Irland

The Wild Atlantic Way

Eine Motorradreise von Dublin entlang der Westküste Irlands

(hier gibt’s die Fotos zur Reise)

Irland, die Grüne Insel mit ihren zerklüfteten Küsten, den saftigen Wiesen und den urgemütlichen Pubs, in denen dunkles Bier zu Livemusik getrunken wird, gehört ganz sicher zu den reizvollsten Regionen Europas. Es ist noch kein Jahr her, da wurde die mit Spannung erwartete Küstenstraße „Wild Atlantic Way“ eröffnet, die sich auf 2.500 Kilometern entlang der Irischen Atlantikküste schlängelt. Knapp zwei Wochen war der Motorradreisende Erik Peters in Irland unterwegs und begab sich von Dublin aus auf kulturelle Entdeckungstour.

Es dämmert bereits, als meine Fähre an diesem kühlen Spätsommertag im Hafen von Dublin anlegt. Rasch ist das Schiff an der Kaimauer vertäut und die Klappen öffnen sich, um die ungeduldig wartenden Passagiere auf die Grüne Insel zu entlassen. Vorbei an unzähligen Pubs, aus denen gute Laune und fröhliche Lieder hinaus auf die Straße getragen werden, bahne ich mir den Weg in den Bezirk Temple Bar. In dem angesagtem Ausgehviertel mitten im Zentrum von Dublin habe ich eine strategisch günstig gelegene Unterkunft gebucht, von der aus ich in den nächsten zwei Tagen die Sehenswürdigkeiten, allen voran die legendären Pubs der Stadt erkunden möchte.

Nachdem ich mein Motorrad untergestellt und meine Ausrüstung aufs Zimmer geschleppt habe, mache ich mich mit zwei, drei Handgriffen ausgehfertig. Kurz darauf sitze ich bereits in der kultigen „Temple Bar“ und genieße den ersten Schluck Guinness dieser Reise. Was wäre Irland ohne seine legendären Kneipen. Public Houses, kurz Pubs, sind das verlängerte Wohnzimmer der trinkfreudigen Iren und hier ist es völlig normal, nach der Arbeit erst einmal gemütlich ein Pint zu trinken, bevor man nach Hause geht. Drei Pints am Tag, so sagt man, sollen körperliches Wohlbefinden erst möglich machen. Dass die unzähligen Pubs stets so gut besucht sind, scheint folglich nicht nur an der guten Live Musik zu liegen, die in beinahe jedem Pub dargeboten wird, sondern auch am Gesundheitsbewusstsein der Iren.

Mit der Unterzeichnung eines 9000! Jahre gültigen Pachtvertrags für eine heruntergekommene Brauerei in Dublins Stadtteil St. James’s Gate, läutete Arthur Guinness im Jahr 1759 eine der größten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten Irlands ein. Das dunkle Stout ist heute über Irlands Grenzen hinweg so beliebt, dass Tag für Tag mehr als zehn Millionen Pints (1 Pint =0,5683 Liter) in 150 Ländern geleert werden. Allein in der Stammbrauerei in Dublin werden täglich vier Millionen Pints in Fässer und Flaschen abgefüllt. Guinness ist mittlerweile viel mehr als nur ein Getränk: es ist eine irische Ikone und mit mehr als einer Million Besuchern im Jahr hat sich die Brauerei mit angeschlossenem Museum zur größten Touristenattraktion Irlands entwickelt.

Der Song „Whisky In The Jar“ klingt noch in meinen Ohren als ich nach zwei Tagen in Dublin wieder im Sattel meiner Super Ténéré sitze und über die kleine Regionalstraße R115 gen Süden fahre. In sanften Kehren geht es hinauf in die Berge der Grafschaft Wicklow. Auf einer Anhöhe halte ich kurz an und lasse meinen Blick noch einmal über die unscheinbar daliegende Hauptstadt schweifen. Dann gebe ich Gas und sehe wie Dublin im Rückspiegel hinter dichten Bäumen verschwindet.

Der Motor hat kaum seine Betriebstemperatur erreicht, da breiten sich die Wicklow Mountains, Irlands größte zusammenhängende Berglandschaft vor mir aus. Die Hauptstädter können sich wirklich glücklich schätzen, solch ein erstklassiges Stück Natur direkt vor ihrer Haustüre zu haben. In dieser Gegend findet man alles, was einen den Alltagsstress vergessen lässt: raue Berge, kristallklare Seen und weite Moorlandschaften, durch die sich viele kleine Wege schlängeln. Den ganzen Tag lasse ich mich ohne Eile treiben. Dabei wähle ich immer wieder neue Abzweigungen und lasse mich überraschen, wo die Wege hinführen mögen. Ich komme an verlassenen Dörfern vorbei, folge kaum befahrenen Sträßchen und biege auch immer wieder mal auf unbefestigte Wege ab. Nach rund 250 Tageskilometern erreiche ich am späten Nachmittag die Stadt Kilkenny.

In Kilkenny mache ich die Erfahrung, dass es in den Sommerferien nahezu ausgeschlossen ist, ohne Reservierung eine freie Unterkunft zu finden. Selbst der Campingplatz ist an diesem Wochenende, an dem auch noch ein renommiertes Kunstfestival stattfindet, restlos ausgebucht. Als ich später auf der Schwelle der sechsten Unterkunft stehe und auf die Frage nach einem freien Zimmer erneut nur fassungslose Blicke ernte, bin ich soweit, dass ich selbst für eine Übernachtung in irgendeiner Besenkammer tief ins Portemonnaie greifen würde. Vier Kilometer außerhalb der Stadt werde ich dann endlich fündig. Ich kann ich nicht mehr an den Namen der heruntergekommenen Pension erinnern, sehr wohl aber an den Gesichtsausdruck des Besitzers, als ich ihm völlig verdrossen einen Zimmerpreis zahlte, der im krassen Gegensatz zu der gebotenen Leistung steht. Für 100 Euro pro Nacht beziehe ich ein winziges Kabuff mit niedriger Decke und einem zerschlissenen Teppich, der einen sonderbaren Geruch verströmt und heftige Niesanfälle zur Folge hat. Ich schlucke meinen Frust mit einer Dose Guinness aus dem Automaten hinunter und hetze zu Fuß in die Stadt, ehe die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Killkenny ist ein lebendiges kleines Städtchen mit einem mittelalterlichen Stadtkern durch den sich viele kleine Gassen schlängeln. Ein Ort, an dem ich mich auf Anhieb wohlfühle. Die Hauptattraktion – wie sollte es auch anders sein – ist neben einem schönen Schloss mit weitläufigem Rosengarten vor allem die Brauerei Smithwick’s, in der das berühmte Kilkenny Ale gebraut wird. In diesem Fall verzichte ich darauf, mich über die einzelnen Produktionsschritte zu informieren und konzentriere mich stattdessen lieber auf die Verkostung. In dem bereits im Jahr 1324 eröffneten „Kytelers Inn“ verbringe ich bei erstklassiger Musik und leckerem Bier einen weiteren typisch irischen Abend. Ab jetzt kann ich völlig entspannt weiterreisen, denn wegen des alten Sprichwortes, man könne erst dann behaupten in Irland gewesen zu sein, wenn man mindestens drei Abende in einem Pub verbracht hätte, muss ich mir nun keine Gedanken mehr machen.

Nach einem „Full Irish Breakfast“, das dem englischen Kult-Frühstück in Sachen Fett- und Cholesteringehalt in nichts nachsteht, mache ich mich am nächsten Morgen auf den Weg ans Meer. Mein Ziel für heute ist das kleine Dorf Kinsale, wo am 1. April 2014 Irlands neue große Touristenattraktion eröffnet wurde, die zusätzliches Geld in die klamme Staatskasse spülen soll. Die Rede ist von der 2.500 Kilometer langen Küstenstraße mit dem klangvollen Namen „Wild Atlantic Way“. Eine bessere Bezeichnung hätte das Irische Ministerium für Verkehr, Tourismus und Sport wahrlich nicht treffen können, als es den Entschluss fasste, bereits bestehende Straßen und Wege, die entlang der Irischen Westküste verlaufen, unter einem Namen zusammenzufassen und entsprechend zu vermarkten. Zwölf Millionen Euro wurden in die Infrastruktur des Wild Atlantic Way investiert. Unzählige Wegweiser und Hinweistafeln wurden aufgestellt, und eine Werbekampagne lanciert, die Irlands neue Küstenstraße in die gleiche Liga befördern soll, wie etwa den „Pacific Coast Highway“ in Kalifornien oder die „Great Ocean Road“ in Australien. In den nächsten Tagen möchte ich dieser neuen Traumstraße folgen, die sich entlang der irischen Westküste bis hinauf auf die Halbinsel Inishowen im Norden des County Donegals schlängelt. Zwar werde ich mich nicht strikt an die Streckenführung halten, doch zumindest möchte ich dem Wild Atlantic Way auf den wichtigsten Abschnitten folgen.

Begleitet vom Geschrei der Möwen nehme ich die ersten Kilometer der Küstenstraße in Angriff. Ab jetzt soll ein grandioser Ausblick auf das windgepeitschte Meer dem nächsten folgen. Auch wenn der Himmel immer wieder mal seine Schleusen öffnet, schmälert dies nicht den Fahrspaß, den ich habe.

Womit wir beim irischen Wetter wären. Das entspricht übrigens tatsächlich den hartnäckigsten Klischeevorstellungen. Schließlich ist die „Grüne Insel“ nicht rein zufällig so grün. Ja, es ist in der Tat so, dass ich auf dieser Reise mindestens einmal pro Tag einen kräftigen Schauer abbekomme. Gleichzeitig muss ich jedoch betonen, dass aber auch jeden Tag die Sonne scheint. In Irland erlebe ich nicht ein einziges Mal dieses lang andauernde düstere Einheitsgrau, dass einem in Deutschland so oft die Laune verdirbt. Durch den raschen Wechsel von Sonnenschein und Regen bekommt man obendrein noch ganz besondere Lichtspiele geboten. Wenn die Sonne nach einem kräftigen Schauer durch die Wolken blitzt, das Gras smaragdgrün funkeln lässt und kräftige Regenbögen über der Küste strahlen, dann versteht man, warum die Wechselhaftigkeit des Wetters Irland gerade erst ausmachen soll.

Der Wild Atlantic Way ist keine Straße, auf der man mit dem Motorrad über weite Strecken im fünften Gang entlang der Küste cruisen kann. Größten Teils geht es eher gemächlich voran und man folgt kleinen Sträßchen, auf denen es schon mal eng werden kann, wenn einem ein anderes Fahrzeug begegnet. Wenn man also beabsichtigt, den Wild Atlantic Way wirklich komplett abzufahren und zwischendurch auch noch die ein oder andere Sehenswürdigkeit besuchen möchte, so empfiehlt es sich Zeit mitzubringen. Wenigstens zwei Wochen sollte man einplanen.

Am späten Nachmittag des nächsten Tages erreiche ich die kleine Ortschaft Kenmare im Süden der Grafschaft Kerry. Nicht nur für Ihre Molkereiprodukte der Marke „Kerrygold“ ist die Gegend im Südwesten Irlands bekannt, sondern vor allem auch für die wohl bekannteste Straße des Landes: der „Ring of Kerry“, der auf 179 Kilometern deckungsgleich mit dem Wild Atlantic Way verläuft. Eigentlich hatte ich geplant die Straße zum Sonnenuntergang zu fahren. Da sich am Himmel jedoch bedrohlich schwarze Wolken formieren, gebe ich Gas, um meine Unterkunft in der nächsten Stadt Killarney möglichst trockenen Fußes zu erreichen. Leider geht der Plan nicht auf.

„Regnet es draußen etwa schon wieder?“, fragt der Spaßvogel hinter dem Tresen, als ich triefend nass einchecken möchte. Kleine Rinnsale laufen an meiner Kleidung herab und bilden auf dem gefliesten Boden schnell eine große Pfütze. „Nein, mein Schiff ist gesunken und ich musste die letzten Kilometer schwimmen“, gebe ich zurück und bekomme mit einem lauten Lachen den Zimmerschlüssel in die Hand gedrückt.

Killarney selbst ist der bislang touristischste Ort, den ich in Irland besuche, was allerdings nicht heißt, dass es mir dort nicht gefallen würde. Trotz der vielen Hotels und Souvenirläden ist der Charme des Ortes noch nicht gänzlich dem Tourismus zum Opfer gefallen. Man findet überall auch noch gemütliche Pubs und kleine Restaurants, in denen vornehmlich Einheimische zu Gast sind und wo man nicht ständig das Gefühl hat, übers Ohr gehauen zu werden. Für die meisten Touristen, die nach Killarney kommen, dient die Stadt als Ausgangspunkt für ausgedehnte Wanderungen im nahegelegenen Killarney National Park oder aber für Bustouren auf dem „Ring of Kerry“.

Glaubt man den Reiseführern, so ist der 179 Kilometer lange Rundkurs Irlands schönste Straße. Allerdings, so heißt es auch, kann der Spaß entlang der malerischen Küste durch die schier endlosen Touristenkarawanen, die sich in den Sommermonaten über die irischen Nationalstraße N70 schieben, getrübt werden. Um den Ring of Kerry dennoch genießen zu können, so sagte mir der Betreiber meiner Unterkunft, führe kein Weg daran vorbei, sehr früh aufzubrechen und – anders als die vielen Reisebusse – gegen den Uhrzeigersinn zu fahren. Ich bin froh für diesen Tipp und lege mich an diesem Abend noch früher aufs Ohr, als ich es auf Reisen ohnehin oft zu tun pflege.

Die Sonne geht gerade auf, als ich durch die uralten Eichenwälder des Nationalparks fahre. Der Regen, der gestern über der Grafschaft Kerry niedergegangen ist, wird nun von der Natur wieder ausgeatmet. Dunst steht schwer über der Straße und wabert langsam durch Wälder und über Wiesen. Doch Irland wäre nicht Irland, wenn die Sonne nicht schnell zur Stelle wäre. Die nassen Straßen sind rasch getrocknet und mit jedem Meter, den ich über die N71 hinauf in die Berge um Molls Gap fahre wird der Blick wieder frei. Bei guter Sicht passiere ich die kargen Felszacken des Carrauntoohill (mit 1.041 Metern der höchste Berg Irlands) und erreiche bei strahlendem Sonnenschein wieder die Küste.

Den ganzen Tag bin ich auf dem Ring of Kerry unterwegs. Bedauerlicherweise muss ich berichten, dass mich der legendäre Rundkurs nicht sonderlich begeistern kann. Gerade weil einem die Werbung unberührte Natur und Einsamkeit suggeriert, ist man schnell enttäuscht, wenn einem die Reisebusse sämtlichen Fahrspaß rauben. Entlang der Irischen Westküste findet man unzählige Abschnitte, die mit dem Motorrad sowohl schöner als auch entspannter zu befahren sind. Was mir entlang des Ring of Kerry viel besser gefallt, als die Küstenabschnitte, ist die kurvenreiche Passstraße, die Irlands höchsten Berg im Westen von den Purple Mountains im Osten trennt und durch das „Gap of Dunloe“ führt. Nachdem man Irlands höchsten Pass überquert hat, fährt man entlang eines Baches, der links und rechts von steil aufragenden Felsen flankiert wird. Die Fahrt durch diese urwüchsige und auf wilde Art romantische Schlucht zählt sicherlich zu den landschaftlichen Highlights des Landes. Auch hier gilt, dass man diesen Abschnitt früh morgens oder am späten Nachmittag fahren sollte, denn auch die Schönheit des Gap of Dunloe ist unter den vielen Touristen leider kein Geheimnis mehr.

Nach einer weiteren Nacht in Killarney fahre ich am nächsten Tag weiter nach Dingle. Die schmale Halbinsel, die wie ein Finger in den Atlantik ragt, wurde einst von der Zeitschrift National Geographic als „der schönste Ort der Welt“ bezeichnet. Tatsächlich kommt es auch mir so vor, als würde ich durch ein blau-grünes Gemälde fahren. Auf der einen Seite funkeln die Wellen des Atlantiks im Sonnenlicht und auf der anderen grüne Wiesen, auf denen Schafe oder Kühe grasen. Mühsam von Hand aufgeschichtete Trockensteinmauern unterteilen die Landschaft in unzählige Parzellen, die sich wie ein Flickenteppich entlang der Küste erstrecken. Ein gewaltiger Aufwand wird seit jeher betrieben, um zu verhindern, dass der fruchtbare Boden vor den windigen Launen des Atlantiks davongetragen wird. Ohne diese Mischung aus Erde, Sand und Seetang könnte hier nicht das saftige Gras gedeihen, das Irlands Kühe zu den besten Milchproduzenten Europas macht.

Um ein Foto von den Wiederkäuern zu machen, halte ich an einer Weide an, klettre über den Zaun und bringe meine Kamera nur wenige Meter von einer Kuhherde entfernt in Stellung. Was dann passiert wollte ich eigentlich keinem erzählen. Ich fuchtle in der Luft herum, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und bin überrascht, als das größte Tier (zwischen dessen Beinen ich bei genauem Hinschauen keinen Euter erkennen kann) plötzlich mit den Hufen stampft. Ich weiß nicht, wie mir geschieht, als der Bulle gefolgt von den anderen Viechern auf mich zugestürmt kommt. Da ich mich an Zeitungsartikel erinnere, in denen davon berichtet wurde, dass Wanderer in Österreich von Kühen getötet wurden, suche ich geistesgegenwärtig mein Heil in der Flucht. Es muss ein zu verstörend komisches Bild sein, als ich von mehreren Tonnen Lebendfleisch verfolgt über eine Weide spurte und mich schließlich durch einen beherzten Hechtsprung über einen Stacheldrahtzaun in Sicherheit bringen kann. „Fuck, das war knapp“, fluche ich und breche sogleich in schallendes Gelächter aus.

Auf kleinen Straßen geht es weiter. Kurz hinter der Ortschaft Ardfert biege ich links ab und folge den Hinweisschildern zum Banna Beach – einem endlosen Sandstrand, der mir beim letzten Tankstopp von einem Einheimischen als schönster Strand der Gegend empfohlen wurde. Dort möchte ich eine Pause machen und bei einem kleinen Mittags-Picknick den Blick aufs Meer genießen. Auch wenn es das Thermometer an diesem Tag nur mit Mühe und Not auf zweistellige Werte schafft, gibt es doch ein paar Unerschütterliche, die dem kalten Wind trotzen und am Strand liegen, als garten sie am Mittelmeer. Iren scheinen wahrlich wetterfest zu sein, denn einigen von ihnen scheint es überhaupt nichts auszumachen, bester Laune im eiskalten Atlantik zu plantschen.

Zwischen den Städten Limerick und Galway erreicht der Wild Atlantic Way die Cliffs of Moher – eine der spektakulärsten Steilküsten des europäischen Kontinents. Die 214 Meter hoch ragenden Felsklippen zählen zu den beliebtesten Postkartenmotiven Irlands. Entsprechend groß ist leider auch hier der Besucherandrang. Als ich in der Schlange der wartenden Fahrzeuge stehe, die sich vor dem kostenpflichtigen Parkplatz gebildet hat, kommt es mir so vor, als hätte ich mich dazu überreden lassen, an einem Samstagmorgen zu Ikea zu fahren. Mit einem solchen Andrang habe ich beim besten Willen nicht gerechnet und ich bin kurz davor, einfach weiter zu fahren. Auch wenn die Klippen – wie an diesem Tag – oftmals im Nebel verborgen sind, kommen pro Jahr über 700.000 Besucher, um das wildromantische Fels- und Seepanorama an den sieben Kilometer langen Steilküste zu bewundern. Bedingt durch die schlechte Sicht kann ich mir allerdings kein eigenes Urteil erlauben. So mache ich ein paar Alibi-Bilder und ziehe wieder von dannen. Hätte ich gewusst, dass man nur wenige Kilometer weiter nördlich ein ähnliches Erlebnis zum Nulltarif geboten bekommt, dann hätte ich mir die nerv tötende Wartezeit sicherlich erspart. Denn wenn man sich nicht scheut, eine Mauer und zwei Zäune zu überwinden, dann gelangt man schon nach kurzer Zeit an eine ebenfalls schwindelerregende Steilwand, von der aus man tief hinunter auf die gefährlich schäumende See blicken kann.

Nur etwa 30 Kilometer östlich der Cliffs of Moher breitet sich eine als „Burren“ bekannte Steinwüste aus, die vor 15.000 Jahren durch eiszeitliche Gletscher in das Kalksteinplateau gepflügt wurde. Hier trägt die ansonsten so grüne Insel ein steinig graues Einheitskleid. Nur spärliche Vegetation kann sich im pfeifenden Wind auf den Höhen des Burren an Irlands Westküste behaupten. Es heißt, dass sich der Fantasy – Autor Tolkien von der einzigartigen Landschaft zu seinem Klassiker „Der Herr der Ringe“ inspirieren ließ. Es ist auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung, einer Weile lang nicht der Küste zu folgen.

Die nächste Stadt, in der ich übernachte, heißt Galway. Ein weiterer sympathischer Ort, mit einem malerischen Hafen, dessen bunte Häuserzeile im Licht der untergehenden Sonne in den verschiedensten Farben erstrahlt. Wie an fast jedem Abend dieser Reise, zieht es mich auch hier in den Pub, wo ich bei dunklem Gerstensaft und deftigem Stew die Landkarte studiere.

Nördlich der Stadt Galway breitet sich die Halbinsel Connemara aus. Wegen seiner wilden Landschaft mit einsamen Dörfern, grauen Bergen, schwarzen Seen und weitläufigen Moorlandschaften zählt Connemara sicherlich zu den ursprünglichsten Landschaften Irlands. Immer wieder findet man dort viele kleine Sträßchen, die zu versteckten Buchten und Stränden führen, an denen sich gute Gelegenheiten böten, das Zelt wild aufzuschlagen.

Die letzten zwei Tage lasse ich mich einfach treiben. Ohne den Reiseführer in die Hand zu nehmen fahre ich durch Irlands Nordwesten. Das ursprüngliche Irland, dort wo es mir am besten gefallen hat, habe in den letzten Tagen an den Orten gefunden, die nicht mit Großbuchstaben beworben werden. So gerne ich auf Reisen auch plane, es gehört für mich ebenso dazu, vieles dem Zufall zu überlassen, der einen ja bekanntlich an die schönsten Orte führt.

Auch auf den letzten Lagerplatz im Norden der Halbinsel Inishowen, wo auch der Wild Atlantic Way endet, werde ich durch Zufall aufmerksam. Ein kleiner Pfad neben der Straße führt mich auf ein grasbewachsenes Plateau, wo ich mein Zelt aufschlage. Mit einem Sixpack Guinness sitze ich lange da und beobachte wie sich die Sonne dem Horizont nähert. Als sich das Rosa des Himmels dann in ein tiefes Schwarz verwandelt hat, mache ich es mir in meinem Schlafsack gemütlich. Während draußen der Wind an meiner Behausung zerrt und starker Regen einsetzt, falle ich in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

Das Bellen eines Hundes reißt mich anderntags aus meinen Träumen. Ein älterer Herr, der seinen Vierbeiner ausführt begrüßt mich freundlich, als ich den Reisverschluss öffne, um nach dem Rechten zu sehen. Mein prüfender Blick gen Himmel lässt ihn mitleidig auf mein durchnässtes Nachtlager blicken. Dann lächelt er wieder und mit den Worten „Es klart definitiv auf“, schleift er seinen Hund mit sich fort.

Als ich gegen Mittag schließlich an der Grenze zu Nordirland ankomme, stehen gut 2.600 Kilometer auf dem Tacho. Ich blicke zurück auf ein Land, das meine Erwartungen tatsächlich übertreffen konnte. Was noch lange nachhallen wird, ist die Irische Lebensfreude und Gastfreundschaft. Alleine für einen einzigen Abend in einem Pub in Dublin oder Galway würde es sich lohnen zurück zu kehren. Mit dem guten Gefühl, in dieser kurzen Zeit doch einen tiefen Einblick in dieses wundervolle Land gewonnen zu haben gebe ich Gas und rolle über die Grenze.

Goodbye Ireland!

 

Infos Irland:

 

Unterkunft:

Ähnlich wie in Großbritannien sind auch in Irland Bed an Breakfast Unterkünfte – kurz B&Bs – am weitesten verbreitet. Die Übernachtungspreise hängen stark von der jeweiligen Reisezeit ab. Generell kann man aber sagen, das Irland im Vergleich zu anderen Euroländern ein doch eher teures Pflaster ist. In der Hauptsaison können die Preise für ein schlichtes Einzelzimmer schnell die 100-Euro-Marke knacken. Da Campingplätze in Irland weit verbreitet sind, können diejenigen, die die Nächte lieber im Zelt verbringen eine Menge Geld sparen.

 

Anreise:

Wer mit dem Motorrad nach Irland reisen möchte, der muss entweder die Fähre von Großbritannien oder von Frankreich aus nehmen. Die Preise für ein Fährticket sind abhängig von der jeweiligen Reisezeit. Die Fähren legen meist abends in Frankreich ab und fahren dann über Nacht nach Irland. Wer genug Zeit hat und auch noch Geld sparen möchte, der kann die Fähre von Calais nach Dover nehmen, durch den schönen Süden Englands fahren, um dann von Wales aus nach Dublin überzusetzen.

 

Wetter:

Das Wetter in Irland ist so durchwachsen, dass der Umschwung von strahlend blauem Himmel zu Nieselregen oder windgepeitschten Schauern binnen weniger Minuten keine Seltenheit sind. Das milde ozeanische Klima – kein Ort liegt weiter als 80 Kilometer von der Küste entfernt – sorgt in Irland für relativ geringe Temperaturschwankungen. Infolgedessen sind die Winter meist frei von Eis und Schnee – die Sommer aber auch oft recht kühl. Gerade an der Westküste, wo keine größeren Gebirge die atlantischen Tiefdruckgebiete bremsen, regnet es zudem sehr häufig. In den knapp zwei Wochen, in denen ich in Irland unterwegs war, regnete es jeden Tag. Doch Regen folgt auch sehr schnell wieder die Sonne.

 

Essen:

Die irische Küche galt lange Zeit als Arme-Leute-Essen. Da das Essen in Irland über viele Jahre vorrangig den Zweck zu erfüllen hatte, die Menschen vor dem Verhungern zu retten, kann man die irische Küche nicht mit der italienischen oder französischen vergleichen. In den Restaurants stehen überwiegend Fleischgerichte mit Pommes frites und Gemüse auf der Speisekarte. Das Nationalgericht Irish Stew, ein Kartoffel-Lamm-Eintopf, wird leider nicht so häufig angeboten, wie etwa Fish & Chips.

Bier:

Irland ist für sein legendäres Bier weltbekannt. Die Nummer Eins ist sicherlich Guinness – ein dunkles Starkbier, das in Irland Stout genannt wird. Darüber hinaus trinken die Iren gerne Red Ale, das sich mit einem stark malzigen Geschmack und wenig Kohlensäure deutlich von deutschem Pils unterscheidet. Wer nicht besonders experimentierfreudig ist, der sollte im Pub am besten ein Lager bestellen, das dem deutschen Bier geschmacklich und vom Kohlensäuregehalt am ähnlichsten ist.

Verkehr:

In Irland herrscht Linksverkehr. Das Straßennetz ist gut ausgebaut und das Fahren auf weniger frequentierten Straßen in ländlichen Gebieten ist stressfrei. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen betragen 50 km/h in geschlossenen Ortschaften, auf Landstraßen (Regional Roads oder Local Roads) 80 km/h, auf ausgebauten Landstraßen (National Roads) 100km/h und auf Autobahnen 120km/h.

Reisezeit:

Irland ist immer eine Reise wert. Wenn man die Grüne Insel jedoch entspannt mit dem Motorrad bereisen möchte, so sind der Mai und der Juni statistisch gesehen die trockensten und sonnigsten Monate. Der Juli und August hingegen sind die wärmsten Monate. Zu dieser Zeit sind auch die meisten Touristen auf der Insel.

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