Alaska

Die letzte Grenze

Hier findest du die Fotos zur Reise

Alaska – das ist weit mehr als nur ein geografischer Begriff. Der nördlichste Bundesstaat der USA steht vielmehr für ein unverwechselbares Synonym grenzenloser Freiheit und Abenteuer. Dieses raue Land, mit dem Motorrad zu bereisen, heißt in verschwenderische Schönheit abzutauchen und dabei eine Wildnis zu erleben, die einen zuweilen auch auf eine harte Probe stellen kann.

 

Vorhang auf für Mutter Natur: Als ich am Morgen das Zelt öffne, das ich am Abend zuvor noch im Schneeregen aufgebaut habe, werde ich vom majestätischen Anblick der Berge beinahe erschlagen. Unsere Motorradreise durch Alaska beginnt mit einem Paukenschlag! Dabei handelt es sich nur um ein paar vergleichsweise kleine Berge, die sich wie schneebedeckte Scherenschnitte vor dem blauen Horizont abzeichnen. In Alaska angekommen zu sein, alleine dieses Gefühl, treibt mir eine Gänsehaut auf den Rücken, die nicht von der Kälte herrührt.

Der Denali Nationalpark ist unser erstes fest gestecktes Ziel. Über Tok-Junction fahren mein Freund Alain und ich zunächst über den Glenn Highway nach Süden, um im weiteren Verlauf wieder nach Norden auf den Richardson Highway abzubiegen. Nach etwa 250 Kilometern erreichen wir nahe der Ortschaft Paxon eine Kreuzung, an der die wohl schönste Straße in Zentral-Alaska abzweigt: der Denali Highway. Von Beginn an verläuft dieser entlang des Südhangs der Alaska-Range durch einsame Tundra-Regionen und gewährt uns spektakuläre Aussichten. Links und rechts des Weges eine Weite, die nur schwer zu begreifen ist. Bei dieser Geröll-Piste von einem „Highway“ zu reden, das ist zwar ziemlich weit her geholt, dennoch würden diejenigen, die ihn bereits einmal gefahren sind sicherlich ohne Zögern ihre Unterschrift unter die Behauptung setzen, das es eine der landschaftlich schönsten Straßen des nördlichsten US-Bundesstaates ist.

Über viele Jahre war der Denali Highway die einzige Zufahrtsstraße zum Denali Nationalpark, Alaskas größter Touristen Attraktion. Als dann im Jahr 1971 die Bauarbeiten an dem „Anchorage-Fairbanks Highway“ abgeschlossen waren, wurde die 218 Kilometer lange, kaum befahrene Piste sich selbst überlassen und geriet in Vergessenheit. Aufgrund der schlechten Beschaffenheit ist diese Traumstraße für gemietete Fahrzeuge aller Art ein verbotener Genuss. Dies ist aber glücklicherweise auch der Grund dafür, dass man die Einsamkeit in Ruhe genießen kann.

Und irgendwann liegt er vor uns. „Der Große“, wie die Ureinwohner den Mount Denali nennen. Bedingt durch seine enorme Präsenz ist der eisige Gigant schon aus großer Entfernung zu sehen. Der Mount Denali liegt inmitten des gleichnamigen Nationalparks und markiert mit 6194 Metern den höchsten Punkt Nordamerikas. Damit das sensible Ökosystem nicht beeinträchtigt wird, darf man den Nationalpark nicht mit dem eigenen Fahrzeug, sondern nur in den bereitgestellten Bussen der Parkverwaltung befahren. Hier empfiehlt es sich, sehr früh aufzustehen, um möglichst den ersten Bus zu ergattern. Schon kurze Zeit nachdem der Park seine Pforten öffnet kann es eng werden an den verschiedenen Haltestellen und plötzlich wird die Natur zur Nebensache. Für uns fühlt es sich dennoch erbärmlich an, auf dieser Motorradreise in einen Bus gepfercht zu sein. Daher beschließen wir unterwegs auszusteigen und einen Teil der Strecke zu Fuß zu erkunden. Wir entfernen uns also von der Ringstraße und wandern über zwanzig Kilometer entlang eines hohen Bergkammes mitten durch völlig unberührte Natur.

In den nächsten Tagen spielt das Wetter die tollsten Kapriolen. Es ist wirklich wie verhext. Wenn wir uns entscheiden, irgendwo einen Tag zu bleiben, ist es beinahe 20 Grad warm. Eigentlich perfekt. Sobald wir dann aber wieder auf den Motorrädern sitzen, schafft es das Thermometer nur noch mit Mühe und Not über den Gefrierpunkt zu steigen. Sonnenschein, Nebel und Schneeregen wechseln sich beinahe im Stunden Takt ab. Wenn man das Zelt mit steif gefrorenen Fingen auf und am anderen Morgen im Regen wieder einpacken muss, dann hält sich die Begeisterung in Grenzen.

Vom Denali Nationalpark fahren wir weiter gen Süden. Wir verbringen zwei Tage in dem Aussteigerdorf Talkeetna und peilen als nächstes die Kenai Halbinsel an der Südküste an. Das „Cook Inlet“ trennt besagte Halbinsel vom Festland Alaskas. Am östlichsten Zipfel dieses Meeresarmes zweigt die kleine Portage Glacier Road vom Steward Highway ab und führt weiter in Richtung Whittier. Auf dem Weg dorthin sieht man irgendwann ein paar Eisbrocken im Fluss links neben der Straße treiben. Völlig unvermutet steht man plötzlich vor einem der schönsten Postkartenmotive, die ganz Alaska zu bieten hat. Nur wenige hundert Meter entfernt kalben der Portage- und Burns Gletscher in den kleinen See, auf dessen Oberfläche sich die vielen Eisbrocken spiegeln.

Ein paar hundert Meter weiter reihen wir uns in eine lange Schlange wartender Autos ein. Um den kleinen Ort Whittier zu erreichen, muss man einen einspurigen Eisenbahntunnel durchqueren, der auf vier Kilometern Länge die Chugach Mountains durchhöhlt. Gerade als mein Freund nach quälend langer Wartezeit endlich die Ampel passiert, schaltet diese auf Rot um. Nun gut, denke ich mir, ehe wir uns verlieren, verstoße ich lieber gegen die Verkehrsordnung. Wird wohl keiner sehen… Kaum habe ich mit einem kräftigen Zug am Gas den Rotlichtverstoß begangen, ertönt hinter mir ein Geräusch, das ich aus vielen Filmen kenne. Im Rückspiegel sehe ich das rot blau flackernde Signallicht eines Streifenwagens, das mir unmissverständlich klar macht, anzuhalten. „Oh nein“, denke ich und stelle mich auf ein sündhaft teures Bußgeld ein. Es ist das erste Mal, dass ich auf der nun bereits über 30.000 Kilometer langen Reise durch Nordamerika von einem Cop angehalten werde. Reumütig gebe ich mein Fehlverhalten zu und versichere dem grimmigen Kleiderschrank, dass ich es nie wieder tun werde. Als ich auf seine Frage nach meiner Herkunft mit „Germany“ antworte, nimmt er seine Sonnenbrille ab und grinst. Ganz stolz sagt er den einzigen Satz auf, den er in meiner Sprache akzentfrei sprechen kann: „Ein Bier bitte Fräulein“. Ich muss herzlich lachen. Dann berichtet er mir noch von seinen deutschen Großeltern und einer Reise, die er als Kind ins Land seiner Vorfahren machte. Es ist nicht das erste Mal, dass mir unterwegs auffällt, was für ein unglaublich positives Bild die Amerikaner doch von Deutschland haben. Wir plaudern kurz, ehe er seine Oakley Brille wieder über dem grimmig wirkenden Schnäuzer in Position schiebt. Mit dienstlicher Stimme verabschiedet er mich: „Ok Sir. I give you a warning!“ Dann darf ich unbehelligt weiterfahren.

Whittier gehört zu den eher unspektakulären Orten Alaskas. Hier legen eigentlich nur Fähren und Kreuzfahrtschiffe an und gut betuchte Touristen steigen in den Denali Express, der von hier aus direkt zum Nationalpark führt. Nur wenige bleiben in dem Städtchen. Da es bereits zu spät ist, umzukehren und der Tunnel bereits geschlossen wird, suchen wir nach einer Zeltmöglichkeit. Das einzige was wir finden, ist ein herunter gekommener Campground am Whittier Creek. Als wir unsere Zelte dort aufschlagen, herrscht plötzlich wilde Aufregung unter den anderen Campern. Einige von ihnen haben plötzlich eine Waffe in der Hand. Der Grund: ein Grizzlybär, der nur wenige Meter entfernt am Ufer des tosenden Schmelzwasserbaches entlang trottet.

In gewisser Weise gewöhnt man sich im hohen Norden Amerikas zwar irgendwann an die Tiere, doch 100 %ig entspannt legt man sich eigentlich nie in den Schlafsack. Wer einmal in der Wildnis im Zelt geschlafen hat, wird sicherlich festgestellt haben, dass es noch immer so wie in Kindheitstagen ist. Ständig hört man irgendetwas. Äste knacken, die Bäume knarzen oder man vernimmt irgendein anderes verdächtiges Geräusch. In einem Gebiet in dem Bären leben, nimmt man das alles noch viel intensiver wahr!

Gerade zu Beginn der Reise durch „Bear Coutry“, vor ein paar Wochen, wurden wir nachts immer wieder wach. Man ist sich sicher, dass irgendetwas um die Zelte schleicht. Meistens bildet man sich das Ganze sicherlich nur ein, doch in einer Nacht im Norden von British Columbia wurden wir von einem Geräusch geweckt, das erheblich lauter war als alle anderen zuvor: Ein Röcheln und Schnaufen gefolgt von einem lauten Kratzen – nur wenige Meter entfernt. Stocksteif liegt man in einem solchen Moment im Schlafsack und sagt kein einziges Wort. Man weiß ganz einfach, wer oder was da draußen ist und man hat eine schreckliche Angst.

Mit Scherzen überdeckt man am nächsten Tag den nächtlichen Schrecken. Man ertappt sich dabei, einen Vorwand zu suchen, die nächste Nacht im Motel zu verbringen. Zum Glück haben wir das nie gemacht. Vielleicht hätten wir für den Rest der Reise eine feste Unterkunft gesucht und aus Furcht auf das verzichtet, was eine solche Reise doch erst ausmacht: die Freiheit das Abenteuer und die dazugehörigen Unwägbarkeiten.

 

Von Whittier brechen wir weiter nach Seward, Homer und den Ort Kenai auf. Drei lohnenswerte Ziele am Meer, wo man tolle Campingplätze mit ebensolcher Aussicht findet. Auf der Fahrt dorthin, entlang des Kenai River sehen wir besonders viele Bären, die sich neben unerschrockenen Anglern die beste Plätze zum Lachsfischen suchen. Hier im Süden macht das Motorradfahren ganz besonders viel Spaß, da viele Kurven und dichte Wälder für Abwechslung sorgen. Auf der Kenai Halbinsel zeugen immer wieder orthodoxe Kreuze auf alten Kirchen vom russischen Erbe Alaskas, das bis ins Jahr 1867 noch zu Russland gehörte und dann für 7,2 Million US-Dollar an die USA verkauft wurde.

Auch die berühmtesten und größten der insgesamt 100.000 Gletscher findet man an der Südküste Alaskas. Als idealer Ausgangspunkt für die unterschiedlichsten Erkundungstouren soll sich die kleine Hafenstadt Valdez anbieten, östlich der Halbinsel gelegen. Da die Fähre dorthin wegen eines Motorschadens auf unbestimmte Zeit ausgefallen ist, nehmen wir einen 600 Kilometer langen Umweg mit den Motorrädern in Kauf. Doch die Fahrt lohnt sich, denn die 4000 Seelengemeinde Valdez ist meiner Meinung nach der schönste Ort Alaskas und in unmittelbarer Nähe sind gleich fünf große Gletscher gelegen. Drei Tage lassen wir dort unsere Motorräder stehen und erkunden die Eisriesen zu Lande, zu Wasser und aus der Luft.

Wir beginnen unser Programm mit einer Bootstour durch den berühmten Prince William Sund, wo sich vor dreizehn Jahren mit dem Untergang des Öltankers Exxon Valdez eine Umwelttragödie verheerenden Ausmaßes abspielte. 42.000 Tonnen Rohöl ergossen sich damals ins Meer. Über 2000 km der Küste wurden verseucht. Hunderttausende Seevögel, Fische und Meeressäuger verendeten qualvoll als direkte Folge einer der schlimmsten Ölkatastrophen aller Zeiten. Man befürchtete damals, dass sich die Natur niemals von dieser schrecklichen Ölpest würde erholen können. Doch es ist erstaunlich, wie gut und vor allem wie schnell sich das maritime Leben regenerieren konnte. Bei einer Fahrt durch den Sund kann man zahlreiche Delfine, Robben, Seelöwen, Seeotter und Wale sehen, die in den nährstoffreichen Gewässern längst wieder zuhause sind.

Vor der Kulisse der 900 Meter breiten und knapp 60 Meter hohen Eiswand des Mears Gletschers wirkt selbst unser Ausflugsschiff wie ein kleines Gulliver-Boot, das sich in die Welt der Riesen verirrt hat. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Tosen stürzen ab und an Hausgroße Eisbrocken ins Meer. Ein grandioses Schauspiel, dass man sich nicht entgehen lassen sollte.

Da Alaska aus der Vogelperspektive zu erleben zu den Dingen gehört, die man sich nicht entgehen lassen sollte, sitzen wir anderntags in einem Hubschrauber und lassen uns von Leigh zu den schönsten Orten fliegen. Die sympathische Hawaiianerin hat hier in Valdez ein kleines Unternehmen gegründet und bietet mit „Vertical Solutions“ unter anderem Rundflüge zu den verschiedensten Gletschern an. Den Winter über, wenn keine Touristen mehr kommen, zieht es sie in ihre Heimat Honolulu, wo sie Flüge zu den Vulkanen anbietet. Ich kann mir schlechtere Jobs vorstellen.

Zum Abschluss unseres dreitägigen Aufenthaltes in Valdez machen wir noch eine Kajaktour zum Columbia Gletscher. Ein ebenso grandioses Erlebnis, das die drei Tage mit einem I-Tüpfelchen krönt. In all ihren unterschiedlichen Facetten konnten wir die ganze Schönheit der Gletscherwelt aus den verschiedensten Blickwinkeln genießen. Drei unvergessliche Tage, in denen uns nochmal vor Augen geführt wurde, wie klein der Mensch doch angesichts solcher Naturgewalten ist.

Neben dem Tourismus lebt die Stadt Valdez in erster Linie vom Öl. Bewacht wie ein militärischer Hochsicherheitsbereich liegt das größte Tanklager der USA auf der anderen Seite der Bucht. Bis zu zwei Millionen Barrel Rohöl, das aus den Ölfeldern im Norden stammt, werden dort täglich in riesige Tankschiffe verladen. Der begehrte Rohstoff wird in einer 1287 Kilometer langen Pipeline, die sich wie ein silberner Lindwurm einmal durch ganz Alaska schlängelt, bis in den eisfreien Hafen von Valdez transportiert. Um die drei Gebirgsketten und die unzähligen Flüsse auf dem langen Weg zu überqueren wurden insgesamt 5 Pumpstationen gebaut. Pro Sekunde strömen um die 3500 Liter Rohöl durch die 1,20 dicke Röhre, die ein Viertel des amerikanischen Energiebedarfs deckt.

 

Als nächstes haben wir uns vorgenommen, von Valdez aus dem weiten Weg des Schwarzen Goldes bis zu den Ölfeldern der Prudhoe Bay am Polarmeer zu folgen. Nach drei Tagen ohne Motorradfahren freuen wir uns riesig darauf, endlich wieder im Sattel zu sitzen.

Über den Richardson Highway fahren wir in zwei Tagen nach Fairbanks, die Hauptstadt Alaskas. Dort machen wir zunächst nur kurz halt, um uns mit Proviant und Sprit einzudecken. Da Tankstellen auf den kommenden Kilometern rar gesät sind, füllen wir dort auch noch einen Reservekanister, ehe wir uns wieder auf den Weg machen. 150 Kilometer nördlich von Fairbanks beginnt sie dann, eine echte Legende – die nördlichste Straßenverbindung des amerikanischen Kontinents: der Dalton Highway. In meinen Augen ein absolutes Highlight. Nirgendwo sonst in dem ohnehin schon dünn besiedelten Land ist das Gefühl unermessliche Weite spürbarer, als im von Kälte und Kargheit beherrschten Norden Alaskas.

Auf 666 Kilometern führt die raue Schotterstraße in die hohe Arktis am Polarmeer zu den Ölfeldern der Prudhoe Bay. Unter Motorradfahrern in den USA und Kanada gilt der Dalton Highway als die letzte große Herausforderung Nordamerikas. Die unendliche Weite des Nordens und die fast schon beängstigende Einsamkeit üben eine magische Faszination aus. Außer ein paar Truckern trifft man kaum Menschen in dieser Region.

Fünfter Gang. Tempo 100. Bergauf und bergab wie auf einer Achterbahn geht es auf den ersten Kilometern durch nicht enden wollende Fichtenwälder entlang der markanten Ölpipeline. Nach knapp 200 Kilometern überquert der Dalton Highway den Polarkreis. Auch wir machen ein paar obligatorische Erinnerungsfotos, ehe es wieder weiter geht. Für viele Reisende markiert das berühmte „Arctic-Circle-Schild“ den nördlichsten Punkt ihrer Reise. Die meisten kehren hier wieder um, da sie den verbleibenden Rest zur Prudhoe Bay für wenig reizvoll halten. Auch wir hatten geplant, hier wieder umzudrehen. Doch die leuchtenden Augen derer, die die Strecke komplett gefahren sind, bringen uns zu der Entscheidung, weiter zu fahren. Wir wissen, dass wir es sonst irgendwann bereuen würden.

Es ist halb zwei Uhr in der Nacht und noch immer scheint die Sonne, als wir unsere Zelte in „Cold Foot Camp“, auf etwa halber Strecke aufbauen. „Kalter Fuß“ was für ein Name für einen Ort, hinter dem sich allerdings nicht viel mehr verbirgt, als ein großer Schotterplatz mit zwei Tanksäulen und einem ständig laufenden Dieselaggregat. Cold Foot ist die wichtigste Durchgangsstation für die sogenannten „Ice Field Trucker“, die zwischen Prudhoe Bay und Fairbanks hin und her pendeln.

Für die verbleibenden 400 Kilometer bietet Cold Foot die letzte Gelegenheit, den Tank zu füllen. An einer der beiden Zapfsäulen treffen wir am nächsten Morgen Jim, einen Biker, der eine bemerkenswerte Reise macht. Jim ist ein sogenannter „Iron Butt“, ein Langstreckenfahrer, der das unglaubliche geschafft hat, in nur 13 Tagen die über 10.000 Kilometer lange Strecke von der Südspitze Floridas bis an den nördlichsten Punkt in Alaska zu fahren. Mit seinen 76 Jahren hat Jim dabei den Altersrekord gebrochen. Wir beide ziehen respektvoll unseren Hut vor dieser Leistung und folgen kurz darauf wieder der scheinbar endlosen Alaska Pipeline.

Über dem 1415 Meter hohen Atigun Pass überqueren wir die Brooks Range, das letzte Gebirge in Richtung Norden. Vor uns breitet sich nun die arktische Tundra aus. Je weiter wir fahren, desto größer und dichter werden jetzt auch die Moskitoschwärme. Im kurzen nordischen Sommer sind die Quälgeister eine einzige Plage. Wenn es einen Grund gäbe unterwegs aufzugeben, dann sind es die Moskitos, die sich hier in der XXL Ausgabe auf alles stürzen, das Blut in den Adern hat. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es in dieser Zeit mehr von ihnen, als in diesen Breiten. Egal, ob bei der Motorradpflege, beim Essen oder im Zelt, die Plagegeister sind einfach überall. Jetzt weiß ich auch, warum die Alaskaner den Moskito scherzhaft als ihren Staatsvogel bezeichnen. In den Zeiten des Goldrausches, als die Glücksritter noch kein Moskitonetz oder Mückenspray kannten, sollen einige Selbstmorde auf das Konto der Blutsauger gegangen sein. Viele Goldsucher wurden schlichtweg wahnsinnig und sahen keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen. Traurig und unvorstellbar, doch man kann es ein Stück weit nachvollziehen, wenn man die Schwärme gesehen hat.

Und irgendwann endet dann die Straße. Nach knapp 700 Kilometern haben wir den nördlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Inmitten der Einsamkeit liegt der Ort Dead Horse. „Totes Pferd, wie auch immer dieser Ortsname zustande gekommen sein mag. Er erinnert zwar an den Wilden Westen, doch Dead Horse gleicht viel eher einer Polarstation. Allein beim Anblick der vielen Spezialfahrzeuge kann man sich gut vorstellen, wie widrig die Lebensbedingungen hier erst im Winter sein müssen, wenn es über ein viertel Jahr lang durchschnittlich minus 30 Grad kalt ist und die Nächte Monate dauern. In Dead Horse wohnen keine Idealisten oder Aussteiger – wer hier lebt, der kommt des Geldes wegen. Als Arbeiter auf den großen Ölfeldern kann man sehr viel verdienen. Selbst als Schweißer erreicht man hier schnell ein Managergehalt.

Mit über 100 Dollar pro Person liegen dementsprechend auch die Übernachtungspreise in den zwei sehr einfachen Hotels weit über dem Durchschnitt. Und da mitten im Ort Grizzlybären völlig unbeeindruckt ihr Unwesen treiben beschließen wir unsere Zelte lieber etwas weiter außerhalb aufzuschlagen.

Bevor wir wieder die Rückreise antreten, wollen wir uns am nächsten Morgen einer geführten „Oilfields Tour“ anschließen, um ans offene Polarmeer zu gelangen. Umgerechnet etwa 50 Euro kostet die wirklich lohnenswerte Tour, die etwa ein Dutzend Reisende mit dem Bus hinaus auf die streng gesicherten Ölfelder führt.

Genau unter uns befindet sich eines der größten Ölvorkommen der Erde. Überall verlaufen Rohrleitungen, die das Schwarze Gold in die hier beginnende Alaska-Pipeline speisen. Der russische Zar würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, was er damals verbockt hat, als er Alaska für einen Betrag verhökerte, der heute dem entspricht, was in weniger als einer Stunde aus dem gefrorenen Boden gesaugt wird.

Völlig unspektakulär taucht dann hinter ein paar Anhängern das Polarmeer auf. Es ist der nördlichste Punkt auf unserer Reise. Weiter nördlich liegt nur noch der Nordpol. Erst nachdem der Tourguide sich vergewissert hat, dass keine Bären lauern dürfen wir den Bus verlassen. Einer alten Tradition zu folge ist es beinahe schon Pflicht, einmal seinen Zeh ins eisige Wasser zu tauchen. Mit frisch gewaschenen Füßen nehmen wir den langen Rückweg in Angriff.

Zurück in Fairbanks führt uns der Weg an die Universität von Alaska. Da deren Dekan ein begeisterter Motorradfahrer ist, können Motorradreisende dort auf dem Campus für relativ kleines Geld eine Studentenunterkunft beziehen. Da wir in den letzten zwei Monaten nicht ein einziges Mal in einem Bett geschlafen haben, beschließen wir spontan drei Tage zu bleiben.

Wir schlagen uns die Bäuche in den verschiedensten Restaurants voll und erkunden die ein oder andere Bar. Die meiste Zeit verbringen wir jedoch in einer Werkstatt. Nicht etwa, weil uns ein Defekt dazu zwingt, sondern weil man bei „Adventure Cycle Works“ so viele andere Reisende trifft, dass man schnell die Zeit vergisst. Ob Reparaturen, Verschleißteilwechsel oder Gepäckeinlagerung, die in einem ruhigen Wohngebiet von Fairbanks gelegene kleine Werkstatt ist die perfekte Anlaufstelle, wenn man mit dem Motorrad durch Alaska reist.

Unsere Kräder sind wieder in einem astreinen Zustand, als wir uns von unseren neu gewonnenen Freunden verabschieden. Wir werden uns jetzt nach einer grandiosen Zeit in Alaska wieder auf den Weg in Richtung Kanada machen. Kurz vor der Grenze kommen wir erneut in die kleine Ortschaft Tok. Zwischenzeitlich hatten wir gehört, dass man dort im Souvenierladen der „Jack Wade Gold Company“ einen der größten Goldnuggets bestaunen könne, der jemals gefunden wurde. Goldfieber ist schon ein erstaunliches Phänomen, das in diesem Fall bei mir dadurch ausgelöst wird, den faustgroßen Goldklumpen in Händen zu halten. Der Gedanke, dass man solch einen immensen Wert im Dreck finden kann, der hat schon hunderttausende Menschen in den hohen Norden gelockt und Alaska und den Yukon zu den Legenden gemacht, die sie heute sind.

Mit neu erworbenen Goldpfannen und brandheißen Informationen aus erster Hand im Gepäck, verabschieden wir uns von Alaska. Voller Tatendrang überqueren wir auf dem „Top of the World Highway“ die kanadische Grenze. Unser Ziel heißt Dawson City. Wir sind gespannt, was uns dort am berüchtigten Klondike River erwarten wird.

 

Infoteil Alaska

 

Allgemeines Alaska, (von aleutisch Alaxsxag „Land, in dessen Richtung der Ozean strömt“) ist der flächenmäßig größte, der nördlichste und der westlichste Bundesstaat der USA sowie die größte Enklave der Erde.

Nur weniger als eine Millionen Menschen verteilen sich auf einer Fläche, die etwa fünfmal so groß ist wie die der Bundesrepublik Deutschlands.

 

Gesundheit:

Für die Einreise in die USA sind keine Impfungen vorgeschrieben. Es empfiehlt sich – auch wenn man es kaum glauben mag – eine Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor im Gepäck zu haben. Gegen die Moskitos ist der Mückenschutz aus Deutschland (in der gelben Flasche) machtlos. Hier sollte man auf die Produkte vor Ort zurück greifen, die deutlich wirkungsvoller sind.

 

Reisezeit:

Für Motorradfahrer ist die Hauptreisezeit der Sommer. Selbst dann kann es noch ziemlich frisch werden. Wir haben im Monat Juli sowohl Schneefall als auch T-Shirt taugliche Temperaturen erlebt

 

Übernachten:

In Alaska gibt es eine Vielzahl Campingplätze. Wild Campen stellt in den meisten Fällen kein Problem dar. Allerdings sollte man das Thema „Bären“ ernst nehmen. Wir haben oftmals die Einheimischen gefragt, ob es in der jeweiligen Region Probleme gäbe.

Einen wirklich lohnenswerten Campingplatz findet man in der Ortschaft Tok: Thompson’s Eagle’s Claw Motorcycle Park ist einer der wenigen Campgrounds, die nur für Motorradfahrer sind. (www.thompsonseaglesclaw.com)

Wer lieber im Bett schlafen möchte, der findet in Alaska eine Vielzahl Möglichkeiten. Vom einfachen Motel über die Blockhütte bis hin zum 5 Sterne Luxustempel ist alles zu haben. Die Preise sind allerdings höher als in den „Lower 48“. Die Universität von Fairbanks bietet Motorradfahrern die Möglichkeit auf dem Campus der Uni für vergleichsweise kleines Geld eine Studentenunterkunft zu beziehen.

 

Meine persönlichen Highlights:

Der Aufenthalt in der Stadt Valdez ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Neben den obligatorischen Fahrten zu den Gletschern mit Stan Stephens Cruises (http://www.stanstephenscruises.com) sollte man auf jeden Fall mal eine Kayaktour durch die Eisberge machen (www.pangaeaadventures.com). Man wird überwältigt von der Schönheit und Stille der Landschaft. Das absolute Highlight war jedoch ein Gletscherflug mit dem Hubschrauber und der Landung auf dem Eisriesen. Bei „Vertical Solutions“ fliegt die sympathische Chefin selbst (www.vshelicopters.com)

Neben Valdez haben mir die Orte Talkeetna, McCarthy und Chicken am besten gefallen. Die beiden Großstädte Fairbanks und Anchorage sind nicht besonders sehenswert. Hier lohnt der Besuch eher aus logistischen Gründen.

Unvergessliches Straßen und Trails: Mir persönlich hat der Dalton Highway am besten gefallen. Besser sogar als der Dempster Highway im Yukon. Hier geht es einfach um die Extreme, die man erlebt. Landschaftlich am reizvollsten ist sicherlich der Denali Highway. Wer Schlaglöcher mag, der wird sein Glück auf der McCarthy Road finden.

 

Motorrad:

Ich war auf dieser Reise mit meiner Yamaha XT660Z Ténéré unterwegs – meiner Meinung nach das ideale Reisemotorrad. Bei einem Verbrauch von knapp unter vier Litern machen Tankstellenbesuche in den USA richtig Spaß. Auch bei den Reifen habe ich eine gute Wahl getroffen. Dank der unschlagbaren Laufleistung und Fahreigenschaften des K60 Scout von Heidenau musste ich mir unterwegs keine Gedanken machen. Gepäcksystem, verbreiterte Fußrasten, Sturzbügel und Handprotektoren stammen von SW-Motech.

Karten und Bücher:

Landkarte:

Reise Know-How Landkarte Alaska (1:2 000 000):

Reise Know-How Verlag

ISBN-10: 3831771472

EUR 8,90

 

Reiseführer:

Kanada, der ganze Westen mit Alaska

Reise Know-How Verlag ISBN-10: 3896622757

EUR 25,00

 

Ein- / Anreise:

Für die Einreise ist ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass erforderlich.

Ich habe oft Schlechtes über die Einreise in die USA mit dem eigenen Fahrzeug gehört. Es mag durchaus sein, dass es Leute gibt, die negative Erfahrungen gemacht haben. Ich bin auf meiner Nordamerikareise zehn Mal in das Land ein- und ausgereist und kann nur Positives über die schnelle und unkomplizierte Abwicklung berichten. In Kanada sah das ganz anders aus.

Bei einer visumfreien Einreise muss bis spätestens drei Tage vor Reiseantritt eine Reisegenehmigung per Internet über ein ESTA (Electronic System for Travel Authorization) genanntes Reisegenehmigungssystem beantragt werden.

Für das Motorrad ist in den USA eine Haftpflichtversicherung vorgeschrieben. Hier gibt es unterschiedlichste Anbieter und Versicherungen mit verschiedenen Schadenssummen. Ich habe mich für einen Anbieter entschieden, bei dem ich alles von Deutschland aus abschließen konnte (www.motorcycleexpress.com). Für eine Laufzeit von sechs Monaten habe ich 288 US Dollar bezahlt.

Schwierigkeitsgrad: Ich würde die Strecken in Alaska nicht als schwierig bezeichnen. Die asphaltierten Straßen sind in einem top Zustand und die meisten „Pisten“ sind auch für Anfänger machbar. Es sind vielmehr die äußeren Umstände, wie Kälte, Nässe, Mücken, die einem das Leben schwer machen können. Wenn es regnet, dann würde ich den Dalton Highway jedoch nicht als „leicht“ bezeichnen.

 

Motorradtransport:

Den Motorradtransport habe ich von Deutschland aus per Luftfracht nach Mexiko abgewickelt (ca. 1250 Euro – die Preise sind aber deutlich gestiegen). Auch nach Anchorage ist der Transport per Luftfracht möglich.

 

Adressen und Infos über Alaska:

Kostenlose Informationen über Alaska gibt es unter:

State of Alaska, DCCED

c/o ESTM E. Sommer Tourismus Marketing

www.alaska-travel.de