Schottland

Highlands & Islands

Wo Schottlands Herz am lautesten schlägt

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(hier findest Du weitere Reiseinformationen und eine Streckenempfehlung für Schottland)

Neblige Moore, wilde Küstenlandschaften und die sagenumwobenen Highlands. Kaum ein anderer Ort Europas schart eine derart große Fangemeinde um sich, wie der hohe Norden Großbritanniens. Sechs Wochen lang war der Motorradreisende Erik Peters in den schottischen Highlands und auf den Inseln der Hebriden unterwegs. Auf seiner Reise stellte er schnell fest, dass Schottland weit mehr zu bieten hat, als Dudelsäcke, ein Seeungeheuer und das Klischee vom schlechten Wetter.

Gut 20 Minuten, nachdem die Schiffschrauben zur Ruhe gekommen sind, rolle ich von Bord der Fähre, die mich über Nacht von Rotterdam in die Nordenglische Hafenstadt Hull gebracht hat. Wie befürchtet lässt die Sonne sich an diesem Morgen nicht blicken. Stattdessen werde ich standesgemäß mit feinem Nieselregen begrüßt. Auch als ich ein paar Stunden später die schottische Grenze an der A68 erreiche, hält sich die Landschaft noch immer in einer dichtem Nebelsuppe verborgen. Ich parke mein Motorrad neben dem markanten Grenzstein, vor dem sich laut meinem Reiseführer seit vielen Jahren der schottische „Borderpiper“ Allan Smith positioniert und tagein tagaus die Neuankömmlinge mit seinen dröhnenden Dudelsackklängen begrüßt. Doch ein einzelner Motorradfahrer scheint für den alten Schotten nicht Grund genug zu sein, um aus seinem warmen Auto zu steigen. Erst als ein Reisebus voller Touristen vorgefahren kommt, springt der Musikant aus seinem alten Renault und klemmt sich den Dudelsack unter den Arm. Kameras klicken, Geld wandert in seinen Hut und ein ganzer Stapel CDs seiner Highland-Melodien wechselt den Besitzer. Dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Die Touristen sind wieder im Bus verschwunden und der geldgierige Schotte hat es sich wieder in seinem Auto gemütlich gemacht, um auf die nächste Fuhre zu warten, die hier zwischen Mai und September nie lange auf sich warten lässt.

 

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Der Himmel reißt auf und die Sonne blitzt durch die Wolken, als ich am späten Nachmittag das mittelalterliche Edinburgh erreiche. The „Auld Reeke“, die alte Verräucherte, wie die Schotten ihre Hauptstadt auch nennen und damit auf die Vergangenheit als Industriestadt anspielen, ist keine besonders bunte Stadt. Eine gräuliche Patina überzieht die alten Gemäuer, die den Charme in meinen Auge sogar zusätzlich verstärkt. Genau dieses Flair war schon Inspiration für die Autorin J.K. Rowling , die hier im Café „The Elephant House“ ihren ersten Harry Potter Roman schrieb. Sicherlich ist dieses altehrwürdige Erscheinungsbild auch einer der Hauptgründe dafür, dass sich Edinburgh in den letzten Jahren zu einer der touristisch attraktivsten Städte ganz Europas gemausert hat.

Die Stadt, von der ich bislang nie so recht wusste, wie man ihren Namen richtig ausspricht, ist der ideale Start- oder Endpunkt einer Schottlandreise. Wenn einem nur wenig Zeit zur Verfügung steht, dann sollte man Prioritäten setzen. Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken, dass man gut und gerne eine Woche bleiben könnte, ohne dass einem langweilig würde. Zum Glück liegen alle Sehenswürdigkeiten nah beieinander. So kann man etwa das Edinburgh Castle, die Einkaufsmeile Royal Mile, oder der Stadtpark „Princess Street Garden“ bequem zu Fuß erreichen. Mir gefällt die Gegend um den Grassmarket am besten, wo man neben vielen kleinen Geschäften auch die urigsten Pubs der Stadt findet. Im „White Hart Inn“ beispielsweise wird nun schon seit 500 Jahren Bier und Whisky ausgeschenkt.

Nach drei Tagen ist es aber an der Zeit, wieder aufs Motorrad zu steigen. Mein erstes Ziel ist der nur rund zwei Fahrstunden nördlich gelegene Cairngorms Nationalpark. Fünf der zehn höchsten Berge Schottlands bilden mit etlichen weiteren über 1000 Meter hohen Gipfeln die größte Berggruppe der gesamten Britischen Inseln. Hier bekommt man einen ersten eindrucksvollen Vorgeschmack auf das, was einen später in den Nordwestlichen Highlands erwartet. Da ich es vorziehe die Nächte auf Reisen im Zelt zu verbringen, entscheide ich mich gegen ein weiches Bett und schlage mein Nachtlager auf einer einsamen Hochebene auf. Ein eisiger Wind pfeift über die vereinzelt noch mit Schnee bedeckten Kuppen, als ich es mir in meinem Zelt gemütlich mache und irgendwann in einen tiefen und erholsamen Schlaf falle.

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Ein klarer Morgen weckt mich zeitig. Da die Nacht doch kälter als erwartet war, kostet es einiges an Überwindung, aus dem molligen Daunen-Schlafsack zu kriechen. Erst mit einem halben Liter starkem Kaffee im Bauch kommt mein Körper wieder auf Betriebstemperatur. An diesem Tag lasse ich mich treiben – biege mal links, dann wieder rechts ab und komme immer wieder an Orten vorbei, an die man sich eigentlich nur verirren kann. Nach rund zwei Stunden über schmale Single-Track-Roads überquere ich den River Spey. In vielen Windungen schlängelt sich der kleine Fluss durch das weite Tal der Speyside – eine der idyllischsten Regionen Schottlands und gleichzeitig die bedeutendste, wenn es um Whisky geht. An keinem anderen Ort auf der Welt gibt es eine höhere Dichte an Brennereien und nirgendwo sonst sichert der Schnaps mehr Arbeitsplätze.

Folgt man dem Malt Whisky Trail, einer bekannten Themenstraße, die sich dem schottischen Nationalgetränk widmet, dann kommt man automatisch an vielen namenhaften Brennereien vorbei. Mein Ziel für heute ist das 1.500-Seelendorf Dufftown, das sich gerne als die Welthauptstadt des Single Malt Whiskys bezeichnet. Gleich sieben Brennereien sind in dem kleinen Ort ansässig. Der mit Abstand größte und sicherlich auch bekannteste Hersteller ist Glenfiddich. Ein Geruch von gemälzter Gerste und alten Eichenfässern liegt über dem Besucherzentrum, als ich die sogenannte „Pioneers Tour“ buche. In drei Stunden lerne ich auf dieser exklusiven Besichtigungstour eine Menge über die Herstellung und Lagerung und darf darüber hinaus noch fünf erlesene Brände verkosten. Ja, Whisky, und das merkt man in der Speyside sehr schnell, ist eine Wissenschaft für sich. Wie sagte Winston Churchill einst so schön: Whisky ist ein Rätsel, verpackt in ein Mysterium und umhüllt von Geheimnissen.

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Mit einer guten Flasche Single Malt im Gepäck, mache ich mich anderntags von Dufftown aus wieder auf den Weg. Die zweifelsohne schönste Straße, die ich an diesem Tag fahre, ist der Coastal Trail entlang der Küste der Grafschaft Aberdeenshire. Auf dem kaum befahrenen Streckenabschnitt zwischen den Städten Fraserburgh und Elgin, gelangt man immer wieder in kleine, nach Salzluft und Seetang duftende Fischernester, die so idyllisch sind, dass sie fast schon künstlich wirken. Crovie und Pennan etwa, zwei Orte, die genau genommen nur aus einer schmalen Häuserzeile bestehen, die sich zwischen das Meer und die dahinter ansteigenden Felsen zwängt. Mich wundert, dass die beiden Orte nicht schon längst dem Massentourismus zum Opfer gefallen sind. Vermutlich mag die Ruhe daran liegen, dass die sehr steilen und kurvigen Zufahrtsstraßen Busse und Wohnmobile auf Abstand halten.

 

 

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Ein herrlich wolkenloser Himmel sorgt für einen perfekten Start in den Tag. Ich erreiche Cornhill, dessen Bewohner das kleine Nest mit allerlei Girlanden und bunten Fahnen liebevoll heraus geputzt haben. Der Grund für derart viel Hingabe sind die an diesem Tag zum 16. Mal stattfindenden „Cornhill Highlandgames“. Ein Event, das typisch schottischer kaum sein könnte. Bei den sogenannten „Gatherings“, die über den Sommer verteilt an über 100 verschieden Orten stattfinden, treten die Schotten in den merkwürdigsten Disziplinen gegeneinander an. Neben Tauziehen, Hammerwerfen und Dudelsackwettbewerben ist sicherlich das „Tossing the caber“ – bei uns besser als Baumstammwerfen bekannt – die populärste. Hierbei gilt es, einen knapp sechs Meter langen und mindestens 54 Kilogramm schweren Baumstamm so mit beiden Händen in die Höhe zu schleudern, dass sich der Stamm dabei überschlägt und idealerweise in der 12-Uhr-Stellung vom Werfer aus gesehen auf dem Boden landet. Man geht davon aus, dass die Highlandgames ursprünglich den Zweck erfüllen sollten, die besten Krieger oder Leibwächter für die Clanchefs auszusuchen. Wer den Hammer weit schleudern konnte, der war auch am Morgenstern ein guter Mann. Was also als eine Art Rekrutierungsveranstaltung begann, ist über die Jahrhunderte zu einem Stück bester schottischer Tradition geworden.

 

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Etwa 150 Kilometer westlich von Cornhill teilt der Great Glenn, ein tektonischer Graben, Schottland in zwei Hälften. Mit Wasser gefüllt bildet dieser tiefe Graben drei große Seen, von denen Loch Ness der bekannteste ist. Jedes Jahr strömen abertausende Touristen an die Ufer und jeder von ihnen – mich eingeschlossen – wird sich früher oder später dabei ertappen, gebannt auf die dunkle Wasseroberfläche zu starren, in der Hoffnung eine sensationelle Entdeckung zu machen. Doch Nessi, das sagenhafte Ungeheuer, das nach einer geschickt inszenierten Sichtung im Jahre 1934 Weltruhm erlangte, lässt auch an diesem Tag vergeblich auf sich warten. Generell muss ich sagen, das Loch Ness vor allem unter landschaftlichen Gesichtspunkten eine ziemliche Enttäuschung ist. Ich würde jeden anderen See in Schottland als schöner beschreiben. Mich fasziniert bestenfalls die Strategie, mit der Loch Ness nun schon seit vielen Jahren so derart erfolgreich vermarktet wird.

Den See einmal zu umrunden war eine klassische Fehlentscheidung. Aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens geht es größtenteils nur im Schneckentempo voran. So kostet mich die Fahrt nicht nur drei Stunden, sondern vor allem jede Menge Nerven. Ich mache drei Kreuze, als der See endlich hinter mir liegt und ich dem Trubel entschwunden bin. Auf geht’s in die Highlands!

 

Mit dem Nordwestlichen Hochland liegt nun ein Landschaftserlebnis der Extraklasse vor mir. Großbritanniens letzte große Wildnis wird von Landschaften geprägt, die sich auf das Wesentliche konzentrieren. Weite, Stille und das ständig präsente Gefühl der Einsamkeit sind ab jetzt meine ständigen Begleiter. „Ich habe nie Einsameres durchschritten“, schrieb der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane im Jahr 1858 über seine Reise durch das schottische Hochland. Tatsächlich blieb kaum eine andere Region in Europa so lange unbekannt und unzugänglich. Das Klima ist rau. Kurze Sommer und lange Winter mit viel Schnee haben das Hochland zu einer weiten, mit Moos und Flechten bedeckten Tundra geformt. Dementsprechend hatte ich auch damit gerechnet, dass die Temperaturen mit jedem Kilometer, den ich in nördliche Richtung fahre, fallen würden. Doch zu meiner großen Überraschung ist das Gegenteil der Fall. In den nächsten drei Wochen regnet es nicht ein einziges Mal. Das anhaltend gute Wetter scheint den Schotten sogar Sorgen zu bereiten, denn die Zeitungen warnen vor einer Hitzewelle und überall in den Highlands weisen eilig aufgehängte Schilder auf eine erhöhte Waldbrandgefahr hin.

Die Tage werden länger und die Temperaturen halten sich verlässlich auf einem T-Shirt freundlichen Level. Ohne großes Ziel versuche ich jede in meiner Karte eingezeichnete Straße einmal gefahren zu sein. Da Schottland eines der wenigen Länder Europas ist, in denen wild Campen ausdrücklich erlaubt ist, fällt es leicht, traumhafte Lagerplätze zu finden. So auch an diesem Abend. Die Sonne steht noch eine Handbreit über dem Horizont, als ich mein Motorrad unweit der kleinen Ortschaft Durness nach gut 300 Kilometern an der stark zerklüfteten Küste abstelle. Der Wind hetzt Wolkenfetzen über den blauen Himmel und das Geschrei der Seevögel bildet eine Kulisse, wie aus der Werbung für ein herbes Männerparfum.

Entlang der Küstenstraße A838 fahre ich tags darauf wieder gen Süden. Fahrspaß pur ist angesagt, denn hinter jeder Kurve bieten sich neue traumhafte Ausblicke aufs Meer und die Berge. Als nächstes steht nun die Schottische Inselwelt auf dem Programm. Um dort hinzugelangen, kaufe ich mir in dem sympathischen Küstenort Ullapool ein Ticket für die Fähre, die mich in gut drei Stunden auf die Hebriden Insel Lewis and Harris bringen wird.

 

Schottlands größte Inselgruppe wird in eine innere und äußere Gruppe unterteilt. Auf etwa 300 Kilometern erstrecken sich die insgesamt über 500 Inseln der Hebriden wie ein natürlicher Schutzwall gegen die wütend anrollenden Brecher des Atlantiks entlang der West-Flanke der Highlands. Lewis and Harris ist die größte Insel Schottlands. Obwohl kaum ein Baum auf diesem vom Westwind zerzausten Eiland wächst, sind die Landschaften doch faszinierend und abwechslungsreich. Der nördliche Teil „Lewis“ ist von sanften Hügeln geprägt, die allesamt aus Gneis, dem ältesten Gestein der Erdoberfläche bestehen, das von Gletschern der vergangenen Eiszeiten flachgeschliffen wurde. Der südwestliche Teil „Harris“ hingegen hat fast schon alpinen Charakter. Wie hohe Wellen türmen sich die Berge weithin sichtbar am Horizont auf. Im Landesinneren dehnen sich flache Moor- und Hügellandschaften aus, die mit Seen durchsetzt sind, in denen jede Menge Seerosen blühen. Das Klima der Insel wird vom Atlantik bestimmt. Im Winter ist es selten richtig kalt und im Hochsommer klettern die Temperaturen nur gelegentlich über die 20 Grad Marke. Hier am Rande Europas nimmt man die Zeit nicht so wichtig wie anders wo. Eine Sache sollte man bei seiner Reiseplanung deswegen unbedingt bedenken: Die Sonntagsruhe, denn an diesem Tag kommt das öffentlich Leben auf Schottlands westlichem Vorposten beinahe vollständig zum Erliegen. Der Sonntag ist heilig wie nirgendwo sonst in Großbritannien. Weder Geschäfte, noch Pubs oder Restaurants haben geöffnet. Selbst die Hauptstadt der Insel gleicht einer Geisterstadt. Wenn man vergessen hat, bei Zeiten den Tank zu füllen, dann ist sonntags eben eine Zwangspause angesagt.

Nachdem ich die Insel einmal komplett umrundet habe, geht es an Bord der nächsten Fähre weiter auf die 40 Kilometer breite und knapp 80 Kilometer lange Isle of Skye. Für viele Touristen aus aller Welt ist „Skye“, wie die Insel kurz genannt wird, das Ziel in Schottland schlechthin. 5000 Einwohner verteilen sich auf ein paar Gehöfte und eine Handvoll kleine Küstenstädtchen, wie etwa Portree, den Hauptort der Insel. Ohne Reservierung im Vorfeld scheint es dort jedoch unmöglich zu sein, eine erschwingliche Bleibe zu finden. Ich entscheide mich daher wieder für das Zelt. Nur wenige Kilometer südlich der Stadt liegt ein grandioser Campingplatz. „Sligachan Campsite“ dürfte wohl der einzige auf der Welt sein, an den eine eigene Brauerei mit gemütlichem Pub angeschlossen ist. Die Entscheidung fällt leicht, dort drei Tage zu bleiben.

Von Sligachan aus erkunde ich mit leichtem Gepäck die Insel. Der erste Weg führt mich hinauf zur Halbinsel Trotternish. Schon von weitem kann man dort die 50m hohe Felsnadel „Old Man of Storr“ am Horizont erblicken. Da der Ausblick von den Felsspitzen spektakulär sein soll, lasse ich mein Motorrad stehen und mache mich zu Fuß auf den Weg. Etwa eine Stunde dauert es, ehe ich mich in einer Landschaft wie aus einem Tolkien Roman wieder finde. Eine wirklich lohnenswerte Schinderei. Denjenigen, die ähnliche Ausblicke lieber auf dem Motorrad sitzend erleben wollen, denen kann ich eine kleine Seitenstraße empfehlen, die ein paar Kilometer weiter nördlich abzweigt. Die Singletrack Road, die die beiden Orte Staffin und Uig miteinander verbindet, gehört definitiv zu den schönsten Straßen der Insel und man sollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

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Die Schotten sind bekannt als ungemein gastfreundliches und kommunikatives Volk. Mir fällt kaum ein anderes Land in Europa ein, dessen Einwohner eine so offene Herzlichkeit an den Tag legen. In Schottland ist es völlig normal, dass man immer wieder von wildfremden Menschen in lange und interessante Gespräche verwickelt wird. So kommen schnell gute Tipps bezüglich schöner Motorradstrecken, Fotospots oder Ausgehtipps zusammen. Oft frage ich auch gezielt nach lohnenswerten Orten oder aber nach Menschen, die eine besondere Geschichte erzählen können. Auf diese Weise lerne ich auch Rob Miller kennen, einen Biker und Schwertschmid, der in dem kleinen Nest Torrin, im Süden von Skye lebt. Als ich ihn in seiner kleinen Werkstatt „Castle Keep“ besuche ist Rob gerade dabei, ein großes Wikingerschwert zu schmieden. Der gebürtige Engländer kam vor über 30 Jahren nach einem Motorradunfall mit gebrochenem Arm auf die Insel, um seine Verwandten zu besuchen. Eigentlich wollte er nur ein paar Wochen bleiben, doch die Insel zog ihn derart in ihren Bann, dass er sich entschied zu bleiben. Nach ein paar Aushilfsjobs in verschiedenen Bars begann er irgendwann damit, seine Leidenschaft, das Schmieden von Messern und Schwertern zu seinem Beruf zu machen. Und das mit unglaublichem Erfolg. Heute beliefert Rob Sammler aus aller Welt mit seinen Kunstwerken und er kann sich nicht mehr vorstellen, jemals wieder zurück in die Großstadt zu ziehen. Wir verstehen uns prächtig und ich merke kaum, wie die Zeit vergeht. Begegnungen mit solch inspirierenden Menschen sind es, die das Reisen für mich neben den Landschaften und dem Motorradfahren erst ausmachen.

 

Die Isle of Mull ist nach Skye die größte Insel der Inneren Hebriden. Während die bisherigen Inseln von einer eher rauen Landschaft geprägt waren, würde ich den Charakter von Mull als ein wenig lieblicher beschreiben. Ich würde sogar behaupten, dass sie mein heimlicher Favorit unter den Inseln ist. In Tobermory, dem Städtchen mit der optimistisch bunt gestrichenen Hafenzeile, gönne ich mir mal wieder den Luxus, in einem Bed & Breakfast zu übernachten. Diese Unterkünfte sind in Großbritannien in beinahe jedem noch so kleinen Kaff zu finden. Das schlagende Argument, mich für ein B&B zu entscheiden ist neben dem Bett, vor allem das dazugehörige traditionelle Frühstück. Ein neuer Tag kann einfach nicht schöner beginnen, als mit Bohnen, Speck, Spiegelei, Würstchen und gegrillter Tomate. Für mich eine der größten kulinarischen Errungenschaften unserer Zeit. In einem B&B wohnt man in der Regel mit den Gastgebern unter einem Dach. Man kommt auch hier sehr schnell ins Gespräch und für die Gastgeber ist es eine Selbstverständlichkeit, einem wertvolle Tipps zu geben, wie etwa die schönsten Strecken der jeweiligen Region. In diesem Fall ist der Betreiber ein leidenschaftlicher Akkordeonspieler und so bekomme ich zu meinem Abschied sogar noch ein Ständchen mit auf den Weg. Es ist ein tolles Gefühl, immer wieder diese von Herzen kommende Gastfreundschaft zu erleben, die in ganz Schottland so typisch ist.

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Der nächste Tag wartet schon mit neuen Eindrücken. Bevor es wieder zurück aufs Festland geht, bringt mich die letzte Fähre nach Islay, die südlichste und fruchtbarste Insel der Hebriden. Das von Wellen und Wind geprägte Eiland wird auch als Whisky-Insel bezeichnet. Acht traditionelle Brennereien, die einen ausgezeichneten Ruf genießen, sind hier beheimatet.

Nahe der kleinen Ortschaft Port Allen im Süden der Insel, wo auch die Fähren von den Nachbarinseln anlegen, schlage ich an dem 12 Kilometer langen Traumstrand von Kintra Beach in den Dünen mein Lager auf. Nur wenige Kilometer entfernt, in einer geschützten Bucht, liegt die Brennerei von Laphroaig. Der dort gebrannte Whisky ist für seine rauchigen und torfigen Seetang-Aromen bekannt, die man laut firmeneigenem Werbeslogan entweder hassen oder lieben wird. Da es sich um meinen Lieblingswhisky handelt, nutze ich natürlich ein weiteres Mal die Gelegenheit, um mir anzuschauen, wie aus Wasser dieser edle Tropfen entsteht.

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Auf jeder Reise rückt irgendwann der Zeitpunkt näher, an dem es heißt Abschied zu nehmen. Zurück am Festland führt mich der Weg an einen der magischsten Orte Schottlands. Im Tal von Glen Coe, genauer gesagt im Glen Etive, wo neben James Bond, Braveheart und Harry Potter schon so manch ein Hollywoodklassiker gedreht wurde, schlage ich mein Zelt auf und genieße ein letztes Mal die Einsamkeit der Highlands. Wie viele andere vor mir habe auch ich in den vergangenen Wochen mein Herz an dieses Land verloren. Schottland hat es auf Anhieb geschafft, im Ranking meiner Lieblingsziele in Europa den Spitzenplatz einzunehmen. Als ich ein letztes Mal diesen unverwechselbar torfigen Duft inhaliere steht für mich fest, dass dies nicht meine letzte Reise nach Schottland war, denn jeder, der dem rauen Charme dieses Landes einmal verfallen ist, so sagt man, der kehre schon bald zurück.

Reiseinfos Schottland

 

 

 

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