Sturgis Bike Ralley

Invasion der Zweizylinder

Zu Besuch auf dem größten Motorradevent der Welt

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Als Pearl Hoel und ihr Mann Clarence in der ersten Augustwoche des Jahres 1938 ein paar befreundete Biker in das kleine Nest Sturgis einluden, um gemeinsam zu feiern, da ahnten sie ganz sicher nicht, das sie soeben den Grundstein für das heute größte Motorradevent der Welt gelegt hatten. Ganze neun Personen nahmen damals an der ersten „Sturgis Motorcycle Rally“ teil, zu deren Programm unter anderem Sandbahnrennen, Ausfahrten in die Umgebung und Hillclimbing zählten. Stolze 75 Jahre ist das bereits her und die Teilnehmerzahl ist seitdem geradezu explodiert. Über eine halbe Millionen Motorradfahrer werden auch in diesem Jahr wieder kommen und der Süden des Bundesstaates South Dakota wird wieder fest in der Hand der Biker sein. Um die 12 Millionen Liter Bier wird die Meute trinken (fast doppelt so viel wie auf dem Oktoberfest), hunderte Ehen werden geschlossen und die sonnenverbrannte Haut eines so manchen Besuchers wird hinterher wieder ein Totenkopf oder der Schriftzug „Harley-Davidson“ zieren.

Schon allein die Einfahrt in den Ort ist der absolute Wahnsinn! Motorräder über Motorräder, wohin man auch schaut. Sieben Tage lang wird der unvergleichlich satte Sound ungedämpfter Drag-Pipe Auspuffanlagen rund um die Uhr für die akustische Untermalung des Treffens sorgen. Der erste Weg führt mich zur sogenannten „Main Street“. Tausende Bikes bilden dort dicht aneinander geparkt ein Spalier, auf dem Mensch und Maschine zur Schau gestellt werden.

Jeder Amerikaner, der eine Harley sein Eigen nennt ist gekommen, um mindestens einmal die Main Street rauf und runter zu fahren. So zumindest kommt es mir vor. Die amerikanischen Kultmotorräder aus Milwaukee sind dabei in der absoluten Überzahl. Kaum ein Motorrad befindet sich im Originalzustand. Costumizing heißt das Zauberwort, denn jeder, der was auf sich hält, der verändert sein Bike. Teilweise bis zur Unkenntlichkeit, so dass nur noch wenig auf die eigentliche Marke schließen lässt. Überall zeigen die Stars der US-Customizing Szene, was man für viel Geld aus einem biederen Motorrad alles machen kann. Und während man in Deutschland über den Sinn oder Unsinn von Motorrädern mit 150 PS diskutiert, werden hier Zweiräder mit 900 PS angeboten.

Fast ebenso wichtig wie die Motorräder ist den Bikern das eigene Outfit. Um hier aufzufallen, bedarf es einer enormen Portion Exhibitionismus. Während die Männer überwiegend Leder tragen, ist bei den Frauen – auch den fülligen – spärliche Bekleidung Programm. Viele haben ihre Körper in Grobmaschige Netzhemden gezwängt oder tragen Miniröcke, die eher die Bezeichnung Gürtel verdient hätten. Oben ohne ist im prüden Amerika jedoch verboten und das Tragen von Unterwäsche wird zwingend vorgeschrieben. Zumindest tagsüber halten sich die meisten daran…

Auf meiner Yamaha Ténéré, mit der ich fünf Monate in Nordamerika unterwegs bin, komme ich mir offen gestanden ein wenig deplatziert vor. Wegen der Herkunft meines Motorrades muss ich mir heutzutage jedoch keine Sorgen mehr machen. Damals in den wilden Siebzigern hätte das noch anders ausgesehen. Regelmäßig fielen Rockerbanden in Sturgis ein, knüpften die geächteten Kräder aus Fernost auf Bäumen im Stadtpark auf und fackelten sie ab. Völlig betrunken kippten die Rocker Benzin auf die Hauptstraße, um laut johlend mit Vollgas durch die Flammen zu fahren – nackt versteht sich. Genau diese Geschichten sind es, die Sturgis letztlich zur Legende machten.

Üble Ausschreitungen kommen heute nur noch selten vor. Um eine friedliche Veranstaltung zu gewährleisten gibt es ein großes Polizeiaufgebot. Da Sturgis jedoch über gerademal ein Dutzend Cops verfügt, müssen die Beamten für die Dauer des Treffens landesweit rekrutiert werden. In erster Linie regeln sie den Verkehr, achten beispielsweise darauf, dass die Biker an den Stoppschildern auch wirklich kurz anhalten und dabei – ganz wichtig – beide Füße den Boden berühren. Eine eiserne Regel, an die sich wirklich jeder hält.

Einst in Angst und Schrecken versetzt, profitieren die Einheimischen heute längst von dem Event. 95% des Jahresumsatzes wird in Sturgis in dieser einen Woche gemacht. Für jeden Bewohner des Ortes fällt ein Stück vom großen Kuchen ab. Entlang der Hauptstraße wird kaltes Bier verkauft, knapp bekleidete Mädchen bieten einen „Bike-Wash“ in der Garage der Eltern an und der Vorgarten so manch eines Hauses wird kurzerhand zum Campingplatz umfunktioniert. Kein Restaurant, keine Bar und auch keine Tankstelle, die nicht mit dem typischen „Welcome Biker“ Schild wirbt und dementsprechend frequentiert wird. Auch die T-Shirt Händler machen ein Bombengeschäft, denn jeder will zeigen, dass er dabei gewesen ist. Wer kein entsprechendes Oberteil trägt, der outet sich als schnöder Tourist, der von Motorrädern keine Ahnung hat.

Ein dickes Programmheft hilft dabei, bei der riesigen Auswahl an Veranstaltungen nicht den Überblick zu verlieren, denn während des Treffens gibt es kein zentrales Event, sondern das ganze unterteilt sich in viele Einzelveranstaltungen, die sich aufgrund der enormen Besucherzahl auch immer weiter in die umliegenden Gemeinden verteilen. Stunt-Shows, Beschleunigungsrennen oder Hill-Climbing erfreuen sich dabei ebenso großer Beliebtheit, wie die vielen Wet-T-Shirt-Contests. Wer es etwas deftiger mag, der kann sich auch Frauen anschauen, die in einem riesigen Berg Krautsalat wutentbrannt aufeinander losgehen oder kleinwüchsige Menschen, die sich beim „Zwergen-Weitwurf“ freiwillig durch die Luft wirbeln lassen. Man muss es wirklich mit eigenen Augen gesehen haben, um es zu glauben.

Abends zieht es die Meute zu tausenden in die vielen Bars und Saloons in und um Sturgis. Etwa das „Buffalo Chip“ das seine Besucher mit einem wahren Feuerwerk an Konzerten und Show-Acts begeistert: Bob Dylan, Ozzy Osbourne, ZZ Top und viele andere Stars haben dort schon auf der Bühne gestanden. Auch im „Broken Spoke“ – einem Saloon, an dessen Bar man mit dem Motorrad vor fahren kann, werden Biker-Träume wahr.

Zwischen all den verschiedenen Programmpunkten warten natürlich noch die Black Hills auf das partymüde Volk. Die kurvenreichen Straßen um Sturgis sind ein Traum für jeden Motorradfahrer. Folgt man beispielsweise der Iron Mountain Road, dann blickt man irgendwann hinter einer Kurve in die vier steinernen Gesichter von Mount Rushmore. Hier wurde den bedeutendsten Präsidenten des Landes ein Denkmal gesetzt. Viele Fahnen flattern dort und man sieht Touristen, die mit stolzen Mienen Fotos knipsen. Auch der Badlands-Nationalpark liegt nicht weit entfernt. In den endlosen Prärielandschaften, in denen große Büffelherden zuhause sind, wurde im Jahr 1990 der Film „Der mit dem Wolf tanzt“ mit Kevin Kostner gedreht. Alleine schon des Motorradfahrens wegen, würde sich ein Besuch der Kultveranstaltung lohnen.

Mit der Dunkelheit kehren die Massen dann laut knatternd nach Sturgis zurück, wo die Party in die nächste Runde geht. Die meisten, die einmal dabei gewesen sind, werden wieder kommen. So war es damals schon und so wird es immer bleiben.

 

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