Mexiko

VAMOS!

(hier findest Du die Bilder zur Reise)

Der Blick in die von zu viel Agavenschnaps geröteten Augen lässt nichts Gutes vermuten. Bedrohlich schwingen die etwa 20 vermummten Männer mit Macheten und Knüppeln in der Luft herum. Mein Instinkt sagt mir, so schnell wie möglich das Weite zu suchen, doch vor mir versperrt eine über die Straße gespannte Eisenkette den Weg. Michoacán, der Bundesstaat im westlichen Zentralmexiko ist in den letzten Monaten zwar immer wieder durch grausame Verbrechen in die Schlagzeilen geraten, doch in diesem Fall habe ich es nicht mit den Mitgliedern eines Drogenkartells zu tun. Dies hier sind „nur“ ein paar aufgebrachte Bauern, die auf ihre, in Lateinamerika nicht unübliche Art des Protestes, für mehr Gerechtigkeit und gegen die Folgen der Globalisierung kämpfen. Als ich ihnen sage, dass ich ihr Land bereise und aus Deutschland komme, beruhigt sich der Mob wieder, ich werde zu einem Tequila eingeladen und freundlich gebeten, einen anderen Weg zu nehmen.

 

Meine Reise durch Nordamerika beginnt an einem schwülheißen Tag in der karibischen Touristenhochburg Cancún. Als ich aus dem Flughafengebäude heraus trete erschlägt mich fast die schwülheiße Luft die die Bewohner der Halbinsel Yukatan nun schon seit über einer Woche schwittzen lässt. Zwei stressige Tage dauert es, bis ich alle Stempel und Unterlagen zusammen habe und mein Motorrad aus dem Zoll auslösen kann. Ein wahres Glücksgefühl kommt auf, als ich endlich auf mexikanische Straßen entlassen werde. Ich kehre dem mit mondänen Hotelburgen verbauten Pseudo-Urlauberparadies den Rücken und schon nach wenigen Kilometern erweckt es den Anschein, als habe kaum ein Tourist je den Weg in diese Region gefunden. Ich ahne in diesem Moment ja noch nicht, dass dies die ersten

Zunächst führt mich der Weg nach Norden. Auf einer rund 60 Kilometer langen Sandpiste durchquere ich das Biosphärenreservat „Celestún“, das artenreichste Mangroven-Gebiet Mexikos. Rechts spült das türkisfarbene Meer seine Wellen an den menschenleeren Strand und wenn man sich links durch das Dickicht schlägt, sieht man Krokodile in der Sonne dösen und abertausende pinkfarbene Flamingos, die mit ihren krummen Schnäbeln Kleinstlebewesen aus dem Wasser fischen.

Glücklich darüber, dass der erste richtige Reisetag mit einem solchen Highlight beginnt, schiebe ich am Abend meine Yamaha Ténéré in den Schuppen eines Fischers. Ich spanne meine Hängematte auf, ziehe meine Flip-Flops an und bestelle in einer urigen Strandbar eine große Portion „Cebiche“ – das „Sushi“ Lateinamerikas.

In Yucatán, dieser riesigen Trockenwald-Region, die ziemlich genauso groß ist, wie die Schweiz, gibt es die meiste Zeit des Jahres keine Niederschläge. Die Erde ist so flach, dass keine Flüsse fließen können – zumindest nicht oberirdisch. Unter der Erde hingegen bilden die sogenannten „Cenoten“ einen gewaltigen Süßwasserspeicher. Oftmals sind es nur kleine unscheinbare Tümpel an der Oberfläche, die bis zu 100 Meter tief sein können und die sich an ein Labyrinth aus unterirdischen Gängen von bisher unbekannter Länge (der längste erforschte misst 72 Kilometer) anschließen. Keine andere Region der Erde ist derart unterhöhlt und durchlöchert, wie die mexikanische Halbinsel. Die Cenoten werden als die Grundlage und Voraussetzung für die Entwicklung der Maya-Kultur angesehen. Obwohl einige heute touristisch erschlossen sind und viel zu laute Menschen darin baden, geht eine magische Faszination von ihnen aus und man kann sehr gut nachvollziehen, warum die Cenoten in der Glaubenswelt der einst ausgeprägtesten Hochkultur des gesamten Kontinents eine so wichtige Rolle spielten. Wieso der kometenhafte Aufstieg der Maya um etwa 900 n. Chr. urplötzlich endete, stellt die Forscher bis heute vor ein ungelöstes Rätsel.

 

Von Yucatán geht es weiter gen Westen. Allmählich steigt die Küstentiefebene in die über 3000 Meter hohe „Sierra Madre de Chiapas“ an. Im südlichsten und für mich exotischsten Bundesstaat Chiapas leben noch gut eine Millionen direkte Nachfahren der Maya. Bis heute haben in der ländlichen Abgeschiedenheit uralte Riten und Gebräuche überlebt. In den schwer zugänglichen Regenwäldern der Grenzregion zu Belize und Guatemala finden sich zudem die schönsten antiken Tempelanlagen Mittelamerikas.

In Mexiko sind Polizei- und Militärkontrollen an der Tagesordnung. Zwar genießen mexikanische Polizisten und Soldaten einen eher schlechten Ruf, ich persönlich mache jedoch keine negativen Erfahrungen. Im Gegenteil: Für mich haben die Kontrollen sogar etwas Unterhaltsames. Mit Offenheit und Freundlichkeit kommt man bei ihnen jedenfalls weiter, als mit einer zufällig in den Pass gerutschten Dollarnote. Ich führe interessante Gespräche, bekomme wertvolle Tipps von den Uniformierten und so manches Mal verzögert sich die Weiterfahrt, da irgendein Offizier mir die Bilder seiner Hochzeit zeigen möchte. Das wirklich Einzige, was mir auf mexikanischen Straßen gelegentlich den Fahrspaß verdirbt, sind die sogenannten „Topes“ – die typisch mexikanische Art den Verkehr zu beruhigen. Dazu wurden an vielen Stellen riesige Bodenwellen auf die Fahrbahn zementiert, die so hoch sein können, dass jedem Fahrzeug bei zu hoher Geschwindigkeit schwere Schäden drohen.

 

Am sogenannten  Isthmus von Tehuantepec, der Stelle, an der Mexiko am schmalsten ist und “nur” 200 Kilometer Landmasse den Pazifischen Ozean vom Golf von Mexiko trennen, liegt der geographische Übergang von Mittel- nach Nordamerika. Wie der Name der nächstgelegenen Stadt “La Ventosa” (Die Windige) schon vermuten lässt, bläst an dieser Landenge ein solch starker Wind aus Südwest, dass man als Zweiradfahrer nur mit Mühe und Not die Spur halten kann.

Auf den folgenden 300 Kilometern steigt die Straße wieder von Meereshöhe auf über 2700 Meter an. Wenn ich von 1000 Kurven spreche, die ich auf der Etappe von der Pazifikküste bis nach Oaxaca schleife, dann ist das weit untertrieben. Vom tropischen Dschungel führt die atemberaubende Strecke hinauf in dichten Nebelwald und schließlich weiter auf eine karge Hochebene, wo nur anspruchslose Vegetation gedeiht.

Oaxaca, die Provinzhauptstadt mit dem schwer auszusprechenden Namen, besticht wie keine andere Stadt durch ihre reizvolle Mischung indianischer und spanischer Einflüsse. Auf dem Zócalo, dem zentralen Platz, schlägt der mexikanische Puls am lautesten. Mit Einbruch der Dunkelheit treffen sich dort Musikanten, Verliebte und solche, die es werden wollen. Man könnte stundenlang auf einer der gusseisernen Bänke sitzen und das bunte Treiben beobachten. Hausfrauen verkaufen mir mit Hühnerfleisch gefüllte Tacos und geröstete Maiskolben während Mariachikapellen herzzerreißend schief von der ewigen Liebe, dem blauen Meer und kitschigen Sonnenuntergängen singen.

 

Im Bundesstaat Jalisco zieht es mich ein paar Tage später in eine kleine Stadt, die einen großen Namen trägt. Tequila – der Ort an dem das gleichnamige hochprozentige Nationalgetränk Mexikos hergestellt wird. Gemächlich plätschert das Leben der knapp 35.000 Bewohner dahin. Bis vor wenigen Jahren war Tequila nur ein verschlafenes Kaff. Erst als der Landarbeiterschnaps vor einigen Jahren durch ausgeklügelte Marketingmaßnahmen zum Modegetränk wurde, blühte das Leben auf. Heute stehen die Agavenlandschaft und die verschiedenen Produktionsstätten des Tequila unter dem Schutz des UNESCO-Weltkulturerbes. Bei einem feuchtfröhlichen Kneipenabend lerne ich einen echten „Jimador“ kennen, wie man in Mexiko die angesehenen Agaven-Ernter nennt. Er lädt mich ein ihn anderntags auf ein nahegelegenes Agavenfeld zu begleiten. So habe ich die Gelegenheit hautnah dabei zu sein, wie eine Gruppe von zehn „Jimadores“ ihrem schweißtreibenden Job nachgeht. In der prallen Sonne schlagen sie mit scharf zugefeilten Klingen, den sogenannten „Coas“ die Blätter von den Agaven ab. Aus dem so freigelegten „Herz“, einer bis zu 120 Kilogramm schweren Knolle, wird später der Schnaps gebrannt. Auch diesen Prozess kann man in der Stadt hautnah verfolgen, denn viele namenhafte Tequila-Brennereien bieten für kleines Geld Führungen und Verköstigungen an.

 

Auf meiner Reise durch Mexiko kommt mein Zelt nur selten zum Einsatz. Für umgerechnet weniger als 10 Euro findet man fast überall schicke Unterkünfte mit Kolonialambiente. Mir hat es aber eine ganz besondere Art der Bleibe angetan. Irgendwann werde ich auf der Flucht vor einem Unwetter zufällig auf ein „Hotel“, aufmerksam, das aussieht wie ein in die Jahre gekommener Puff. Mit verblichenen Herzen und dem verschwenderischen Umgang des Wortes „Amor“ macht es auf sich aufmerksam. „Bingo!“, denke ich und reiße den Lenker rum. Ich habe endlich eines der berühmt berüchtigten Stundenhotels gefunden, die bei Mexikoreisenden schon beinahe legendär sind. Einen Ort, an den man eigentlich nicht zum Schlafen kommt… Das Besondere an diesen „Unterkünften“, deren Nutzungszeit man von drei auf 24 Stunden verlängern kann, ist deren Funktionalität und Anonymität (für Motorradreisende nahezu ideal). Die Zimmer, in denen es nach billigem Parfum und Kondomen riecht, haben einen eigenen abgetrennten Parkplatz und sind unschlagbar günstig. Es gibt einen Fernseher mit „Spielfilmkanal“, eine für mehrere Personen ausgelegte Dusche, halbwegs fleckfreie Betten und – zu allem Überfluss – dünne Wände.

 

Von der Hafenstadt Mazatlán aus setze ich mit einer Fähre auf die Baja California über. 16 Stunden dauert die Überfahrt über den Golf von Cortez. Im ersten Licht des Sonnenaufgangs zeichnen sich Millionen von Kakteen am Horizont ab. Böse Zungen behaupten, die Baja California sei der 51. Bundesstaat der USA, und dementsprechend von amerikanischen Touristen überlaufen. Wenn man sich jedoch abseits der Haupttouristenorte befindet ist der Eindruck ein anderer – ein riesiger Abenteuer-Spielplatz, mit unzähligen Möglichkeiten, sich auszutoben. Die letzten 2000 Kilometer warten nun darauf, erobert zu werden.

In Pete’s Camp, einem tollen Strandcampingplatz nahe der Stadt San Felipe nehme ich mir drei Tage Zeit, um mich nach fünf Wochen und über 8000 gefahrenen Kilometern gebührend von Mexiko zu verabschieden. Das bunte Land zwischen den Regenwäldern im Süden und den Wüsten im Norden hat sich mir von seiner besten Seite präsentiert. Mit dem Herz und dem Kopf prall gefüllt mit positiven Erinnerungen erreiche ich die Grenze zu den USA.

Adios Mexiko!

INFOS MEXIKO

Sicherheit: Ist Mexiko gefährlich? Diese Frage kann ich weder mit „ja“, noch mit „nein“ beantworten. Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich mich in Mexiko SEHR sicher gefühlt habe. Alle Menschen zu denen ich Kontakt hatte, vom Polizisten bis zum einfachen Bauern sind mir außerordentlich freundlich begegnet. Auf der anderen Seite darf man die Augen aber nicht vor der Realität verschließen. Dass in Mexiko in den vergangenen sieben Jahren über 70.000 Menschen ermordet wurden (größtenteils im Zusammenhang mit dem Drogenhandel) und einige mexikanische Städte zu den gefährlichsten der Welt gehören, sind traurige Fakten. Ob man also in diesem Land reisen möchte, das muss jeder für sich entscheiden. Ich für meinen Teil kann es nur wärmstens empfehlen…

Gesundheit: Für die Einreise nach Mexiko sind keine Impfungen vorgeschrieben. Malariaprophylaxe ist bei Reisen in den tropischen Süden des Landes empfehlenswert. Ein gutes Mückenschutzmittel gehört auf alle Fälle ins Reisegepäck. Ratsam ist auch eine Vorsorge gegen Typhus und Hepatitis.

Anreise: Den Motorradtransport von Deutschland nach Mexiko kostet etwa 1200 Euro.

Für die Einreise ist ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass erforderlich. Wer mit dem eigenen Motorrad einreist, muss beim Büro der „Banjercito“ eine temporäre Einfuhrgenehmigung für das Motorrad ausstellen lassen, die umgerechnet etwa 25 Euro kostet.

Motorrad: Ich war auf dieser Reise mit meiner Yamaha XT660Z Ténéré unterwegs – für mich persönlich das ideale Reisemotorrad. Bei einem Verbrauch von knapp unter vier Litern und einem Benzinpreis von rund 50 Cent pro Liter machen Tankstellenbesuche in Mexiko richtig Spaß. Auch bei den Reifen habe ich eine gute Wahl getroffen. Dank der unschlagbaren Laufleistung und Fahreigenschaften des K60 Scout von Heidenau musste ich mir unterwegs keine Gedanken machen. Gepäcksystem, verbreiterte Fußrasten, Sturzbügel und Handprotektoren stammen von SW-Motech.

 

 

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