila blühenden Heidemoor und es kommt so etwas wie ein „Edgar Wallace Feeling“ auf. Über 2500 Dartmoor Ponys und unzählige Schafe teilen sich die Hügellandschaft und somit ist Vorsicht geboten, denn scheinbar finden es einige Tiere mitten auf der Fahrbahn besonders bequem.

 

Als schmaler Zipfel ragt die Grafschaft Cornwall weit in den Atlantik hinaus. Das frostfreie Klima des Golfstroms lässt im südwestlichsten Zipfel Englands die nördlichsten Palmen Europas gedeihen. Eis und Schnee gibt es nur sehr selten in der Region. Dafür steigen die Wassertemperaturen auch im Hochsommer nicht über die 17 Grad Marke. Den Engländern scheint dies jedoch nichts auszumachen. Ich kenne kein anderes Volk in Europa, das beim kleinsten Anzeichen von Sonnenschein so schnell seine weißen Leiber entblößt.

Auch die Leidenschaft der Briten, Gärten und Parks zu gestalten, hat in Cornwall ganz besonders reiche Früchte getragen. Ständig kommt man an grünen Kunstwerken vorbei, die den Anschein erwecken, als seien sie mit der Nagelschere durchgestylt worden. Wenn es in Cornwall überhaupt irgendetwas gibt, was einem den Fahrspaß verderben könnte, dann sind es die vielen Hecken, die schon seit Jahrhunderten als Grundstücksbegrenzungen dienen. Diese sind oftmals so hoch gewachsen, dass man sich wie in einem Labyrinth vorkommt, hinter dem die Landschaft über etliche Kilometer verborgen liegt

 

Die Küstenlandschaften im Süden Cornwalls werden auch von den schmalen Schornsteinen und Fördertürmen alter Zinn- und Kupferminen geprägt. Die Ruinen zeugen von einer Epoche, auf der sich einst der Wohlstand im Süden des Landes begründete. Arbeiter sieht man jedoch schon lange keine mehr. Das Kapitel ist abgeschlossen. Zwischen den Schornsteinen und Maschinenhäusern weiden heute die Schafe und die Industriebrachen erfüllen ihren Zweck höchstens noch als pittoreskes Fotomotiv. Nahe den Minen von Botallack finde ich zwischen den verlassenen Gemäuern einen windgeschützten Lagerplatz mit Blick aufs Meer, wo ich mein Zelt aufschlagen kann.

Verwinkelte Gassen mit jahrhundertealtem Kopfsteinpflaster und schaukelnde Fischerboote vor urigen Pubs – so präsentieren sich Orte wie Polperro und Looe, in denen einst der Brandy- und Tabakschmuggel florierte. Ehe hier – aus gutem Grund – die ersten Zollstationen errichtet wurden, stellten die kleinen Häfen ideale Schlupflöcher für Schmuggler und Piraten dar. Ihre Geschichten erzählt man sich heute noch voller Stolz.

Lands End, ein Ort, der für mich schon immer nach Abenteuer, Aufbruch und großer weiter Welt geklungen hat, markiert das eigentliche Ziel meiner Reise. Von hier soll es parallel zur bisherigen Route zurück an den Startpunkt gehen. Außer seiner großartigen Lage reizt mich „Lands End“ nicht sonderlich, was an den Touristenschaaren liegen dürfte, die an diesem Tag den Ort bevölkern. Nach einem nur kurzen Stopp mache ich mich daher wieder auf den Weg. Vorbei an den langen Traumstränden von St. Ives und Penzance erreiche ich gegen Mittag das kleine verschlafene Nest Tintagel. In der malerisch gelegenen Burgruine „Tintagel Castle“, so die Überlieferung, soll König Artus das Licht der Welt erblickt haben. Obwohl der König wohl eher der Stoff einer Legende ist, haben die Einheimischen nicht den geringsten Zweifel an seiner Existenz. Warum auch, schließlich lässt sich sein Name ebenso gut vermarkten, wie der von Robin Hood. Ob Postkarten, Kuchen oder Eiscreme, in Tintagel gibt es nichts, was nicht den Namen Artus trägt. Selbst einen „König Artus Spargelschäler“ finde ich in einem der zahlreichen Souveniershops.

 

Von Cornwall nehme ich wieder Kurs in Richtung Westen. Nach einer traumhaften Fahrt durch das Exmoor, vorbei an Glastonbury, das Mekka aller Esoteriker, erreiche ich am letzten Tag meiner Reise nach insgesamt gut 2000 Kilometern die Hauptstadt London. Im berühmten Ace-Cafe schütte ich mir ein letztes Mal Essig über die Fritten und lasse die vergangenen Tage Revue passieren. Nach langer Träumerei muss ich mich sputen, denn schon in drei Stunden wird mich die gebuchte Fähre zurück nach Kontinentaleuropa schippern. Ganz sicher war dies nicht die letzte Reise auf die Insel.

 

Infoteil Südengland

 

Allgemeines & Klima England: Stammland von Großbritannien, Südteil der britischen Hauptinsel, umfasst ca. 130 400 km² mit 46,2 Mio. Einwohnern.

Südengland setzt sich aus elf Grafschaften zusammen, die sich insgesamt über eine Fläche von 35.550 km² erstrecken, was etwa einem Siebtel der Gesamtfläche Großbritanniens entspricht. Die wohl bekannteste Grafschaft und auch mit die schönste Region in Südengland ist Cornwall.

Der Golfstrom sorgt im Süden der Insel für ein mildes Klima. In den Wintermonaten ist es feucht und neblig. Nur selten herrschen Minusgrade. Im Sommer ist es vergleichsweise trocken und warm, über 30 Grad wird es jedoch sehr selten.

Anreise:

Die schnellste und günstigste Verbindung, um mit dem Motorrad auf die Insel zu gelangen ist mit einer Fähre von Dünkirchen oder Calais nach Dover. Die Überfahrt dauert etwa 90 Minuten und kostet pro Motorrad inkl. Fahrer etwa 70 Euro für Hin- und Rückfahrt (Angebote im Internet vergleichen).

 

Übernachten:

In Südengland gibt es eine Vielzahl schöner Campingplätze.

www.uk-campsite.co.uk

Wer lieber ein festes Dach über dem Kopf haben möchte, der findet mindestens ebenso viele schöne Bed & Breakfasts, Ferienhäuser oder Hotels.

http://www.bedandbreakfasts-uk.co.uk/

 

Karten und Bücher:

England – Lonely Planet

ISBN-10: 1741795672

 

England – der Süden

ISBN-10: 3831718865

 

Grossbritannien. 1:300000: MARCO POLO Karte England Süd, Wales

ISBN-10: 3829737602